Wie weiter für DIE LINKE?
[Druckversion] Thema: sozialismus.info, Magazin der SAV, Nr. 10, "DIE LINKE.", veröffentlicht: 16.05.2010
Die Entwicklung der Partei ist nicht entschieden. Linker Flügel muss
sich reorganisieren.
GewerkschafterInnen und SozialistInnen in Großbritannien oder Österreich
blicken etwas neidisch auf Deutschland. Denn hier gibt es im Gegensatz
zu ihren Ländern mit der Partei DIE LINKE eine relativ starke politische
Interessenvertretung für Lohnabhängige und Benachteiligte, die in
gesellschaftlicher Opposition zu Neoliberalismus, Kapitaldominanz,
Rassismus und dem Einheitsbrei der bürgerlichen Parteien steht. Das hat
in den letzten Jahren unter anderem den Spielraum für rechtsextreme
Parteien eingeschränkt - solche sind in Österreich und zwischen
Liverpool und London gerade auf dem Vormarsch.
von Sascha Stanicic
In Deutschland hat DIE LINKE nicht nur einen wichtigen Anteil an den
Massenblockaden gegen den im Februar versuchten größten europäischen
Nazi-Aufmarsch in Dresden gehabt, ihre Existenz hat in den letzten
Jahren auch größere Wahlerfolge rechtsextremer Parteien verhindert, weil
sie die soziale Frage von links thematisiert und damit der
faschistischen sozialen Demagogie eine Protestalternative entgegen
setzt. Das allein drückt aus, dass die Existenz der Partei DIE LINKE im
Vergleich zur politischen Lage vor der Gründung der Wahlalternative
Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) ein Fortschritt aus Sicht der
Arbeiterklasse ist.
Der Partei war es seit dem gemeinsamen Einzug ihrer beiden Quellparteien
WASG und PDS in den Bundestag im Jahr 2005 gelungen, Wut und
Unzufriedenheit über Sozialabbau, Lohndrückerei, Ausbeutung und
neoliberale Politik im Allgemeinen zu artikulieren und Forderungen wie
die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns, die Rücknahme der Hartz
IV-Gesetzgebung, den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und Opposition
gegen Privatisierungen auf die politische Agenda zu setzen. Der Druck
der LINKE, der wiederum Ausdruck des Drucks der arbeitenden Bevölkerung
war, ließ die etablierten Parteien bei einzelnen Themen, wie dem
Mindestlohn, schwanken – Oskar Lafontaine wurde in den Medien als
‘mächtigster Politiker’ der Republik bezeichnet. Die Partei schien am
Beginn einer unaufhaltsamen Erfolgsstory zu stehen - Mitgliederwachstum,
Wahlerfolge, wachsende Unterstützung in den Gewerkschaften, die
öffentliche Debatte mehr und mehr mitbestimmend. Der seit der
Parteigründung existierende Widerspruch zwischen antikapitalistischer
Opposition und der im Land Berlin und vielen ostdeutschen Kommunen (und
in der Vergangenheit in der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern)
praktizierten Sozialabbau betreibenden Koalitionspolitik mit der SPD
schien überdeckt zu werden. Dann kam die Weltwirtschaftskrise.
Den Anforderungen der Krise nicht gerecht geworden
Der Weltkapitalismus gerät in die größte Krise seit achtzig Jahren und
die einzige antikapitalistische Partei in Deutschland profitiert davon
kaum. Der Wahlerfolg bei den Bundestagswahlen blieb unter den
Möglichkeiten angesichts der Krise und der wachsenden Offenheit in der
Bevölkerung für Systemkritik und sozialistische Ideen. Bei Europa- und
Kommunalwahlen waren Ergebnisse ernüchternd. Die Partei ist für die
Arbeiterklasse in den Betrieben und Nachbarschaften nicht wahrnehmbarer
geworden – und medial ist sie das vor allem aufgrund der parteiinternen
Auseinandersetzungen um die Nachfolge Oskar Lafontaines als
Parteivorsitzendem.
Woran liegt das? Die Weltwirtschaftskrise hat neue Anforderungen an
sozialistische Politik gestellt. Die kapitalistischen Regierungen haben
international durch massive staatliche Intervention auf die Krise
reagiert, scheinbar das Dogma von Deregulierung und Privatisierung über
Bord geworfen und den Eindruck erweckt, entschlossen auf die Krise zu
reagieren. Dieses regulative Eingreifen in die kapitalistische
Wirtschaft geschah zwar nur mit dem Ziel einen Zusammenbruch des Systems
zu verhindern und nicht im Interesse der Arbeiterklasse, aber dieser
Interessengegensatz wurde in Deutschland bisher dadurch verwischt, dass
es noch zu keinen größeren Angriffen auf die Rechte der Arbeitenden und
Erwerbslosen gekommen ist. DIE LINKE-Führung war nicht in der Lage eine
eigene, sich ausreichend vom Krisenmanagement der Bundesregierung
abhebende, Antwort auf die Krise populär zu formulieren.
Statt offensiv zu massenhaftem Widerstand gegen Bankenrettungsplan,
Lohnverluste durch Kurzarbeit und andere Maßnahmen, Entlassungen,
Betriebsschließungen, die geplante Gesundheitsreform etc. aufzufordern
und entsprechende Angebote zu machen, statt angesichts der Debatte um
die Sparpolitik in Griechenland zum internationalen Widerstand der
europäischen Arbeiterklasse aufzurufen, statt deutlich zu machen, dass
diese Systemkrise systemsprengende Maßnahmen wie die demokratische
Verstaatlichung nicht nur aller Privatbanken, sondern auch der großen
Konzerne und aller Unternehmen, die Massenentlassungen vornehmen wollen
erfordert und sich deutlich dem bürgerlich-kapitalistischen
Politikbetrieb zu verweigern, machte die Parteiführung und die
Parlamentsfraktionen allzuoft den Eindruck, sie wollen ihre
‚verantwortliche‘ und systemtragende Politik unter Beweis stellen – wenn
zum Beispiel die schnelle Durchsetzung des Bankenrettungsplans nicht
parlamentarisch blockiert wurde oder die hessische Landtagsfraktion
einem Schutzschirm für Opel zustimmte, statt eine Kampagne für die
Verstaatlichung des Unternehmens unter demokratischer Kontrolle und
Verwaltung durch VertreterInnen der arbeitenden Bevölkerung zu führen.
Dies scheint sich nun mit dem Entwurf für ein Parteiprogramm zu ändern.
Dieser Entwurf formuliert einen dezidiert antikapitalistischen und
sozialistischen Anspruch, wirft die Eigentums- und Machtfrage auf und
stellt im Vergleich zu den bisher gültigen programmatischen Eckpunkten
in seiner Gesamtheit einen Schritt nach links dar.
Das ist eine wichtige Chance für die Basis und die Linken in der Partei.
Sofort nach Erscheinen des Programms wurde es von Vertretern des rechten
Parteiflügels kritisiert und Änderungsbedarf angemeldet. Im Fokus stehen
die relativ weitgehenden Bedingungen zur Regierungsbeteiligung - nach
denen ein sofortiger Austritt aus den Landesregierungen in Berlin und
Brandenburg angesagt wäre - und die Forderungen nach Vergesellschaftung
von Banken und strukturbestimmenden Unternehmen. Es ist Aufgabe der
linken Kräfte in der Partei diese Versuche den Entwurf zu entschärfen
zurück zu schlagen. Doch vor allem darf die Programmdebatte nicht
losgelöst von einer Debatte um die tatsächliche Politik der Partei
geführt werden. Denn tatsächlich stellt der Programmentwurf eine Paradox
dar: während sich die Partei in wichtigen konkreten politischen Fragen
nach rechts entwickelt, stellt dieser einen Schritt nach links dar. Doch
Papier ist geduldig und die kritischen und wirklich sozialistischen
Kräfte in der LINKE dürfen sich nicht durch einen Text ruhig stellen
lassen, während die reale Politik sich weiter an kapitalistische
Verhältnisse anpasst. Wir wollen die reale Entwicklung der Partei an
einigen zentralen Punkten untersuchen:
Regierungsbeteiligung
DIE LINKE hat im letzten Jahr eine Koalitionsregierung mit der SPD in
Brandenburg gebildet und führt den so genannten ‘rot-roten Senat’ in
Berlin fort. Der Koalitionsvertrag in Brandenburg wurde bis weit in die
Mitte der Partei kritisiert, weil er unter anderem ein Bekenntnis zum
Lissabonner EU-Vertrag und vor allem den Abbau von zehntausend Stellen
im öffentlichen Dienst vorsieht. In Berlin praktiziert DIE LINKE ein
‘weiter so’ nach acht Jahren „sparen bis es quietscht“ (Wowereit). Im
letzten Jahr gab es im Bundesrat die Zustimmung zum Bankenrettungsplan
der Bundesregierung, erst kürzlich wurde für die Beschäftigten des
Landes Berlin ein weiterer Tarifvertrag abgeschlossen, der diese weiter
für die leeren Kassen des Landes bezahlen lässt, der viel gepriesene
öffentliche Beschäftigungssektor (ÖBS) ist faktisch ein
Niedriglohnsektor, mit dem Segen des LINKE-Wirtschaftssenators Harald
Wolf geht die privatisierte Wohnungsbaugesellschaft GSW an die Börse.
Und: die Partei ist keine Partnerin für Gewerkschaften, soziale
Bewegungen; kein Teil des Aufbaus gesellschaftlicher Opposition zum
Kapitalismus in der Hauptstadt.
In Thüringen und im Saarland wäre DIE LINKE im letzten Jahr gerne in die
Landesregierungen eingetreten, große inhaltliche Bedingungen hat sie
nicht gestellt. Hier scheiterten ihre Regierungsambitionen nicht an
innerparteilichem Widerstand oder unüberwindbaren inhaltlichen
Konflikten mit SPD und/oder Grünen, sondern diese entschieden sich für
Koalitionen mit der CDU. Das wiederum sagt viel aus, über den Charakter
der Parteien, mit denen DIE LINKE-Führung gerne koalieren würde.
In Nordrhein-Westfalen hatte der als besonders links geltende
Landesverband ein weitgehend antikapitalistisches Landtagswahlprogramm
für die Wahlen am 9. Mai verabschiedet, das weithin als klare Absage an
eine Regierungskoalition mit SPD und Grünen interpretiert wurde. Seit
der Verabschiedung des Programms waren die NRW-GenossInnen unter
erheblichen Druck der Parteiführung und des rechten Parteiflügels
geraten. Das führte dazu, dass schon die Zusammensetzung der
Kandidatenliste deutlich weniger antikapitalistisch ist und nun ein
weitaus weniger antikapitalistisches Dringlichkeitsprogramm
verabschiedet wurde, das in der öffentlichen Wahrnehmung mehr und mehr
das Landtagswahlprogramm ersetzt. Gleichzeitig gibt es in immer mehr
Äußerungen der Landesführung eine grundsätzliche Bereitschaft zur
Regierungsbildung mit den prokapitalistischen Parteien SPD und Grüne.
Der Landessprecher Wolfgang Zimmermann betont ‘Kompromissbereitschaft’,
wenn man ‘regieren will’ und die Landessprecherin Katharina
Schwabedissen trifft sich mit SPD-Spitzenpolitikern. Auch wenn die
Bedingung, sich an keiner Regierung zu beteiligen, die Sozialabbau und
Privatisierungen betreibt bisher nicht aufgegeben wurde, so zeichnet
sich die Gefahr eines Einknickens von Teilen des Landesverbandes in der
Regierungsfrage deutlich ab.
Fazit: In der Frage der Bereitschaft zu Regierungskoalitionen mit
prokapitalistischen Parteien gibt es in der Partei keine Entwicklung
nach links, sondern dominiert die durch den rechten Parteiflügel
beziehungsweise die alte PDS betriebene Politik.
Kommunale Realpolitik
Diese Logik der ‘Politik des kleineren Übels’ setzt sich auch mehr und
mehr in den Kommunalparlamenten durch - und das nicht nur in
Ostdeutschland, wo dies schon seit vielen Jahren der Fall ist.
Nicht nur in Rostock hat die Bürgerschaftsfraktion der Partei DIE LINKE
einem kommunalen Haushalt zugestimmt, der Einschnitte auf Kosten der
Bevölkerung beinhaltete. Auch in Städten wie Stuttgart und Duisburg, wo
DIE LINKE vor Ort als links gilt, war das der Fall. Mit dem Argument
Schlimmeres zu verhindern, beteiligt sich die Partei hier daran die
Krisenfolgen auf die Masse der Bevölkerung abzuwälzen. Der Weg zur Hölle
ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Eine solche kommunalpolitische
Realpolitik macht es der Partei schwer konsequente Opposition gegen jede
Art von Kürzungen zu betreiben und gemeinsam mit Gewerkschaften,
sozialen Bewegungen und Jugendorganisationen den Widerstand gegen
kommunale Kürzungspolitik auf die Straße zu tragen.
Fazit: Der Anpassungsprozess an die prokapitalistischen Parteien SPD
und Grüne setzt sich in den Kommunen weiter fort.
Die Personalentscheidungen
In der Personaldebatte, die nach dem krankheitsbedingten Rücktritt Oskar
Lafontaines in der Partei ausbrach, hat diese sich wie jede andere
x-beliebige Partei präsentiert: Machtkämpfe und Intrigen bestimmten das
Bild. Das Ergebnis stellt nicht nur keine Linksverschiebung dar, sondern
die für die Doppelspitze auserkorenen Klaus Ernst und Gesine Lötzsch
stehen zweifellos nicht für die antikapitalistischen Aussagen im Entwurf
des Parteiprogramms. Lötzsch hat, trotz ihres Images als Linke im
Berliner Landesverband, die Beteiligung am rot-roten Senat immer
mitgetragen. Klaus Ernst war schon in der WASG als Bürokrat bekannt, der
sozialistische Positionen lieber aus der Partei hinaus drängen wollte.
In einem Gespräch mit dem Autor dieser Zeilen hat er noch vor einem Jahr
betont, dass der Sozialismus ja nur eine Traditionslinie der Partei sei
und er selber kein Sozialist sei. Insgesamt lässt der Vorschlag für die
neue Parteispitze darauf schließen, dass radikale und
antikapitalistische Äußerungen, wie man sie ab und zu von Oskar
Lafontaine hörte, noch seltener werden. Der rechte Parteiflügel hat eine
starke Position im geschäftsführenden Vorstand und vor allem wird die
reale Macht in der Partei, angesichts einer schwachen Doppelspitze, noch
mehr auf den Apparat und die Bundestagsfraktion und ihren Vorsitzenden
Gregor Gysi übergehen.
Fazit: Der Programmentwurf findet keine Entsprechung in den
Vorschlägen für eine neue Parteiführung.
Innerparteiliche Demokratie
In der Personaldebatte wurden Fakten geschaffen ohne einen breiten und
demokratischen Diskussionsprozess in der Mitgliedschaft zu ermöglichen.
Zu einer Beratung der Landesvorsitzenden wurde ausgerechnet der als
Ernst-Kritiker bekannte bayrische Landessprecher Franc Zega nicht
eingeladen. Der Vorsitzende der Bundestagsfraktion Gregor Gysi, der
selber kein gewähltes Parteiamt hat, hat in der Manier eines Napoleon
Bonaparte die Personaldebatte an sich gerissen, Entscheidungen auf den
Weg gebracht und gezeigt, wer in der Partei tatsächlich das Sagen hat.
Der nun stattfindende Mitgliederentscheid ist in Wirklichkeit kein Mehr
an Demokratie, sondern Scheindemokratie. Ohne eine breite Debatte über
Alternativen, soll erreicht werden, dass durch eine Zustimmung zur
Doppelspitze im Mitgliederentscheid - bei dem ohnehin keine sinnvolle
Alternative zur Abstimmung gestellt wird - der Bundesparteitag nicht
mehr mit Zwei-Drittel-, sondern mit einfacher Mehrheit die notwendige
Satzungsänderung beschließen kann. Reale Demokratie würde bedeuten, dass
die gewählten Delegierten beim Parteitag nach intensiver Debatte in den
Kreis- und Ortsverbänden über konkrete Alternativen debattieren und
entscheiden können.
Gleichzeitig geht Druck und Ausgrenzung gegen Kritiker weiter. Nachdem
sich die Weimarer Ratsfraktion der Partei gespalten hat, weil es
schwerwiegende Gegensätze in der Kommunalpolitik gab, und der linke Teil
der Abgeordneten sich mit dem Verein ‘Neue Linke Weimar’ ein Forum für
die Fortsetzung der Kommunalpolitik geschaffen hat - ohne aus der Partei
auszutreten oder diesen Verein als Konkurrenz zur LINKE zu verstehen –
wird der die ‘Neue Linke Weimar’ unterstützende Landtagsabgeordnete
Thomas Hartung unter massiven Druck gesetzt und ihm mit Parteiausschluss
gedroht. Als der Verein zu seiner Büroeröffnung die SAV-Sprecherin Lucy
Redler als Gastrednerin einlud, schrieb der Landesvorsitzende Bodo
Ramelow einen geharnischten Brief, in dem er seine Nicht-Teilnahme an
der Veranstaltung damit begründete, die Einladung von Redler sei ein
Affront gegenüber der Partei.
Lucy Redler und vier weiteren SAV-Bundesleitungsmitglieder wird
weiterhin der Eintritt in DIE LINKE verwehrt, um kritische Stimmen zur
Politik des Sozialabbaus im rot-roten Senat klein zu halten.
Fazit: DIE LINKE wird ihrem eigenen Anspruch von Pluralität und
innerparteilicher Demokratie nicht gerecht.
Mitgliederentwicklung und Verhältnis zu Bewegungen
DIE LINKE ist die einzige Partei, die in den letzten Jahren deutlichen
Mitgliederzuwachs verzeichnen konnte. Das drückt das Potenzial für eine
linke und sozialistische Partei in Deutschland aus. Allerdings deuten
alle Berichte aus den Kreisverbänden darauf hin, dass es keine
Steigerung der Zahl aktiver Parteimitglieder gibt. Im Gegenteil ziehen
sich Mitglieder aus der aktiven Parteiarbeit zurück, weil sie an den
oftmals bürokratischen Strukturen und der parlamentarischen Ausrichtung
verzweifeln. Zu Kreismitgliederversammlungen in Großstädten wie
Stuttgart oder Köln kommen keine einhundert Mitglieder mehr.
Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sich in der Partei mehr und
mehr eine auf die parlamentarische Arbeit, von der Kommune bis zum
Bundestag, dominierte Praxis durchgesetzt hat, die ParteiaktivistInnen
zu wenig Raum gibt.
Aktionen, wie der Protest gegen den Bombeneinsatz von Kundus im
Bundestag sind wichtige Signale, dass DIE LINKE das Parlament als
Plattform für sozialen Protest versteht, geschehen aber letztlich zu
selten und bleiben die Ausnahme. Gleichzeitig gelingt es der Partei nur
selten, sozialen Mobilisierungen den Stempel aufzudrücken, oftmals
werden Beteiligungen an Demonstrationen wie Fototermine behandelt. Die
Massenblockaden gegen den Naziaufmarsch in Dresden bildeten hier eine
positive Ausnahme, die zeigt, was möglich ist, wenn die Partei und ihre
Führung ihre Kraft auf solche Aktivitäten konzentrieren.
Doch gerade bei den Protesten gegen Atomenergie und bei den
Sozialprotesten im März in Essen und Stuttgart und den für den 12. Juni
geplanten Demonstrationen des Bündnisses ‘Wir zahlen nicht für Eure
Krise’ ist die Partei viel zu wenig engagiert.
Fazit: Es gibt keine Zunahme der aktiven Basis und der
außerparlamentarischen Aktivitäten der Partei.
Was repräsentiert der Programmentwurf?
Der Charakter des Programmentwurfs ergibt sich aus der Tiefe der
kapitalistischen Weltkrise, die offensichtlich nach systemischen
Alternativen fragt. Wenn die in den programmatischen Eckpunkten noch
offen behandelten Fragen in einem deutlich marktwirtschaftlicheren Sinne
durch die Programmkommission beantwortet worden wären, hätte das zu
einem Aufschrei an der Basis, einer Polarisierung und einer zugespitzten
politischen Debatte über Sozialismus geführt - und damit die Frage einer
stärkeren Organisierung der Parteilinken aufgeworfen. Paradoxerweise
kann die Programmdiskussion nun gerade weil der Entwurf einen linkeren
Charakter trägt den gegenteiligen Effekt haben.
In diesem Sinne ist die Funktion des Entwurfs, ob bewusst gewollt oder
nicht, auch von der notwendigen Debatte über die tatsächliche Politik
der Partei abzulenken und die Linken an der Basis zu beruhigen.
Das darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Entwurf auch zum
Ausdruck bringt, dass die Entwicklung der Partei noch nicht entschieden
ist, dass in ihr lebendige Kräfte miteinander ringen und sie ihren
Doppelcharakter als antikapitalistischer Oppositionspartei einerseits
und die bestehenden Verhältnisse konkret stützende Partei andererseits
nicht verloren hat.
Deshalb ist es richtig, nicht nur den Programmentwurf gegen rechte
Kritik zu verteidigen und marxistische Änderungsvorschläge
auszuarbeiten, sondern sich weiter in der Partei dafür einzusetzen, dass
diese eine kämpferische und sozialistische Politik betreibt, ihren
Schwerpunkt auf den Aufbau außerparlamentarischer Bewegungen setzt und
so eine Strategie entwickelt eine wirkliche sozialistische Massenpartei
aufzubauen, die in Zukunft auf der Basis großer Klassenkämpfe, sozialer
Bewegungen und wachsendem antikapitalistischen Bewusstsein eine
sozialistische Regierung erkämpfen kann.
Aufgaben der Linken in der LINKE
Die Partei darf nicht denjenigen überlassen werden, deren Ziel es ist
durch möglichst viele Koalitionen mit den prokapitalistischen Parteien
SPD und Grünen in Ländern und Kommunen eine Regierungsbeteiligung auf
Bundeseben nach den nächsten Bundestagswahlen vorzubereiten.
Dazu müssen sich die tatsächlich antikapitalistischen und kämpferischen
Kräfte in der Partei zusammen schließen und eine organisierte Opposition
gegen die drohende Rechtsentwicklung auf die Beine stellen. Denn wenn
DIE LINKE den Weg geht, den SPD und Grüne in ihrer Geschichte gegangen
sind und sich den so genannten kapitalistischen Sachzwängen anpasst und
die Exekutierung von arbeiterfeindlicher Politik mit betreibt, wird der
Kampf für eine lebenswerte Gesellschaft zurück geworfen und werden
Rechtsextremisten davon profitieren können (wie das rechtsextreme
Parteien schon nach den Regierungsbeteiligungen bzw. der
Tolerierungspolitik der PDS in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt
taten).
Eine besondere Aufgabe beim Aufbau eines starken linken und
sozialistischen Flügels in der Partei kann der Linksjugend[‚solid] und
dem Studierendenverband LINKE.SDS zukommen. Mit einer offensiven
antikapitalistischen Politik und rebellisch-radikaler Praxis können sie
viele tausend Jugendliche organisieren und auf die Arbeiterklasse
orientieren. Dabei sollten sich die beiden Verbände nicht nur als
Jugendstruktur der Partei verstehen, sondern auch als linke Opposition
gegen Anpassung und Regierungsbeteiligung mit prokapitalistischen
Parteien.
Leider hat die wichtigste innerparteiliche Strömung, die einen
antikapitalistischen und kritischen Anspruch hat – die
Antikapitalistische Linke (AKL) – bisher darauf verzichtet in die
Offensive zu gehen. So trägt sie unter anderem den von Gysi und anderen
Führungskräften ausgearbeiteten Personalvorschlag mit und scheint darauf
zu setzen unter der Losung der ‚Einheit der Partei‘ auf eine stärkere
Organisierung einer innerparteilichen Opposition zu verzichten. Doch in
der Partei existieren faktisch inkompatible politische Vorstellungen von
Antikapitalismus und Verwaltung des Kapitalismus. Darüber kann nicht ein
Mantel des Schweigens ausgebreitet werden, sondern es muss der Kampf
organisiert werden, dass die Befürworter von Regierungskoalitionen mit
prokapitalistischen Parteien zurück gedrängt werden und die Partei für
ein nicht nur nominal sozialistisches Programm, sondern tatsächlich
sozialistische Politik gewonnen wird.
Die SAV hatte in einem offenen Brief an die AKL zu einer
Re-Organisierung der kritischen Linken in der Partei aufgerufen, darauf
aber leider keine Antwort erhalten. Eine solche Re-Organisierung ist
aber nicht nur nötig, um die innerparteilichen Auseinandersetzungen
erfolgreich zu bestreiten, sondern auch um die Politik und praktische
Tätigkeit der Partei zu beeinflussen und auf Beteiligung an Kämpfen und
außerparlamentarischem Widerstand auszurichten. Durch exemplarische
Kampagnen und kämpferische Politik vor Ort kann die Parteilinke zeigen,
wie eine sozialistische Partei agieren und aufgebaut werden kann. Der
Bildungsstreik im Juni und die anstehenden Demonstrationen des
Bündnisses Wir zahlen nicht für Eure Krise am 12. Juni sind dazu eine
erste Möglichkeit, unzählige weitere werden folgen, wenn das Sparpaket
der Bundesregierung verkündet wird und die Kapitalisten zu weiteren
Entlassungswellen übergehen. Darauf muss sich die Parteilinke nun
vorbereiten.
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