Armee entführt ehemaligen Präsidentschaftskandidaten
[Druckversion] Thema: Asien, veröffentlicht: 15.02.2010
Über Polizeigewalt und Widerstand auf Sri Lanka
Am 8. Februar drang Militär in ein Treffen ein, bei dem Sarath
Fonseka, der führende Oppositionskandidat bei den Präsidentschaftswahlen
vom 26. Januar, mit Oppositionspolitikern über eine Anfechtung des
Wahlergebnisses beriet. Fonseka erklärte, dass eine Verhaftung nur durch
die Polizei vorgenommen werden könne, und weigerte sich mitzugehen.
Darauf wurde er geschlagen und herausgeschleift. Sein Aufenthalt ist
noch unklar. Zwei Stunden nach der Entführung drang Militär in Fonsekas
Haus ein, bedrohte seine Frau, lehnte es aber ab, für ihn Medikamente
mitzunehmen, die er dringend benötigt.
von Wolfram Klein
Die Ereignisse seit den Wahlen bestätigen alle Warnungen, die die
SAV-Schwesterorganisation Vereinigte Sozialistische Partei (USP) im
Wahlkampf ausgesprochen hat. Dabei ist Fonseka keineswegs ein
Außenseiter des Establishments. Im jahrelangen blutigen Bürgerkrieg
gegen die Tamilentiger (LTTE) war er der Chef der Armee und legte dieses
Amt erst nieder, als er vor wenigen Wochen seine Kandidatur bekannt gab.
Er wurde im Wahlkampf von der größten Oppositionspartei UNP (Vereinigte
Nationale Partei), der singhalesisch-chauvinistischen JVP
(Volksbefreiungsfront) und den meisten VertreterInnen der muslimischen
und tamilischen Minderheit unterstützt. Da er ein bürgerlicher Politiker
ist und Hand in Hand mit Präsident Rajapakse den Bürgerkrieg gegen die
LTTE geführt hat, warnte die USP im Wahlkampf, die Alternative zwischen
Rajapakse und Fonseka sei „die Wahl zwischen Machete und Axt“. Trotzdem
kann SozialistInnen die Entführung Fonsekas nicht gleichgültig sein.
Siritunga Jayasuriya, genannt Siri, der Kandidat der USP bei den
Präsidentschaftswahlen erklärte: „Wenn sie das mit Fonseka machen
können, zwei Wochen nachdem er vier Millionen Stimmen bei der
Präsidentschaftswahl bekam, dann ist niemand sicher!“ Offenbar ist ein
Ziel Rajapakses, für die im April geplanten Parlamentswahlen eine
gefügige Mehrheit herbeizuterrorisieren.
Präsidentschaftswahlkampf
Im Wahlkampf hat Rajapakse den Staatsapparat massiv als
Wahlkampfmaschine für sich missbraucht. Unter anderem tauchten rund eine
Million gefälschte Wahlzettel auf, auf denen den KandidatInnen falsche
Parteisymbole zugeordnet waren. Wegen dem Analphabetismus sind diese
Symbole für die WählerInnen sehr wichtig, um sich zu orientieren. Aber
auf diesen Zetteln war Fonsekas Symbol ein Adler statt einem Schwan.
Hinter Mohomad Cassim von der „Demokratischen Vereinigten Nationalen
Front“ stand die Fahrradrikscha, das Symbol der USP (mehrere führende
USP-Mitglieder verdienen ihren Lebensunterhalt als
Fahradrikscha-Fahrer), während hinter dem USP-Kandidaten ein
Schmetterling abgebildet war. Solche Verwirrungsmethoden gehörten neben
der Einschüchterung von politischen GegnerInnen zu den Mitteln, mit
denen Rajapakse wiedergewählt wurde.
Bereits in den vergangenen Jahren wurden mehrere (meist tamilische)
Oppositionspolitiker und Journalisten ermordet oder „verschwanden“. Die
Täter kamen oft in weißen Lieferwagen, die zum Symbol für den
stattlichen Terror wurden, und blieben von Polizei und Justiz
unbehelligt. Die USP und Siri, gegen den es in den letzten Jahren
mehrere Morddrohungen gab, haben mehrere Initiativen ergriffen, um der
staatlichen Einschüchterung entgegen zu treten. Sie gründete mit anderen
eine Zivile Überwachungskommission (Civil Monitoring Commission), die
versuchte, solche Fälle aufzuklären, und die „Plattform für Freiheit“.
Für diese Initiative sprach selbst der Chef der bürgerlichen UNP Siri
seine Anerkennung aus.
Die USP hat offensiv in allen Landesteilen Wahlkampf gemacht.
Flugblätter wurden z.B. an Bahnhöfen an Pendler verteilt, Plakate
geklebt und Veranstaltungen an Straßenkreuzungen organisiert. Siri
reiste dazu im ganzen Land umher und hatte sogar im Dschungel einen
Autounfall mit einem Wildschwein. Die USP war Mitorganisatorin einer
Kundgebung am 22. Januar mit Hunderten TeilnehmerInnen für die
Freilassung politischer Gefangener (über 200 Gefangene, die teils seit
über vier Jahren auf ihren Prozess warten, sind im Hungerstreik) und
einer Kundgebung von mehreren Hundert GewerkschafterInnen, KünstlerInnen
und AktivistInnen gegen den Missbrauch der staatlichen Medien für
Rajapakses Wahlkampf. Mit 8352 Stimmen erhielt Siri das beste Ergebnis
von allen irgendwie als links zu betrachtenden KandidatInnen.
Seit den Wahlen
Am Wahlabend wurde Fonseka vom Militär faktisch in seinem Hotel
festgesetzt. Rajapakse erhob die unglaublichsten Vorwürfe gegen ihn,
unter anderem die Planung eines Militärputsches. Wer glaubt, dass ein
Armeechef, wenn er einen Putsch machen will, dazu sein Amt niederlegt
und zu Wahlen antritt??? Führende Militärs, die Fonseka nahe standen,
wurden festgenommen, ebenso wie Journalisten und politische Aktivisten.
Am Tag nach der Entführung gab es eine Pressekonferenz von
Oppositionsparteien, an der auch Siri teilnahm. Für den folgenden Mittag
wurde eine Protestkundgebung in Colombo als Auftakt des Protestes
angekündigt.
An dieser Kundgebung vor dem Obersten Gericht nahmen 5.000 Menschen
teil. Eine kleine regierungstreue Gegendemo griff die Demonstrierenden
an. Die Polizei nahm das zum Vorwand, die Demonstration mit
Wasserwerfern und Tränengas zu zerstreuen. Siri wurde von einem
Tränengasbehälter am Kopf getroffen und verlor vorübergehend das
Bewusstsein, erholte sich aber schnell wieder.
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