ELENA weiß alles!
[Druckversion] Thema: Deutschland: Politik allgemein, Solidarität 87, veröffentlicht: 26.02.2010
Kritische KollegInnen sollen aufgespürt werden
Überwachungskameras an allen öffentlichen Plätzen, im öffentlichen
Personennahverkehr? Check! Bankverbindung und Kaufgewohnheiten? Check!
Fingerabdrücke, Biometrische Fotos? Check! Telefonate, SMS und E-Mails
der letzten zwei Jahre? Check! Unentschuldigtes Fehlen am Arbeitsplatz,
Abmahnung durch den Arbeitgeber, Streikbeteiligungen? Neu! Dank ELENA!
Die Regierenden haben sich etwas einfallen lassen – zur
Entbürokratisierung, wie es heißt.
von Patrick Kahle, Bielefeld
Künftig soll die Kommunikation zwischen Arbeitgebern und Ämtern nicht
mehr auf dem Papierweg erfolgen, sondern in Datenpaketen mit Hilfe des
„Elektronischen Entgeltnachweises“, kurz ELENA. Der Entgeltnachweis ist
das Meldeverfahren über Beschäftigtenzahlen, Lohn- oder Gehaltshöhe,
Elterngeld, Arbeitslosengeld, Kindergeld, Krankengeld oder andere
Einkünfte und Entgelte. Es geht um Bescheinigungen, die allmonatlich an
die Rentenversicherung und die Bundesagentur für Arbeit geschickt werden
müssen – bisher Pflicht und Kosten des Arbeitgebers.
Umfassende Datensammlung
Offizielles Ziel des ELENA-Verfahrens ist eine jährliche Entlastung um
circa 85,6 Millionen Euro für die Unternehmen. Die „Kommunikationslücke“
zwischen Kapitaleigner und Staat soll maßgeblich überwunden werden. Die
Arbeitskräfte will man zudem durch vermeintlich schnellere und angeblich
diskretere Datenübermittlung und Bearbeitung von Sozialleistungen
profitieren lassen. Des weiteren werden so, wie es heißt, Jobs in der
IT-Branche gesichert, da diese die benötigte Chipkarte sowie Hard- und
Software produzieren. Mit all diesen Argumenten wird für ELENA geworben
– dessen Verfahren übrigens schon unter Rot-Grün auf den Weg gebracht
worden war.
Seit Beginn diesen Jahres ist es den Arbeitgebern möglich, die Meldungen
für die Beschäftigten elektronisch an eine zentrale Speicherstelle zu
übermitteln. Aufgrund der Empörung von Gewerkschaften und anderen
Kräften über die Ausforschung von Belegschaften kündigte das
Bundesarbeitsministerium nun an, den Datensatz des Projektes zu
überprüfen. Spätestens in zwei Jahren, 2012, soll ELENA trotzdem den
Briefverkehr vollständig ersetzen. ELENA wird zum Zwang für die Teile
der Bevölkerung, die Anrecht haben auf Sozialleistungen: Ohne Daten kein
ELENA, ohne ELENA kein Geld.
Wer wird also in Zukunft profitieren?
Datensammler von Staat und Wirtschaft! Der persönliche ELENA-Code könnte
für Online-Banking, Personenidentifikation und so weiter verwendet
werden. Daten wie Einkommen, Sozialleistungen, Krankheitstage werden ins
Netz eingespeist und der „gläserne Bürger“ wird immer weiter Realität.
Und die Kosten von 85,6 Millionen Euro verschwinden auch nicht einfach:
Kostenpunkt 40 Euro für die Erstbeschaffung für jeden Beschäftigten! Die
Kosten für unseren zweiten ELENA-Code sollen dann zehn Euro betragen.
Für jeden Lohnabhängigen kommt ein weiterer besonders heikler Aspekt
hinzu: In Zukunft soll jeder Streikende in dieser Datenbank erfasst
werden – auch sonstige Fehlzeiten, Abmahnungen und mögliches
„Fehlverhalten“. Es werden sogar Einschätzungen vorgenommen, wie
bei-spielsweise, ob die Streikbeteiligung „rechtmäßig“ oder
„unrechtmäßig“ sei.
Auch wenn Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) jetzt Änderungen
bei ELENA ankündigt und beteuert, dass Streikzeiten nicht mehr gesondert
als solche erfasst werden sollen – die Herrschenden rüsten dennoch
weiter auf, sei es mit Datensammlungen oder neuen
Hochdruckwasserwerfern. Und wollen sich so gegen kommende Proteste
wappnen. Wir sind gewarnt.
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