Generalstreik in Griechenland – alle Räder stehen still
[Druckversion] Thema: Griechenland, veröffentlicht: 06.05.2010
Millionen Menschen befanden sich im Streik, Hunderttausende auf den
Straßen.
Am 5. Mai 2010 demonstrierten allein in Athen 150.000 bis 200.000
Menschen gegen das Sparpaket der PASOK-Regierung unter Ministerpräsident
Papandreou, in Thessaloniki waren es 50.000, in Patras 20.000 und in
Heraklion 10.000. Nachdem bereits am Tag zuvor Teile der
Staatsangestellten in den Streik getreten sind, folgte ihnen der
Großteil aller Beschäftigten im Land. Über drei Millionen Streikende
ließen die Schulen und Läden geschlossen, die Produktion stand still,
kein Flugzeug überquerte das Land.
von René Kiesel, Berlin
Während das griechische Parlament seit Dienstag über die Verabschiedung
des Sparpaketes berät und heute verabschiedet, traten selbst die
Angestellten des Parlaments und die Journalisten in den Ausstand. Alle
Gewerkschafts- und linken Organisationen hatten an diesem Tag zu einem
24-stündigen Generalstreik aufgerufen. Es war eine der größten
Demonstrationen in den letzten Jahren, die in mehreren Zügen durch die
Hauptstadt Griechenlands zog. Neben der KKE-nahen Gewerkschaftsfront
PAME hatte auch der gemäßigtere Gewerkschaftbund PSEE (private
Wirtschaft), dessen Vorsitzender selbst PASOK-Mitglied ist, einen Zug
mit mehreren zehntausend TeilnehmerInnen in Richtung Parlament formiert.
Ebenso der Dachverband des öffentlichen Dienstes ADEDY.
Wut bricht sich Bahn
Nachdem das Land in den Wochen nach der Verkündung der geplanten
Sparmaßnahmen wie paralysiert war, folgte gestern der Aufschrei der
Massen gegen sich verschlechternde Lebens- und Einkommensverhältnisse.
Die massiven Kürzungen bei den Löhnen und die Erhöhung der
Mehrwertsteuer bedeuten für viele GriechInnen einen Einkommensverlust
von bis zu 30 Prozent. Bei einem durchschnittlichen Lohn von 800 € und
einer Durchschnittsrente von 500 € sind diese Einschnitte katastrophal.
In der Eurozone das Schlusslicht bei den Löhnen bildend, sind die Preise
für Lebensmittel und Produkte so hoch wie in Deutschland.
Der FDP-Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis spricht von „einem
letzten Aufbäumen“, bevor die Sparmaßnahmen durchgesetzt werden. Heute
ist die bürgerliche Presse voll von Meldungen über den tragischen Brand
einer Bank, bei der 3 Angestellte ums Leben kamen. Diese gehörten sicher
nicht zu den Spekulanten, die versuchen, ihre Profite weiter in die Höhe
zu treiben.
Die Gewerkschaft der Bankbeschäftigten (OTOE) hat für den heutigen 6.
Mai zum landesweiten Streik aufgrund des Todes ihrer KollegInnen
aufgerufen. Die Gewerkschaft gibt dem Management der Bank und der
Polizei die Schuld an der Tragödie. Das Management hatte den
Beschäftigten mit Kündigung gedroht, sollten sie sich an dem
Generalstreik beteiligen. Außerdem wurde die sonst übliche
Vorgehensweise gebrochen, Banken, die an solchen Demonstrationsrouten
liegen, aus Sicherheitsgründen zu schließen. Auch habe es nach Berichten
eines Bankangestellten keine ausreichenden Flucht- und
Brandschutzvorrichtungen gegeben. Während die bürgerlichen Medien davon
berichten, dass die Feuerwehr durch autonome Demonstranten am Einsatz
behindert worden sei, berichten Demonstrationsteilnehmer, dass die
Polizei solche Demonstranten angegriffen hatten, die versuchten das
Feuer zu löschen und in das Gebäude zu gelangen, um den dort
Eingeschlossenen zur Hilfe zu kommen.
Medien versuchen nun die Todesfälle in den Mittelpunkt der
Berichterstattung zu stellen und dadurch von den eigentlichen Zielen der
Massenproteste abzulenken. Vereinzelt wird aber auch davon berichtet,
dass sich Faschisten unter die DemonstrantInnen mischten, um
Gewaltexzesse zu provozieren.
Es waren vor allem Jugendliche, die den radikaleren Teil der
Demonstrationen bildeten und die versuchten, das Parlament zu stürmen,
wobei sie mit Tränengas und Knüppeln von der Polizei zurückgedrängt
wurden. Vor allem die Jugend ist von der weltweiten Wirtschaftskrise mit
am stärksten betroffen. Dort vereint sich die Perspektivlosigkeit
angesichts drohender Arbeitslosigkeit, Niedrigstlöhnen und immer
schlechtere Bildung mit der Suche nach Alternativen und der Wut auf ein
System, das ihnen keine Zukunft bieten kann.
Die kontraproduktive Wirkung solcher Brandanschläge und terroristischer
Aktionen für die Arbeiterbewegung hat sich gestern auch in Athen
gezeigt, als die Todesfälle Regierung und Staat eine Gelegenheit boten,
vom eigentlichen Thema abzulenken und mit verschärfter Repression gegen
die linken Bewegungen vorzugehen.
Kein Ruhen in Sicht
Dies war bereits der dritte Generalstreik in diesem Jahr und angesichts
der sozialen Verwerfungen, die das von der Regierung forcierte Sparpaket
hervorrufen wird, wird dieser nicht der letzte gewesen sein. Doch jetzt
müssen weitere Schritte unternommen werden, die einen Weg aufzeigen, wie
man die griechische Regierung durch den Druck der Massen zwingen kann,
die Kürzungen zurückzunehmen. Xekinima (Schwesterorganisation der SAV/
CWI Griechenland), die auch im Bündnis der Radikalen Linken SYRIZA aktiv
ist, wirft die Forderung nach einem 48-stündigen Generalstreik und
rotierenden Massenstreiks in verschiedenen Wirtschaftsbranchen auf.
Ein großen Problem bei einem gemeinsamen Kampf, der in der Lage wäre die
kapitalistische griechische Regierung zu stürzen ist das Fehlen einer
sozialistischen Massenpartei, die auf der Grundlage eines marxistischen
Programms steht. Immer noch ist die griechische Linke tief gespalten, so
hielten die KKE und die Gewerkschaftsfront PAME gestern Kundgebungen von
den restlichen Gewerkschaften getrennt ab. Xekinima fordert von KKE und
SYRIZA eine Einheitsfront im Kampf gegen die Angriffe der Regierung.
Selbst die Maßnahmen der PASOK-Regierung, die bei einem Sitzverhältnis
von 160 zu 140 im Parlament verabschiedet werden dürften, werden den
drohenden Staatsbankrott nur herauszögern. Auch die deutschen
„Notkredite“ von über 22 Mrd. €, über die der Bundestag morgen
entscheiden will, werden keine Verbesserung für die Mehrheit der
Bevölkerung darstellen. Die internationale Finanzspritze durch die EU
und den Internationalen Währungsfonds (IWF) dient vor allem dazu, den
griechischen Staat in die Lage zu versetzten, weiterhin Zinsen und
Tilgungsraten zu zahlen. Und mit Sicherheit auch ausstehende
Waffenlieferungen durch französische und deutsche Rüstungsunternehmen.
Jeder Cent dafür soll von der Bevölkerung abgepresst werden – nicht nur
in Griechenland - sondern international.
Für ein Europa der ArbeiterInnen
Denn nicht nur in Griechenland, auch in anderen Ländern Europas, wie
Spanien, Portugal und Italien, schwebt der drohende Staatsbankrott über
den Köpfen der Menschen. Auch in diesen Ländern haben die Regierungen
bereits angekündigt, bereits geplante Sparmaßnahmen vorzuziehen und
umzusetzen. Auch dort regt sich Widerstand gegen Verschlechterungen.
Das Schwierige an Staatsschulden ist, dass große, international tätige
Banken als Gläubiger dahinter stehen. Diese denken nicht im Traum daran,
auf einen Cent zu verzichten. Internationale Hilfspakete, die Staaten
zur Zahlungsfähigkeit verhelfen sollen, werden selbstverständlich nicht
von den Banken gezahlt, sondern von der Bevölkerung – europaweit,
weltweit.
Im Falle Griechenlands ist einer der deutschen Gläubigerbanken die HRE
(Hypo Real Estate), die durch Spekulationen und der Krise in wanken
geraten ist. An dieser beteiligt sich der Staat bereits mit Milliarden
auf Steuergeldern. Die Lösung kann also nicht sein, dass diese Banken
„zahlen“, sondern die Profiteure müssen zahlen – europaweit, weltweit.
Das Kapital ist international organisiert, wir müssen es auch sein.
Gerade jetzt ist es nötig, die Proteste über Ländergrenzen hinweg zu
verbinden und gemeinsam gegen jeden Angriff zu kämpfen. Der DGB sandte
Solidaritätserklärungen nach Griechenland, sowie VertreterInnen, um auf
den Kundgebungen aufzutreten. Es gab gestern eine Protestaktion vor dem
Bundeskanzleramt, die von Attac und dem Bündnis „Wir zahlen nicht für
eure Krise“ organisiert wurde.
Doch dies kann nur der Anfang sein. Was wir brauchen sind Massenparteien
der Arbeiterinnen und Arbeiter, Jugendlichen, der Mehrheit der
Bevölkerung. Eine Massenpartei, die konsequent mit einem marxistischen
Programm die Interessen der Mehrheit vertritt und sich gegen die
Herrschaft des Kapitals wendet. Nur so ist es möglich, die Macht des
Kapitals zu brechen, Konzerne und Banken zu enteignen, Vermögen zu
konfiszieren und unter demokratische Kontrolle zu stellen. Nur die
internationalisierte Bewegung kann die Regierungen zwingen,
Schuldenzahlungen einzustellen.
Deshalb besitzt die Forderung eine uneingeschränkte Gültigkeit – Gegen
das Europa der Banken und Konzerne – Für ein Europa der Arbeiterinnen
und Arbeiter.
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