Klimacasino schließen!
[Druckversion] Thema: Debatte, Solidarität 89, Umwelt, veröffentlicht: 24.04.2010
Mit Hilfe des Marktes?
Hintergrund: Bonner Klimagipfel im Juni 2010
Der Weltklimagipfel in Kopenhagen im Dezember letzten Jahres vereinbarte
das Ziel, den Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.
Selbst dann würden, so die Weltbank, neue und turbulentere
Wetterbedingungen die Folge sein. Schon bei 1,5 Grad Erwärmung der
Atmosphäre wären viele Arten und Lebensräume direkt bedroht.
Aber nicht einmal auf die angestrebte Beschränkung der
Temperaturerhöhung können sich die Herrschenden verbindlich festlegen,
geschweige denn konkrete Maßnahmen zur Reduzierung des
Kohlendioxidausstoßes in die Wege leiten. Der Klimagipfel der Vereinten
Nationen in Kopenhagen war nichts als heiße Luft. Sogar das Wall Street
Journal konstatierte, dass die Zusammenkunft endete, wie sie begann,
nicht zuletzt weil China und die USA „nicht ihre globale
Wettbewerbsfähigkeit dem Wohle der Umwelt opfern wollen, erst Recht
nicht während einer Rezession.“ Nach Ablauf der beim Gipfel gesetzten
Frist zur Meldung der Ziele beziehungsweise Aktionspläne erklärten nur
56 von 194 Unterzeichnerstaaten der UN-Klimarahmenkonvention ihre
Unterstützung zum so genannten „Copenhagen Accord“. 36 Industriestaaten
stellten konkrete Klimagasreduktionen in Aussicht. „Dabei wiederholten
fast alle lediglich Ankündigungen, die sie schon vor Kopenhagen gemacht
hatten“, so der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am 2.
Februar.
Der nächste Klimagipfel steht uns im Juni ins Haus – dieser findet in
Bonn statt. Diesen Termin müssen wir uns im Kalender rot markieren.
Nicht um die Worthülsen und die grinsenden Regierungsvertreter auf den
Pressefotos vom Bonner Hofgarten oder sonstwo abzuwarten. Nein, um an
die internationale Großdemonstration von 100.000 Menschen in Kopenhagen
anzuknüpfen und den Widerstand gegen die Klimakiller zu intensivieren.
pro
Simon Kuchinke, Erfurt, Mitglied im Bundesvorstand der Grünen Jugend
Wir stecken mittendrin, im Klimawandel. Das zeigten jüngst die Bilder
aus Haiti. Unsere Umwelt wird ausgebeutet, wir verweigern uns unserer
ökologischen Verantwortung. Hier gilt leider das Prinzip: „Die
Wirtschaft befriedigt Bedürfnisse auf Kosten der Umwelt.“ Unternehmungen
gegen dieses skandalöse Verhalten scheitern, denn die Umwelt hat zu
wenig Lobby.
Auch der Verbraucher merkt beim Kauf eines Produkts zunächst nicht, dass
er für die Umweltschäden aufkommen muss. Was tun, wenn sich der
Schuldige nicht findet? – Väterchen Staat übernimmt die Kosten. Diese
schleichende Ungerechtigkeit muss beendet werden. Unternehmen müssen
haftbar und für die von ihnen verursachte Umweltverschmutzung zur
Verantwortung gezogen werden.
Wir leben im Hier und Jetzt und trotzdem müssen wir vorausschauen, damit
auch für zukünftige Generationen das Leben auf unserem Planeten noch
möglich ist. Das funktioniert nur mit einem nachhaltigen Umgang mit
unseren Ressourcen, denn die sind endlich. Der Staat muss handeln und
das blinde Wachstum stoppen.
Das Zeitalter der erneuerbaren Energien hat längst begonnen. Die
Konzepte für die Nutzung von Wind, Wasser, Sonne, Biomasse und
Geothermie liegen auf dem Tisch. Wir könnten statt heute zehn Prozent
bis 2050 sogar 100 Prozent unseres gesamten Energiebedarfs mit diesen
Energien decken. Zum Beispiel in der Solarwirtschaft arbeiten heute
schon mehr Menschen als in der Erdöl-, Erdgas- und Kohleindustrie.
Aber, was nutzt ein riesengroßer Staudamm in China oder ein gigantischer
Windpark in der Sahara? Erneuerbare Energien müssen dezentral zum
Einsatz kommen. Nur das stärkt ländliche Regionen, schafft neue
Arbeitsplätze und fördert zudem kommunale Strukturen.
Das Credo der Marktwirtschaft ist freier Wettbewerb, dieser ist jedoch
bei einem Blick auf den Strommarkt nicht vorhanden. Es ist ein Skandal,
dass RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall nicht nur 80 Prozent unseres Stromes
erzeugen, sondern dass sie zudem auch noch 100 Prozent des gesamten
deutschen Stromnetzes besitzen. Dieses Oligopol muss zerschlagen werden.
Die Netze gehören in öffentliche Hand, damit auch kleine und ökologisch
orientierte Stromanbieter die Chance bekommen, ihren Strom zu fairen
Preisen anzubieten.
Ein nächster Schritt ist ein Stopp für den Bau neuer Kohlekraftwerke und
das Vorantreiben des Ausstiegs aus der Atomkraft, denn die Störfälle in
den Atomkraftwerken der letzten Jahre und die unbeantwortete Frage eines
sicheren Endlagers sind „strahlende“ Beispiele dafür, dass das atomare
Zeitalter vorüber ist. Dazu gehört auch, dass der Lobbyverein, das
Deutsche Atomforum (DAtF), endlich abgeschafft werden muss.
Obwohl das Problem des Klimawandels nur global wirklich bekämpft werden
könnte, waren die Staats- und Regierungschefs handlungsunfähig auf dem
Klimagipfel der Vereinten Nationen im Dezember in Kopenhagen.
Stattdessen bildeten sie eine Pokerrunde, auf der ums Klima gespielt
wurde. Das Geklüngel der Industrieländer geht zu Lasten der Kleinen, der
nicht industrialisierten Länder, die am stärksten betroffen sind. Und
denen dennoch das Geld fehlt, um dem Klimawandel so zu begegnen, dass
sie nicht absaufen.
Millionen Menschen werden in den nächsten Jahren zu Klimaflüchtlingen
und die Verantwortung für diese Menschen mag keiner übernehmen. Das nur,
damit wir weiterhin mit unserer Überproduktion 6,6 Millionen Tonnen
Kohlenstoffdioxid produzieren können.
Dabei gibt es nur diese eine Welt, die wir bewahren müss(t)en.
contra
Stefanie Berkemeyer, Dortmund, SAV-Mitglied
Das Problem der Umweltzerstörung kann – ebenso wie Armut und Hunger –
nur global gelöst werden. Die Zeit wird knapp. Die Vertreter des Marktes
werden uns dabei nicht helfen. Alles Gerede der Herrschenden von
sicherer und ökologischer Energieerzeugung zeigt keine Wirkung.
Wir haben zum Beispiel erlebt, dass es seit Jahren Diskussionen über den
Atomausstieg gibt. Rot-Grün schreckte jedoch davor zurück, sich mit der
Atomindustrie anzulegen. Auch alle Klimaschutz-Abkommen – wie das von
Rio 1992, das Kyoto-Protokoll 1997 oder der Klimagipfel in Kopenhagen
2009 – helfen nicht, um den absoluten Klimakollaps zu verhindern. Im
Gegenteil: Der weltweite CO2-Ausstoß ist stetig gestiegen, Wälder wurden
gerodet, Ozeane überfischt und verschmutzt.
Eine Umstellung auf eine ökologische Energieproduktion wäre bereits
heute möglich. Nötig wäre es, vorhandene und neue Technologien zu
optimieren und effizient zu nutzen: Geothermie, die Kraft aus Ebbe und
Flut, Solarenergie, Photovoltaik, Bioenergie und Windkraft. Anstatt in
Rüstung zu investieren und rückständige Technologien beizubehalten,
könnte ein Mix aus verschiedenen ökologischen Energiequellen in unser
Netz fließen. Der Stromverbrauch der gesamten Menschheit könnte gedeckt
werden, wenn je nach den gegebenen geografischen und klimatischen
Bedingungen weltweit regenerative Energiequellen und alle
Einsparpotenziale genutzt würden.
Die Umsetzung solcher Technologien verlangt jedoch massive
Investitionen, zu deren Tätigung die einzelnen privaten Unternehmer
nicht bereit sind. Wir können nicht warten, bis einzelne Technologien
für die Banken und Konzerne profitabel werden (was aus ihrer Sicht der
einzige Grund wäre, zu investieren), während die Umweltzerstörung weiter
voranschreitet. Umweltschutz „lohnt sich nicht“ – zumindest finanziell.
Investitionen werden im Kapitalismus immer nur dort getätigt, wo sie –
kurzfristig – gewinnbringend erscheinen. Im Rahmen des Marktes wird das
Kurzfristige dem Langfristigen vorgezogen. Indirekte Folgekosten werden
ignoriert.
Der Emissionshandel zeigt, wie fatal marktwirtschaftliche Umweltpolitik
ist. Emittenten bekommen eine bestimmte Menge Emissionen als Zertifikate
gutgeschrieben. Erstens darf man also weiter Dreck machen. Zweitens darf
man damit handeln – was auch der Spekulation Vorschub leistet. Drittens
geben auch hier (wie generell in der Konkurrenzwirtschaft) immer die
Großen den Ton an: So erreichten es klimaschädliche Kohlekraftwerke,
besonders viele Zertifikate zugesprochen zu bekommen.
Umweltschutz kann nicht funktionieren, solange die Profite privater,
miteinander konkurrierender Konzerne im Vordergrund stehen.
Nachhaltigkeit, ökologisches Denken oder gar Handeln wird es so nicht
geben.
Deshalb wird die Umweltkatastrophe innerhalb des Kapitalismus nicht
aufzuhalten sein. Der Kampf dagegen kann nur auf Basis eines
Wirtschaftssystems gelingen, das die Ressourcen der Erde schont und die
Bedürfnisse aller Menschen befriedigt. Ein solches System setzt voraus,
dass die Macht der Konzerne gebrochen wurde – die Multis also in
öffentliches Eigentum überführt worden sind. Bei demokratischer
Kontrolle und Verwaltung durch Belegschaften, arbeitende Bevölkerung,
VerbraucherInnen und Umweltverbänden. Die brutale Konkurrenz muss durch
eine demokratisch geplante Wirtschaft ersetzt – und vor allem
international organisiert – werden.
Um Erderwärmung, Verwüstung und Raubbau aufzuhalten, können wir keinen
Tag länger auf den „freien Markt“, die Kapitalisten und ihre Politiker
vertrauen. Es kommt auf uns an!
|