1968 als Vorbild?
[Druckversion] Thema: Solidarität 86, Geschichte, Bildung, veröffentlicht: 28.01.2010
Die Studierendenbewegung damals und heute
Der 68er-Bewegung schwebten radikale Veränderungen vor. Allerdings
ist ihr politisches Erbe noch einzulösen.
von Max Brym, München
In der Bundesrepublik war fast das komplette Lehrpersonal der Nazis
nahtlos übernommen worden. Der Lehrstoff wurde von alten
Nazi-Professoren bearbeitet. Doch Mitte der sechziger Jahre wurde der
Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) immer stärker. Parolen
wurden laut wie: „Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren.“ Die
Studierenden wollten einen anderen Unterricht und ein anderes
Lehrpersonal.
Polarisierung
Am 2. Juni 1967 gab es den Schah-Besuch in Westberlin. Viele
StudentInnen protestierten dagegen. Angehörige des iranischen
Geheimdienstes SAVAK prügelten, gedeckt von der deutschen Polizei, auf
die DemonstrantInnen ein. Am Abend wurde der unbewaffnete Student Benno
Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Dieser Tag stellte eine Zäsur
für die damalige Studierendenbewegung dar, sie entwickelte sich deutlich
nach links. Mehr und mehr stellten den bürgerlichen Staat und den
Kapitalismus in Frage. Kampagnen gegen Notstandsgesetze, Vietnam-Krieg
und die damals erstarkende NPD spielten eine große Rolle.
Das Establishment reagierte mit Härte. Nach dem großen Vietnam-Kongress
des SDS in Westberlin und der anschließenden Demonstration im Februar
1968 kochten die Reaktionäre über. BILD schrieb von „den langhaarigen
Affen Ulbrichts“. Der Berliner Senat veranstaltete eine Kundgebung gegen
die Studierendenbewegung. Der charismatische Studentenführer Rudi
Dutschke wurde als „Volksfeind Nr. 1“ angegriffen. Parolen wie „Tötet
Dutschke“ waren keine Seltenheit. Im Frühjahr 1968 kam es dann zu einem
Attentat auf Dutschke. Daraufhin wurden in vielen westdeutschen
Großstädten die Druckzentren von BILD belagert. Die Parole hieß:
„Enteignet Springer!“ In München wurden anlässlich der Belagerung durch
die Polizei zwei Menschen getötet.
Verbindung zu den Beschäftigten?
Das Jahr 1968 war der Scheitelpunkt einer internationalen Bewegung.
Phänomenal, wie fast zeitgleich Ende der sechziger Jahre in Westeuropa,
Japan oder Mexiko die Jugend revoltierte, in den USA Massenproteste
gegen den Vietnam-Krieg tobten, in Osteu-ropa der „Prager Frühling“
Hoffnungen weckte und in Afrika die Befreiungsbewegung einen Aufschwung
nahm.
Was den StudentInnen in der Bundesrepublik in all dieser Zeit nicht
gelang, war eine relevante Verbindung zur Arbeiterklasse herzustellen.
Anders als in Frankreich zum Beispiel, wo die Studierendenunruhen in
Generalstreik und Betriebsbesetzungen mündeten. Dabei gab es vor dem
Hintergrund der Rezession 1966/67 auch in der BRD mit den
Massenprotesten der Bergleute beispielsweise ausreichend Ansätze.
Heute genießen die Forderungen der Studierenden – anders als 1968 –
Massensympathie in der Bevölkerung. Allerdings ist diese Sympathie
bislang im Wesentlichen passiv. Es gibt zwar jede Menge Grußworte von
den Gewerkschaften, aber von dieser Seite kommen fast keine Vorschläge
für gemeinsame soziale Proteste. Auch bei vielen StudentInnen ist das
Verständnis bezüglich der Notwendigkeit eines kollektiven Widerstands
noch unterbelichtet. Trotzdem gibt es wichtige Debatten in den Plena der
Hörsäle zu dieser Frage. In München wurde die Frage aufgeworfen, ob man
wirklich „für freie Bildung und gleichzeitig für Hartz IV und
Niedriglöhne sein“ könne. Viele StudentInnen merken, dass der Kontakt zu
den Arbeitenden und Arbeitslosen wichtig ist. Dieses Bewusstsein gilt es
auszubauen.
Kapitalismus-Kritik
In den sechziger Jahren setzte in der BRD sowohl unter den Studierenden
als auch unter den Beschäftigten eine Linksentwicklung ein, die – nach
dem Ende der Großen Koalition – der SPD/FDP-Regierung einige Reformen
abtrotzen konnte. Darunter die Einführung des BAföG im Jahr 1971. Die
bis 1970 üblichen Prügelstrafen an den Hauptschulen wurden verboten.
Zudem entstand ein anderes Verhältnis zur Sexualität, der
Kupplerparagraf (der Sex vor der Ehe untersagen wollte) wurde
abgeschafft.
Die Studierendenaktivisten von heute definieren sich selbst großteils
nicht als links. Dies ist ein gravierender Unterschied zu 1968. Dennoch
ist jeder Akt des sozialen und demokratischen Protestes objektiv links.
Letzteres merken auch schon viele Student-Innen. Vor vierzig Jahren
stand immer die Systemfrage im Hintergrund. Weil die BRD sich als
Frontstaat gegenüber dem Ostblock beweisen musste. Aber auch, weil eine
gesellschaftliche Radikalisierung einsetzte. Die relativen Erfolge der
damaligen Bewegung lagen jedenfalls gerade auch an diesen Faktoren.
Marx entdecken
Ende der sechziger Jahre gab Willy Brandt aus: „Holt sie uns von der
Straße.“ Viele folgten diesem Ruf und wurden in das System integriert.
Andere bildeten maoistische Kleingruppen oder organisierten sich in
anderen antikapitalistischen Zusammenhängen; zudem entstand die
Rote-Armee-Fraktion.
Es gab damals leider keine schonungslose Kritik am Stalinismus. Das
erleichterte es der Spitze von Gewerkschaften und SPD, die Bewegung zu
spalten.
Auch heute setzt wieder ein größeres Interesse an marxistischer Theorie
ein. Um so wichtiger ist es – auf Grund der Erfahrungen von 1968 –, die
gesellschaftliche Alternative, die Notwendigkeit einer sozialistischen
Demokratie weltweit, klar herauszuarbeiten.
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