Staat und Repression
[Druckversion] Thema: Deutschland: Politik allgemein, Solidarität - Sozialistische Zeitung Nr. 84, veröffentlicht: 20.11.2009
Warum Überwachung für den Kapitalismus in der Krise unerlässlich wird
20 Jahre nach dem Fall der Mauer feiern die bürgerlichen Politiker den
Sieg der „Freiheit“ – und verschweigen dabei, dass ihr Staat in den
letzten Jahren massiv aufgerüstet hat. Auch in diesem System, dem
Kapitalismus, steht jeder Mensch unter Generalverdacht. Es werden
Unmengen an Daten über uns gesammelt, wir werden gefilmt und belauscht.
Meist ohne dass eine konkrete Beschuldigung vorliegt. Eben vorbeugend.
Um Proteste klein zu halten, rüstet der Staat weiter auf und will
hierbei auch die Bundeswehr noch stärker miteinbeziehen.
von Sebastian Foerster
Im Zeichen der Weltwirtschaftskrise wurden von den Regierenden etliche
Gesetzesänderungen vorgenommen, hin zum Ausbau des Überwachungsstaates.
Ein Beispiel ist das neue BKA-Gesetz, das unter anderem heimliche
Filmaufnahmen in Wohnungen vorsieht. Neu ist auch die enge Kooperation
von Geheimdienst und Polizei im gemeinsamen „Terror-Abwehrzentrum“ in
Berlin, die Bundes-Abhörzentrale in Köln und der obligatorische
Fingerabdruck im Reisepass.
Vorratsdatenspeicherung und Schülerdatei
Einer der größeren Angriffe der letzten Zeit ist die so genannte
„Vorratsdatenspeicherung“. Seit 1. Januar 2008 archivieren Polizei und
Justiz jegliche Telefon-, E-Mail- und Internetdaten für einen Zeitraum
von sechs Monaten. Mit Hilfe dieser Daten ist es möglich,
Bewegungsprofile zu erstellen und das soziale Umfeld jeder beliebigen
Person auszuspionieren.
In Hamburg werden Informationen, zum Beispiel über den besuchten
Unterricht oder den Migrationshintergrund, in „Schülerdateien“
gesammelt. Diese wurden bereits genutzt, um „illegal“ in Deutschland
lebende MigrantInnen aufzuspüren und abzuschieben.
Online-Durchsuchungen und Internetzensur
Unter der Großen Koalition wurde eine Spionagesoftware entwickelt, die
als Ersatz für Hausdurchsuchungen Computer von Privatpersonen ausspäht.
Bundes- und Landeskriminalämter, Geheimdienst und Verfassungsschutz
können diese auch als „Bundestrojaner“ bezeichnete Software benutzen, um
heimlich Online-Durchsuchungen durchzuführen.
Auch wenn das Internet schon vorher kein Raum uneingeschränkter Freiheit
war, so markiert der April 2009 eine Zäsur. Seitdem können unerwünschte
Websites, deren Inhalte das Bundeskriminalamt (BKA) als „strafbar“
deklariert, gesperrt werden. Angeblich um gegen Kinderpornografie
vorzugehen, wurde vom BKA eine undurchsichtige Sperrliste angelegt. Mit
der Sperre kann Kinderpornografie jedoch keineswegs bekämpft werden.
Stattdessen wurde ein weiteres Instrument geschaffen, in Zukunft
willkürlich Seiten zu sperren. Bereits in den Neunzigern wurden Seiten
von Linken gesperrt, die die verbotene Website „radikal“ verlinkt
hatten. Solche Maßnahmen haben in Zukunft eine gesetzliche Grundlage.
Die neue Bundesregierung kündigte nun an, die Internetsperren zwar zu
suspendieren – allerdings nur für zwölf Monate. Mehr noch: In dieser
Zeit hat das BKA die Erlaubnis, Websites gleich ganz zu löschen.
Überwachung durch Unternehmen
Nicht nur staatliche Behörden bauen die Überwachung aus. Auch für die
Banken, Versicherungen und Konzerne sind jegliche Informationen über
unser Leben kostbar. Laut Verbraucherministerium suchen bereits 28
Prozent der Unternehmen bei der Bewerberauswahl im Internet nach
Informationen der BewerberInnen. Datenkraken wie Google protokollieren
jede Suche des Benutzers, frei nach dem Motto: „Sag mir, was du suchst,
und ich sag dir, wer du bist.“ Das Ausmaß der Datenbanken aller
Institutionen über Privatpersonen ist nicht mehr erfassbar.
Wo die Datensammlung hinführen kann, zeigen die Beispiele Telekom und
Deutsche Bahn. Hier wurden Beschäftigte systematisch ausspioniert, vor
allem auch um die Position von GewerkschafterInnen zu schwächen. So
musste der DB-Konzern im Frühjahr 2009 einräumen, während des Streiks
der GDL E-Mails mit Streikaufrufen der Gewerkschaft blockiert zu haben.
Immer wieder kochen Skandale betrieblicher Überwachung hoch wie bei
Schlecker, wo Detektive angeheuert werden, um Beschäftigte stundenlang
durch Löcher in der Wand zu beobachten. Oder bei Lidl, wo die
VerkäuferInnen ununterbrochener Kameraüberwachung ausgesetzt sind.
Solche Methoden dienen auch dazu, die KollegInnen einzuschüchtern und
die Gründung von Betriebsräten zu unterbinden.
Versammlungsgesetz
Die Landesregierungen in Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen
versuchen schon seit Längerem, das Versammlungsgesetz zu verschärfen.
Durch eine Vielzahl zusätzlicher bürokratischer Schikane-Paragrafen soll
es erschwert werden, Demonstrationen anzumelden. Ziel ist auch, alle
stattfindenden Versammlungen möglichst lückenlos zu kontrollieren.
Selbst bei Treffen in geschlossenen Räumen soll der Polizei Zutritt
gewährt werden müssen.
Leider nutzt die Führung der Gewerkschaften ihre Möglichkeiten in keiner
Weise, dagegen massenhaft zu mobilisieren. In Bayern beschränkte sie
sich weitgehend darauf, eine Verfassungsbeschwerde einzulegen.
Bundeswehreinsatz im Inneren
Mit der neu entwickelten Zivil-Militärischen Zusammenarbeit (ZMZ)
bereitet sich die Bundeswehr seit 2007 auf den Einsatz im Inneren vor.
441 ZMZ-Kommandos sind bisher in sämtlichen Kreisen und
Regierungsbezirken eingerichtet worden und arbeiten dort mit der
örtlichen Polizei und Feuerwehr zusammen. Begründet wurde das damit, den
Katastrophenschutz verbessern zu wollen. Allerdings ergab eine Anfrage
der Bundestagsfraktion der LINKEN vom 28. August, dass es durchaus
möglich ist, die ZMZ-Kommandos gegen Demonstrationen einzusetzen. So
unterstützten Bundeswehrverbände die Polizei bereits gegen die
G8-Proteste 2007 und bei den Demonstrationen gegen den NATO-Gipfel im
Frühjahr 2009. Selbst Militäreinsätze anlässlich von zukünftigen Streiks
im Transport-, Energie- oder Gesundheitswesen und bei der Müllabfuhr
werden nicht ausgeschlossen. Als wenn das schon nicht schlimm genug
wäre, werden derzeit noch viel weitgehendere Gesetzesvorstoße in
Politiker- und Militärkreisen entwickelt.
Ende der Fahnenstange?
Begründet werden die Gesetzesverschärfungen nicht zuletzt mit dem „Kampf
gegen den Terrorismus“. Dabei wird der „Terrorismus“ durch die
Kriegsbeteiligung in Afghanistan nicht geschwächt, sondern gefördert.
Natürlich existiert bei vielen Menschen ein Bedürfnis nach Sicherheit.
Das muss ernst genommen werden. Hier gilt es, aufzuzeigen, warum die
Überwachungsmaßnahmen keineswegs vor Anschlägen oder Kriminalität
schützen. Im Gegenteil, Verrohung und Gewalt nehmen weiter zu – obwohl
ein Gesetz nach dem anderen verschärft wird.
Nötig ist es zu erklären, dass andere Gründe entscheidend dafür sind,
warum Überwachung und Repression heute ausgebaut werden. Sicher ist,
dass die arbeitende Bevölkerung die Kosten der Krise tragen soll. Gegen
Entlassungen und Sozialkürzungen wird sich massiver Widerstand regen.
Das ist der Hauptgrund, warum wichtige Teile der Herrschenden jetzt
verstärkt auf staatliche Aufrüstung setzen.
Widerstand soll geschwächt, Linke kriminalisiert werden. Vor dem
G8-Gipfel wurden Razzien gegen Linke durchgeführt, die mit dem
Paragrafen 129 begründet wurden. Der 1976 eingeführte Abschnitt A stellt
die „Bildung terroristischer Vereinigungen“ unter Strafe. Der vor 1976
bestehende Paragraf 129 zu „kriminellen Vereinigungen“ war auch schon
genutzt worden, um gegen KommunistInnen vorzugehen.
Noch unter Schäuble wurde ein neuer „Wunschzettel“ aus dem
Bundesinnenministerium veröffentlicht. Der Geheimdienst solle zum
Beispiel ohne Kontrolle durch das Parlament arbeiten und der
Verfassungsschutz mit weitreichenden Befugnissen ausgestattet werden.
Während der Koalitionsverhandlungen mit der FDP erklärten
Unions-Vertreter zufrieden, „es habe keine nennenswerten Einschränkungen
bei der Inneren Sicherheit gegeben“ (FAZ vom 17. Oktober). So bleiben
Online-Durchsuchungen und BKA-Gesetz bestehen, die
Vorratsdatenspeicherung kann in bestimmten Fällen weiter genutzt werden.
Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts will man weitersehen.
Repression, Krise und Gegenwehr
Es ist kein Zufall, dass die Bürgerlichen gerade in wirtschaftlichen
Krisenzeiten die Repression verschärfen. Bereits 1966/67 wurde mit der
ersten Rezession in der Geschichte der Bundesrepublik von den
Regierenden der Abbau demokratischer Grundrechte in Angriff genommen.
Mit den Notstandsgesetzen von 1968 rüsteten sich die Herrschenden gegen
die entstehenden Bewegungen von Jugendlichen und ArbeiterInnen. Diese
ermöglichen es dem Staat bis heute, in einer Krisensituation zum
Beispiel das Recht auf Bewegungsfreiheit aufzuheben.
1972 wurde mit dem Erstarken der Linken der so genannte
„Radikalenerlass“ durchgesetzt, mit der Begründung, dass die RAF damit
zu besiegen sei. Durch ihn wurden viele Linke, die im Öffentlichen
Dienst beschäftigt waren, auf die Straße gesetzt, weil sie nicht
„jederzeit für die freiheitliche und demokratische Grundordnung
eintreten“ würden. Eine ganze Generation von linken AktivistInnen sollte
damit eingeschüchtert werden. In den Achtzigern wurde dieses
„Berufsverbot“ in den einzelnen Bundesländern zwar abgeschafft. Oft
wurden dafür jedoch Nachfolgeregelungen beschlossen.
Als 1984 der wochenlange Streik um die 35-Stunden-Woche tobte, schleuste
die Polizei Streikbrecher in die Betriebe. Der Bundesgrenzschutz probte
damals in Mänovern die Niederschlagung von Arbeitskämpfen.
Orwellsche Verhältnisse?
Kritiker staatlicher Repression argumentieren, dass wir uns einem
totalitären Überwachungsstaat nähern, wie ihn George Orwell in seinem
Buch „1984“ beschrieb. Zwar leben wir heute nicht in einer wie in „1984“
konstruierten Diktatur. Nichtsdestotrotz lässt sich dem Vergleich zu
George Orwells Buch etwas abgewinnen. In Orwells Geschichte versucht der
Herrscher von Ozeanien, genannt „Big Brother“, die Masse der Bevölkerung
mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu kontrollieren, um
Ausbeutung und Unterdrückung zu festigen. Dies rechtfertigt der Tyrann,
indem er die Bedeutung sämtlicher Worte umkehrt. Tag und Nacht wird
propagiert: „Krieg ist Frieden! Freiheit ist Sklaverei! Ignoranz ist
Stärke!“.
Man erinnere sich, wie die Regierenden in den letzten Jahren versucht
haben, uns den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr schmackhaft zu machen,
den sogenannten „Krieg für den Frieden“. Oder wie die staatliche
Repression im Namen der „Freiheit“ und „Sicherheit“ massiv ausgebaut
wird.
George Orwell wollte mit seiner Dystopie (Anti-Utopie) einer zukünftigen
Gesellschaft nicht nur warnen. Orwell unterstützte sozialistische und
trotzkistische Ideen. Ein Aufstand der „Proles“ (des Proletariats, der
Arbeiterklasse) gegen den Staat wäre der Ausweg aus dem Regime Ozeaniens
gewesen.
Widerstand
Die Piratenpartei hat in den letzten Monaten eine Vielzahl von Protesten
gegen Repression auf die Beine gestellt. Sie hatte vor der
Bundestagswahl aber auch verlautbaren lassen, dass sie sich auch mit
CDU, FDP, SPD oder Grünen eine Koalition vorstellen könnte, wenn diese
die Internet-Zensur ablehnen sollten. Diese Position wirft ein Licht
darauf, dass die „Piraten“ nicht hinterfragen, weshalb gerade heute
staatlich aufgerüstet wird. Sie verkennen, dass es um den Schutz des
privaten Eigentums an Banken und Konzernen geht. Und folglich in den
Gegnern, nicht in den Verteidigern des Profitstrebens, Verbündete
gesehen werden müssen. Genau darum gilt es, Beschäftigte und Erwerbslose
für den Widerstand zu gewinnen. Darum muss in Gewerkschaften,
Linkspartei und sozialen Bewegungen für Aktivitäten gegen Repression
eingetreten werden.
Argumentiert werden sollte für gemeinsame Proteste. Aktive von Jugend-
oder sozialen Bewegungen könnten Beschäftigte beim Widerstand gegen
Überwachung in Betrieben und gegen Einschränkungen des Streikrechts
unterstützen. Ebenso könnten ArbeiterInnen und Angestellte zu
Demonstrationen gegen die Kriminalisierung linker AktivistInnen gewonnen
werden.
Darüber hinaus ist es nötig, den Zusammenhang zwischen staatlicher
Aufrüstung, ökonomischer Krise und Sozialabbau aufzuzeigen.
Dieses Gesellschaftssystem beruht darauf, dass eine kleine Minderheit
sich den von der großen Mehrheit geschaffenen Reichtum aneignet und
diesen Zustand mit Hilfe von Regierungsorganen, Beamtenapparat, Polizei
und Justiz aufrechterhält. Um dieses System zu überwinden, sollten wir
die „Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein
geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (Karl
Marx).
Forderungen der SAV
• Nein zu Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchung,
Internet-Zensur, BKA-Gesetz und Abbau demokratischer Rechte
• Abschaffung des Gesinnungsparagrafen 129
• Gegen jegliche Restriktionen beim Versammlungs- und Streikrecht
• Schluss mit der Bespitzelung von Beschäftigten. Für die Einrichtung
demokratisch gewählter Gremien aus Belegschaften und arbeitender
Bevölkerung, um sich dagegen wehren zu können
• Besatzungstruppen raus aus Irak und Afghanistan. Keine
Auslandseinsätze der Bundeswehr
• Gegen Bundeswehreinsätze im Inneren
• Sofortiger Abschiebestopp. Bekämpfung der Fluchtursachen statt der
Flüchtlinge
• Abschaffung aller Geheimdienste (Bundesnachrichtendienst und andere)
• Gemeinsamer Kampf von Beschäftigten, Erwerbslosen und Jugendlichen
gegen Repression, Diskriminierung, Arbeitsplatz- und Sozialabbau
• Verwaltung von Schulen und Hochschulen durch demokratische gewählte
Komitees von Lernenden, Lehrenden und GewerkschaftsvertreterInnen
• Überführung der Banken und Konzerne in Gemeineigentum unter
demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch die arbeitende Bevölkerung
• Statt überbezahlter Manager und korrupter Bürokraten:
durchschnittlicher Tariflohn und jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit
für alle Personen in Leitungsfunktionen in Wirtschaft, Verwaltung und
Staat
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