Konzerne im Crash-Test
[Druckversion] Thema: Autoindustrie, Solidarität 90, veröffentlicht: 04.06.2010
Autoindustrie auf Talfahrt
Die weltweite Automobilproduktion erreichte vor drei Jahren ihren
bisherigen Höhepunkt. Das Jahr 2007 markierte zugleich das Ende des
letzten Aufschwungszyklus. Von 2001 bis 2007 stieg die PKW-Produktion um
30 Prozent. Drastisch ausgeweitet wurden auch die Kapazitäten, die
selbst in den Boomjahren nie völlig ausgelastet waren. Deshalb droht
jetzt ein gewaltiger Abbau - auf Kosten von Beschäftigten und ganzen
Regionen.
von Johannes Burczyk, Berlin
Obwohl die Produktionskapazitäten von 2008 bis 2009 weltweit um zwei
Millionen Einheiten reduziert wurden - vor allem in den USA, wo es mit
Rückendeckung der Führung der Autoarbeiter-Gewerkschaft (UAW) zur
Stilllegung mehrerer Fabriken kam -, wuchs die Überkapazität weiter an.
2009 wurden nur noch 56 Millionen Autos produziert, ein Rückgang um 17
Millionen gegenüber 2007. Da es aber im selben Jahr noch immer weltweite
Kapazitäten zum Bau von 86 Millionen Einheiten gab, erreichte die
Überkapazität einen neuen Höhepunkt.
Selbst wenn die Prognosen eintreten sollten, die von einer relativen
Belebung des PKW-Marktes in den nächsten Jahren ausgehen, wird sich an
diesem Problem strukturell nichts ändern. Heute werden sogar schon
wieder neue Produktionsstätten errichtet. Und mit der Anarchie des
kapitalistischen Wirtschaftens werden neue Krisen vorbereitet.
Einbruch des US-Marktes
Auffällig ist die international sehr ungleiche Entwicklung in der
Autoindustrie. Eindeutige Verlierer sind zur Zeit die US-amerikanischen
Konzerne. Selbst in den Aufschwungsjahren sank die Produktion in den USA
ständig, seit 2007 gab es nochmal einen Rückgang der Produktion um 30
Prozent. General Motors (GM) und Chrysler entgingen nur durch staatliche
Intervention der Pleite.
Ausnahme China
Den mit Abstand stärksten Zuwachs gab es in China. Seit 2001 stiegt die
dortige Produktion von 2,3 Millionen Einheiten auf über zehn Millionen
im letzten Jahr. Selbst seit Beginn der Krise konnte der Output um
weitere 18 Prozent gesteigert werden. Ein großer Teil dieser Produktion
geht allerdings auf das Konto örtlicher Niederlassungen japanischer,
amerikanischer und europäischer dabei vor allem deutscher Konzerne.
Bislang gelang es der chinesischen Regierung nicht, ihr Vorhaben
umzusetzen, aus den über 70 nationalen Produzenten wettbewerbsfähige
Global Player zu bilden. Allerdings konnten nationale Hersteller, die
überwiegend das untere Preissegment bedienen, ihren Marktanteil auf über
25 Prozent ausbauen. Mittlerweile ist China, auch auf Grund staatlicher
Subventionen beim Kauf von Neuwagen, bezogen auf die Absatzzahl der
größte Automarkt der Welt. Wertmäßig liegt er aber, wegen geringerer
Kosten und durchschnittlich kleinerer Fahrzeuge, noch hinter den Märkten
von Europa und Nordamerika.
Die weitere Erschließung des chinesischen Marktes und der ASEAN-Staaten
ist eine der zentralen Strategien der deutschen Autokonzerne.
Daimler
Die größten Probleme der deutschen Autobauer hat gegenwärtig Daimler
(der krisengeschüttelte Opel-Konzern ist eine Tochter von GM). Der
Konzernumsatz sank von 101 Milliarden Euro 2007 auf 78 Milliarden 2009.
Unterm Strich stand im letzten Jahr ein Verlust von 2,6 Milliarden. Die
Umsätze gingen auf allen traditionellen Absatzmärkten stark zurück
(minus 21 Prozent in Westeuropa, minus 17 Prozent in den USA).
"Insgesamt gab es beim Konzernabsatz einen deutlichen Rückgang um ein
Viertel auf 1,6 Millionen Fahrzeuge" (SPIEGEL Online vom 14. April). Nur
in China und wenigen anderen Staaten konnten Absatzsteigerungen erzielt
werden. Der Umsatz in China hat sich seit 2007 auf 4,3 Milliarden Euro
mehr als verdoppelt.
BMW
Die Entwicklung bei BMW ist ähnlich, wenn auch nicht so dramatisch: Von
2007 bis 2009 sank der Umsatz um sechs auf 50 Milliarden Euro. Der
Absatz ging in Deutschland, dem wichtigsten Markt für BMW, um 4,6, in
den USA um über 20 Prozent zurück. Die einzige Ausnahme, wie auch bei
Daimler, sind die Märkte in China, Hongkong und Taiwan. Im Gegensatz zu
Daimler konnte BMW im letzten Jahr einen Gewinn von 413 Millionen Euro
erzielen.
Volkswagen
Als einziger deutscher Autokonzern konnte VW auch im letzten Jahr, bei
einem um etwa zehn Prozent gesunkenen Umsatz, den Absatz an
Kraftfahrzeugen auf 6,3 Millionen steigern und seinen Weltmarktanteil
auf 11,3 Prozent ausbauen.
Bedeutendster Absatzmarkt bleibt Westeuropa, wo der Absatz, stark
bedingt durch die Abwrackprämie, nur um zwei Prozent zurück ging. Das
stärkste Wachstum entfiel auch bei VW auf China. Dort wurden 2009 1,4
Millionen Autos verkauft, in Deutschland 1,2 Millionen.
Unter dem Dach VW befindet sich eine breite Palette unterschiedlicher
Marken: von Skoda über Audi bis zur Luxusmarke Bentley können
unterschiedliche Käuferschichten weltweit bedient werden. Da das
Unternehmen breit aufgestellt ist und hohe Stückzahlen produziert, kann
VW bislang als ein Gewinner im internationalen Konkurrenzkampf
eingestuft werden. Allerdings auch nur als relativer Gewinner - trotz
aller Erfolge gab es auch bei VW einen deutlichen Gewinneinbruch von
über 80 Prozent!
Konzernstrategien
Sind die deutschen Konzerne auch verschieden von der Krise betroffen, so
ähneln sich ihre Strategien, um ihre Profitkrise in den Griff zu
bekommen: Alle setzen auf den verstärkten Aufbau von Produktionsanlagen
in den Wachstumsmärkten (Indien, China, Russland und andere). Als
"global food print" wird dies von Daimler bezeichnet.
Der Druck auf die Zulieferer, deren Rolle immer bedeutender wird - sie
liefern von der Schraube bis hin zu Forschungsergebnissen -, billiger zu
produzieren, wird steigen.
Rationalisierungen
Die Kooperation von Daimler mit Renault-Nissan wurde vereinbart, um
Synergieeffekte zu nutzen und mit weniger Beschäftigten mindestens die
gleiche Menge an Gütern zu produzieren. Mit Fusionen und Aufkäufen in
der Autoindustrie stehen Rationalisierungen im großen Stil an.
Generell setzen alle Konzerne auf eine weitere Prekarisierung der
Beschäftigungsverhältnisse durch die Ausweitung von Leih- und
Zeitarbeit. So waren beim Vorreiter BMW bis zu 35 Prozent der
Beschäftigten im Leipziger Werk Leiharbeiter. Bei Daimler musste die
Belegschaft allein im letzten Jahr Kürzungen von fast zwei Milliarden
Euro einstecken. Weiterer Lohnraub droht mit der Anwendung der
tariflichen Kurzarbeit.
Co-Management beenden
Die Führung der IG Metall erweist sich einmal mehr als verlässlicher
Bündnispartner der Konzernvorstände: "Wenn wir eine Krisensituation in
der Automobilindustrie haben, setzt das (...) Arbeitskampfmaßnahmen enge
Grenzen", meint IG-Metall-Chef Bertold Huber in der "Zeit" und
unterwirft damit die Interessen der Lohnabhängigen denen der Konzerne
und deren "Standort Deutschland".
Um Arbeitsplätze und Einkommen zu verteidigen, ist in den Gewerkschaften
ein Bruch mit Sozialpartnerschaft und Standortpatriotismus notwendig.
Und um den ökologischen Wahnsinn des Individualverkehrs zu stoppen und
eine gesellschaftlich sinnvolle Form von Mobilität, nicht zuletzt durch
den massiven Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, zu schaffen, muss an
die Stelle der heutigen Konzernherrschaft eine demokratisch geplante
Wirtschaft, eine sozialistische Gesellschaft, treten.
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