Bolivien: Zum Wahlsieg von Morales und der MAS
[Druckversion] Thema: Mittel- und Süd-Amerika, veröffentlicht: 19.02.2010
ArbeiterInnen und indigene Bäuerinnen und Bauern müssen mobilisieren und
revolutionär-sozialistische Maßnahmen ergreifen.
Evo Morales und die Partei Bewegung zum Sozialismus (MAS) haben es
geschafft, der rechten Opposition bei den bolivianischen
Präsidentschafts- und Kongresswahlen am 6. Dezember eine verheerende
Niederlage zu bereiten.
von Alternativa Socialista Revolucionaria (CWI in Bolivien)
Morales erreichte 63,46 Prozent der Stimmen und liegt damit unglaubliche
36 Prozentpunkte vor seinem nächsten Mitbewerber ums Amt. Verglichen mit
den letzten Wahlen 2005 legte er um fast 10 Prozent zu. In den
westlichen Landesteilen, die der MAS traditionell nahe stehen, schlug er
die Opposition vernichtend: In La Paz kam er auf 80 Prozent, auf 79
Prozent in Oruro und 78 Prozent in Potosí. Während in Cochabamba und
Sucre 66 Prozent bzw. 56 Prozent errungen wurden, konnte Morales sein
Maß an Zuspruch in den Hochburgen der Opposition im Osten des Landes
ausbauen. So gewann er in Tarija 51 Prozent und erreichte in Pando mit
45 Prozent einen respektablen zweiten Platz. In Santa Cruz kam er auf 41
Prozent und in Beni auf 38 Prozent.
Genauso bedeutend ist, dass die MAS 85 der insgesamt 130 Sitze im
Abgeordnetenhaus sowie 25 von 36 Sitzen im Senat für sich verbuchen
konnte. Mit der damit feststehenden absoluten Mehrheit im
Abgeordnetenhaus und einer Zweidrittelmehrheit im Senat ist es der
MAS-Regierung nun möglich, jedes Gesetz und jede Verfassungsänderung
durchzusetzen, die sie durchzusetzen willens ist. Die beeindruckende
Mehrheit, die Morales und die MAS gewinnen konnten, bedeutet, dass es ab
sofort keine Ausrede mehr gibt, die notwendigen Schritte zur Bekämpfung
des Großgrundbesitzes und des Kapitalismus nicht zu ergreifen. Die
rechten, konterrevolutionären Kräfte sind auf der Wahlebene zerschlagen
worden. Es darf ihnen keine Zeit und Möglichkeit gelassen werden, sich
zu reorganisieren und zurück zu schlagen.
Unabhängig von der jeweiligen Betrachtungsweise stellt dies einen
weitreichenden Wahlsieg für Morales und die MAS-Regierung dar. Was
darüber hinaus aber noch bedeutsamer ist, ist das gewaltige Verlangen
nach fundamentalem Wandel unter den bolivianischen Massen und die
grandiose Möglichkeit, die nun besteht, um mit dem Kapitalismus zu
brechen und den revolutionär-sozialistischen Wandel einzuleiten.
In Teilen erkannte Morales die Bedeutung des Wählerauftrags für
grundlegenden Wandel an, als er in seiner Rede nach dem Wahlsieg
erklärte: „Wir haben die Verantwortung, diesen Prozess zu forcieren.
Dass wir mehr als zwei Drittel der Abgeordneten und SenatorInnen
stellen, ist für mich der Auftrag, diesen Prozess des Wandels verstärkt
umzusetzen“. Er blieb allerdings auch verhalten und ergänzte
versöhnlerisch: „Wir sind eine Regierung des Dialogs und der
Übereinkünfte“. Damit nahm er Bezug darauf, dass er gewillt ist, die
eben erst bezwungene Opposition in den Prozess des Wandels
einzubeziehen. Das ist eine Warnung für die Massen, nicht darauf zu
warten, dass Morales von oben agiert. Die machtvollen Organisationen der
ArbeiterInnen, indigenen Bäuerinnen und Bauern und der Armen, die die
sozialen Bewegungen bilden, müssen die treibende Kraft für
sozialistischen Wandel in Bolivien sein und die nötigen Schritte tun, um
die Revolution voranzutreiben und den Großgrundbesitz und den
Kapitalismus zu zerschlagen.
Diese Organisationen sollten auf Grundlage eines sozialistischen
Programms mobilisieren, um das Land der Großgrundbesitzer, der Konzerne
und der Industrieunternehmen, der multinationalen Unternehmen und der
bolivianischen reichen Elite zu übernehmen. ArbeiterInnen, indigene
Bäuerinnen und Bauern und die arme Bevölkerungsmehrheit sollten die
demokratische Kontrolle über die Wirtschaft übernehmen, um den enormen
Reichtum Boliviens an Naturreserven dazu zu benutzen, die Produktion und
Verteilung des Reichtums auf Grundlage einer demokratischen,
sozialistischen Planung zu organisieren, die die Bedürfnisbefriedigung
der ganzen Bevölkerung zum Ziel hat.
Es sollten demokratisch organisierte Verteidigungskomitees eingerichtet
werden, um die Arbeiterschaft, die indigene Bauernschaft und die
verarmten Gemeinden auf lokaler, Provinz- und Landesebene miteinander zu
vernetzen. Auf diese Weise können dann Besetzungsaktionen demokratisch
von unten organisiert werden, und man kann sich gegen Angriffe der
rechten Opposition wappnen. Alle gewählten VertreterInnen der
Verteidigungskomitees müssen der permanenten Wähl- bzw. Abwählbarkeit
unterliegen und - sollten sie Einkommen beziehen - nicht mehr als den
Durchschnittslohn der ArbeiterInnen, indigenen Bäuerinnen und Bauern und
der GemeindebewohnerInnen verdienen, die sie repräsentieren.
Die sozialen Bewegungen können sich außerdem auf keinen Fall leisten,
das konterrevolutionäre Potential zu ignorieren, das das Militär
darstellt. Rechtsgerichtete Offiziere müssen umgehend abgesetzt und
Soldatenkomitees sollten einberufen werden, damit die unteren Ränge ihre
Offiziere demokratisch wählen können. Die Soldatenkomitees müssen
wiederum mit den Verteidigungskomitees vernetzt sein, um
sicherzustellen, dass die Kontrolle über das Militär bei der Bevölkerung
liegt.
Nach der Überwindung des Kapitalismus sollten die Verteidigungskomitees
dann die Basis für einen demokratisch, sozialistischen Staat der
ArbeiterInnen und der indigenen Bäuerinnen und Bauern schaffen und die
demokratische Planung der sozialistischen Ökonomie Boliviens
organisieren.
Vollständiges Versagen des neoliberalen Kapitalismus in Bolivien
Der neoliberale Kapitalismus war in Bolivien über 25 Jahre an der Macht.
Er hat jämmerlich versagt, und die Massen leiden immer noch an den
Auswirkungen, die diese Zeit ihnen bereitet hat. Obwohl in Bolivien die
an Ertrag reichsten Bergwerke, einer der fruchtbarsten Böden und die
größten Gasreserven der Welt vorzufinden sind, ist die Bevölkerung des
Landes die ärmste in ganz Südamerika.
Die Zahlen sprechen für sich: In Bolivien leben Schätzungen zu Folge 58
bis 70 Prozent der Bevölkerung mit zwei US-Dollar oder sogar weniger am
Tag in Armut, während gut 30 bis 36,5 Prozent mit einem US-Dollar oder
noch weniger ihr Dasein in extremer Armut fristen. Für das tägliche
Leben bedeutet das, dass viele Dinge der Grundversorgung eines Menschen
für einen Großteil der Bevölkerung unerreichbar ist: 70,8 Prozent weisen
nicht ausreichende Wohnverhältnisse auf, 58 Prozent mangelt es an
sauberem Wasser, 43,7 Prozent leiden unter mangelhafter oder fehlender
Stromversorgung, 52,5 Prozent sind von angemessener Bildung
ausgeschlossen und für 37,9 Prozent gilt, dass sie nur eine ungenügende
oder gar keine Gesundheitsversorgung erhalten.
Auch die Ungleichheit ist in Bolivien extrem: Die reichsten 10 Prozent
der Bevölkerung bekommen 35,4 Prozent des Nationaleinkommens, während
für die ärmsten 40 Prozent nur 15,1 Prozent übrig bleiben. Laut Xavier
Nogales, dem Minister für wirtschaftliche Entwicklung, verdient eine
wohlhabende Person in Bolivien 90 Mal mehr als eine arme Person.
Die indigene, bäuerliche Bevölkerung hat unter dem Versagen des
Kapitalismus in Bolivien am meisten zu leiden. Angaben der
UNO-Sonderorganisation FIDA (Internationaler Fonds für
landwirtschaftliche Entwicklung) zu Folge hat Bolivien mit 97 Prozent,
die in Armut, und 69 Prozent, die in extremer Armut leben, buchstäblich
die ärmste bäuerliche Bevölkerung weltweit. Das ist die direkte Folge
der halbfeudalen Landstrukturen, die zu einer der am meisten von
Ungleichheit gekennzeichneten Besitzverhältnisse über Grund und Boden in
der ganzen Welt geführt hat. Großgrundbesitzer, die nur rund sieben
Prozent der Bevölkerung ausmachen, besitzen 87 Prozent des Bodens (28
Millionen Hektar), während die Gesamtheit der bäuerlichen
Landbevölkerung gezwungen ist, sich mit den verbleibenden 13 Prozent
(vier Millionen Hektar) zu begnügen.
Die Arbeiterklasse quält ebenfalls Armut, Instabilität und ein gänzlich
von Leid geprägtes Leben. Nur 20 Prozent der bolivianischen
Erwerbstätigen sind gewerkschaftlich organisiert, während 57 Prozent bis
63 Prozent im informellen, ungeschützten Sektor und damit ohne
Arbeitsrechte arbeiten. Ein sicherer Arbeitsvertrag oder irgendeine Form
von Arbeitsplatzgarantie existiert für sie nicht. Der durchschnittliche
Monatsverdienst liegt bei rund 89 US-Dollar - und für Frauen bei nur 59
US-Dollar.
Errungenschaften und Grenzen der Reformen während der vergangenen vier
Jahre MAS-Regierung
Jegliche Versuche, in Bolivien im Rahmen des kapitalistischen Systems
grundlegenden Wandel zu bringen, sind zum Scheitern verurteilt. Die
MAS-Regierung kann Reformen durchbringen, die das Leid der Massen
zeitweilig geringfügig lindern. Sie kann aber nicht die fundamentalen
Probleme namens Armut und Ungleichheit lösen. Unterdessen wird die
rechtsgerichtete Opposition ihre ökonomische, politische und
gesellschaftliche Macht ausschöpfen, um die MAS-Regierung und die
sozialen Bewegungen schonungslos anzugreifen, damit der Boden für ihre
Rückkehr in der Zukunft bereitet ist. Jede Form der Rückkehr der Rechten
bedeutet unweigerlich auch brutale Unterdrückung der sozialen Bewegungen
verbunden mit dem Zurückdrängen der Veränderungen der letzten Jahre. Die
Reorganisierung ihrer Kräfte kann nur verhindert werden, wenn man sich
nach dem Sturz von Großgrundbesitz und Kapitalismus auf die unmittelbare
Antwort darauf vorbereitet.
Es ist nicht zu leugnen, dass Morales und die MAS-Regierung in den
vergangenen vier Jahren für wichtige Errungenschaften stehen. Die
Teilverstaatlichung der Gasindustrie im Mai 2006 unterstellte einen
maßgeblichen Teil der Industrie der staatlichen Kontrolle und ließ die
Steuerabgaben der multinationalen Ölkonzerne auf 82 Prozent ansteigen,
was die staatlichen Einnahmen aus dem Gasgeschäft von 300 Millionen
US-Dollar im Jahr 2005 auf 1,6 Milliarden US-Dollar 2007 ansteigen ließ.
2003 machte die Kohlenwasserstoff verarbeitende Industrie 4,5 Prozent
des BIP aus und bis 2006 ist dieser Anteil auf 14,7 Prozent angestiegen.
Die MAS-Regierung hat die Einahmen dazu genutzt, um die Staatsausgaben
für Sozialprogramme massiv zu steigern. Sie führte ein Jahreseinkommen
ein, das sogenannte Juancito Pinto, das 2008 dafür sorgte, dass 1,8
Millionen Schulkindern Unterstützung zu Teil wurde. Durch die Renta
Dignidad wurde die Zahlung an Sozialleistungen für Menschen über 60
ausgeweitet und die Juana Azurduy sorgte dafür, dass die
Kindersterblichkeit durch die Auszahlung eines Einkommens an schwangere
und stillende Frauen sowie Frauen, die in ärztlicher Behandlung sind und
an einem Programm für vorgeburtliche Planung teilnehmen, zurückging.
Mehr als 1,5 Millionen Menschen kamen in den Genuss des
Alphabetisierungsprogramms Yo Si Puedo, was die Organisation der
Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, UNESCO, 2008
dazu bewog, Bolivien offiziell als „Land ohne Analphabetismus“ zu
erklären. Hinzu kommt, dass die Regierung Programme aufgelegt hat,
Jugendlichen einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen und diejenigen
mit fließendem Wasser zu versorgen, die selbiges bisher entbehren
mussten.
All dies sind begrüßenswerte Errungenschaften, die die Lebensbedingungen
der Bevölkerungsmehrheit verbessert haben und von SozialistInnen zu
unterstützen sind. Dennoch sind auch sie weit davon entfernt, die
allgemeine Armut zu beenden, von der die Menschen in Bolivien weiterhin
betroffen sind. Bezug nehmend auf die regierungseigenen Zahlen, ist die
Armutsrate in den vergangenen vier Jahren zurückgegangen - allerdings
nur um drei Prozent, von 60 Prozent auf jetzt 57 Prozent. Auch die
extreme Armut konnte bekämpft werden - jedoch nur minimal, sodass sie
von 38 Prozent auf 31 Prozent sank.
Die Erfahrung in Venezuela heute zeigt, dass die Reformprogramme
jederzeit umkehrbar sind oder der Gefahr unterliegen, außer Kraft
gesetzt zu werden, wenn diese Reformen nicht verbunden sind mit der
Bekämpfung des Großgrundbesitzes und des Kapitalismus und der Einführung
eines demokratischen und sozialistischen Produktionsplans.
Mehr noch: Wenn die Gewinne und die Einflusssphäre der multinationalen
Konzerne auch zurückgefahren werden konnten, so sind sie immer noch
dabei, Boliviens Naturreserven auszuplündern, enorme Profite außer
Landes zu schaffen und nur einen geringen Teil davon über Steuern und
Abgaben übrig zu lassen - und umgekehrt weiterhin für erhebliches Leiden
zu sorgen. Nirgends wird dies deutlicher als in den Minen. Von 2006 bis
2009 haben die multinationalen Bergbaukonzerne nachweislich 4,4
Milliarden US-Dollar an Profiten aus Bolivien rausgeholt (die Regierung
nimmt an, dass die wirkliche Zahl einschließlich der illegalen Ausfuhren
tatsächlich bei rund acht Milliarden US-Dollar anzusetzen ist). Im
selben Zeitraum zahlten diese Konzerne erbärmliche 220 Millionen
US-Dollar an Steuern an den bolivianischen Staat, rund fünf Prozent der
nachweisbaren Profite.
Morales und die MAS-Regierung haben für positive Veränderungen gesorgt.
Aber sie haben Halt gemacht, lang bevor es zu revolutionären
Veränderungen gekommen ist, die nötig sind, um die massiven systemischen
Probleme zu überwinden, denen die Mehrheit der bolivianischen
Bevölkerung ausgesetzt ist.
Unnachgiebige Rechts-Opposition trotz demokratischer Unterstützung für
Morales
Während Morales und die MAS-Regierung moderate Reformprogramme
durchgeführt haben, hat die rechte Opposition sie jedes Mal böse zu
bekämpfen versucht. Sie hat die unter ihrer Kontrolle befindlichen
Kommunikationsmittel benutzt, um zu versuchen die MAS-Regierung mit
Lügen und der Verzerrung der Wirklichkeit nieder zu ringen. Sie hat ihre
Mehrheit im Senat dazu benutzt, um fortschrittliche Gesetzte zu
blockieren und ihre ökonomische Kontrolle über die Industrie, um
Aussperrungen zu organisieren, Straßen zu blockieren und die Preise für
Waren des Grundbedarfs anzuheben. Schließlich hat sie auch noch unter
dem Deckmantel eines Kampfes für Autonomie eine separatistische Bewegung
organisiert und bewaffnete, gewalttätige „Stoßtrupps“ aufgestellt.
Je mehr die MAS-Regierung klargestellt hat, dass sie die Unterstützung
der überwältigenden Mehrheit hat, desto aggressiver wurde die
Rechts-Opposition. Im August und September 2008, nur ein paar Wochen
nachdem Morales in einem Referendum 67 Prozent an Unterstützung erhalten
hatte, erreichte das seinen Höhepunkt. Die Opposition organisierte eine
gewaltbereite Sezessionsbewegung, übernahm die staatlichen Institutionen
und Gasreserven in den an Öl und Ressourcen reichen östlichen
Landesteilen und metzelte derweil schätzungsweise 20 unbewaffnete
indigene Bäuerinnen und Bauern im Bundesstaat Pando nieder.
Die sich als konstant und entschlossen erweisende rechte Opposition ist
trotz der Tatsache auf den Plan getreten, dass Morales und die
MAS-Regierung eine nicht konfrontative Gangart gewählt haben, von der
sie sich weiterhin erhoffen, dass sie es ihnen ermöglichen wird, eine
„friedliche und demokratische Kulturrevolution“ durchzuführen. Fakt ist,
dass die MAS-Regierung für eine Atmosphäre wirtschaftlicher und
politischer Stabilität gesorgt hat, von der niemand zu träumen gewagt
hätte, als die neoliberalen Regierungen die Kontrolle ausübten. Selbst
der IWF hat die Regierung Morales dafür gelobt, 2008 die höchste
Wachstumsrate in ganz Lateinamerika erreicht zu haben - eine Leistung,
die in einem Umfang von 2,8 Prozent auch für 2009 erwartet wird.
In Wirklichkeit weiß die kapitalistische Klasse, dass die MAS-Regierung
an und für sich keine ernsthafte Bedrohung für das System darstellt. Ihr
Widerstand resultiert aus einer Sterbensangst, dass Morales und die
MAS-Regierung durch positive Veränderungen auf Grundlage von
Verstaatlichungen und unter Einsatz einer sozialistischen Rhetorik die
Massen inspirieren könnten, dass ihnen die Situation außer Kontrolle
gerät und die moderaten Reformprogramme dazu führen, dass sich eine
flügge werdende revolutionär-sozialistische Bewegung entwickelt. Wenn
die MAS-Regierung eine ernsthafte Bedrohung für die kapitalistische
Klasse darstellte, würde letztere alles in ihrer Macht Stehende tun, um
sich dagegen zu wehren. Ganz egal, wie viel an demokratischer
Unterstützung Morales und die MAS genießen.
Lehren aus „Chile 1973“ und dem Venezuela unter Hugo Chávez
Aus der tragischen Erfahrung der Volksfront-Regierung Salvador Allendes
von 1970 bis 1973 in Chile können die bolivianischen Massen wichtige
Schlüsse für heute ziehen. Auch Allende genoss demokratische
Unterstützung und setzte ein Programm von Verstaatlichungen und
Landreformen durch, wenn auch in weit größerem Umfang. Wie Morales
sprach auch Allende von einer „friedlichen, demokratischen Revolution“
und glaubte - ungeachtet bösartiger Attacken, die kapitalistische
Opposition würde sein demokratisches Mandat letztendlich anerkennen.
Diesen Illusionen blieb er bis zum bitteren Ende verhaftet. Sogar noch,
als Teile des Militärs ihn warnten, es gäbe Pläne für einen Putsch, und
500.000 ArbeiterInnen und Bäuerinnen in Richtung Präsidentenpalast
marschierten und Waffen zur Verteidigung ihrer Revolution und der
Allende-Regierung verlangten. Am 11. September führte Armeegeneral
Agosto Pinochet einen Militärputsch an, ließ erst den Präsidentenpalast
unter Beschuss nehmen, ermordete Allende und hetzte dann die
mordlüsterne Reaktion auf soziale Bewegungen und die Armen. Wie zu viele
andere in Lateinamerika war auch diese „friedliche und demokratische
Revolution“ beendet, mit der Ermordung und dem Verschwinden Tausender
und der Folter jeder/s zehnten ChilenIn, so Schätzungen. Leo Trotzki
würde gesagt haben, die Pinochet-Diktatur war, wie viele andere
reaktionäre Diktaturen, der Preis, der von der Arbeiterklasse dafür
bezahlt werden musste, dass man die Macht aufgrund einer falschen
Politik der Führung nicht übernommen hatte, als die Möglichkeit dazu
bestand.
Die bolivianischen Massen sollten auch aus dem komplexen Prozess, wie er
sich in diesem Moment in Venezuela darstellt, ihre Lehren ziehen.
Nachdem sie eine Reihe von Veränderungen eingeleitet hat, die ganz im
Sinne der Massen sind, und eine ganze Serie von Angriffen seitens der
kapitalistischen Opposition (darunter auch ein Putschversuch im Jahr
2002) vereitelt hat, sieht sich die Regierung Hugo Chávez, die jetzt
über 10 Jahre im Amt ist, einer ganzen Reihe von Hürden und
Widersprüchen gegenüber. Diese rühren aus dem Unwillen, mit dem
Kapitalismus brechen zu wollen. Die Wirtschaftskrise und der Fall der
internationalen Ölpreise haben den Programmen von Chávez, die für die
Armen gestrickt wurden, die Basis entrissen. Unterdessen sind Inflation
und Kriminalität außer Kontrolle geraten. Das von oben herab Regieren
eines Hugo Chávez hat den Grundstock gelegt für die Entwicklung einer
Bürokratie, die zunehmend zum Hemmschuh für seine „Bolivarianische
Revolution“ geworden ist. Es ist eine „Boli-Bourgeoisie“ entstanden, die
aufgrund ihrer Kontakte in Regierungskreise und des Geldflusses nach
Venezuela aus dem Ölgeschäft unheimlich reich geworden ist. Getoppt wird
dies dadurch, dass der Kapitalismus und die Armut und Ungleichheit, die
damit einhergehen, in Venezuela weiterhin und lebhaft Bestand haben.
Hinzu kommt, dass Chávez eine Reihe von politischen Fehltritten
vorzuweisen hat. So etwa sein gescheiterter Versuch die Verfassung zu
ändern, um seine neuerliche Wiederwahl möglich zu machen. Zudem sind
sämtliche dafür nötigen Voraussetzungen vorhanden, um von weit
verbreiteter Frustration und Desillusionierung unter den Massen und der
zurückgekehrten Gefahr durch eine Rechts-Opposition sprechen zu können,
die vor wenigen Jahren noch vielen unmöglich erschien. Für eine tiefer
gehende Analyse zu Venezuela siehe: A
New Phase and Greater Dangers.
Ohne unabhängige Schritte der sozialen Bewegungen in Bolivien, die zum
Bruch mit dem Kapitalismus und dem Beginn des Sozialismus führen, wird
Evo Morales und die MAS-Regierung ein ähnliches Schicksal wie in Chile
1973 oder in Venezuela heute ereilen.
Der Ansatz der MAS: eine pluralistische Ökonomie
Während die alternativlose Notwendigkeit und auch die massenhafte
Unterstützung für fundamentalen sozialistischen Wandel mehr als deutlich
sind, haben Morales und die MAS-Regierung darin versagt, dahingehende
durchgreifende Schritte zu unternehmen. Einer politischen Ideologie
namens „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ folgend, die auch von anderen
linksgerichteten Regierungen in Lateinamerika - wie etwa der von Hugo
Chávez in Venezuela und Rafael Correa in Ecuador verfolgt wird - hoffen
sie, das aufzubauen, was sie „einen plurinationalen Staat und eine
pluralistische Ökonomie“ nennen.
„Plurinationaler Staat und pluralistische Ökonomie“ meint, dass der
Versuch unternommen wird, einen Staat zu kreieren, der allen indigenen
Gemeinschaften zum ersten Male volle Rechte und Selbstbestimmung
einräumt. Ökonomisch wird dabei angestrebt, eine sozialistische
Wirtschaft (basierend auf der Verstaatlichung strategisch wichtiger
Industrien) mit einer kapitalistischen Wirtschaft (basierend auf
Privatbesitz) und einer indigenen Wirtschaft (basierend auf
Gemeindebesitz des Landes der Indigenen) zu kombinieren. Im Programm der
MAS für die Zeitspanne von 2010 bis 2015 ist ausgeführt: „Mit dem Modell
der pluralistischen Ökonomie wird der Staat verfassungsgemäß damit
beauftragt, aktiv in den Markt einzugreifen und die Wirtschaft zu
steuern [...], um die gleiche Verteilung des Reichtums zu realisieren
[...]“. Dann folgt jedoch die Erklärung, wonach „der Staat private und
ökonomische Aktivitäten fördert, Impulse und rechtliche Sicherheit gibt,
die zum Wachstum des Landes beitragen.“
Im Folgenden erklärt das Programm detailliert einen ambitionierten Plan
zur Nutzung der Ressourcen durch Verstaatlichung der
Kohlenwasserstoffindustrie, um einen „großen Sprung im Industriebereich”
zu machen. Zuerst im Bereich der Kohlenwasserstoffindustrie und danach -
neben anderen - beim Lithium, Baustoffen, Bergbau, Landwirtschaft und
der Petrochemie. Für die Ressourcen, die durch die Industrialisierung
frei werden, haben Morales und die MAS-Regierung ähnlich detaillierte
und ambitionierte Pläne zur Ausweitung der im Sinne der Armen
ausgerichteten Sozialprogramme, wobei sie nahezu jeden Aspekt, der die
bolivianische Gesellschaft betrifft, anschneiden: Bildung, Gesundheit,
Wohnungsbau, Beschäftigung, Wasser, Elektrizität, Gas etc. Indem sie
fast exakt dieselben Worte benutzen wie Salvador Allende, hoffen Morales
und die MAS-Regierung damit eine „demokratische und friedliche
Kulturrevolution“ zu kreieren.
Friedfertige Koexistenz von Kapitalismus und Sozialismus ist unmöglich
Während oberflächlich das Versprechen einer demokratischen und
friedlichen Revolution gegeben wird, kann ein Programm, das auf der
friedlichen Existenz von Kapitalismus und Sozialismus basiert, nicht
erfolgreich sein. Ruchlose Angriffe - politische, ökonomische und
gewalttätige - werden letztendlich zum Kollaps der sozialen Bewegungen
führen, wenn sie nicht damit beginnen, revolutionären Maßnahmen zu
ergreifen. Hinzu kommt, dass moderate Reformen oder eine teilweise
Kontrolle über die Wirtschaft nicht genug Reichtum schaffen können, um
die Mehrheit der Bevölkerung aus der Armut zu holen. Das gilt
insbesondere für neokoloniale Länder wie Bolivien, wo halbfeudale
Strukturen auf dem Land und extreme Armut und Ungleichheit vorherrschen. Dies
gilt insbesondere im Kontext der Weltwirtschaftskrise, welche die Preise
von Erdgas und anderen Bodenschätzen, deren Verkauf 75-80% des
bolivianischen Staatseinkommens ausmacht, in den Keller fallen ließ
Eine wahrhafte Lösung der Probleme in Bolivien und eine realistische
Strategie zur Abwehr der rechten Opposition kann nur in der
Mobilisierung der sozialen Bewegungen, der Überwindung des Kapitalismus
und dem Aufbau eines sozialistischen Boliviens liegen.
Für ein sofortiges Ende des Großgrundbesitzer-Systems und demokratische
Kontrolle über das Land!
Zuerst sollten die sozialen Bewegungen mobilisieren, um das System des
Großgrundbesitzes ein für allemal zu beenden. Die Organisationen der
indigenen Bäuerinnen und Bauern - die am besten organisierten und
schlagkräftigsten Kräfte im ganzen Land - sollten das Land besetzen und
es unter die demokratische Kontrolle der indigenen bäuerlichen
Bevölkerung stellen.
Mittels einer sozialistischen Wirtschaft, basierend auf der
demokratischen Kontrolle über den Boden, können wir dieses kranke System
beenden, das Profit vor den Menschen stellt. Indigene Bäuerinnen und
Bauern können mit der gesamten Bevölkerung zusammenarbeiten, um einen
Plan auszuarbeiten, wie das reiche Land genutzt werden muss, um genug
Lebensmittel zu produzieren und zu verteilen, damit die Bedürfnisse der
Gesamtbevölkerung befriedigt werden.
Für demokratische Kontrolle durch ArbeiterInnen und die Gemeinschaften
über die Wirtschaft Boliviens
Auch der Jahrhunderte währende Diebstahl bolivianischer Rohstoffe, der
mit den spanischen Kolonisatoren begann und mit den multinationalen
Konzernen heute weitergeht, muss beendet werden. ArbeiterInnen und
GewerkschafterInnen sollten ihre Kräfte mobilisieren, um die Industrien
zu besetzen, die sich heute noch im Besitz der multinationalen Konzerne
und der elitären Geschäftswelt befinden und diese unter demokratische
Kontrolle durch ArbeiterInnen und die Gemeinschaften und Gemeinden
stellen, damit die Menschen in Bolivien entscheiden können, wie die
Ressourcen genutzt werden können und ihre Leben gesichert sind.
Damit die Menschen in Bolivien in den Genuss der Früchte des Reichtums
ihres Landes kommen, müssen die ArbeiterInnen in den verarbeitenden,
Bau-, Kommunikations-, Finanz-, Banken-, Transport-, Elektrizitäts-,
Gas- und Wasserbranchen die Macht haben, die Produktion gemeinsam mit
den Gemeinden demokratisch planen zu können. Diese müssen in die Lage
versetzt werden, ihren Bedarf auf demokratische Weise ausdrücken zu
können. Nur auf der Basis einer sozialistischen Ökonomie ist es möglich,
sich verarmte Gemeinden von ArbeiterInnen und indigenen Bäuerinnen und
Bauern in Bolivien vorzustellen, die in den Genuss kommen,
uneingeschränkten Zugang zu Lebensmitteln, Wohnraum, Bildung,
Gesundheitsversorgung und sämtlichen Leistungen des Grundbedarfs zu
haben.
Für ein sozialistisches Bolivien als ersten Schritt in Richtung einer
sozialistischen Konföderation der lateinamerikanischen Staaten
Beginnend mit dem „Cochabamba Wasser-Krieg“ und in Folge dessen mit dem
„Gas-Krieg“ und der Wahl von Evo Morales haben sich die bolivianischen
Massen wieder und wieder an die Spitze des globalen Kampfes gegen
Imperialismus, Neoliberalismus und das kapitalistische System an sich
gestellt.
Mit dem Erdrutschsieg von Evo Morales und der MAS-Regierung bei den
Wahlen vom 6. Dezember haben die sozialen Bewegungen einen weiteren
begeisternden Sieg errungen, den nicht nur die ArbeiterInnen, die
indigenen Bäuerinnen und Bauern und die Armen in Bolivien, sondern auch
in ganz Lateinamerika und sogar im Weltmaßstab miteinander teilen.
Weltweit wird hunderten Millionen zunehmend klar, dass es sich beim
Kapitalismus um ein gescheitertes System handelt, dass ersetzt werden
muss. Doch bis jetzt haben sie keine konkrete Alternative gefunden. Als
Speerspitze im globalen Kampf gegen den Kapitalismus, haben die
bolivianischen Massen die Möglichkeit, für eben diese Alternative zu
sorgen, die darin besteht, den Kapitalismus zu überwinden und einen
ehrlichen Sozialismus einzuführen.
Ein sozialistisches Bolivien kann für sich allein genommen allerdings
nicht überleben. Ein bewusster Appell muss an ArbeiterInnen, arme
Bäuerinnen und Bauern sowie die unterdrückten Massen in ganz
Lateinamerika und der Welt gerichtet werden, dem Beispiel zu folgen, den
Kapitalismus zu Fall zu bringen und den Sozialismus in ihren eigenen
Ländern aufzubauen. Erster Schritt dahin sollte sein, eine
demokratisch-sozialistische Föderation zwischen Bolivien, Venezuela,
Kuba und Ecuador zu etablieren, deren Staatsführer behaupten, den
Sozialismus aufzubauen. Ein solcher Schritt würde es den
Volkswirtschaften dieser Länder erlauben, miteinander verbunden und
demokratisch geplant zu sein und damit ein Beispiel für ganz
Lateinamerika abzugeben.
Nur auf Basis einer globalen sozialistischen Revolution, die den enormen
naturgegebenen Reichtum und das Produktionspotential dieser Welt unter
die demokratische Kontrolle der ArbeiterInnen, Bäuerinnen und Bauern und
der „einfachen“ Menschen stellt, können wir den Bedürfnissen der ganzen
Bevölkerung gerecht werden und die gravierenden Probleme lösen, mit
denen die menschliche Gesellschaft aktuell konfrontiert ist. Indem wir
so vorgehen, wird die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung zum ersten
Mal vom animalischen Kampf ums Überleben befreit und in die Lage
versetzt sein, ein würdiges Leben in einer wahrhaft menschlichen
Gesellschaft zu führen.
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