Nein zu kommunalen Kürzungshaushalten
[Druckversion] Thema: "DIE LINKE.", Kommunalpolitik, Solidarität 87, veröffentlicht: 27.02.2010
DIE LINKE darf sich nicht auf die Politik des „kleineren Übels“
einlassen – Lehrbeispiel Stuttgart
Überall stehen die Kommunen angesichts der Krise vor riesigen
Haushaltslöchern. Die Gewerbesteuerausfälle betragen im
Bundesdurchschnitt 15 Prozent, in einzelnen Kommunen sogar bis zu
siebzig Prozent. Das führt zu Sozialkürzungen, Einsparungen bei den
städtischen Beschäftigten und Arbeitsplatzvernichtung. In verschiedenen
Städten, ob in Rostock, Köln oder Wuppertal, laufen derzeit
Haushaltsberatungen. Anderswo wurden Kürzungshaushalte gerade erst
verabschiedet. So auch in Stuttgart. Dort stimmte auch DIE LINKE für den
Haushalt. War das richtig? Welche Position sollte die Partei DIE LINKE
heute grundsätzlich bei Haushaltsberatungen auf kommunaler Ebene
einnehmen?
von Wolfram Klein, Mitglied im Vorstand der LINKEN in Stuttgart-Bad
Cannstatt
Am 18. Dezember hat die gemeinsame Fraktion von Linkspartei und SÖS
(Stuttgart Ökologisch Sozial) den Haushalt der Stadt Stuttgart für die
Jahre 2010 und 2011 mit beschlossen. Gerechtfertigt wird das damit,
Schlimmeres verhindert zu haben. Schon bei den Einzelabstimmungen
stimmte die Fraktion Kürzungen und Belastungen für die Bevölkerung zu.
Gibt es in Stuttgart eine „neue Mehrheit“?
Seit den Kommunalwahlen 2009 spekulieren die kapitalistischen Medien
über eine „neue Mehrheit“ im Gemeinderat und stellen SPD und Grüne den
„bürgerlichen Parteien“ gegenüber. Bewusst wird die Sprachregelung
verwendet, nur Union und FDP als bürgerliche Parteien zu bezeichnen.
Damit wollen sie der Bevölkerung vorgaukeln, dass es zwischen diesen und
den anderen kapitalistischen Parteien, SPD und Grünen, grundlegende
Differenzen gebe. So wollen die Herrschenden mehr
Parteienkonstellationen zur Auswahl haben und eine Partei, die sich an
der Regierung verbraucht und verschlissen hat, durch eine andere
ersetzen können, die ihr genauso gut dient. Die Aufgabe von Linken, von
SozialistInnen muss es sein, dieses Spiel zu durchkreuzen, nicht es
mitzuspielen.
Mancher mag einwenden, dass es doch immer wieder heftige Streitigkeiten
zwischen Rot-Grün auf der einen und Parteien wie CDU und FDP auf der
anderen Seite gibt. Wohl wahr. Während Schwarz-Gelb die jahrelang
praktizierte Politik von Neoliberalismus und Sparvorhaben einfach
fortzsetzen möchten, plädieren SPD und Grüne für Kreditausweitung und
Gebührenerhöhungen. In beiden Fällen handelt es sich allerdings um
Krisenmanagement auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung.
Wie verhält es sich nun wirklich mit der „neuen Mehrheit“ in der
baden-württembergischen Landeshauptstadt? Am 17. September stimmte
Rot-Grün mit CDU, FDP, Freien Wählern für eine Haushaltssperre. Nur SÖS
und LINKE votierten dagegen. Auch bei den Einzelabstimmungen zum
Haushalt standen SÖS und Linkspartei in entscheidenden Fragen allein:
zum Beispiel bei der Forderung nach einer Gewerbesteuererhöhung, bei der
Ablehnung von Gebührenerhöhungen für Kitas und Kürzungen beim
Fahrtkostenzuschuss für SchülerInnen.
Verantwortung für das Ganze – oder für Beschäftigte & Jugend?
Die Gemeinderätin Ulrike Küstler hat die Zustimmung der LINKEN für den
Stuttgarter Haushalt in einem Artikel mit der „Verantwortung für das
Ganze“ gerechtfertigt. Aber was ist „das Ganze“, für das wir
Verantwortung übernehmen sollen? Wir leben im Kapitalismus, in der die
Parteien des Kapitals von Grünen und SPD bis zu CDU und FDP eine satte
Mehrheit im Stuttgarter Gemeinderat haben. Die Aufgabe der LINKEN muss
es doch sein, hier wie bundesweit „Verantwortung“ für die Bekämpfung
dieses Systems zu übernehmen, nicht für seine Aufrechterhaltung.
Die Zustimmung zum Haushalt in der Schlussabstimmung ist etwas völlig
anderes als die Abstimmung in Sachfragen oder bei einzelnen
Haushaltsposten. Bei Letzteren darf man zwar (anders als in Stuttgart
leider geschehen) auch keinen Verschlechterungen zustimmen, aber man
kann natürlich Kompromisse eingehen und für bescheidenere Verbesserungen
stimmen als man selber gerne hätte, sofern für diese Verbesserungen
sonst keine Mehrheit bestünde. Aber mit einer Zustimmung zum Haushalt
gemeinsam mit Kräften, die „auf der anderen Seite“ stehen, beteiligt man
sich an der Verwaltung des Kapitalismus. Man kann als Linker doch nicht
den Treibstoff nachfüllen, mit dem der Motor des bürgerlichen Staats
weiterläuft.
Bedauerlicherweise hat die Fraktion von SÖS und Linkspartei nun im
Dezember in einer Stadt, die zu den reichsten Städten Deutschlands
gehört, die kaum Schulden hat und darüber hinaus über eine Milliarde
Euro Rücklagen für Stuttgart 21 verfügt (was die Grünen als
vermeintliche Gegner dieses Wahnsinnsprojekts überhaupt nicht in Frage
stellen), die „Sparlogik“ akzeptiert und mit den anderen über das „Wie“
statt das „Ob“ des Sparens gestritten.
Was kam bei der „neuen Mehrheit“ heraus?
Der Sanierungsstau bei den Schulen beträgt 328 Millionen Euro. Im
Doppelhaushalt 2010/2011 sind aber nur 100 Millionen Euro für
Schulsanierungen eingeplant. Turnhallen bleiben unbenutzbar, Schulkinder
müssen weiter fürchten, dass ihnen die Decke auf den Kopf fällt. Der
Gemeinderat hat dagegen im Sommer auf einen Schlag fast eine Milliarde
Euro für die Rettung der Landesbank LBBW zur Verfügung gestellt.
Die Haushaltszustimmung wurde auch damit gerechtfertigt, dass neue
Stellen im Öffentlichen Dienst geschaffen werden. In der Krise
zusätzliche Stellen zu schaffen, sei ein großer Erfolg. Dem stehen aber
eine Wiederbesetzungssperre und eine „globale Minderausgabe“ im Haushalt
von 1,5 Millionen Euro für 2010 und von 4,5 Millionen Euro für 2011
gegenüber. Am 18. Dezember warnten SÖS und LINKE zunächst noch in einer
Presseerklärung, dass durch diese „Minderausgabe“ 120 bis 150 Stellen
„akut gefährdet“ seien, wenige Stunden später stimmten sie für den
Haushalt, in dem diese Gefährdung enthalten ist.
Die fünf Millionen Euro Defizitausgleich, die für das Kinderkrankenhaus
„Olgahospital“ bewilligt wurden, werden von der LINKEN und von ver.di
als Erfolg gefeiert. Der Skandal ist aber, dass ein jährliches Defizit
von neun Millionen Euro bleibt, was weiter wie ein Damoklesschwert über
Beschäftigte und PatientInnen hängt.
Schon in den Einzelabstimmungen stimmten SÖS und LINKE für Kürzungen um
fünf Prozent im Kulturbereich. Das sei ein Kompromiss, weil zehn Prozent
Kürzungen gefordert waren. Ebenso befürworteten sie die Einführung einer
Zweitwohnsitzsteuer und eine „mäßige“ Erhöhung der Grundsteuer und
einzelne Gebührenerhöhungen. Durch ihre Zustimmung zum Gesamthaushalt
hat die Fraktion in der entscheidenden Schlussabstimmung auch für die
Gebührenerhöhungen (zum Beispiel für die Kitas) und Zuschusskürzungen
gestimmt, die sie in den Einzelabstimmungen als Einzige noch abgelehnt
hatten. Durch diese Zustimmung haben sie einer massiven
Grundsteuererhöhung zugestimmt, die Eigenheimbesitzer und MieterInnen
trifft, während sie Unternehmen mit der Gewerbesteuer verrechnen können.
Und sie haben auch dafür gestimmt, dass die Gewerbesteuer nicht erhöht
wird.
Was wäre die Alternative gewesen?
Wenn die Fraktion den Haushalt abgelehnt hätte, statt Rot-Grün als
Mehrheitsbeschaffer zu dienen, wäre die erste Folge gewesen, dass die
wirklichen Differenzen in der Stadt deutlich geworden wären. Die von den
bürgerlichen Medien erfundene „neue Mehrheit“ hätte sich als Märchen
erwiesen. Es wäre deutlich geworden, dass SPD und Grüne – die im Bund
für Hartz-Gesetze und Afghanistan-Krieg und in Stuttgart für das
Haushaltssicherungsgesetz eintreten – ebenso bürgerliche Parteien sind
wie FDP und CDU.
Ein so außergewöhnlicher Vorgang wie das Nichtzustandekommen eines
Haushaltsbeschlusses hätte für eine enorme Politisierung der Bevölkerung
genutzt werden können. Es wäre möglich gewesen, zu verdeutlichen, dass
es sich nicht um das übliche Ritual alle zwei Jahre handelt, sondern
dass es um wichtige, alle Menschen betreffende Entscheidungen geht.
Damit hätten gute Möglichkeiten bestanden, bei neuen Haushaltsberatungen
im neuen Jahr noch viel mehr außerparlamentarischen Druck auf den
Gemeinderat auszuüben und das mit den sich fortsetzenden Protesten
(wöchentliche Montagsdemos von gegenwärtig 3.000 TeilnehmerInnen) gegen
Stuttgart 21 – und mit der Tarifauseinandersetzung im Öffentlichen
Dienst – zu verbinden.
Prestigeprojekt Stuttgart 21
Stuttgart 21 ist ein Projekt, bei dem der Bahnhof unter die Erde verlegt
und über 30 Kilometer Tunnel gegraben werden sollen. Den Nutzen haben
vor allem Baufirmen und Immobilienspekulanten (wegen der „frei“
werdenden bisherigen Gleisflächen). Der Masse der Bevölkerung drohen
Beeinträchtigungen während des jahrelangen Baus, ein schlechterer
Bahnhof, unkalkulierbare Folgen des Baus und vor allem Kosten. Der
Bundesrechnungshof hat die Kosten mit insgesamt 5,3 Milliarden Euro
geschätzt, Kritiker befürchten mehr und berechnen die direkten und
indirekten Kosten allein für die Stadt Stuttgart auf über eine Milliarde
Euro.
Stuttgarter Gemeinderat
Seit den Kommunalwahlen vom 7. Juni 2009 sind die Grünen stärkste
Fraktion (mit 16 von ins-gesamt 60 Sitzen). Die SPD hält zehn Sitze. Das
kommunale Wahlbündnis SÖS (Stuttgart Ökologisch Sozial), das sich vor
allem im Kampf gegen das Projekt Stuttgart 21 profilierte, wuchs von
einem auf drei Sitze, die Linkspartei von einem auf zwei Sitzen. SÖS und
LINKE bildeten eine gemeinsame Fraktion.
Nachdem viele Jahre lang CDU, FDP und Freie Wähler eine Mehrheit hatten,
büßten sie diese im Sommer letzten Jahres ein.
Clara Zetkin über Budgetbewilligung:
1908 verurteilte der Nürnberger SPD-Parteitag mit großer Mehrheit die
Zustimmung von SPD-Landtagsfraktionen zu Haushalten. Clara Zetkin gab
damals in Stuttgart die SPD-Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ heraus
und kommentierte dort:
„Gar bald stellte es sich heraus, dass die schroffsten Gegensätze in der
Auffassung des Parlamentarismus im Besonderen und der
sozialdemokratischen Taktik im Allgemeinen einander entgegenstanden.
(…) Auf der einen Seite Überschätzung der parlamentarischen
Errungenschaften und der sozialreformerischen Konzessionen, die man von
den herrschenden Klassen erringen kann, auf der anderen Seite der
Standpunkt, dass bei allem Nachdruck im täglichen Kampfe um positive
Errungenschaften und sozialreformerische Konzessionen diese doch immer
an unserem Endziel gemessen und als bloße Abschlagszahlungen
eingeschätzt werden müssen, die niemals unserer grundsätzlichen
Opposition und unserer unversöhnlichen Feindschaft zum Klassenstaate im
Geringsten Abbruch tun dürfen.
Auf der einen Seite die irrige Annahme, dass wir die indifferenten
Massen nur durch allerlei Brocken positiver Besserungen für uns gewinnen
können, auf der anderen Seite die Überzeugung, dass wir die Gefolgschaft
und das Vertrauen der Massen vor allem durch unsere rücksichtslose
Kritik an der bestehenden Gesellschaftsordnung und durch unser
sozialistisches Zukunftsideal gewinnen. Es waren zwei grundverschiedene
Theorien des politischen Kampfes, die sich gemessen haben, zwei
Theorien, die so gegensätzlich sind wie bürgerliche Reformpartei und
proletarisch-revolutionäre Klassenpartei.“
„Der Parteitag in Nürnberg“ vom 28. September 1908
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