Mieter in Angst
[Druckversion] Thema: Berlin, veröffentlicht: 15.04.2010
Die GSW in Berlin soll an die Börse
Am 19.April 2010 beschließt das Berliner Abgeordnetenhaus in einer
Sondersitzung darüber, ob mit der Gemeinnützigen Siedlungs- und
Wohnungsbaugesellschaft GSW eine der größten Berliner
Wohnungsgesellschaften an die Börse gehen darf oder nicht.
von Ronald Luther, Berlin
Diese Abstimmung ist zwar nicht wirklich zwingend notwendig, da die
alleinige Entscheidung der Berliner Senat zu treffen hat, in dem SPD und
DIE LINKE das Sagen haben. Und der Senat hatte dem Börsengang
bekanntlich bereits am 6.April 2010 zugestimmt. Allerdings würde eine
Ablehnung des Börsengangs die rot-rote Landesregierung in eine Krise
stürzen. SPD und DIE LINKE haben im Berliner Abgeordnetenhaus nur eine
geringfügige Mehrheit und die Landesregierung will natürlich nicht auf
Schützenhilfe der FDP-Fraktion angewiesen sein, die dem Börsengang
ebenfalls zustimmen will. SPD-Landeschef Michael Müller und der
Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) drohten bereits: »Mit
wechselnden Mehrheiten könne man nicht regieren.« Die Abstimmung ist
aber nicht wie manche/r erwarten würde wegen einigen
LINKE-AbgeordnetInnen, sondern wegen einigen SPD-AbgeordnetInnen
gefährdet. Diese befürchten, mit der Zustimmung zum Börsengang viele
SPD-WählerInnen zu vergrätzen. Wie gespalten die Berliner SPD in der
Frage ist zeigt auch, dass der SPD-Landesvorstand denkbar knapp am
13.April 2010 den Börsengang ablehnte. Die SPD-VertreterInnen im
Vermögensausschuss hingegen stimmten einstimmig dafür. In einer
Probeabstimmung der SPD-Fraktion am gleichen Tag wiederum lehnten 15
Abgeordnete, also immerhin ein Drittel der Fraktion, den Börsengang ab.
Während die SPD also im Chaos zu versinken droht, gibt sich die LINKE
ganz pragmatisch. Die Zustimmung der LINKE-AbgeordnetInnen gilt als
sicher, denn anders als bei der SPD wohnen die StammwählerInnen der
LINKE im Ostteil der Stadt, wo es nur wenige GSW-Wohnungen gibt. So
fällt den LINKE-AbgeordnetInnen anscheinend die Entscheidung laut
Aussage der Haushaltsexpertin der Partei, Jutta Mattuschek, vom 6.April
2010 gegenüber der Online-Ausgabe der „Berliner Morgenpost“ leicht: »Bei
Abwägung aller Möglichkeiten hat sich die Fraktion entschlossen,
zuzustimmen«.
Mit der GSW geht nicht irgendeine Berliner Wohnungsgesellschaft an die
Börse. Sie ist mit etwa 50.000 Wohnungen eine der größten
Wohnungsgesellschaften von Berlin. Bereits im Jahre 2004 wurde die GSW
mitsamt ihrer damals noch 65.000 Wohnungen, darunter vielen
Sozialwohnungen, durch Beschluss des rot-roten Senates privatisiert. Das
Land Berlin nahm damals durch den Verkauf 405 Millionen Euro ein und
soll nun durch die Zustimmung zum vorgezogenen Börsengang zusätzlich 30
Millionen Euro erhalten. Bei der Privatisierung vor ein paar Jahren
wurden die Gemüter noch damit beruhigt, dass ja mit den neuen Inhabern,
den Finanzinvestoren Cerberus und Whitehall, ein Mieterschutz bis 2014
vertraglich vereinbart wurde. Darin verpflichteten sich die Käufer, auf
Luxus-Sanierungen zu verzichten, keine Eigenbedarfskündigungen
vorzunehmen und sich bei Mieterhöhungen am Mietspiegel zu orientieren.
Weiterverkäufe von Anteilen durften nur mit Zustimmung des Landes Berlin
erfolgen. Dabei sollten die neuen Eigentümer wenigstens zehn Jahre die
Aktien-Mehrheit an der GSW behalten, damit der Mieterschutz nicht
ausgehebelt werden kann. Allerdings wurden viele dieser Schutzregeln
laut dem Berliner Mieterbund in den letzten Jahren ausgehöhlt, da bei
Weiterverkäufen und Neuvermietungen von Wohnungen viele Klauseln
allenfalls noch eingeschränkt oder gar nicht mehr galten. Mit dem
Börsengang ist nun auch diese zehnjährige Haltefrist für die
Aktienmehrheit Geschichte.
Viele MieterInnen der GSW haben nun berechtigte Angst. Denn der
Börsengang wurde nicht ohne Grund vorgezogen. Anscheinend brauchen die
Eigentümer der GSW schnell Geld. Ende des Jahres 2009 ist die GSW rund
900 Millionen Euro und sind die Immobilien laut GSW ganze 2,6 Milliarden
Euro wert gewesen. Gleichzeitig hatte der Konzern aber auch Schulden in
Höhe von 1,7 Milliarden Euro zu verzeichnen. Zusätzlich hatte einer der
GSW-Eigentümer, die Fondsgesellschaft Cerberus, in der Finanzkrise recht
»unglücklich« agiert. Sie übernahm beispielsweise von Daimler den
maroden Autobauer Chrysler, der danach trotzdem in den Vereinigten
Staaten Gläubigerschutz beantragen und vom Staat gerettet werden musste.
Ähnlich desaströs verlief ihr Engagement beim Kauf von GMAC, der
Finanzsparte von General Motors. Durch den Gang an die Börse wollen die
Eigentümer 800 Millionen Euro einnehmen. Und das soll angeblich ganz
ohne größere Mietsteigerungen ablaufen. Laut dem Geschäftsbericht des
Vorstandes von 2009 sollen die Mieten in den nächsten zwei Jahren um nur
durchschnittlich 2,5 % steigen, die Leerstandsquote hingegen von heute
4,5 % auf unter 4 % gedrückt werden. Allerdings waren die Mieten bei der
GSW in den letzten Jahren bereits kräftig gestiegen. So erhöhten sich
die Kaltmieten von vier Euro je Quadratmeter bei der Übernahme im Jahre
2004 innerhalb von vier Jahren um fast 18 Prozent. Zusätzlich hatte es
immer wieder etliche Probleme und Ungereimtheiten insbesondere mit den
Nebenkostenabrechnungen gegeben. So klagte Wolfgang Dangel, Sprecher der
Reinickendorfer Mieterinitiative: »Allein in unserem Wohngebiet mit
knapp 1.000 Mietparteien haben wir für die letzten Jahre fehlerhafte
Abrechnungsposten in Millionenhöhe errechnet, darunter Rundungsfehler,
falsche Überträge und vieles mehr. Im Durchschnitt kamen wir pro Jahr
und Mieter auf eine Überforderung von rund 1.000 Euro.« und vermutete
ein System dahinter. Denn wenn die Abrechnungen aller GSW-MieterInnen
falsch wären, ergäbe sich eine Summe von bis zu 75 Millionen Euro pro
Jahr. Nach Protesten der MieterInnen bekamen diejenigen, die sich
wehrten, laut Dangel: »plötzlich moderate Abrechnungen, sogar
Nachzahlungen. Dagegen scheint sich die GSW jetzt bei
Hartz-IV-Empfängern schadlos zu halten, auf Kosten der Steuerzahler.« In
einigen Kreuzberger GSW-Häusern sieht es noch schlimmer aus. Hier wurden
keinerlei Sanierungen vorgenommen. Trotz Beschwerden der Mieterinnen bei
der GSW regnet es weiter durchs Dach, die Fensterrahmen, die aus den
60er Jahren stammen, sind weiterhin verzogen und eine Wärmedämmung gibt
es immer noch nicht.
Die Reinickendorfer GSW-MieterInnen haben richtigerweise erkannt, dass
man sich organisieren und gemeinsam gegen die allmächtig erscheinenden
Finanzfonds wehren muss und auch kann. Es wäre wichtig, wenn sich
überall in der GSW Mieterinitiativen bilden würden. Diese könnten
jederzeitig wähl- und abwählbare VertreterInnen wählen, die sich
berlinweit zusammensetzen und über die weitere Vorgehensweise gegen den
Börsengang und zur Durchsetzung der Interessen der MieterInnen beraten
sollten. So könnten Demonstrationen vor dem Abgeordnetenhaus gegen den
Beschluss über den Börsengang und für die Rekommunalisierung der GSW
oder vor der GSW-Zentrale für notwendige Sanierungen ohne gleichzeitige
Mieterhöhung und gegen ungerechtfertigte Nebenkostenabrechnungen
organisiert werden. Auch ein Boykott gegen drastische Mieterhöhungen
wäre dann möglich. Auf diese Art und Weise wäre es auch möglich, den
Druck auf DIE LINKE zu erhöhen, aus der Kürzungsregierung von Berlin
auszutreten. Denn wie soll sich diese für bezahlbaren Wohnraum für alle
MieterInnen einsetzen können, wenn sie gleichzeitig in der Berliner
Landesregierung die GSW den Miethaien zum Frass vorwirft? Es ist
unglaublich, dass sich DIE LINKE in ihrem Parteiprogramm-Entwurf gegen
Privatisierungen ausspricht, während ihr Berliner Landesverband
gleichzeitig der Privatisierung von Wohnungen zustimmt. Unverständlich
ist es außerdem, dass der Aufschrei in der Partei darüber bisher
ausblieb. Nicht mal Oskar Lafontaine, der den Programmentwurf
mitverfasste und der Öffentlichkeit vorstellte, verlor bisher auch nur
ein Wort darüber, dass das Vorgehen des Berliner Landesverbandes konträr
zum Parteiprogramm-Entwurf ist. Auch die Linken in der LINKE verhalten
sich auffallend ruhig bisher. Wenn die LINKE nicht weiter an
Glaubwürdigkeit verlieren will, dann muss sie auf dem Rostocker
Bundesparteitag im Mai diesen Jahres einen eindeutigen Beschluss gegen
diese falsche Politik des Berliner Landesverbandes fassen. DIE LINKE,
die vorgibt, sich für die Interessen der einfachen Menschen einzusetzen,
sollte also beim Wort genommen werden! Viele GSW-MieterInnen, aber auch
LINKE-Mitglieder sind Mitglieder der DGB-Gewerkschaften. Daher sollten
Resolutionen auch in die Gewerkschaften eingebracht werden, die fordern,
dass der Börsengang verhindert und die GSW wieder rekokommunalisiert
wird.
Den Eigentümern der GSW ging es in den letzten Jahren nur um"s
Profitemachen. So stieg 2009 der Nettogewinn der GSW von 108 auf 172
Millionen Euro. Dies wurde insbesondere durch den Verkauf von 18.000
GSW-Wohnungen, also gut ein Viertel des einstigen Bestands, erreicht.
Mit dem Börsengang wird der Druck noch weiter steigen, den Aktionären
immer höhere Renditen zukommen zu lassen. So könnte die GSW die
gesetzlich zulässigen Mieterhöhungen von 20 Prozent in drei Jahren
ausreizen. Die Frage ist also nicht, ob die GSW zu höheren
Mietsteigerungen greifen wird, sondern wann. Viele der MieterInnen sind
älter als 60 Jahre, fast ein Drittel lebt in Sozialwohnungen. Sie
befürchten nicht ohne Grund, aus ihren Wohnungen verdrängt zu werden,
weil sie die steigenden Mieten nicht mehr bezahlen können. Das
befürchtet auch der Berliner Mieterverein. Deren Geschäftsführer Reiner
Wild weist darauf hin, dass Mieterhöhungen spätestens mit Auslaufen des
vertraglich vereinbarten Mieterschutzes ab 2014 zu erwarten sind. Die
ehemals bundeseigene Wohnungsgesellschaft Gagfah, die in Berlin etwa
26.000 Wohnungen besitzt und 2006 an die Börse ging, würde auch in
schlechter wirtschaftlicher Lage Renditen von zwölf Prozent für die
Aktionäre anstreben. Gleichzeitig würden Investitionen vernachlässigt.
Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass die Privatisierung von
Wohnungsgesellschaften nicht nur Verschlechterungen für die betroffenen
Mieter bedeutet, sondern für alle MieterInnen. Denn das führt zum
allgemeinen Anstieg der Mieten, so dass für ärmere Schichten der
Bevölkerung immer weniger bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung steht.
Deshalb ist die Privatisierung beziehungsweise der Verkauf von Wohnraum
und von Wohnungsgesellschaften abzulehnen. Bereits privatisierte
Wohnungsgesellschaften müssen wieder in öffentliches Eigentum überführt
werden bei demokratischer Kontrolle und Verwaltung durch VertreterInnen
der GSW-Beschäftigten, der MieterInnen und dem Land Berlin. Um
bezahlbare Mieten für alle zu gewährleisten, sind alle Mieterhöhungen
sofort zu stoppen und die Mieten auf 20 Prozent des Nettoeinkommens zu
begrenzen. Mietwucher und Spekulation mit Wohnraum muss verboten werden.
Wohnungen und Häuser, die aus spekulativen Gründen mindestens ein halbes
Jahr leer stehen, sind zwangszubelegen. Alle großen privaten
Wohnungsunternehmen gehören enteignet. Vor 30 Jahren gab es in
Westdeutschland noch vier Millionen Sozialwohnungen bei etwa 1,8
Millionen Erwerbslosen. Heute in der wiedervereinigten Bundesrepublik
stehen gerade mal noch 1,5 Millionen Sozialwohnungen bei offiziell rund
3,5 Millionen Erwerbslosen zur Verfügung. Bezahlbarer Wohnraum wird
immer knapper. Selbst ein Gutachten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt-
und Raumforschung und des arbeitgebernahen Instituts der deutschen
Wirtschaft kommt zu dem Schluss, dass in den nächsten fünf Jahren
zwischen einer Million und 1,3 Millionen Wohnungen gebaut werden
müssten, da Raum durch Abriss, Zweckentfremdung und Ähnliches verloren
geht. Derzeit werden aber gerade mal rund 175.000 Wohnungen im Jahr
fertiggestellt. Deshalb ist ein massives öffentliches
Wohnungsbauprogramm nötig, bis die Wohnungsnot beseitigt ist. Vorhandene
Wohnungen müssen nach neuesten Erkenntnissen und ökologischen
Erfordernissen wie Wärmedämmung auf Kosten der Vermieter und bei
Einbeziehung der MieterInnen in die Planung umfassend saniert werden.
Dazu ist die Einstellung aller arbeitslosen BauarbeiterInnen bei einer
30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich möglich und nötig, denn zu tun
gibt es genug und Geld ist genug da. So wurde am 13.April 2010 bekannt,
dass Cerberus die US-Sicherheitsfirma Dyncorp einschließlich Schulden
für 1,5 Milliarden Dollar (1,1 Milliarden Euro) kauft. Dyncorp
unterstützt und begleitet wie Blackwater die US-Truppen bei
Kriegseinsätzen wie in Afghanistan. Cerberus ist kein Neuling im
militärischen Sektor. So besitzt der Finanzinvestor mit der »Freedom
Group« den mit 900 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr größten Produzenten
für Handfeuerwaffen und Munition (aus Financial Times Online vom
21.Oktober 2009). Auch die Bauindustrie fuhr in den letzten Jahren große
Gewinne ein. So machte das größte deutsche Bauunternehmen Hochtief 2009
einen Gewinn vor Steuern von 600,5 Millionen Euro und geht mittelfristig
von einem Anstieg des Vorsteuergewinns auf 1 Milliarde Euro aus. Selbst
der Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger Berger, negativ bekannt
geworden durch den Pfusch am U-Bahn-Bau in Köln im vergangenen Jahr,
fuhr 2009 einen Gewinn von 80 Millionen Euro ein und blickt mit
Zuversicht auf das Jahr 2010.
Der Beschluss über den Börsengang der GSW gegen den Mehrheitswillen der
GSW-MieterInnen und für die Interessen einer Minderheit an Spekulanten
zeigt deutlich, für welche Interessen in dieser Gesellschaft gehandelt
und entschieden wird. Nicht die Mehrheit der ArbeiterInnen, Jugendlichen
und RentnerInnen hat das Sagen, sondern eine Minderheit von
Kapitalisten, in deren Interesse eine Kaste von Politikern handelt und
entscheidet. Aber selbst wenn eine Mehrheit der Politiker durch den
Druck von der Straße gezwungen werden würde, den Börsengang erst mal
abzusagen, würde dieser nicht aufgehoben sondern nur aufgeschoben
werden. Dazu ist der Immobilienmarkt auch in Krisenzeiten wie diese eine
zu lukrative Anlagemöglichkeit für Spekulanten, Versicherungen, Banken
und Konzerne. Wer nicht mehr will, dass mit Wohnraum spekuliert wird,
Wohnraum leer steht, BauarbeiterInnen entlassen, Mieten erhöht oder neue
Wohnhäuser nicht gebaut werden, der muss also dieses gesamte
profitorientierte kapitalistische System gänzlich in Frage stellen und
sich für eine sozialistische Gesellschaft als einzige Alternative
einsetzen.
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