Hilfskampagnen mehr Schein als Sein
[Druckversion] Thema: Mittel- und Süd-Amerika, Solidarität 87, Umwelt, veröffentlicht: 20.02.2010
Haiti: Imagearbeit und Militäreinsätze werden den Armen nicht helfen
Mehr als 150.000 Tote, unzählige Verletzte, über eine Million
Obdachlose. Das passiert, wenn das ärmste Land der westlichen Hemisphäre
von einem Erdbeben der Stärke 7,0 erschüttert wird. Bei einem ähnlichen
Erdbeben im Norden Kaliforniens 1989 kamen fast alle Menschen mit dem
Leben davon. Während Kalifornien zu einem reichen Land gehört, müssen in
Haiti drei Viertel der Bevölkerung mit zwei Dollar am Tag auskommen.
von Frida Wölf, Bremen
Derweil wird die Zerstörung zur Imageveranstaltung für Regierungen,
Banken und Konzerne: US-Präsident Barack Obama und EU-Politiker nutzen
das Schicksal der Insel ebenso wie Siemens, VW oder Audi, um sich
großzügig und hilfsbereit zu präsentieren. Nichts als blanker Hohn,
betrachtet man die Verhältnisse genauer.
Westliche Heuchelei
Die New Yorker Bank Citigroup zum Beispiel spendete 250 Millionen
US-Dollar, gab aber 2009 zugleich 5,3 Milliarden Dollar für
Topmanager-Boni aus. Und die 550 Millionen US-Dollar, die die Vereinten
Nationen an Hilfsmitteln zugesagt haben, entsprechen gerade mal einem
Bruchteil der 100 Milliarden Dollar, die Banken weltweit 2010 für
Bonuszahlungen verprassen werden.
Die praktischen Maßnahmen der USA, die Entsendung von Militärtrupps und
die Übernahme des Flughafens von Port-au-Prince, liefen erst verspätet
an und halfen nicht in erster Linie der armen Bevölkerung Haitis.
Vielmehr kümmerten sie sich vorrangig darum, US-Bürger aus dem Land zu
fliegen. Außerdem blockierten sie dabei auch noch teilweise
Hilfslieferungen aus anderen Ländern. Wer glaubt schon, dass die USA,
die nicht einmal ausreichend Zelte ranschaffen, einen langfristigen
Wiederaufbau leiten werden?
Joch des Imperialismus
Haiti bekommt einmal mehr die Auswirkungen des westlichen Imperialismus
zu spüren. Zuerst von Frankreich kolonialisiert, später 19 Jahre lang
von den Vereinigten Staaten besetzt, blieb es auch in den vergangenen
Jahrzehnten trotz formaler Unabhängigkeit im Griff der USA. Nachdem
Jean-Bertrand Aristide beispielsweise als Präsident wiedergewählt war,
wurde er 2004 mit der Unterstützung des Weißen Hauses – zum zweiten Mal!
– weggeputscht –, weil die unterdrückten Massen in ihn Hoffnungen
setzten und sich radikalisierten. Den heutigen Präsidenten René Préval
schoben die USA jetzt auch einfach beiseite und übernahmen das Kommando.
Haiti ist nach wie vor ein Land, in dem die Schere zwischen Arm und
Reich extrem auseinander klafft. 80 Prozent der Bevölkerung leben unter
der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit liegt bei 75 Prozent. Durch
Handelsabkommen mit den USA ist Haiti heute massiv von
Lebensmittelimporten abhängig und tief verschuldet, so dass jährliche
Schuldenrückzahlungen von 50 Millionen Dollar fällig werden. Der
Internationale Währungsfonds (IWF) stellte Haiti nun einen Sofortkredit
von 100 Millionen Dollar zur Verfügung – allerdings nur bei Zusage eines
Ausgabestopps im öffentlichen Sektor.
Echter Schutz vor Erdbeben sieht anders aus
Wie schon in Südostasien 2004 handelt es sich bei den Folgen der
Naturkatastrophe in Wirklichkeit um menschengemachte Probleme: Das
Ausmaß wäre weitaus geringer, würden gute Frühwarnsysteme existieren und
stabilere Häuser gebaut werden. Zudem hätten die Auswirkungen des Bebens
abgeschwächt werden können, wäre die Infrastruktur besser und wären
Hilfslieferungen in ausreichender Menge und schnell genug eingetroffen.
Die Verteilung und Verwaltung der Hilfsgüter und der Einsatz von
Hilfskräften darf nicht, wie bisher, über die Köpfe der Betroffenen
hinweg erfolgen. Nötig wäre es vielmehr, dass diese Maßnahmen ebenso wie
der Wiederaufbau von unten demokratisch kontrolliert werden.
Auf kapitalistischer Grundlage aber wird die überwiegende Mehrheit der
in Haiti Lebenden weiterhin verarmt bleiben, in baufälligen Hütten leben
und arbeitslos sein oder als billige Arbeitskräfte in Sweatshops für
US-amerikanische oder kanadische Konzerne ausgebeutet werden.
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