„Lehrjahre sind keine Hundejahre!“
[Druckversion] Thema: Solidarität 87, Jugend, Geschichte, veröffentlicht: 03.03.2010
Vor 40 Jahren: Begeisternde Lehrlingsbewegung in der Bundesrepublik
Das Ende der sechziger Jahre brachte international in vielen Ländern
soziale Kämpfe, Revolten und Revolutionen mit sich. In der
Bundesrepublik rebellierten vor allem die Studierenden, die mit
teilweise spektakulären Aktionen Aufsehen erregten. Protestiert wurde
gegen Notstandsgesetze und Vietnam-Krieg. Außerdem kam es zu Streiks an
Rhein und Ruhr. Über die Lehrlingsbewegung dieser Zeit ist heute leider
weniger bekannt. Und das, obwohl sie Beachtliches leistete.
von Sebastian, Essen
Trotz Wirtschaftskrise und dem einsetzenden Stellenabbau herrschte in
der BRD Ende der sechziger Jahre noch fast Vollbeschäftigung. Für
Lehrlinge gab es – im Vergleich zu heute – relativ viele
Ausbildungsplätze. Die Qualität der Stellen war allerdings sehr
unterschiedlich. Gerade in kleinen mittelständischen Unternehmen mit
wenig Beschäftigten, wo es schwieriger war, für bessere
Arbeitsbedingungen zu streiten, litten die Azubis unter der harten
Fuchtel ihrer Vorgesetzten. Sogar „körperliche Züchtigung“, also Prügel
von dem Chef oder Meister, war in vielen Betrieben an der Tagesordnung.
Aber gerade von diesen Ausbildungsstätten aus trat der erste
Lehrlingsprotest an die Öffentlichkeit. Die Auszubildenden wehrten sich
dagegen, zu ausgebeuteten „fügsamen Arbeitsuntertanen“ gemacht zu
werden. Sie fingen an, gegen die miserablen Ausbildungsbedingungen und
die mangelhaften betrieblichen Lernmöglichkeiten zu demonstrieren. Und
dagegen, dass sie gezwungen wurden, fast ausschließlich berufsfremde
Aufgaben und Hilfsarbeiten ohne Lern- oder Übungswert zu verrichten.
Selbstorganisation und Vernetzung
Die Lehrlingsbewegung entwickelte sich Ende der Sechziger und – wie
Peter Birke in seinem Buch „Wilde Streiks im Wirtschaftswunder“
schildert – noch massiver 1970 über Lehrlingszentren beziehungsweise
betriebliche und betriebsübergreifende Arbeitsgemeinschaften von
Auszubildenden, die den Widerstand gegen die Ausbildungsmisere
organisierten. Zeitungen und Flugblätter wurden herausgebracht, um
Aufklärungsarbeit im Betrieb und auf der Straße zu leisten. Auf
überregionalen Konferenzen wurde versucht, die politische Arbeit zu
koordinieren.
Ähnlich wie die Studierenden versuchten die Azubis – von denen einige
zuvor SchüleraktivistInnen waren oder sich für „autonome Zentren“
engagierten – mit provokanten Aktionen (wie einer Spontandemo zur
Hamburger Börse) Öffentlichkeit zu schaffen. Ein Vorbild waren neben der
Studierendenbewegung aber auch die wilden Streiks von KollegInnen in
dieser Zeit – hatten Auszubildende doch kein Streikrecht. Auch Azubis
organisierten bald wilde Streiks, um sich von Einschränkungen durch
Gesetz und Gewerkschaftsbürokratie zu befreien und Verbesserungen zu
erstreiten.
„Ausbeutung Tag für Tag – gesichert durch den Ausbildungsvertrag!“
Gefordert wurde eine grundlegende Verbesserung der
Ausbildungsbedingungen. Wichtig war zuerst, dass sich die Unternehmer an
gesetzliche und vertragliche Grundlagen der Lehre halten sollten, und
dass diese zugunsten der Auszubildenden verbessert werden. Körperliche
Züchtigungen durch Vorgesetzte sollten strafrechtlich verfolgt und
ausbildungsfremde Tätigkeiten verboten werden. Die Lehrlingsbewegung
setzte sich dafür ein, dass die Ausbildung aus Unternehmerhand in
staatliche Einrichtungen und Schulen überführt wird – natürlich auf
Kosten dieser Unternehmen. In vielen Orten wurde auch ein garantiertes
Mindesteinkommen, die Herabsetzung der Höchstarbeitszeit auf sechs
Stunden täglich und das Streikrecht für Lehrlinge gefordert.
Ein Grund für die hohe Selbstorganisation war, dass die Gewerkschaften
lange untätig blieben. Die Lehrlingsbewegung versuchte, den DGB dazu zu
bringen, den Kampf der Azubis zu unterstützen. So traten am 1. Mai 1969
in vielen Städten Lehrlingsblöcke mit Parolen wie „Klassenkampf statt
Sozialpartnerschaft“ bei DGB-Demonstrationen auf. 3.000 Azubis zwangen
bei der Hamburger Mai-Kundgebung Gewerkschaftsfunktionäre und Politiker
durch Sprechchöre, Stellung für sie zu beziehen und ein
„jugendpolitisches Sofortprogramm“ aufzulegen. Dieser Tag wurde für die
Gewerkschaftsführung zum Desaster – schon am 6. Mai musste sie eine
zentrale Konferenz zum Thema einberufen. Hier wurde die Jugendarbeit des
DGB neu ausgerichtet. Davon ermutigt riefen verschiedene
Lehrlingsgruppen für den 7. Juni 1969 zu einer kämpferischen
Demonstration in Köln auf, an der circa 10.000 Jugendliche teilnahmen.
In der Bevölkerung stieg die Solidarität für die Lehrlinge, berichtet
Vadim Riga in seiner Schrift „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“.
Bei den Septemberstreiks 1969, primär für Lohnerhöhungen, spielten diese
eine wichtige Rolle: Junge Azubis konnten mit ihrem entschlossenen
Auftreten auch ältere Beschäftigte ermutigen, sich zu wehren. So bei dem
Kampf der Belegschaft der Hoesch-AG Hüttenwerke in Dortmund und den
davon ausgehenden weiteren spontanen Streiks, an denen sich 140.000
Beschäftigte aus 69 Betrieben beteiligten.
Verbesserungen erkämpft
Um die Lehrlingsbewegung in eigene Bahnen zu lenken, wandte sich der DGB
den rebellischen Azubis zu. Über hundert DGB-Jugendzentren wurden im
gesamten Bundesgebiet eröffnet, wo sich die Lehrlingsgruppen versammeln
sollten.
Die SPD/FDP-Regierung musste eine umfassende Reform des
Jugendarbeitsschutzes, des Betriebsverfassungsgesetzes und der
Berufsbildung ankündigen. Die Ausbildungssituation wurde durch die
Gesetzesänderungen vor allem in Großbetrieben verbessert. Die
erkämpften, vergleichsweise hohen Tarifabschlüsse der frühen siebziger
Jahre galten auch für die Lehrlinge. Die Volljährigkeit ab 18 Jahren
kam, und damit das Wahlrecht.
Bei den wilden Streiks 1973 gegen Lohnraub, Entlassungen oder auch für
sechs Wochen bezahlten Urlaub, an denen im Verlauf einiger Monate über
200.000 Beschäftigte teilnahmen, waren auch viele Organisatoren der
Lehrlingsbewegung wieder beteiligt. Mit dem allgemeinen Abebben der
Klassenkämpfe und der Studierendenbewegung sowie der Kanalisierung der
Proteste durch SPD- und Gewerkschaftsführung kam die Lehrlingsbewegung
1974 zu einem En-de. Teile der Bewegung gingen in die SPD-Jusos, in die
K-Gruppen oder in andere linke Zusammenhänge.
Obwohl viele Ziele der Bewegung nicht erreicht werden konnten, kann die
Lehrlingsbewegung mit ihrer Selbstorganisation und Radikalität auch
heute noch Beispiel sein für anstehende Auseinandersetzungen junger
Beschäftigter und Auszubildender, die sich gegen miese Arbeits- und
Ausbildungsbedingungen auflehnen und für Arbeit und Übernahme streiten.
ntrationen, Streiks und Massenstreiks.“ Als erstes gemeinsames Ziel
rufen die UnterzeichnerInnen dazu auf, bei den Demonstrationen am 12.
Juni einen Jugendblock „Jugend für Arbeit, Bildung, Ausbildung und
Übernahme – die Generation Krise schlägt zurück“ zu organisieren.
Als vorläufigen Höhepunkt soll es nach diesen Protesten eine bundesweite
Jugend-Konferenz geben, die AktivistInnen und Jugendliche aus Betrieben,
Schulen und Unis, Jugendgruppen und Gewerkschaftsjugenden
zusammenbringen und nächste Schritte planen soll.
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