Kritik an Tarifeinigung im Berliner Öffentlichen Dienst
[Druckversion] Thema: Öffentlicher Dienst, "DIE LINKE.", Berlin, veröffentlicht: 03.03.2010
Mitglieder der Partei DIE LINKE melden sich zu Wort
Wir dokumentieren hier eine Erklärung von Berliner Mitgliedern der
Partei DIE LINKE zur Tarifeinigung im Berliner Öffentlichen Dienst:
Tarifeinigung im Berliner Öffentlichen Dienst: "Tarifperspektive“
oder weitere sieben Jahre Lohnabsenkung?
In der aktuellen Tarifrunde für die öffentlichen Bediensteten des Bundes
und der Kommunen steht die Bundespartei DIE LINKE mit
Solidaritätserklärungen und Aktionen an der Seite der Gewerkschaften und
der Beschäftigten.
Das ist gut so, aber die Frage, die sich uns in Berlin aufdrängt, lautet:
Gilt das nur, solange DIE LINKE nicht in der Regierung sitzt ?
In Berlin hat sich der Landesparteitag der Partei DIE LINKE Ende
November 2009 für eine spürbare „Einkommensverbesserung in allen
Bereichen, mehr Beschäftigung und Beschäftigungssicherung“
ausgesprochen. Das Tarifergebnis sieht völlig anders aus.
Für LINKE-Landeschef Lederer ist die erzielte „Tarifperspektive“ „ein
gutes Zeichen für die Beschäftigten“.
Das dürften viele der ca. 50.000 Landesbediensteten nach Betrachtung des
Ergebnisses anders sehen:
* Im Mittelpunkt stehen eine eineinhalbjährige Nullrunde bis August
2011, ab dann sollen die Bezüge auf 97 % des Niveaus der
Tarifgemeinschaft der Länder (TdL) angehoben werden, erst nach sieben
Jahren - Ende 2017 (!) - sollen auch in Berlin 100 % des TdL-Niveaus
gezahlt werden.
* Während das Land Berlin „beabsichtigt“ bis zum 31.12.2011 wieder
Mitglied der TdL zu werden, gilt für ver.di, GEW, GdP und IG BAU bis zu
diesem Zeitpunkt die Friedenspflicht.
* Ab August 2011 beträgt die Wochenarbeitszeit in ganz Berlin 39
Stunden. Damit wird zum einen die Arbeitszeitverkürzung aus dem Jahr
2003 von 40 (Ost) bzw. 38,5 (West) auf 33,88 bzw. 36,8 Stunden
rückgängig gemacht und zusätzlich die Arbeitszeit für die
Westbeschäftigten um eine halbe Stunde auf 39 Stunden ohne Lohnausgleich
verlängert. Allein die halbe Stunde Mehrarbeit entspricht einer
Nominallohnsenkung von knapp 1,3 %.
Mit der Verlängerung der Arbeitszeiten droht massiver Stellenabbau.
Bereits im Doppelhaushalt 2010/2011 ist die Vernichtung von 8000 Stellen
vorgesehen.
* Zehntausende Beamtinnen und Beamte gehen komplett leer aus und
bekommen auf absehbare Zeit keine Lohnerhöhung.
*Ebenfalls ab August 2011 gilt die Unkündbarkeit auch im Osten von
Berlin.
Erinnern wir uns an 2003:
Nach dem Austritt Berlins aus dem Kommunalen Arbeitgeberverband und der
folgenden Tarifauseinandersetzung kam es nach einem Spitzengespräch
zwischen ver.di-Chef Bsirske und dem Regierenden Bürgermeister Wowereit
zum so genannten „Solidarpakt“ (Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich
beim Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 2009), der den
Beschäftigten dramatische Einkommensverluste von 8 – 12 % bescherte.
Anschließend erklärte Bsirske:
„Am Ende seiner Laufzeit , also 2009, wird „Geld gegen Freizeit“
automatisch wieder zurückgetauscht, also „Zeit gegen Geld“.
Davon ist nun keine Rede mehr, im Kern müssen sich die
Landesbeschäftigten die Zusagen von 2003 bzw. diesbezügliche
Absichtserklärungen des Senats mit einer erneuten Nullrunde „erkaufen“ !
Darüber hinaus droht mit einer erneuten Arbeitszeitverlängerung die
Vernichtung von Stellen. Und das vor dem Hintergrund, dass seit 1991 in
Berlin 100.000 Stellen im Öffentlichen Dienst abgebaut bzw.
ausgegliedert wurden. Viele KollegInnen sind bereits jetzt stark
überlastet. Der erhebliche Personalmangel hat schon jetzt zur Folge,
dass Berliner und Berlinerinnen in einigen Bezirken beispielsweise mehr
als fünf Monate auf ihr Wohngeld warten müssen.
Wir rufen die KollegInnen auf, bei der von den Gewerkschaften
durchgeführten Mitgliederbefragungen mit Nein zu stimmen und fordern von
der Berliner LINKE-Führung sich endlich auf die Seite der Kolleginnen
und Kollegen zu stellen und gegen Stellenabbau und Lohnverzicht im
Öffentlichen Dienst zu kämpfen.
Die mittelfristige Finanzplanung des Landes Berlin sieht bis 2020 einen
ausgeglichenen Haushalt vor und damit keine Netto-Neuverschuldung mehr.
Um das zu erreichen, sind schon nach den bisherigen Planungen – also
ohne Einkalkulierung der dramatischen Folgen der Wirtschafts- und
Finanzkrise (sinkende Steuereinnahmen, steigende Sozialausgaben) –
Kürzungen bei den so genannten „Primärausgaben“ (alle Kosten abzüglich
Schuldendienst, also vor allem Personalkosten) vorgesehen. Der
Doppelhaushalt 2010/2011 sieht so bereits einen weiteren Abbau von 8000
Stellen vor.
Anders formuliert:
Der Berliner Haushalt ist mit oder ohne vernünftige Bezahlung der
öffentlichen Bediensteten absehbar nicht „konsolidierbar“, wenn das Geld
nicht dort geholt wird, wo es sich befindet: bei den Reichen und
Konzernchefs.
Man muss also kein Prophet oder Schwarzseher sein, um weitere Angriffe
auf die Beschäftigten zu erwarten, etwa die Abpressung eines weiteren
„Solidarpaktes“ mit der Drohung betriebsbedingter Kündigungen.
Weitere „Nullrunden“ sind nicht nur unzumutbar für die Beschäftigten,
sondern beschädigen auch die Glaubwürdigkeit des gesamten, bundesweiten
Projekts DIE LINKE.
Wie sollen unsere GenossInnen im Rest der Republik Länderfinanzministern
und kommunalen Kämmerern, die den (vermeintlichen) Sachzwang der „leeren
Kassen“ wie eine Monstranz vor sich hertragen, plausibel entgegen
treten, wenn die eigenen Leute in Berlin genau mit diesem Argument immer
wieder Lohnzurückhaltung predigen ?
Die Interessen der beschäftigten wie erwerbslosen LohnarbeiterInnen
werden aber nicht durch mehr oder weniger kluge
Regierungs-/Koalitionstaktik entschieden, sondern in den Klassenkämpfen
selbst.
Die LINKE muss sich auch in Berlin endlich entscheiden, auf welcher
Seite sie in diesen Kämpfen steht, weshalb eine Diskussion über den
Ausstieg aus der Berliner Landesregierung in der Partei auf die
Tagesordnung gehört. Das Tarifergebnis ist für uns genauso wie die
geplante Teilausschreibung der Berliner S-Bahn ein erneuter Beleg dafür,
dass DIE LINKE in der Regierung mit der unsozialen SPD nicht die
Interessen von Erwerbslosen, Beschäftigten und Jugendlichen durchsetzen
kann, sondern sich für den Sozialabbau mitverantwortlich macht und den
Widerstand gegen die Politik der Regierung schwächt.
Gerade in der Krise ist es die Aufgabe der LINKEN für
Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich zu kämpfen, um zu
verhindern, dass Stellen abgebaut werden und damit neue Stellen
geschaffen werden können.
Unterzeichnende:
Angelika Teweleit, Mitglied Bezirksverband Berlin-Neukölln und
Sprecherin für Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di
Anne Engelhardt, Bezirksverordnete Berlin-Mitte Fraktion DIE LINKE
Jens Carlberg, Mitglied Bezirksverband
Berlin-Charlottenburg-Wilmersdorf
Michael Schilwa, Mitglied Bezirksverband
Berlin-Tempelhof-Schöneberg
Monika Merk, Sprecherin LINKE-Spandau
Viktor Frohmiller, Mitglied Bezirksverband Berlin-Neukölln und
Jugend- und Auszubildendenvertreter bei der BVG (in eigener Person)
Piotr Luczak, Mitglied Bezirksverband Berlin-Spandau
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