Ver.di und der Bremer Hafen
[Druckversion] Thema: Betrieb und Gewerkschaft, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 08.05.2010
Ver.di-Führung hält an unsäglicher Sozialpartnerschaft fest und segnet
„Krisentarifvertrag“ in den Häfen ab
Schon seit Monaten mussten die KollegInnen im Hafen neue Niedriglöhne
für ihre Arbeit befürchten. Jetzt ist die Furcht zur Gewissheit
geworden. Seit dem 19. April steht es nun definitiv fest:
Neueingestellte Fahrer in der Autoverladung erhalten in allen deutschen,
tarifgebundenen Seehäfen ab jetzt einheitlich den Stundenlohn von 10,90
Euro. In Bremerhaven wurden bis jetzt 13,14 Euro bezahlt. Diese
Lohnkürzung war nur möglich durch die Beteiligung der ver.di-Funktionäre
und der skandalösen Zustimmung durch die ver.di- Bundestarifkommission.
Diese hatte den gleichen Niedrigtarif, der bei den ersten Verhandlungen
zwischen ver.di und dem Unternehmensverband Bremische Häfen im
Bundesland Bremen durchgesetzt werden sollte, vor gut 3 Wochen noch
abgelehnt. Jetzt gilt er sogar für alle Häfen mit Tarifbindung
(Bremerhaven, Hamburg, Brake in Teilen Emden) und wird von der
ver.di-Führung wiederum als Erfolg verkauft. Es stellen sich nun viele
Fragen: Wie geht es mit ver.di weiter, deren Führung offen mit den
Arbeitergebern paktiert und Arbeitsplatzabbau und Lohndrückerei
zustimmt? Wie reagieren die HafenarbeiterInnen angesichts dieses
massiven Angriffs auf die Lohnstandards? Und welche Haltung nimmt die
Partei „DIE LINKE.“ zu dem Abschluss und zum Verhalten der
Gewerkschaftsführung ein? Was muss getan werden, um weitere Angriffe
abzuwehren?
von Patrik Schulte, Bremerhaven
Die Situation im Hafen ist verworren und für viele Außenstehende aus der
Ferne schwer nachzuvollziehen. Daher ist es wichtig sich immer wieder
ins Gedächtnis zu rufen, was seit letztem Sommer passiert ist, als die
Geschäftsführung des GHB beschloss, über 1.200 Arbeitsplätze abzubauen
und die KollegInnen auf die Straße zu setzen. Der Lohndruck, den die
Bremer Lagerhaus-Gesellschaft (BLG) maßgeblich aufgebaut hat, war nur
der zweite logische Schritt hin auf dem Weg zur Sicherstellung der
Profite im Hafen vor dem Hintergrund der Krise. Die Arbeitgeber haben
jetzt das, was sie schon im Herbst 2009 forderten: Einen
„Krisentarifvertrag“, der die Löhne weiter absenkt!
Sozialpartnerschaft statt entschiedenem Kampf
Es muss eine Diskussion darüber geführt werden, welche
Gewerkschaftspolitik notwendig ist, um solche Angriffe in Zukunft zu
verhindern. Die KollegInnen des Gesamthafenbetriebsvereins (GHB) haben
bereits im letzten Jahr ihre Kritik an der Haltung der ver.di-Vertreter
geäußert und auch in die Öffentlichkeit getragen. Die Rolle die diese in
der Gewerkschaft und im Betriebsrat von Anfang an in den
Auseinandersetzungen gespielt haben, muss von allen Gewerkschaftern
scharf kritisiert werden. Nicht umsonst haben sich Michael Frohn
(GHB-Betriebsrat) und Harald Bethge (ex-verantwortlicher ver.di-Sekretär
für den Hafenbereich) durch ihre passive Haltung zum Arbeitsplatzabbau
und ihre Versöhnler-Position von Anfang an den Zorn der KollegInnen
zugezogen, die mehrheitlich in ver.di organisiert sind und die
Unterstützung ihrer Gewerkschaft einforderten. Statt einen Kampf um alle
Arbeitsplätze und gegen Lohndrückerei zu organisieren, haben sie
Verhandlungen mit den Arbeitgebern vorgezogen und die
Arbeitsplatzvernichtung wie den Trauerzug bei einer Beerdigung
begleitet. Durch diese Haltung haben sie sich so ihrer Verantwortung
entzogen und die Niederlage billigend in Kauf genommen. Symbolcharakter
hatte daher auch die von ver.di organisierte Buchsbaum-Verteilung auf
der DGB-Veranstaltung am 01.Mai 2009. Die Buchsbäume standen für jeden
Arbeitsplatz, der von der GHB-Leitung gestrichen wurde.
Es ist schon schlimm genug, dass die Gewerkschaftsführung sich nicht in
der Lage sah, mit den KollegInnen gemeinsam zu kämpfen, hier wurde noch
einmal vor den Augen der gesamten Öffentlichkeit der eigene Verrat
zelebriert. Wenn sich dies nicht tatsächlich so ereignet hätte, müsste
man denken, die Szene stammt aus einem schlechten Hollywood-Streifen.
„Schlimmeres“ verhindert?
Die Zustimmung zu den Niedriglöhnen muss daher nur als konsequent und
folgerichtig angesehen werden und zeigt auf, für welche Politik der
Großteil der beteiligten Funktionäre eintritt. Der Schulterschluss mit
den Arbeitgebern wird jedoch weitere fatale Auswirkungen haben und
ver.di unter den organisierten KollegInnen als ihre Interessenvertretung
weiter diskreditieren. Die Folgen sind momentan noch nicht abzusehen.
Eine zentrale Forderung muss daher sein, dass die
ver.di-Verantwortlichen, die den Ausverkauf mit organisiert haben, von
ihren Positionen entfernt und durch demokratisch gewählte KollegInnen
ersetzt werden müssen, die das tatsächliche Vertrauen der
HafenarbeiterInnen genießen. Diese müssen deutlich machen, dass sie sich
nicht an rückwärtsgewandter Sozialpartnerschaft beteiligen werden, die
nur in Niederlagen für die Masse der ArbeiterInnen führen kann. Bis
jetzt ist sich die ver.di-Führung jedoch keiner Schuld bewusst und
spielt weiter den Wohltäter der „Schlimmeres“ verhindert hat. Die
verantwortlichen Funktionäre und ihr übles Spiel werden innerhalb der
Gewerkschaft gedeckt. Das SPD-Parteibuch spielt hier eine wichtige
Rolle. Einzig der damals für den Hafenbereich zuständige ver.di-Sekretär
Harald Bethge wurde im Herbst 2009 fallengelassen, nachdem der Protest
der KollegInnen gegen ihn zu große Ausmaße annahm und er so für die
ver.di-Führung untragbar wurde. Er wurde ersetzt durch Klaus Lindner,
der seitdem als Verhandlungsführer mit den Arbeitgebern an einem Tisch
saß. Auch er spielte bis jetzt eine äußerst negative Rolle und vertritt
die gleiche Verzichtslogik wie Frohn, Bethge und Co. und ist eiserner
Verfechter des Co-Managements.
Er und die anderen ver.di-Vertreter hofften seit dem Beginn der
Verhandlungen, dass durch die Einigung auf den besagten Niedriglohn nun
die Möglichkeit besteht, dass die ehemaligen GHB-KollegInnenn, die im
Sommer rausgeschmissen wurden nun wieder eingestellt werden könnten.
Diese hatten zwischenzeitlich zahlreiche Klagen gegen die Kündigungen
vor dem Arbeitsgericht eingereicht und ihre Verfahren in der ersten
Instanz gewonnen. Jedoch hat die GHB-Geschäftsführung sofort nach den
Urteilen Berufung beim Landesarbeitsgericht eingelegt. Eine Einstellung
erscheint auch daher als höchst unwahrscheinlich. Zudem muss man sich
die Logik, die von Seiten der ver.di-Funktionäre vertreten wird, mal
ganz klar vor Augen führen:
Erst stimmen sie im Sommer 2009 dem Abbau von 1.200 Arbeitsplätzen zu.
Dann fordern die Arbeitgeber wegen fallender Profitraten Verhandlungen
um einen „Krisentarifvertrag“, der nun auch die Löhne der aktuell noch
Beschäftigten absenken soll. Auch diesem Anliegen kommen sie nach und
vereinbaren schlussendlich einen neuen Einstiegstariflohn für
FahrerInnen. Nun sollen nach ihrem Willen die entlassenen
GHB-KollegInnen wieder für 10,90 Euro eingestellt werden. Der
Arbeitgeber hat ja durch die Einsparungen der Personalkosten wieder
Kapazitäten neue Leute zu niedrigeren Konditionen einzustellen! Ist die
Gewerkschaft im Schwitzkasten der Arbeitgeber, können sie sich
problemlos jede weitere Schweinerei leisten…
Fakt ist: die Arbeitgeber haben ihren Plan zu hundert Prozent
durchgesetzt. Durch den Abbau der Arbeitsplätze konnte erheblicher Druck
auf die Löhne ausgeübt werden und führte schließlich zu dem aktuellen
Abschluss. Die ver.di-Führung muss sich den Vorwurf gefallen lassen den
Ausverkauf von Arbeiterinteressen zu betreiben. Die Schwächung der
Kampfkraft der HafenarbeiterInnen wird billigend in Kauf genommen und in
diesem Fall durch eine perverse Spaltungspolitik von Anfang an
zementiert.
Rolle der LINKEN
„DIE LINKE.“ hat sich während der ganzen Auseinandersetzung ebenfalls
nicht mit Ruhm bekleckert. Die aktuellen Artikel und Kommentare auf der
Homepage zeigen die Plan- und Hilflosigkeit angesichts der immer
schärfer werdende öffentlichen Diskussionen noch einmal in aller
Deutlichkeit auf. Es wird über die Situation im Hafen berichtet, aber
keine eigene Position entwickelt und dargestellt. Der Landesvorstand und
die Funktionsträger positionieren sich größtenteils nicht oder vertreten
Wischi-Waschi-Positionen.
Über die Entwicklungen innerhalb der Bremerhavener LINKEN wurde an
anderer Stelle bereits berichtet. Hier hat der hafenpolitische Sprecher
der Bürgerschaftsfraktion, Walter Müller, eine perfekte One-Man-Show
abgezogen und den Kreisverband völlig außen vor gelassen bzw. Vorstöße
des Kreisvorstands gezielt boykottiert. Mittlerweile ist er bei den
kämpferischen HafenarbeiterInnen nicht mehr gern gesehen, wie in
mehreren Gesprächen mit KollegInnen deutlich wurde. Seine Haltung diente
von Anfang an eher der eigenen Profilierung als dem Wohl der
KollegInnen. Die auf der Hafen-Veranstaltung in Langen geäußerte
Aufforderung von Müller an die Kolleginnen doch am 1.Mai mit einem Block
teilzunehmen und in der Gewerkschaft ver.di zu verbleiben ist zwar ein
richtiger Ansatz, greift aber zu kurz. Er zeigt nicht auf, wie sich die
Hafen-Belegschaften gegen Angriffe zur Wehr setzen können und lässt die
berechtigte Kritik der KollegInnen an der ver.di-Führung unbeachtet.
Lange genug hat Müller zudem, wie auch andere Vertreter der LINKEN,
immer wieder nur den Senat gemahnt, dass er sich in die
Auseinandersetzungen um Dumpinglöhne in Bremerhaven einschalten solle,
da die BLG ja zur Hälfte im Besitz des Landes ist. Konkrete
Kampfschritte oder Forderungen nach Verstaatlichung der BLG, um die
Angriffe abzublocken, wurden nicht vorgeschlagen.
Die Folgen der Niederlagen und die Möglichkeiten für kommende Kämpfe
Die Folgen sind fatal: Der jetzt vereinbarte Niedrigtarif ist der
Einstieg zur generellen Einführung von Niedriglöhnen im Hafen. ver.di
hat gegenüber den Arbeitgebern deutlich gemacht, dass sie bereit sind,
mit ihnen über die Absenkung von Löhnen zu verhandeln. Bei den
KollegInnen in allen Bereichen hat ver.di massiv Glaubwürdigkeit
eingebüßt; die Funktionäre sind verhasst, da sie sich offen in das Lager
der Arbeitgeber begeben haben. Die Arbeitgeber habe ihre Macht genutzt,
die Gewerkschaft zu spalten und sie dermaßen unter Druck zu setzen, an
dem sie aufgrund ihrer politischen Schwäche langsam Stück für Stück zu
zerbrechen droht. Die Existenz der neugegründeten Gewerkschaft
„contterm“ verschärft zudem den Spaltungsprozess innerhalb von ver.di,
da sich ihr Teile der Belegschaften zuwenden, ver.di verlassen und keine
kontroverse Debatte innerhalb der Gewerkschaft stattfindet, die sich mit
der eigenen Gewerkschaftspolitik kritisch auseinandersetzt. Es regiert
weiterhin der bürokratische Muff.
Unter den HafenarbeiterInnen hat eine gehörige Demotivation, Resignation
und teilweise selbst eine feindliche Haltung gegenüber ver.di
eingesetzt. Die früheren Proteste wurden indirekt durch das
Co-Management der ver.di-Führung abgewürgt und verliefen im Sand.
Mittlerweile herrscht eine trügerische Ruhe im Hafen, die eine konkrete
Folge der jüngsten Entwicklungen ist. Die Belegschaften der
verschiedenen Hafenbetriebe sind weiterhin nur unzureichend vernetzt,
ein gemeinsamer Kampf wird so erschwert. Die Spaltungspolitik von Frohn
und Co. hat auch Spuren innerhalb der Belegschaften hinterlassen. Es
herrscht Uneinigkeit darüber wie möglicher Protest organisiert werden
soll.
Die SAV Bremerhaven hat seit dem Beginn der Proteste ausdrücklich vor
weiterem Arbeitsplatzabbau und Lohndruck gewarnt und einen Kampf dagegen
eingefordert. Wir haben ebenfalls deutlich gemacht, dass sich alle
Betriebe gemeinsam gegen die Angriffe wehren müssen und dafür breite
regionale Proteste notwendig sind.
Gleichzeitig haben wir immer ver.di und DIE LINKE. in Verantwortung
genommen und deutlich gemacht, dass sie mögliche Proteste unterstützen
und anführen müssen. Wir haben jederzeit vor dem Co-Management der
ver.di-Führung gewarnt und Alternativen aufgezeigt (siehe Flugblatt).
Ein erster Schritt zu einer Wiederbelebung der Proteste wäre die
Durchführung einer Aktionskonferenz, die die KollegInnen aller von den
Angriffen der Arbeitgeber bedrohten Betriebe vereinigt und die weitere
Kampfschritte diskutiert. Die kämpferischen IG-Metall-KollegInnen in
Bremen haben bereits auf ihrer Delegierten-Versammlung Ende Februar eine
dementsprechende Resolution beschlossen. Es ist wichtig, diese
Resolution jetzt auch mit Leben zu füllen und mit Nachdruck in den
DGB-Gewerkschaften und der Öffentlichkeit zu verteidigen. Alle
KollegInnen müssen auf weitere Angriffe auf Arbeits- und
Lebensbedingungen vorbereitet werden und sind massenhaft zu
organisieren, damit weitere Niederlagen verhindert werden können.
Das kämpferische und fortschrittliche GHB-Komitee, das im letzten Jahr
die zahlreichen Proteste organisiert und durchgeführt hat, kann dabei
eine wichtige Rolle spielen. Das Komitee dient als Vorbild für
kämpferische KollegInnen, die Widerstand gegen den Ausverkauf
organisieren wollen und ist konkreter Bezugspunkt im Hafen. Gleichzeitig
stellt das "Netzwerk für eine kämpferische und demokratische ver.di" ein
kämpferisches Angebot an alle KollegInnen dar, die in ver.di organisiert
und unzufrieden mit der ver.di-Führung sind. Es ist daher notwendig, das
Netzwerk als Alternative zur Sozialpartnerschaft der Gewerkschaftsoberen
herauszustellen und so den KollegInnen eine konkrete Möglichkeit
aufzuzeigen, aktive Opposition innerhalb der Gewerkschaften zu
betreiben. Es muss dabei allen Beteiligten klar sein, dass der Kampf
innerhalb der Gewerkschaften erst begonnen hat. Um die Gewerkschaften
zurückzuerobern und die Angriffe der Arbeitgeber zurückzuschlagen,
bedarf es einer Diskussion unter allen KollegInnen, wie und mit welchen
Forderungen in Zukunft Kämpfe erfolgreich geführt werden können.
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