Opel verstaatlichen
[Druckversion] Thema: Betrieb und Gewerkschaft, Autoindustrie, Solidarität - Sozialistische Zeitung Nr. 81, veröffentlicht: 29.07.2009
Beschäftigte müssen das Sagen haben
Seit Ende letzten Jahres wird über die „Opel-Lösung“ geredet. Nur
eines ist bislang sicher: Die Beschäftigten sollen zahlen. Auch
Gesamtbetriebsrat und IG-Metall-Führung predigen Verzicht. Höchste Zeit,
dass die KollegInnen sich wehren.
von Angelika Teweleit, Berlin
Nachdem General Motors (GM) seine Tochter Opel in die Eigenständigkeit
entlassen hat, gehört das Unternehmen zu 65 Prozent einer staatlich
kontrollierten Treuhand (und zu 35 Prozent GM). Geplant ist, dass diese
die Mehrheit an den kanadisch-österreichischen Autozulieferer Magna und
die russische Sberbank verkauft. Bislang gibt es aber nur
Absichtserklärungen.
Möglich, dass das „Tauziehen um Opel“ noch bis zur Bundestagswahl
anhält. Da die Vernichtung von 10.000 Stellen in Europa anvisiert ist,
will die Bundesregierung die Zeit bis zum Wahltag irgendwie überbrücken.
Die Motivation der bietenden Investoren ist vor allem zweierlei: Erstens
billig Konkurrenten aufkaufen und sich darüber Marktanteile sichern,
zweitens möglichst viel Staatsknete absahnen. Die Investoren – ob Magna,
der chinesische Autohersteller BAIC, die Sberbank oder Ripplewood –
kümmert nicht, was mit den Belegschaften passiert. Außer, dass die
ArbeiterInnen noch billiger werden sollen.
Schluss mit Verzicht!
„Verzichtsverträge bekamen wir seit 1993 einen nach dem anderen
aufgedrückt. Wir waren damals noch 19.200 Beschäftigte in Bochum, jetzt
sind wir nur noch 5.200“, erklärt Wolfgang Schaumburg, ehemaliger
Opelaner, der auch oppositionelles Betriebsratsmitglied war.
Die Krise soll zu weiteren Zugeständnissen der Belegschaft genutzt
werden. So wird die Auszahlung des Urlaubsgeldes verschoben und die
fällige Tariferhöhung um 1,2 Prozent ausgesetzt. Gleichzeitig hat der
Betriebsrat eine Aktiengesellschaft gegründet, die zehn Prozent der
Anteile an Opel erwerben soll. Jeder Kollege soll nun zwangsweise im
Schnitt über 40.000 Euro in „New Opel“ einbringen. Wenn es dann weiter
bergab geht, haben die KollegInnen eben verloren.
Konzerne wie Magna werden dagegen von solchen Risiken befreit. Für den
mickrigen 300-Millionen-Euro-Übergangskredit, den Magna zur Verfügung
stellt, bürgt nämlich die Bundesregierung. Dafür darf Magna aber noch
acht Prozent Zinsen einkassieren!
Letztlich ist es egal, wer bei Opel einsteigt. Denn die Absatzkrise
bedeutet: 90 Millionen Autos können weltweit gebaut werden – 45
Millionen werden wahrscheinlich 2009 verkauft. Der Abbau von Kapazitäten
ist so sicher wie das Amen in der Kirche. GM und Opel markieren nur den
Anfang. Eine Kampfstrategie für den Erhalt aller Arbeitsplätze ist das
Gebot der Stunde.
Gewerkschaftsbürokratie
Davon ist bei der Mehrheit des Betriebsrats unter der Führung von Klaus
Franz wie auch bei der IG-Metall-Spitze zur Zeit nichts zu entdecken.
Franz spricht von „fairer Lastenverteilung“. Und die Gewerkschaftsoberen
rufen weiter danach, das Instrument Kurzarbeit zu nutzen. Bei Opel
verlieren KollegInnen dadurch jeden Monat 200 bis 300 Euro. Und danach
werden Tausende trotzdem auf die Straße gesetzt. Es ist jetzt nötig, in
den Betrieben selbst die Initiative zu ergreifen, sich zu vernetzen und
den Druck in der IG Metall von unten aufzubauen. Gerade in Bochum kann
an die Erfahrungen des siebentägigen wilden Streiks von 2004 angeknüpft
werden.
Was tun?
Die Politik des Verzichts gehört beendet. Die Alternative kann nur
heißen zu kämpfen, und zwar für den Erhalt aller Arbeitsplätze. Das muss
Thema bei Betriebsversammlungen sein; wenn keine stattfinden, müssen sie
eingefordert werden.
Demonstrationen reichen nicht aus. Es müssen Arbeitskampfmaßnahmen
ergriffen werden. Um gegen Entlassungen und Produktionsabbau vorzugehen,
ist es nötig, eine Besetzung des Betriebes in Angriff zu nehmen. Und
zwar, bevor es zu spät ist. So kann auch der Abbau von Maschinen und
Produktionsanlagen verhindert werden.
Die gesamte Belegschaft muss in einen Arbeitskampf einbezogen sein. Das
ist möglich über tägliche Diskussionsversammlungen. Nötig ist die Wahl
einer Streikleitung. Die Gewählten müssen täglich Rechenschaft abgeben
und der jederzeitigen Abwählbarkeit unterliegen.
Der Kampf darf nicht isoliert bleiben. Schon beim letzten Streik 2004 in
Bochum gab es große Demonstrationen unter Einbeziehung der arbeitenden
Bevölkerung im ganzen Ruhrgebiet. Durch die Gründung von
Solidaritätskomitees können Beschäftigte aus anderen Bereichen,
Jugendliche, Familien mit ins Boot geholt werden. Zulieferbetriebe, die
direkt von einer Schließung betroffen sind, sollten in
Arbeitskampfmaßnahmen einbezogen werden. Zudem sind Verbindungen zu den
anderen Opel-Werken, grenzüberschreitend, sowie zu anderen Autokonzernen
notwendig, damit der Kampf nicht wie 2004 isoliert bleibt. Dafür sind
Vernetzungen von kämpferischen AktivistInnen auf allen Ebenen nötig.
Verstaatlichung im Interesse der arbeitenden Bevölkerung
Eine „Opel-Lösung“ auf der Grundlage von kapitalistischem Eigentum wird
massiven Arbeitsplatzabbau nach sich ziehen. Die Satzung der IG Metall
besagt: „Aufgaben und Ziele der IG Metall sind insbesondere (…) die
Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und
wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum.“ Es wäre an
der Zeit, dass die IG Metall diese Forderung wieder hörbar macht. Die
Führung schweigt sich darüber aus. Wir müssen das aber jetzt einbringen.
Denn ohne diese Perspektive ist es unmöglich, einen Kampf für den Erhalt
aller Arbeitsplätze erfolgreich zu führen.
Wie könnte das in der jetzigen Situation konkret aussehen? Nehmen wir
an, in Bochum oder anderswo wird das Werk besetzt. Andere KollegInnen
wie in Rüsselsheim folgen ihrem Beispiel. Streik und Besetzung würden
mit Massendemonstrationen verbunden. Forderungen der Streikenden sollten
dann sein: Offenlegung der Geschäftsbücher gegenüber der Belegschaft;
Übernahme von Opel durch den Staat; Entlassung der Manager; Leitung der
Betriebe durch ein Gremium, das sich zu je einem Drittel aus
VertreterInnen der Belegschaft, der IG Metall und der Regierung
zusammensetzt. Nicht nur die RepräsentantInnen der Belegschaft, sondern
auch der Gewerkschaft sollten gewählt (und von der Belegschaft
bestätigt) werden – möglicherweise auf dafür extra einberufenen
Delegiertenkonferenzen. So wäre eine Zweidrittelmehrheit der
Arbeitnehmerseite garantiert. Solche Gremien sollten nicht nur in einem
Werk, sondern auch konzernweit gewählt werden. Auf allen Ebenen müsste
es regelmäßige Versammlungen geben, auf denen über Entscheidungen
informiert wird und bei Bedarf Neuwahlen veranlasst werden können.
VertreterInnen von Umweltschutz- und Verbraucherverbänden könnten mit
einbezogen werden.
Zudem würde es darum gehen, einen alternativen Produktionsplan im
Interesse von Mensch und Umwelt zu entwickeln. Humane
Arbeitsbedingungen, unter anderem mittels der 30 Stunden-Woche bei
vollem Lohn- und Personalausgleich, müssten ganz oben auf der Agenda
stehen. Solche Maßnahmen dürften nicht nur in einem Unternehmen
ergriffen werden, sondern müssten branchenweit angegangen werden.
Ein solcher Kampf würde die Tür aufstoßen, in der gesamten
Arbeiterklasse über Alternativen zum jetzigen Profitsystem zu
diskutieren – hin zu einer demokratisch geplanten Wirtschaft nach den
Bedürfnissen von Mensch und Natur.
Forderungen der SAV
- Für den Erhalt aller Arbeitsplätze und Werke
- Nein zu Lohnverzicht
- 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich
- Offenlegung der Geschäftsbücher
- Verstaatlichung von Opel. Demokratische Kontrolle und Verwaltung durch
Belegschaftskomitees und die arbeitende Bevölkerung
- Überführung aller Autokonzerne in öffentliches Eigentum
- Schrittweise Umstellung der Autoproduktion auf gesellschaftlich
sinnvolle Produkte
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