Wie ist der Programmentwurf der LINKEN zu bewerten?
[Druckversion] Thema: Debatte, "DIE LINKE.", Solidarität 90, veröffentlicht: 12.05.2010
Die Linkspartei diskutiert ein Grundsatzprogramm
Im März legte die 16-köpfige Programmkommission der LINKEN den, in ihrem
Kreis einstimmig angenommenen, Entwurf für ein Parteiprogramm vor. Am
20. März wurde es von den Vorsitzenden Oskar Lafontaine und Lothar Bisky
der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Papier soll die "Programmatischen
Eckpunkte", das bisherige Grundsatzdokument der Partei, ablösen.
Neben der Präambel "Dafür steht DIE LINKE" enthält es fünf Kapitel: "I.
Woher wir kommen, wer wir sind", "II. Krisen des Kapitalismus - Krisen
der Zivilisation", "III. Demokratischer Sozialismus im 21. Jahrhundert",
"IV. Linke Reformprojekte - Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung"
und "V. Gemeinsam für einen Politikwechsel und eine bessere
Gesellschaft".
Auf dem Bundesparteitag in Rostock am 15. und 16. Mai steht es nicht auf
der Tagesordnung. Es soll auf einem Parteitag im Herbst 2011
verabschiedet werden. Nachzulesen ist es unter www.die-linke.de/programm/programmentwurf
Ralf Krämer
Mitglied der Programmkommission der LINKEN und einer der
SprecherInnen der innerparteilichen Strömung "Sozialistische Linke"
Ein neues Programm für die Linke
Am 20. März wurde der Entwurf eines neuen Parteiprogramms der LINKEN der
Öffentlichkeit vorgestellt, den die Programmkommission in monatelangen
Diskussionen erarbeitet hat. Er positioniert DIE LINKE als
sozialistische Partei in der Tradition der Arbeiterbewegung, die sich in
der Wirtschafts- und Sozialpolitik an links-gewerkschaftlichen
Positionen orientiert.
DIE LINKE fordert eine Politik, die eine neue Vollbeschäftigung mit
verkürzten Arbeitszeiten anstrebt. Große Zukunftsinvestitionsprogramme
und die massive Ausweitung öffentlicher Beschäftigung, höhere Löhne und
Sozialeinkommen sollen die inländische Nachfrage steigern und Millionen
neue gute Arbeitsplätze schaffen. Zugleich sollen wichtige
gesellschaftliche Bedarfe besonders in Bildung und sozialen
Dienstleistungen gedeckt und der ökologische Umbau vorangetrieben werden.
Für diese Politik und die Stärkung des Sozialstaats brauchen wir massiv
höhere öffentliche Einnahmen. Dazu müssen Millionäre, Leute mit hohen
Einkommen, finanzstarke Unternehmen und Finanzmarktspekulanten durch
neue oder höhere Steuern herangezogen werden.
Der Sozialstaat muss jedem Menschen ein gutes, menschenwürdiges Leben
und Teilhabe an der Gesellschaft ermöglichen. Das erfordert
verlässliche, individuelle und repressionsfreie soziale Sicherung im
Bedarfsfall und solidarisch finanzierte Krankenversicherung für alle
statt Kopfpauschale. Darüber hinaus müssen die Sozialversicherungen den
erarbeiteten Lebensstandard sichern.
DIE LINKE tritt konsequent gegen Imperialismus und Krieg ein und fordert
eine soziale, friedenspolitische demokratische Neubegründung der EU. Wir
kämpfen für Frieden und Abrüstung und die Überwindung der NATO, gegen
Kampfeinsätze der Bundeswehr und insbesondere für ihren umgehenden
Rückzug aus Afghanistan. DIE LINKE kämpft für das Recht auf gute Bildung
für alle, Geschlechtergerechtigkeit, umfassende Menschen- und
Bürgerrechte, internationale Solidarität. Wir wollen eine
Demokratisierung aller gesellschaftlichen Bereiche, Demokratie im Sinne
einer wirklichen Herrschaft des Volkes statt der wirtschaftlich
Mächtigen.
Das Ziel heißt demokratischer Sozialismus. Dafür spielt
Wirtschaftsdemokratie und die Veränderung der Eigentumsverhältnisse, die
Überwindung der Vorherrschaft des Kapitals eine zentrale Rolle. Wenn
aber in einigen Medien behauptet wird, DIE LINKE strebe ein ähnliches
ökonomisches System an wie in der DDR, ist dies Unsinn.
Es geht um eine Wirtschaftsordnung, die von Demokratie und nicht mehr
vom Profitstreben dominiert wird und die Marktsteuerung - die es also in
diesem Rahmen weiter geben soll - sozialen und ökologischen Kriterien
unterordnet. Dazu muss es in den Bereichen der Daseinsvorsorge und
Infrastruktur, Energie und Bahnverkehr öffentliches Eigentum geben.
Darüber hinaus muss im Finanzsektor und bei strukturbestimmenden
Großunternehmen in wichtigen Wirtschaftsbereichen durch
Vergesellschaftung das kapitalistische Eigentum überwunden werden. In
den meisten Bereichen soll es aber weiter private kleine und mittlere
Unternehmen geben, bei ausgeweiteten Arbeitnehmerrechten, Mitbestimmung
und Wettbewerbskontrolle, und kräftiger Umverteilung von oben nach unten
sowie demokratischer Rahmenplanung und Lenkung.
Strategisch geht es zunächst um die Veränderung gesellschaftlicher
Kräfteverhältnisse und die Durchsetzung eines Richtungswechsels. DIE
LINKE ist grundsätzliche Opposition gegen den Kapitalismus, aber das
schließt Regierungsbeteiligungen nicht aus, wenn dadurch die Lage der
Menschen verbessert und erste Schritte sozialistischer Veränderung
ermöglicht werden. Wir dürfen uns aber nicht an einer Politik
beteiligen, die linken Zielen zuwiderläuft und unsere Glaubwürdigkeit
zerstört.
DIE LINKE muss sich auf gesellschaftliche Bündnisse und
außerparlamentarischen Druck stützen und zu deren Bildung beitragen. Die
Interessen von Beschäftigten und Erwerbslosen, ökologischer Umbau und
Beschäftigung und soziale Gerechtigkeit müssen zusammengebracht werden.
Den Gewerkschaften wird eine zentrale Rolle als gesellschaftliche Kraft
für sozialen Fortschritt zugemessen. Die Zusammenarbeit mit ihnen wird
gesucht, die Stärkung gewerkschaftlicher Rechte gefordert, insbesondere
ein uneingeschränktes Streikrecht, auch für politische Ziele.
Um viele Punkte ist in der Programmkommission bis zuletzt gerungen
worden. Es wurden gute Kompromissformulierungen gefunden. Es ist
gelungen, im Endergebnis einen in der Programmkommission einmütig
getragenen Text zu beschließen. Es kommt jetzt darauf an, in der
Diskussion die linken Positionen weiter zu klären, in Partei und
Gesellschaft zu verankern und für die reale Politik wirksam zu machen.
Sascha Stanicic,
Bundessprecher der SAV, die Mitgliedschaft in der LINKEN wurde ihm
nach Einspruch des designierten Parteivorsitzenden Klaus Ernst bisher
verweigert
Ein Schritt nach links, aber keine Strategie zum Sozialismus
Ein Grundsatzprogramm hat zur Aufgabe, die gesellschaftspolitischen
Ziele einer Partei und den Weg zur Durchsetzung derselben zu formulieren
und den Mitgliedern und WählerInnen so eine politische Orientierung und
Identifikation zu geben, die über den Tag hinaus weist. Der
Programmentwurf formuliert das Ziel klar und deutlich: demokratischer
Sozialismus. Das ist gut und ein wichtiger Schritt voran
(beziehungsweise nach links) im Vergleich zu bisherigen programmatischen
Dokumenten der Partei. Ebenso ist es ein Fortschritt, dass die Macht-
und Eigentumsfrage aufgeworfen wird und an Regierungsbeteiligungen
Bedingungen geknüpft werden, die laut dem LINKE-Abgeordneten Jan Korte
bedeuten, dass die Partei dann in Berlin und Brandenburg nicht
mitregieren dürfe. All das sind Gründe dafür, vieles an dem
Programmentwurf gegen die seit seiner Veröffentlichung erhobene Kritik
vom rechten Parteiflügel zu verteidigen.
Das darf aber nicht bedeuten, den Programmentwurf nicht einer deutlichen
Kritik von links zu unterziehen. Denn er erfüllt die Anforderungen an
ein modernes sozialistisches Programm angesichts der kapitalistischen
Weltwirtschafts- und Umweltkrise nicht. Weder gibt er eine Vorstellung
davon, wie demokratischer Sozialismus aussehen soll, noch vermittelt er
eine Strategie zur Erkämpfung desselben.
Der Text vertritt implizit die Vorstellung, dass es die Möglichkeit
gibt, im Rahmen kapitalistisch-marktwirtschaftlicher Verhältnisse einen
sozial-ökologischen Umbau der Gesellschaft zu erreichen. Das ist eine
Illusion. Ein solcher Umbau der Gesellschaft erfordert als Voraussetzung
die Überwindung des Kapitalismus. Die Krise führt zu einer Offensive
gegen den Lebensstandard und die Rechte der Arbeiterklasse, gegen
Umweltauflagen und Sozialleistungen. Warum? Weil sie den
kapitalistischen Konkurrenzkampf massiv verschärft und die Profitraten
drückt. Das bedeutet nicht, dass dem kein Einhalt geboten werden kann.
Aber das ginge nur durch eine Gegenoffensive der Arbeiterbewegung in den
Betrieben und auf der Straße - mit Streiks, Betriebsbesetzungen,
Massenmobilisierungen. Eine solche Gegenoffensive müsste den Kampf zur
Verteidigung gegen die Angriffe des Kapitals direkt verbinden mit dem
Kampf zur Abschaffung des Kapitalismus. Dieser Gedanke ist im
Programm-entwurf nicht enthalten. Er verschiebt den Kampf für
Sozialismus in eine unbestimmte Zukunft.
Stattdessen soll es gegen die „Dominanz" von kapitalistischem Eigentum
und Profitstreben gehen und der Markt kontrolliert werden. Auch wenn die
Vergesellschaftung von Banken und strukturbestimmenden Unternehmen
gefordert wird, wird doch der kapitalistischen Produktionsweise als
solcher keine Alternative entgegen gestellt. Das wird besonders
deutlich, wenn Vetorechte für Belegschaften gegen Entlassungen und
Betriebsschließungen nur für solche Unternehmen gefordert werden, die
nicht insolvenzgefährdet sind. Offener kann man die Gesetzmäßigkeiten
des Marktes kaum akzeptieren.
Hinzu kommt, dass der Entwurf in einigen konkreten Fragen hinter
bisherige Beschlusslagen zurück fällt, unter anderem wenn er sich nur
gegen Kampfeinsätze der Bundeswehr und nicht gegen alle Auslandseinsätze
ausspricht.
Nötig wäre ein Programm, das folgende Gedanken in den Mittelpunkt stellt:
1. Es gibt einen Interessengegensatz zwischen Kapitalisten und
Lohnabhängigen, der nicht gelöst werden kann. DIE LINKE steht konsequent
auf der Seite der Lohnabhängigen und Benachteiligten und kämpft für
deren Rechte.
2. DIE LINKE stimmt keiner einzigen Maßnahme zu, die die Lohnabhängigen
belastet oder Banken und Konzerne begünstigt. Die Krisenkosten sollen
von den Verursachern in den Chefetagen der Konzerne bezahlt werden. DIE
LINKE setzt auf die außerparlamentarische Mobilisierung für den Kampf um
Verbesserungen. Parlamentarische Arbeit versteht sich als Dienstleister
dafür.
3. Dieser Kampf muss verbunden werden mit dem Kampf zur Abschaffung des
Kapitalismus. Für Überführung aller Banken und Konzerne und von
Unternehmen, die Entlassungen vornehmen, in öffentliches Eigentum unter
demokratischer Kontrolle und Verwaltung der arbeitenden Bevölkerung. Auf
dieser Basis soll eine demokratische Wirtschaftsplanung zur Befriedigung
der Bedürfnisse der Bevölkerung und der Umwelt ausgearbeitet werden, die
nicht an Profitinteressen orientiert ist und Marktkonkurrenz durch
Kooperation ersetzt.
4. DIE LINKE wird sich deshalb nur an pro-sozialistischen Regierungen
beteiligen, die den Kampf mit den Kapitalinteressen aufnehmen, sich auf
die Mobilisierung der Arbeiterklasse und der Jugend stützen und das Ziel
haben, den Kapitalismus zu überwinden.
Linke in der LINKEN sollten für Veränderungen des Programmentwurfs in
diese Richtung eintreten, aber vor allem darauf bestehen, dass die
Praxis der Partei dem Programm entspricht.
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