DIE LINKE vorm Landtags-Wahlkampf in NRW
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung Nr. 84, "DIE LINKE.", veröffentlicht: 06.11.2009
Interview mit Wolfgang Zimmermnann und Angela Banckert
Bei der Kommunalwahl im August 2009 verpasste die Partei DIE LINKE in
Nordrhein-Westfalen noch den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde. Bei der
Bundestagswahl kam sie hingegen auf 8,4 Prozent. Was ist für die
Landtagswahl im nächsten Jahr zu erwarten?
Wolfgang Zimmermann: Kommunalwahlen sind mit Bundestags-,
aber auch mit Landtagswahlen nicht zu vergleichen. Kommunalwahlen sind
sehr personenbezogen. Die Wähler wählen häufig ihnen bekannte
Kandidatinnen und Kandidaten, die eine längere politische Erfahrung
haben und deren Wirken sie lange kennen. In den meisten Städten waren
unsere Kandidaten nicht sehr bekannt. Auf der Landes- und Bundesebene
werden eher die allgemeinen politischen Positionen der Parteien
bewertet, wonach dann die Wahlentscheidung getroffen wird. Für die
Landtagswahlen am 9. Mai 2010 in NRW ist zu erwarten, dass wir deutlich
über fünf Prozent kommen und mit einer starken linken Fraktion in das
Landesparlament einziehen werden.
Angela Banckert: Bei der Kommunalwahl konnten wir viele
uns nahestehende Wähler offenbar nicht mobilisieren. Das mag zum einen
daran liegen, dass unsere Wähler diese Wahlen für nicht so wichtig
hielten. Zum anderen aber vielleicht auch daran, dass wir kommunal
vielerorts noch nicht verankert und profiliert genug sind, oder aber
auch – wie zum Beispiel in Köln – in den lokalen Medien vor allem als
Anhängsel von Rot-Grün vorkamen.
Bei Landtagswahlen sieht die Sache schon wieder anders aus. Ich gehe
davon aus, dass wir den Sprung in den NRW-Landtag schaffen.
Wie ist der Programmentwurf zu bewerten? Die FAZ fürchtet: „Die
Linkspartei will einen Systemwechsel.” Laut SPIEGEL versetzten die
Forderungen der NRW-LINKEN auch die Berliner „Spitzenleute in
Alarmstimmung“.
Banckert: Wir sollten offensiv vertreten, dass wir einen
Systemwechsel wollen. Denn dieses kapitalistische System wird selbst
elementarsten Lebensbedürfnissen der Masse der Bevölkerung immer weniger
gerecht.
Und was die Furcht mancher Berliner Spitzenleute betrifft: Wir in NRW
sind kein stromlinienförmiger, sondern ein etwas unkonventioneller
Landesverband. Und das ist gut so.
Zimmermann: In der Tat versetzt der Programmentwurf
offenbar einige bürgerliche Medien in Panik. Meiner Meinung nach hängt
das vor allem damit zusammen, dass wir die Vergesellschaftung der
Energiekonzerne E.ON und RWE anstreben. Wenn das bereits als
Systemwechsel gesehen wird, dann hätten wir ja zu den Zeiten, als RWE,
die Bundesbahn und die Post noch vollständig in staatlicher Hand waren,
bereits den Sozialismus gehabt.
Wir wollen einen grundlegenden Politikwechsel, und zwar in dem Sinne,
dass die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums von unten nach
oben radikal gestoppt und umgekehrt wird. Wir wollen eine soziale und
gerechte Gesellschaft. Wir wollen in NRW unter anderem die Abschaffung
des mehrgliedrigen Schulsystems, kostenlose Bildung für alle, keine
Privatisierung öffentlichen Eigentums sowie die Rückführung bereits
verkaufter Betriebe, eine effektive Wirtschaftsdemokratie, für ein
umfassendes Wahlrecht aller hier lebender Menschen. Es gibt aber in der
Tat auch in den eigenen Reihen Stimmen, die glauben, manche Forderung
könnte einige Wähler oder vielleicht die SPD zu sehr erschrecken.
Den Kommunen drohen schon dieses Jahr Gewerbesteuerausfälle von
durchschnittlich 15 Prozent; in Duisburg, das weitgehend vom
Stahlproduzenten ThyssenKrupp abhängig ist, könnten sich die Einnahmen
gegenüber dem Vorjahr sogar halbieren. Welche Aufgaben stellen sich hier
für DIE LINKE?
Zimmermann: DIE LINKE NRW setzt sich für ein
Zukunftsinvestitionsprogramm ein, das den Kommunen 21 Milliarden Euro
zur Verfügung stellt. Unter anderem wollen wir die Umwandlung der
Gewerbesteuer in eine Gemeindewirtschaftssteuer, die schon allein rund
zwei Milliarden für die Kommunen bringt. Darüber hinaus verlangen wir
eine Millionärssteuer, mit der wir die Kommunen entschulden können - in
NRW mit etwa 8,8 Milliarden.
Banckert: DIE LINKE hat auf allen Ebenen Vorschläge
vorgelegt, wie das Steuersystem massiv umgeschichtet werden kann, und
zwar von oben nach unten und zur Stärkung gerade der Kommunalfinanzen.
Und um noch mal auf die Landesebene zu kommen: Die von uns geforderte
Wiedereinführung der Vermögenssteuer fließt den Ländern zu. Ebenso
sollten und können auf Landesebene zum Beispiel die betrieblichen
Steuerprüfungen drastisch ausgedehnt werden.
Einer der größten Schulden-Posten bei Kommunen wie auch Land und Bund
sind übrigens die Zinszahlungen an die Banken. In unserer
kommunalpolitischen Erklärung zum Krisen-Konjunkturpaket ist der
NRW-Landesverband hier richtigerweise für ein Zinsmoratorium eingetreten.
Bei Opel Bochum und anderen Betrieben stehen in den nächsten Wochen
und Monaten - also im Vorfeld der Landtagswahl - Massenentlassungen an.
Wie könnte und sollte der Landesverband der LINKEN darauf reagieren?
Banckert: Um gegen Entlassungen und drohende
Betriebsschließungen vorzugehen, müssen Arbeitskampfmaßnahmen bis hin zu
Betriebsbesetzungen organisiert werden, bevor es zu spät ist. Gerade bei
Opel Bochum kann an die Erfahrungen aus dem Streik 2004 angeknüpft
werden. Wir als LINKE können das dann unterstützen und auch dabei
helfen, bundesweit wie international Kontakte zu knüpfen, damit
kämpfende Belegschaften nicht isoliert werden.
Staatliche Bürgschaften und Steuergelder hinterher zu werfen, die dann
unkontrolliert im Konzern versickern, bringt nichts, wie man gerade
wieder in Bayern sieht, wo die Landesregierung vor kurzem 50 Millionen
Euro an Quelle gezahlt hat.
Stattdessen müssen wir uns auf der politischen Ebene dafür einsetzen,
dass die Geschäftsbücher geöffnet werden und eine direkte Kontrolle
stattfindet. Die Übernahme in öffentliches Eigentum, wie es auch der
Artikel 27 der Landesverfassung NRW ermöglicht, bietet eine Perspektive
des Erhalts und Produktionsumbaus. Entscheidend dafür ist aber: anders
als bisher müssen diese öffentlichen Betriebe demokratischer Verwaltung
und Kontrolle unterliegen, durch gewählte Betriebsleitungen aus
Vertretern seitens Belegschaft, Gewerkschaften und Regierung, auch unter
Einbeziehung von Verbraucher- oder Umweltorganisationen. Dann kann
geprüft, diskutiert und entschieden werden, welche Produktion und welche
öffentlichen Investitionen gesellschaftlich Sinn machen.
Zimmermann: Sollte es zu Massenentlassungen kommen, womit
in der Tat zu rechnen ist, werden unsere Mitglieder konsequent an der
Seite der Kolleginnen und Kollegen stehen und jegliche Hilfe leisten, um
diese Entlassungen zu verhindern.
Sollte es im Mai nächsten Jahres am Wahlabend in NRW für Rot-Rot-Grün
reichen - wie sollte sich die Linkspartei dann verhalten? Würde es Sinn
machen, Mindestbedingungen für eine Regierungsbeteiligung aufzustellen?
Könnte die Tolerierung einer rot-grünen Minderheitsregierung eine Option
sein?
Zimmermann: Wir werden mit allen gesellschaftlichen
Kräften, die bereit sind, mit uns und den Menschen gemeinsam einen
grundlegenden Politikwechsel herbeizuführen, zusammenarbeiten. Für uns
sind das in erster Linie die Gewerkschaften, die Sozial- und
Wohlfahrtsverbände und die neuen sozialen Bewegungen. Wenn Parteien dazu
- aber in Taten, nicht nur in Worten - auch dazu bereit sind, sind sie
willkommen. Eine Zusammenarbeit - welcher Art auch immer - ist davon
abhängig, ob die Arbeits- und Lebensbedingungen der Mehrheit der
nordrhein-westfälischen Bevölkerung konkret verbessert werden können.
Wie eine eventuelle Zusammenarbeit aussehen könnte, hängt von den
Parlamentskonstellationen, vom Verhalten der Parteien und von den
politischen Rahmenbedingungen im Land ab. Darüber hinaus entscheiden
unsere Mitglieder über Koalitionsbeteiligungen und Unterstützung einer
Minderheitsregierung. In unserer Landessatzung ist diesbezüglich ein
Mitgliederentscheid zwingend vorgeschrieben.
Banckert: Müntefering meinte ja, Opposition sei Mist. Für
Parteipolitiker, die vor allem an die Fleischtöpfe der Regierung wollen,
mag das zutreffen. Aber gerade in den letzten paar Jahren haben wir als
LINKE gezeigt: Allein schon durch unsere Existenz haben wir auch aus der
Opposition heraus viel bewegt, die politischen Verhältnisse zum Tanzen
gebracht.
Natürlich wollen wir nicht die ewige Opposition sein, wir wollen unser
Programm auch in politisches Handeln umsetzen, wir wollen letztlich
mehrheitsfähig werden. Aber nicht durch Anpassung und faule Kompromisse
in Koalitionen. Wir wollen und dürfen ja gerade nicht diesen Weg gehen,
wie SPD oder Grüne. Und daraus ergibt sich ganz sicher eine
Mindestbedingung: Wenn wir unsere Anhänger nicht tief frustrieren und
enttäuschen wollen, dann dürfen wir uns an keiner Regierung oder
parlamentarischen Tolerierungs-Vereinbarung beteiligen, die Soziallabbau
und Verschlechterung für die Menschen bedeutet.
Falls es in NRW rechnerisch für SPD, Grüne und LINKE reichen würde, wird
der Druck auf die LINKE seitens der anderen beiden Parteien, der Medien
et cetera hoch sein, nun „vernünftig“ und „realistisch“ zu werden und
die schwarz-gelbe Landesregierung abzulösen. Da wir aber auch die
rot-grüne Politik zu Lasten der Masse der Bevölkerung sowohl im Bund wie
auch NRW zur Genüge „genossen“ haben, können wir darauf meines Erachtens
nur so antworten: Wir sind bereit, die schwarz-gelbe Landesregierung
unter Rüttgers abzulösen und eine Ministerpräsidentin Hannelore Kraft
mit zu wählen. Wir sind bereit, Gesetzesvorhaben zu unterstützen, die
soziale oder sonstige Verbesserungen beinhalten, wir selbst werden
solche Vorlagen einbringen. Wir stellen einer rot-grünen Landesregierung
aber keinen Blankoscheck aus, sondern wir werden jede Sachfrage prüfen.
Wir werden keine Vorlage und keinen Landeshaushalt mittragen, der
Verschlechterungen, Verkauf und Privatisierung öffentlichen Eigentums
beinhaltet.
Außerdem müssen wir grundlegend klarmachen: Die wirkliche Macht liegt
ohnehin nicht in den Parlamenten, sondern in den Chefetagen der Banken
und Konzerne. Wenn man einen Bruch mit den chaotischen und elenden
kapitalistischen Verhältnissen will, dann muss man auch deutlich sagen:
Das geht nicht allein parlamentarisch oder aus der Regierung heraus, das
geht nur im Gleichschritt mit großen sozialen Bewegungen und
Klassenkämpfen. Diese anzustoßen, zu unterstützen und koordinieren zu
helfen, ist eine unendlich wichtigere Aufgabe und Herausforderung für
DIE LINKE, als parlamentarische Taktiken auszutüfteln.
Wolfgang Zimmermann ist Landessprecher der Partei DIE LINKE in NRW,
Angela Banckert ist Landesparteitagsdelegierte aus dem Kreisverband Köln
und Mitglied der SAV.
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