„Wir bleiben hier“
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, Betrieb und Gewerkschaft, veröffentlicht: 06.05.2010
1.500 MetallerInnen demonstrierten auf dem KBA-Firmengelände und vor der
Behr-Zentrale gegen Entlassungen - Solikomitee gegründet
Im Mittleren Neckarraum stehen die Zeichen auf Sturm. Belegschaften von
Autozulieferern, des Maschinenbaus und anderer Metallbetriebe kämpfen um
ihre Arbeitsplätze. Nach Kurzarbeit drohen ihnen Entlassungen und
Werksschließungen. Beispiel Stuttgart Feuerbach: hier hat Bosch sein
Stammwerk. Drum herum gibt es viele andere wichtige Betriebe. Dazu
gehört der Traditionsbetrieb Kühler-Behr. Von den einst 3.000
Produktionsarbeitern sind nur noch 200 übriggeblieben. Und ihnen will
Behr Ende Juni kündigen. Die Produktion soll in Stuttgart eingestellt
und auf andere Werke verlagert werden. In Verwaltung und Entwicklung
droht 180 Beschäftigten die Kündigung.
von Ursel Beck, Stuttgart
Fünfhundert Meter Luftlinie entfernt liegt ein weiterer Stuttgarter
Traditionsbetrieb. Hier werden Anlagen für Blechdruck und Lackierung
hergestellt. Der Betrieb wurde vom Druckmaschinenkonzern König&Bauer;
(KBA) aufgekauft. Seither heißt er KBA MetalPrint.
Die Konzernleitung in Würzburg will den Standort in Stuttgart
zerschlagen. 39 Kündigungen wurden bereits ausgesprochen. 31 weitere
sollen folgen. Damit soll das Ende des Werks mit mehr als 300
Beschäftigten vorbereitet werden.
Kampfbereite Belegschaften
Die Belegschaften von Behr und KBA Metalprint sind nicht bereit, die
Vernichtung ihrer Arbeitsplätze zu akzeptieren. Beide Belegschaften sind
kampferprobt. Die Behrler waren im Streik für die 35-Stunden-Woche und
in anderen Tarifauseinandersetzungen Streikbetrieb der IG Metall. In der
aktuellen Auseinandersetzung um die Schließung des Produktionsbetriebs
Werk 8 haben sie im Dezember zweimal kurzfristig die B10/B27 blockiert.
Die Kollegen bei KBA Metalprint haben 2001 und 2005 Massenentlassungen
verhindert und sich jahrelang erfolgreich gegen Erpressungsversuche aus
den Chefetagen zur Wehr gesetzt. Seit Oktober 2009 sind sie mehrmals
gegen die Vernichtung ihrer Arbeitsplätze auf die Straße gegangen. Weil
die gekündigten Kollegen von der Arbeit freigestellt wurden, kommen sie
jeden Tag ans Werkstor, bieten erfolglos ihre Arbeit an und halten dann
den ganzen Tag eine Mahnwache ab. Drinnen wissen die Kolleginnen und
Kollegen nicht, wie sie ihre Arbeit ohne die Entlassenen erledigen
sollen. Aus Unmut über diesen Zustand gehen im organisierten Wechsel
Kollegen aus allen Abteilungen zu den Kolleginnen und Kollegen vors Tor
und unterstützen sie. Zur Symbolik haben die KBAler ein Kreuz
aufgestellt, an das alle Namen der Gekündigten gepinnt sind.
Alle gemeinsam
In den Belegschaften wird immer mehr eingefordert, dass die IGM den
Kampf gegen Arbeitsplatzvernichtung konsequent und mit allen betroffenen
Belegschaften gemeinsam führt. Einen Schritt in diese Richtung gab es
mit dem IGM-Aufruf für den 5. Mai. Die Belegschaften von KBA Metalprint
und Behr kämpften einen Tag gemeinsam für ihre Arbeitsplätze und wurden
dabei von Delegationen von Bosch, Mahle, Coperion, Porsche, Daimler,
Alcatel, Werner&Pfleiderer; und Schaudt unterstützt. Auftakt für die
Protestaktion war das Werkstor von KBA. Als der Demozug von ca. 800
Kolleginnen und Kollegen sich in Bewegung setzte, ging es erst mal wie
selbstverständlich durch das KBA-Firmengelände. Vorne weg das
Transpartent der KBA-KollegInnen mit der Aufschrift: „Wer mit uns nicht
rechnet, hat sich verrechnet“. Dann zog der Demozug durch die Straßen
des Industriegebiets zum Verwaltungsgebäude von Behr, wo bereits mehrere
hundert Beschäftigte aus anderen Betrieben zur Abschlusskundgebung
eingetroffen waren.
„Wir bleiben alle hier“
In der Eröffnungsrede erklärte Behr-Betriebsrat Thomas Wörner dass die
Firmenleitung Listen für eine Sozialauswahl erstelle und ein
Abfindungsprogramm veröffentlicht habe. Das sei aber nicht
Verhandlungsstand. Ziel sei immer noch für alle drei Standorte die von
Arbeitsplatzabbau und Verlagerung bedroht sind „weiterhin Beschäftigung,
Arbeit und Lohn zu sichern“. Er bekräftigte, dass weder Betriebsräte
noch IGM in irgendeinem Betrieb der Region betriebsbedingte Kündigungen
akzeptieren würden. Wenn es nötig sei, dann müssten noch weitere
Aktionen folgen und zwar aus Produktion, Verwaltung und Entwicklung
gemeinsam. Thomas Wörner griff den Sprechchor „Wir bleiben hier“ aus
Werk 8 auf und rief unter dem Jubel der Kundgebungsteilnehmer: „Wir
bleiben alle hier, Kolleginnen und Kollegen“.
Behr-VKL-Leiter Wolfgang Zeleny erklärte, dass die Schließung von Werk 8
eine rein politische Entscheidung der Geschäftsleitung sei. Kolleginnen
und Kollegen, die Behr zu dem gemacht hätten, was es heute ist, sollen
bis Ende Juni die Kündigung bekommen. Das sei eine Riesensauerei. Aber,
so Wolfgang Zeleny: „So wie die Geschäftsleitung politische
Entscheidungen fällt, können wir politischen Widerstand leisten.“ Er
kündigte die Gründung eines Solidaritätskomitees an und forderte die
Anwesenden auf, sich dafür in eine Liste einzutragen.
Aus dem bayrischen Behr-Standort Neustadt war ein voller Bus Kolleginnen
und Kollegen zur Kundgebung gekommen, um Solidarität zu demonstrieren.
Ein Betriebsratsmitglied von dort erklärte, dass weitere Gespräche
keinen Sinn machen würden, wenn es morgen keinen klaren und guten
Vorschlag gäbe. Dann müsse man andere Maßnahmen ergreifen. Welche
Maßnahmen das sein könnten, ließ er allerdings offen.
Immer wieder kamen Rufe „Flick muss weg“. Eine Kollegin aus
Kornwestheim, die in der Verhandlungskommission sitzt, setzte noch einen
drauf, und sagte, nicht nur der Werksleiter, sondern alle im siebten
Stock müssten weg. Sie drohte damit, dass man den „Laden an die Wand
fahren werde“, wenn es keinen „vernünftigen Abschluss“ gäbe.
Mahnwache bei KBA
Ronny Schwarz, Betriebsratsvorsitzender von KBA MetalPrint, erklärte in
seiner kämpferischen Rede, dass die Belegschaft seit einem Jahr den
Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze führe. Als vor Kurzem die 39
Gekündigten durch eine kurze Infoveranstaltung über ihre sofortige
Freistellung informiert wurden, seien nicht nur die eingeladenen
Gekündigten, sondern alle gekommen und hätten gemeinsam ihren Unmut kund
getan. Solche Szenen hätte er in seinen 20 Jahren Betriebszugehörigkeit
noch nicht erlebt. Wenn der Betriebsrat, die Geschäfte führen würde,
gäbe es einen solchen Irrsinn nicht, dass die einen in Arbeit ersticken
und die anderen rausgeschmissen würden. Wenn die Geschäftsleitung
behaupte, der Betrieb würde nur Verluste machen, dann solle sie den
Betrieb an die Belegschaft übergeben. Sie würde ihn mit Sicherheit
besser führen. Zum Schluss gab Ronny Schwarz die KBA-Geschäftsleitung
dem spöttischen Gelächter der Kundgebungsteilnehmer preis. Er
berichtete, dass das Kreuz, das sie bei ihrer Mahnwache aufgestellt
hätten zwei Stunden später auf Anweisung eines
Möchtegerngeschäftsführers weggeräumt werden sollte und dass dieser
dafür eine Firma mit LKW und Kran beauftragt hätte, obwohl das Kreuz
locker von einer Person weggetragen werden könnte. Soviel „Sachverstand“
hätten ihre Chefs. Aber zum Abtransport des Kreuzes sei es auch gar
nicht gekommen, so Ronny Schwarz. Die Belegschaft war schneller, nahm
das Kreuz wieder vom Haken und der LKW-Fahrer musste ohne Ladung
abfahren. Gestern sei es wieder aufgestellt worden und werde von den
gekündigten und freigestellten Kollegen den ganzen Tag bewacht. Er
berichtete, dass die Solidarität aus den umliegenden Betrieb enorm sei
und dass es immer wieder Besuchsgruppen gäbe. Es täte gut zu wissen,
dass man in einer solchen Situation nicht alleine sei. Er versprach,
dass der Kampf mit allen Mitteln fortgeführt werde und er sicher sei,
das man ihn gewinne.
Betriebsschließung bei Schaudt – eine Warnung
Von der IGM-Verwaltungsstelle Stuttgart erklärte Hansjörg Schmierer,
dass für den heutigen Tag viele Solidaritätsadressen eingegangen seien
und viele VK-Sprecher Grußworte entrichten wollten, man sich aber darauf
geeinigt habe, dass er das stellvertretend übernehme. Die IGM hätte
letztes Jahr die Losung ausgegeben, „ohne Entlassungen durch die Krise“.
Damit sei die IGM erfolgreiche gewesen, wobei Kollege Schmierer es als
Erfolg verkaufte, dass die Beschäftigten mit Kurzarbeit und dem
Tarifvertrag Beschäftigungssicherung für die Krise bezahlen. Dass damit
aber keine Entlassungen verhindert werden, zeigt sich nicht nur bei
Behr. Kollegen des Schleifmaschinenherstellers Schaudt in
Stuttgart-Hedelfingen, die bei der Kundgebung in Feuerbach anzutreffen
waren, berichteten, dass die Hälfte der Belegschaft seit einem Jahr in
Kurzarbeit sei. Ab 1. Juni soll die Belegschaft mit 180 Beschäftigten in
eine Transfergesellschaft überführt werden, mit dem Ziel den Betrieb in
Hedelfingen ganz dicht zu machen. Inzwischen, so berichteten die
Kollegen, hätte sich eine Bürgerinitiative gegründet, die gegen die
Betriebsschließung kämpfe. Die Betriebsschließung wird damit wohl leider
nicht verhindert werden können. Das Aus für Schaudt ist eine Warnung an
andere Belegschaften. Wer zu spät kommt mit entschlossenen
Kampfmaßnahmen, den bestraft das Leben. Bei Behr und KBA, bei Betrieben
wie Mann+Hummel, Getrag, Index/Traub, Läpple, AEG, Heller,
Siemens.....ist der Kampf gegen Arbeitsplatzvernichtung noch nicht
verloren. Wenn er erfolgreich sein soll, muss er jedoch mit allen
möglichen Mitteln geführt werden und dazu gehört auch das Mittel
Betriebsbesetzung. Diese Erkenntnis bekommt zunehmend Unterstützung in
den Betrieben. Gestern wurde auf dem Betriebsgelände von KBA
demonstriert und dann das Gelände wieder verlassen. Wer sagt, dass es
das nächste mal wieder verlassen wird? Und warum sollen Behr-KollegInnen
auf Weihnachts-, Urlaubsgeld und künftige Tariferhöhungen verzichten,
wenn die Familie Behr mit einem Vermögen von über eine Milliarde Euro zu
den 100 Reichsten in Deutschland gehört. Die Profiteure des Systems
sollen für ihre Krise bezahlen, nicht die Beschäftigten. „Wir sind alle
Griechen“ titelte neulich die Tageszeitung „Junge Welt“. Zeit, dass wir
mit Bossen und Regierung griechisch reden.
Erstes Treffen des Solidaritätskomitees
Das von Vertrauensleuten von Mahle und Behr initiierte
Solidaritätskomitee trifft sich zum ersten mal am Mittwoch, den 12. Mai
um 17.00 Uhr in der Kellerschenke des DGB-Haus Stuttgart, Bleicherstr.
Fotos von der Protestaktion am 5.5. 2010 in Stuttgart-Feuerbach gibt es
unter
Flugblatt der SAV Stuttgart
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