„Geballte Wut, die schnell zur Explosion kommen kann“
[Druckversion] Thema: Autoindustrie, Solidarität 89, veröffentlicht: 26.04.2010
Konzernweiter gemeinsamer Kampf bei Daimler nötig
Der spontane Streik der Beschäftigten bei Daimler-Sindelfingen Anfang
Dezember 2009 kam für Viele wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
Sindelfingen blieb keine Ausnahme. Im Daimler-Werk in Bremen kam es in
den letzten Mo-naten zu wiederholten Arbeitsnie-derlegungen. Die Zukunft
in den Betrieben wirft ihre Schatten voraus.
von Ursel Beck, Stuttgart
Bundesweit wurden in den Jahren 2004 bis 2009 bei Daimler 30.000 Stellen
abgebaut. In Sindelfingen war der geplante Personalabbau noch nicht
abgeschlossen, als die Verlagerung der C-Klasse vom Vorstand auf die
Tagesordnung gesetzt wurde.
Sindelfingen
Nachdem die Führung der IG Metall (IGM) die spontanen Streiks Anfang
Dezember abgewürgt hatte, ließ sie sich auf die Betriebsvereinbarung
„Sindelfingen 2020“ ein. In der Januar-Ausgabe der IGM-Mitgliederzeitung
wird diese als Sicherung der Arbeitsplätze für den „kommenden
Strukturwandel“ verkauft. Damit betreibt die IGM-Spitze Augenwischerei
und betätigt sich als Bremse gegen die Kampfbereitschaft der
Belegschaften. Aber wer immer auf der Bremse steht, nutzt sie ab. Und
dann funktioniert sie nicht mehr richtig. So kommt es immer öfter zu
spontanen Streiks.
Zwar war das Versprechen von Ersatzarbeitsplätzen und der Ausschluss
betriebsbedingter Kündigungen in Sindelfingen ein Erfolg – ein Erfolg
des zweitägigen wilden Streiks. Der Abschluss ist aber ein fauler
Kompromiss, weil die Kampfkraft nicht genutzt wurde, um den Erhalt der
C-Klasse durchzusetzen. Die Vereinbarung selbst bedeutet nicht einmal
eine feste Arbeitsplatzgarantie für die Daimler-KollegInnen in
Sindelfingen. Für den Fall von Absatzrückgängen gibt es für Daimler eine
Ausstiegsklausel.
Während der Auseinandersetzung in Sindelfingen kam an die
Öffentlichkeit, dass es in den Monaten zuvor vier Mal spontane Streiks
gegeben hatte. Zum Beispiel in der E-Klassen-Produktion im Juli 2009
gegen die Reduzierung der Taktzeit von 100 auf 85 Sekunden.
Bremen
Die wiederholten Streiks bei Daimler in Bremen zeigen, dass ein
konzernweiter gemeinsamer Kampf das Gebot der Stunde ist.
Vor dem Hintergrund von Stellenabbau und Arbeitshetze legten am 14.
November 2009 im Bremer Werk 3.000 Beschäftigte der B-Schicht die Arbeit
nieder und versammelten sich vor dem Verwaltungsgebäude. „Der Vorstand
kann ohne uns kein einziges Auto bauen“, meinte ein Redner, „aber wir
können Autos bauen ohne den Vorstand“. Die Propaganda, das Werk in
Bremen sei Gewinner der Produktionsverlagerung der C-Klasse, glaubt die
Belegschaft nicht.
„Arbeitsverdichtung, Rationalisierung hoch drei“, so Gerhard Kupfer,
Betriebsrat bei Daimler Bremen, in der jungen Welt vom 8. Dezember. „In
der C-Klasse gab es teilweise Kurzarbeit. Zugleich werden die Leute
aber, wenn sie im Betrieb sind, ausgelutscht bis zum Letzten. Die Bänder
sind unterbesetzt. (…) Es herrscht geballte Wut, die sehr schnell zur
Explosion kommen kann.“
Am 14. Dezember legten 1.000 MetallerInnen die Arbeit nieder, am 22.
Januar 1.500. Am 1. Februar folgte eine weitere Arbeitsniederlegung.
Diesmal, auf Druck von unten, von der Vertrauenskörperleitung
organisiert. 7.000 Beschäftigte beteiligten sich an Demonstrationen. Die
Streikenden forderten: Keine Lohnkürzung um 8,75 Prozent, keine
betriebsbedingten Kündigungen. Die Mehrheit des Betriebsrats fiel der
Belegschaft jedoch mit einem Abschluss in den Rücken, der laut Gerhard
Kupfer ein „Wischi-Waschi-Papier“ ist, das nicht mal den Ausschluss
betriebsbedingter Kündigungen enthält.
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