Türkei in der Krise
[Druckversion] Thema: Türkei, sozialismus.info, Magazin der SAV, Nr. 10, veröffentlicht: 17.05.2010
Aufschwung von Klassenkämpfen und der Streik der Tekel-Arbeiter.
Die AKP-Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan war seit
Mitte Dezember mit dem bedeutendsten Arbeitskampf seit dem Beginn ihrer
ersten Regierungszeit 2002 konfrontiert.
Nachdem die AKP (Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung) bei den
Parlamentswahlen im Juli 2007 47 Prozent der Stimmen erhielt und damit
eine absolute Mehrheit der Abgeordneten im Parlament erzielte, hatte sie
nun mit wochenlangen Streiks und Protesten der Tekel-Arbeiter und
breiter Solidarität der Bevölkerung mit diesen zu tun. „Brot, Freitheit
– sonst wird es keinen Frieden geben“, „Eher Sterben als Aufgeben“,
„Unser Kampf ist noch nicht zu Ende, er hat gerade erst begonnen“ - dies
sind nur einige der Slogans, die über zweieinhalb Monate lang täglich
durch Ankara hallten.
von Nelli Tügel
Der Kampf der Tekel Beschäftigten findet vor dem Hintergrund der
weltweiten Wirtschaftkrise einerseits und einer intensiven
Privatisierungswelle in der Türkei in den letzten Jahre andererseits
statt.
Zwischen 1985 und 2008 wurden in der Türkei Staatsunternehmen für rund
30 Milliarden US-Dollar verkauft. 22 Milliarden US-Dollar der
Privatisierungserlöse stammen aus der Zeit seit 2003, wurden also unter
der AKP-Regierung durchgeführt, die nach dem Motto verfährt: „Wir machen
mit vollem Tempo weiter!“. Eines der größten Privatisierungsprojekte der
letzten Jahre war Tekel. Bis zum Jahr 2003 war Tekel das staatliche
Alkohol- und Tabakmonopol. Nach der Auflösung von Tekel wurden Stück für
Stück zunächst der Alkoholbereich, später große Teile der Tabakindustrie
verkauft (an American Tobacco). Die 12.000 Arbeiter, die jetzt entlassen
werden sollten, sind die letzten Staatsbediensteten von einstmals
50.000, die bei Tekel beschäftigt waren.
Nächste größere Privatisierungsprojekte der Regierung betreffen die
Zuckerindustrie und die Wasserversorgung. Beim „5. Weltwasserforum“ im
März 2009 in Istanbul wurden die Grundsteine für die Privatisierung von
Quellen, Flüssen, Seen, Staudämmen und der gesamten Wasserversorgung
gelegt. Für die Jahre 2010 und 2011 sind zehn Milliarden Türkische Lira
aus Privatisierungsgewinnen in den Haushaltsplanungen der Regierung
vorgesehen.
Hinzu kommt die wirtschaftliche Situation. Obwohl die AKP-Regierung im
Herbst 2008 noch behauptete, die Türkei werde nicht von der
Weltwirtschaftskrise betroffen sein, war sie 2009 eines der am stärksten
betroffenen Länder überhaupt. Schon im letzten Quartal 2008 rutschte die
Türkei erstmals nach 27 Quartalen positiven Wachstums in den
Minusbereich (-6,2 Prozent). Im ersten Quartal 2009 sank das BIP um 14,3
Prozent, so tief wie seit 1945 nicht mehr. Vor allem die
Industrieproduktion ist betroffen. Im Januar 2009 lag die
Arbeitslosigkeit bei einem Rekordwert von offiziell 15,5 Prozent. Laut
DISK lag die wirkliche Arbeitslosigkeit jedoch bei 26 Prozent, wobei nur
fünf Prozent der Arbeitslosen Geld aus der Arbeitslosenversicherung
beziehen. Die Regierung rechnet mit weiteren Massenentlassungen und hat
Sparmaßnahmen angekündigt, um das 2009 gestiegene Haushaltdefizit
abzubauen.
Klassenkämpfe
Schon in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Proteste von den von
Privatisierungsfolgen betroffenen Belegschaften bis hin zu Streiks und
Besetzungen, wie bei der Papierfabrik SEKA in Izmir. Die Arbeiter dort
konnten durch die Besetzung ihres Betriebes die Privatisierung und die
Vernichtung ihrer Arbeitsplätze verhindern.
2009 dann konnten Gewerkschafter zum ersten Mal seit 28 Jahren den vor
allem auch für die türkische Arbeiterbewegung historischen Taksim-Platz
in Istanbul betreten und den 1. Mai als Feiertag begehen. 1977 hatten in
Istanbul mehr als eine Million Arbeiter, Gewerkschafter und Linke auf
der größten Maidemonstration in der Geschichte der Türkei demonstriert.
Die Situation eskalierte, als in die Demonstration geschossen wurde und
eine Massenpanik ausbrach, bei der Dutzende von Menschen starben.
Im Herbst 2009 fand ein Streiktag im Öffentlichen Dienst gegen
gewerkschaftsfeindliche Gesetze aus Zeiten der letzten Militärdiktatur
nach 1980 (zum Beispiel gesetzliche Regelungen, wieviel ihres Budgets
Gewerkschaften für Streiks ausgeben dürfen, ab wieviel Mitgliedern eines
Unternehmens die Gewerkschaft das Recht hat mit Arbeitgebern zu
verhandeln usw.) und für das Recht auf politischen Streik (dieser ist
gesetzlich verboten) statt.
Türkische Linke
Nach dem dritten Militärputsch in der Geschichte der Türkischen Republik
1980 waren sowohl die Linke, als auch die Arbeiterbewegung in der Türkei
physisch und ideologisch schwer getroffen. Viele AktivistInnen der
linken Bewegungen der 1970er Jahre wurden gefoltert, ermordet,
verschwanden teilweise für Jahrzehnte hinter Gittern oder flohen zu
zehntausenden ins Ausland. Insgesamt wurden zwischen dem 12. September
1980 und 1982 mehr als 180.000 Menschen verhaftet.
Der Putsch war eine Reaktion der Herrschenden auf die starke
Arbeiterbewegung. Die stalinistisch bzw. maoistisch dominierten linken
Gruppen hatten zusammen mehrere zehntausend Mitglieder. DISK, der
revolutionäre Gewerkschaftsdachverband hatte großen Einfluss. 1978 waren
rund eine Million Arbeiter, Angestellte und Studierenden in den Gruppen
und Gewerkschaften organisiert, die unter dem Einfluss von linken
Parteien oder Strömungen standen. Die Herrschenden setzten darauf,
faschistische Kräfte aufzubauen. Eine enorm instabile Phase mit Streiks,
wechselnden Regierungen und gewalttätigen Zusammenstößen folgte, bei der
die Linke nicht in der Lage war, einen Ausweg aufzuzeigen. Statt Bruch
mit dem Kapitalismus herrschte Chaos.
Vor diesem Hintergrund putschte das Militär und ging sofort daran, der
Linken den Boden unter den Füßen zu entziehen. Gewerkschaften wurden
verboten oder mit oben genannten Gesetzen in ihrer Handlungsfähigkeit
enorm eingeschränkt.
Zwei Tage nach der Machtübernahme der Militärs wurde den Gewerkschaften
das Recht auf Streik und Abschluss von Tarifverträgen untersagt. Etwa
54.000 streikende Arbeitnehmer mussten ihre Aktionen unterbrechen und
unverzüglich die Arbeit wieder aufnehmen. Die laufenden
Tarifverhandlungen für 352.000 Arbeitnehmer wurden gestoppt .
Der General Kenan Evren wandte sich kurz nach dem Putsch im Fernsehen an
das Volk mit den Worten: „Wenn wir nicht geputscht hätten, würde jetzt
ein Kommunist an meiner Stelle zu Euch sprechen“.
Die türkische Linke war aber nicht in der Lage, den Charakter des
Militärputschs zu verstehen, Schlussfolgerungen zu ziehen und sich
danach neu zu formieren. So forderten Teile der Linken von den Generälen
eine „antifaschistische Offensive“ gegen die „Grauen Wölfe“. Andere, wie
die TKP (Türkische Kommunistische Partei), verhielten sich neutral
beziehungsweise wollten den Begriff „Putsch“ gar nicht gebrauchen.
Dahinter steckte, dass die türkische Linke seit jeher Illusionen in die
Rolle des Kemalismus, der auf Kemal Atatürk zurück gehenden Ideologie
und Bewegung der „Modernisierung“ der Türkei „von oben“, und des davon
getragenen Militärs hegte. Statt durch die Arbeiterklasse mit
Kapitalismus und Rückständigkeit aufzuräumen, hoffte die überwältigende
Mehrheit der türkischen Linken auf eine Zusammenarbeit mit
fortschrittlichen Kapitalisten und ihren Vertretern im Militär.
Damit verbunden war eine Vorstellung von einem Weg zum Sozialismus in
Etappen. Zunächst müsse eine Phase von bürgerlicher Demokratie
durchlaufen werden (daher die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Kräften),
bevor Sozialismus erkämpft werden könne. Diese „Etappentheorie“
ignoriert, dass die Weltmärkte längst aufgeteilt sind und die
imperialistischen Länder keineswegs zuschauen werden, wie sich neue
Konkurrenten „modernisieren“. Die kapitalistischen Kräfte in der Türkei
sind viel zu eng mit dem US-Imperialismus und den imperialistischen
Ländern Europas verbunden, als dass sie sich mit diesen grundlegend
anlegen wollten oder könnten. Vor allem aber sorgte die Angst der
türkischen Herrschenden vor der Arbeiterbewegung dafür, dass nicht
„Modernisierung“, sondern nur brutale Unterdrückung auf der Agenda der
Kapitalistenklasse stand. Die Hoffnungen auf vermeintlich
fortschrittliche kapitalistische Kräfte und ihren Staatsapparat,
inklusive dem Militär, führten in eine bittere Katastrophe. Durch diese
Theorie geleitet, versäumten es einflussreiche Linke – und versäumen es
heute leider immer noch – einen unabhängigen Klassenstandpunkt
konsequent einzunehmen.
Der 12. September 1980 war zweifelsohne eine Zäsur in der Geschichte der
Arbeiterbewegung der Türkei. Eine weltweite Zäsur für die
Arbeiterbewegung war der Zusammenbruch des Stalinismus 1989 bis 1991.
Der Wegfall der Systemalternative zum Kapitalismus (trotz der Tatsache,
dass es sich nicht um Sozialismus handelte) versetzte der Arbeiterklasse
weltweit politisch und organisatorisch einen tiefen Schlag und machte es
der türkischen Arbeiterbewegung und den ehemals sehr starken,
stalinistisch und maoistisch dominierten linken Organisationen, umso
schwerer nach dem Desaster von 1980 wieder auf die Beine zu kommen.
Nach den Massenaufständen in Kurdistan, die der türkische Staat mit
einem blutigen Krieg beantwortete, der bis heute andauert und mehreren
Versuchen des Aufbegehrens der Arbeiterklasse in Massenstreikbewegungen
in den 1990er Jahren, die vor allem von wirtschaftlicher und politischer
Instabilität und Chaos gekennzeichnet waren, waren die Nuller Jahre nach
dem wirtschaftlichem Crash von 2001 Jahre von relativer Stabilität unter
der AKP-Regierung geprägt.
Machtkampf innerhalb der türkischen Bourgeoisie
Diese konnte in zwei Wahlen mit einem islamisch-konservativen Programm
unter türkischen, aber auch kurdischen Arbeitern viele Stimmen gewinnen.
Auch sehr viele der Tekel-Arbeiter, die in den Streik getreten sind,
waren vorher Anhänger der AKP.
Wie weit der Desillusionierungsprozess in der gesamten türkischen
Arbeiterklasse geht ist schwer zu sagen, aber es ist anzunehmen, dass
die Nachwirkungen des Tekel-Streiks unter anderem ein verändertes
Verhältnis der Arbeiterklasse zur AKP sein wird. Fakt ist, dass erstmals
für kurze Zeit der in den letzten Jahren dominierende Machtkampf
innerhalb der türkischen Kapitalistenklasse in den Hintergrund getreten
ist und die Arbeiterklasse sich kraftvoll zurückmeldete.
In den letzten Jahren hatten immer wieder Verhaftungswellen von Militärs
für Schlagzeilen gesorgt. Zuletzt wurden Ende Februar 33 ranghöhe
Offiziere verhaftet. Das Verbotsverfahren gegen die AKP, das 2008 mit
nur einer Stimme knapp von den Verfassungsrichtern ablehnend entschieden
wurde, ist ebenso Ausdruck eines Machtkampfes innerhalb der
Kapitalistenklasse der Türkei wie die Verhaftungswellen gegen das
Militär. Nun steht auf Initiative der AKP ein Referendum über ein
umfangreiches Reformpaket zur Änderung der türkischen Verfassung (die
noch von den putschenden Militärs 1982 in Kraft gesetzt wurde) an. Teil
der vorgeschlagenen Veränderungen sind, das Verfassungsgericht anders zu
besetzen, um die Justiz, die in der Hand von Kemalisten ist und mehrmals
Gesetze der AKP-Regierung gestoppt hat unter die Kontrolle der AKP zu
kriegen. Darüber hinaus soll zum Beispiel zukünftig das Parlament einem
Parteiverbotsverfahren zustimmen müssen.
Was steckt hinter diesen Auseinandersetzungen?
Jahrzehntelang nutzten US-Imperialismus und türkische Kapitalisten den
„Kemalismus“ und die auf ihn eingeschworene politische Elite, um ihre
Herrschaft zu sichern. Doch mit dem wirtschaftlichen Zusammenbruch 2001
brachen fast alle dieser Parteien in sich zusammen und verloren ihre
Unterstützung. Historisch war die AKP die Partei des anatolischen
Kleinbürgertums. Doch nun setzten die Herrschenden auf diese moderat
islamistische Partei, um ihre neoliberale Agenda durchzusetzen. Das
stellte Grundlagen des „Kemalismus“ in Frage (Trennung von Staat und
Religion, Säkularismus des Staates) – und war ein Affront gegen Teile
der staatlichen Elite, die ihre Pfründe davon schwimmen sah.
Nach dem wirtschaftlichen Absturz von 2001 fiel die erste
Legislaturperiode der AKP mit einer Phase wirtschaftlichen Aufschwungs
in der Türkei zusammen. Aus Sicht von Teilen der türkischen Bourgeoisie,
des US- und des - die EU dominierenden - deutschen Imperialismus stellt
die AKP gerade das „beste Pferd im Stall“ dar. Doch die Frage, welche
Art der politischen Herrschaft die Günstigste ist (aus Sicht der
Kapitalisten) ist nicht beantwortet. Die ganze Instabilität, übertüncht
durch sechs Jahre Aufschwung, aber dennoch den längsten Teil der
Geschichte der Türkei bestimmend, bedeutet auch, dass Teile der
türkischen Bourgeoisie Möglichkeiten einer autoritäreren Herrschaft in
der Hinterhand halten wollen und daher auf das Militär und die
traditionell kemalistischen Kräfte setzen. Der Kampf zwischen
„Kemalisten“ und AKP drückt auch aus, wie gespalten die türkische
Kapitalistenklasse ist und wie offensichtlich ihre Unfähigkeit zu Tage
tritt, zu herrschen und das Land zu entwickeln.
Wie verlässlich die AKP für die Bourgeoisie ist, ist noch nicht klar,
denn bisher war sie eine „Schönwetterpartei“. Damit die Bourgeoisie sich
dauerhaft auf die AKP verlassen kann, muss sie aus ihrer Sicht erst
einmal den Beweis antreten, dass sie dieses Vertrauen verdient. Teile
der türkischen Bourgeoisie hegen Zweifel.
Der Eliteapparat (Militär, Justizbürokratie) wiederrum führt ein
gewisses Eigenleben, verfolgt auch eigene Interessen und ist nicht so
flexibel, wie die türkische Bourgeoisie selbst es ist. Diese Schichten
rebellieren nachhaltig gegen die AKP.
Und die Linke?
Teile der türkischen Linken wiederholen gerade die Fehler aus der
Vergangenheit, indem sie sich positiv auf die eine oder andere Seite
dieses Machtkampfes beziehen und damit Illusionen schüren, entweder die
AKP oder die Kemalisten und ihre traditionelle Partei CHP wären Kräfte
mit denen die Arbeiterbewegung zusammenarbeiten sollte, um ihre eigene
Lage verbessern zu können. Die Aufgabe von Sozialisten ist es, für eine
unabhängige Klassenposition und den Aufbau einer Arbeiterpartei zu
streiten, die die Interessen der Klasse vertritt ohne dabei auf
bürgerliche Kräfte zu setzen. In einer solchen neuen Formation – selbst
wenn sie am Anfang noch kein abgerundetes sozialistisches Programm hätte
– könnten sich marxistische Ideen im Praxistest am besten beweisen und
Massenunterstützung gewinnen.
Der Streik bei Tekel
Als Tekel als Staatsbetrieb aufgelöst wurde, wurde den Arbeitern dort
von der Regierung das Versprechen gegeben, dass sie ihren Status
behalten, also zu gleichen Löhnen und unter Wahrung ihrer Rechte
beschäftigt würden. Im Dezember, als die Schließung angekündigt wurde
und die Arbeiter ihre Kündigung zum 31. Januar in den Händen hielten,
erwies sich dieses Versprechen als wertlos.
Stattdessen drohte den Arbeitern Arbeitslosigkeit oder die
Weiterbeschäftigung in anderen Staatsbetrieben zu den Bedingungen des
C4-Gesetzes. C4 bedeutet ungesicherte Arbeitsverhältnisse ohne
Kündigungsschutz zu Löhnen von 772 bzw. 856 oder 938 türkische Lira
(TL), je nach Schulabschluss. Eine durchschnittliche Miete in Istanbul
kostet 451 TL, in Izmir 495 TL, in Ankara 350 TL. Viele Beschäftigte
nennen C4 auch das „Versklavungsgesetz“.
Fadime, eine Arbeiterin aus Izmir, sagte in einem Interview dazu: „Als
ich hergefahren bin, habe ich nicht verstanden, was mit Erdogan los ist.
Was denkt er sich eigentlich, wie kann er nicht verstehen, dass wir C4
nicht annehmen können, wenn wir unsere Kinder durchbringen und ihnen
Bildung fınanzieren wollen? Inzwischen weiß ich, dass es ihm überhaupt
nicht darum geht, ob unsere Kinder studieren können. Für ihn sind wir
heute Sklaven und unsere Kinder sollen es morgen sein.“
Nachdem im Dezember die Schließung von Tekel bekannt wurde, traten die
Arbeiter in den Streik.
Am 15. Dezember kamen sie aus der ganzen Türkei nach Ankara, um dort vor
der AKP-Zentrale zu demonstrieren. Sie entschieden sich, zu bleiben und
waren mit massiver Polizeigewalt konfrontiert.
Am 16. Dezember trieb die Polizei die Arbeiter in einen Park in der Nähe
der AKP-Zentrale. Am nächsten Tag errichtete sie einen Barrikadenzaun
rund um den Park und setzte Wasserwerfer und Tränengas gegen die
Demonstranten ein. Die Polizeigewalt eskalierte, und gegen die
Demonstranten wurde mit Knüppeln vorgegangen, so dass viele von ihnen in
Krankenhäuser gebracht werden mussten. Mustafa Türkel, der Vorsitzende
von Tekgıda-Is und damaliger Generalsekretär des Dachverbandes Türk Is,
wurde kurzzeitig verhaftet. Als Reaktion auf die Polizeigewalt
entschieden sich die Tekel-Arbeiter spontan, vor die Zentrale von Türk
Is zu ziehen.
Dort blieben sie bis zum 2. März, als per Gerichtsurteil die von der
Regierung festgelegte Frist zur Annahme von C4 um acht Monate verlängert
wurde.
Auseinandersetzung mit der Gewerkschaftsführung
Die Entschlossenheit der Arbeiter von Tekel und die Bereitschaft von
Beschäftigten anderer Bereiche, diese durch Streiks zu unterstützen,
hätte C4 zu Fall bringen können. Alle Arbeiter haben nach dem 4. Februar
einen weiteren, größeren Generalstreik als nächsten Schritt im Kampf
erwartet.
Einmal mehr aber hat sich Trotzkis Beschreibung der Gewerkschaftsführung
aus dem Übergangsprogramm von 1938 bewahrheitet, in dem es heißt: „In
Perioden zugespitzter Klassenkämpfe bemühen sich die Gewerkschaften
krampfhaft, der Massenbewegung Herr zu werden, um sie zu neutralisieren.
Das geschieht schon bei einfachen Streiks, wieviel mehr bei
Massenstreiks mit Fabrikbesetzungen.“
Von Beginn an gab es bei diesem Streik eine Situation, in der sich
relativ kampfunerfahrene, aber umso entschlossenere Arbeiter einer
ebenfalls relativ kampfunerfahrenen, aber unwilligen
Gewerkschaftsführung gegenüberstanden.
Im Januar sprachen sich in einer Urabstimmung in Ankara und 47
Tekel-Standorten 8.150 von 8.180 an der Abstimmung teilnehmenden
Arbeitern für eine Fortsetzung des Streiks aus.
Am 17. Januar fand eine Kundgebung von 100.000 Menschen zur
Unterstützung der Tekel-Arbeiter in Ankara statt. Dort zeigte sich
deutlich, wie gespannt das Verhältnis zwischen den Tekel-Arbeitern
einerseits und dem Dachverband Türk Is ist. Auf dieser Kundgebung sprach
Mustafa Kumlu – Vorsitzender von Türk Is – als letzter von wenigen
Rednern. Als „Kampfschritt“ forderte er, der AKP bei den nächsten Wahlen
„die rote Karte zu zeigen“. Das Wort Streik nahm er nicht einmal in den
Mund. Danach wurde Musik gespielt.
Dies akzeptierten die Tekel-Arbeiter nicht, besetzten die Bühne und
forderten konkrete Kampfmaßnahmen ihrer Gewerkschaftsführung. Unter
diesem Druck war die Gewerkschaftsführung gezwungen, am 4. Februar zu
einem landesweiten Generalstreik auszurufen. Die Unterstützung und
Bereitschaft der Bevölkerung war so groß, dass dieser Generalstreik eine
kraftvolle Demonstration der Macht der Arbeiterklasse hätte werden
können. Die Gewerkschaftsführung jedoch tat nichts, um diesen
Generalstreik zum Erfolg zu machen – im Gegenteil. Einen Generalstreik
auszurufen, ohne ihn zu organisieren – das ist ein auf Demoralisierung
abzielendes Unternehmen. Zehntausende kamen in verschiedenen Städten
trotzdem zu den Demonstrationen. Die Tekel-Arbeiter bekamen noch einmal
Rückenwind dadurch. Doch die nötige – und mögliche! - Unterstützung
mittels allgemeinem Ausstand blieb aus.
Nach dem Generalstreik blieben 24 Tage bis zum Auslaufen der
C4-Annahmefrist. Der Zeitdruck war also enorm hoch, zumal die Regierung
mit polizeilicher Räumung drohte. Das Potential, unmittelbar weitere
Streiks und einen zweiten Generalstreik vorzubereiten und durchzuführen
war aber groß. Die Gewerkschaftsdachverbände aber ließen sechs Tage
verstreichen, bevor sie sich überhaupt zusammensetzten, um einen
Aktionsplan auszuarbeiten, der dann keine Streiks mehr vorsah. In den
Februarwochen kam es zweimal zu spontanen, wütenden Versammlungen der
Tekel-Arbeiter vor der Türk Is-Zentrale, bei denen sie Mustafa Türkel –
den Vorsitzenden von Tek Gida Is – aufforderten herauszukommen und eine
Erklärung abzugeben. „Gewerkschaften macht eure Arbeit – Generalstreik!“
war einer der Slogans, die dabei häufig skandiert wurden. Nachdem das
Gerichtsurteil Anfang März bekannt wurde, unternahm die
Gewerkschaftsführung alles, um die Arbeiter zurück nach Hause zu bringen
und das Tekel-Camp aufzulösen.
Selbstorganisation
Obwohl die Tekel-Arbeiter zweieinhalb Monate zusammenlebten,
diskutierten und demonstrierten und sich nicht scheuten, ihren Unmut
über die Führung ihrer Gewerkschaft zum Ausdruck zu bringen, wurden
keine Komitees gebildet, umd die Organisierung des Kampfes in die
eigenen Hände zu nehmen. Erst Ende Februar gab es kurzzeitig ein solches
Komitee aus gewählten Vertretern der verschiedenen Städte, aus denen
Tekel-Arbeiter in Ankara waren. Dieses wurde unter dem Druck der Führung
von Tek Gida Is wieder aufgelöst. Eine kämpferische
Gewerkschaftsführung, die kompromisslos für die Interessen der Kollegen
eintritt, hätte die Situation – wild entschlossene Arbeiter, breite
Solidarität unter Beschäftigten anderer Branchen und in der Bevölkerung
und Ermutigung durch das Gerichtsurteil – als Ausgangspunkt genommen
unter Einbeziehung der Tekel-Arbeiter und Förderung von
Selbstorganisation einen Kampfplan zur Beseitigung von C4 zu erarbeiten.
Eine starke marxistische Kraft mit Verankerung und Autorität unter den
Arbeitern hätte in dieser Situation den Unterschied ausmachen können,
der nötig gewesen wäre, um den Schritt, den Kampf in die eigenen Hände
zu nehmen, zu wagen.
Wie weiter?
Die Schlacht um die Zukunft der Tekel-Beschäftigten ist noch nicht
geschlagen. Das Gerichtsurteil hat den Arbeitern eine Verschnaufpause
verschafft und ihnen und anderen vor allem das Gefühl gegeben, dass es
sich lohnt zu kämpfen. Inzwischen sind die Arbeiter der Textilindustrie
bei Taris in Izmir im Streik.
Das CWI schlägt in dieser Situation folgendes vor:
Wöchentliche Treffen der Tekel-Arbeiter in den Regionen: Die
Tekel-Kollegen sollten sich in jedem Ort regelmäßig treffen, austauschen
und den weiteren Verlauf des Kampfes diskutieren. Aus solchen Treffen
können VertreterInnen auch türkeiweit zusammen kommen. Diese Komitees
können auch die Zusammenarbeit mit anderen von Angriffen bedrohten
Belegschaften wie bei Taris koordinieren.
Aktionskonferenz: Am postiven Element der Koordination durch die
Zeltstadt, könnte durch eine türkeiweite Aktionskonferenz von
Tekel-Arbeitern und aus den verschiedenen Tekel-Betriebsstätten,
gemeinsam mit solidarischen AktivistInnen angeknüpft weden. Eine solche
landesweite Aktionskonferenz, könnte mit Delegierten aus allen Regionen
den bisherigen Kampf bilanzieren und weitere Schritte organiseren und
durchführen.
Wenn die Gewerkschaft Tek Gida Is tatsächlich den Kampf „in die Orte
tragen“ will – und das war das Argument zum Abbau der Zeltstadt – dann
muss vor Ort jetzt auch Widerstand organisiert werden. Bis jetzt gibt es
keine Anzeichen wann und wo diese Aktionen vor Ort statt finden
sollen.Sie müssen jetzt von der Gewerkschaftsspitze so schnell wie
möglich organisiert werden.
Alle gemeinsam - gegen Privatisierungen, Lohnraub und Entlassungen: Die
Tekel-Arbeiter können in den Regionen von ihrem Kampf in Ankara
berichten und direkte Kontakte zu anderen Belegschaften herstellen.
Viele in der Zeltstadt wussten, dass für eine breitere Mobiliserung auch
die Forderungen anderer Belegschaften mit denen der Tekel-Arbeiter
zusammen gebracht werden müssen und der Kampf damit auf eine breitere
Basis gesetellt werden kann. Dafür können jetzt Verbindungen aufgebaut
werden.
Unterstützung der gesamten Arbeiterbewegung und der Linken: Die
türkische Linke, kämpferische GewerschafterInnen, die „Volkshäuser“ und
andere sollten sich mit den Tekel-Arbeiter zusammen setzen und weitere
Aktionen in Angriff nehmen.
Solidarität mit den Taris-Kollegen: Auf dieser Grundlagen kann dafür
gesorgt werden, dass die Regierung auch bei der Zerschlagung des
staatlichen Textilkonzernes „Taris“ nicht mit ihren Plänen durch kommt!
Kommt es in den nächsten Wochen und Monaten tatsächlich zu Kämpfen bei
Taris und anderen Betrieben besteht die Möglichkeit einer massiven
Ausweitung des Tekel-Kampfs. Einen Generalstreik der stärker als die
Streiks am 17.1 und am 4.2 werden könnte, steht dann im Raum. Die
achtmonatige Frist gibt also noch einmal die Chance das Ruder zu Gunsten
der Tekel-Arbeiter herumzureißen.
24-Stunden-Generalstreik vorbereiten: Die Regierung Erdogan sucht die
Konfrontation mit der Arbeiterbewegung, da sie die Kosten der
kapitalistischen Krise auf den Schultern der Arbeiterklasse abladen
will. Nur gemeinsamer Widerstand dagegen wird letztlich erfolgreich
sein. Ein eintägiger Generalstreik kann ein Auftakt sein, die
Arbeiterbewegung in die Offensive zu bringen. Damit das möglich wird,
muss erneut Druck von unten aufgebaut werden und in den Gewerkschaften
für einen radikalen Kurswechsel gestritten werden.
Lehren
Der Kampf der Tekel-Arbeiter war für diese, aber auch für jeden, der
dort war, um die Arbeiter zu unterstützen, eine lehrreiche Erfahrung.
Viele Fragen, wie die nach der Veränderung der Gewerkschaften zu
wirklichen Kampforganisationen der Arbeiterklasse und die nach einer
politischen Partei der Arbeiterklasse stehen im Raum. Einzelne haben
durch die Ereignisse der letzten Wochen begonnen, den Kapitalismus als
System in Frage zu stellen.
Alle aber, die Teil des Kampfes waren, sind politisiert worden und haben
gelernt, dass der Klassenkampf die Menschen in kürzester Zeit verändern
kann und Zusammenhalt und Solidarität erlebt, wo diese lange undenkbar
erschienen.
Als die Regierung zum Beispiel Gerüchte verbreitete, es hätte
Beschwerden von Ladenbesitzern gegeben, die sich durch das Tekel-Camp
gestört fühlten, gab es unmittelbar Solidaritätsaktionen von
Ladenbesitzern, von denen viele die Arbeiter mit Feuerholz,
Lebensmitteln oder der Bereitstellung von Schlafplätzen unterstützten.
„Kein Überleben allein. Alle oder niemand!“
Besonderes Augenmerk jedoch verdient die Tatsache, dass in Ankara Türken
und Kurden Seite an Seite gekämpft haben.
Die Kurden sind das größte staatenlose Volk auf dieser Welt. Seit
Jahrhunderten unterdrückt und verfolgt führt der türkische Staat seit
Jahrzehnten einen blutigen Krieg in Kurdistan. Zirka die Hälfte der
Arbeiter bei Tekel sind Kurden. Eine der wichtigsten Erfahrungen des
Tekel-Kampfes für die Arbeiter selber, aber auch für alle, die sich
damit beschäftigen, ist, dass die Arbeiterklasse in der Lage ist, die
Spaltung durch Nationalismus und Chauvinismus zu Gunsten des gemeinsamen
Kampfes zu überwinden.
Fadime, Arbeiterin aus Izmir sagte dazu:„Eines ist mir noch wichtig zu
sagen: Dieser Ort ist zu einer kleinen Türkei geworden. Arbeiter aus
Istanbul, Izmir, Malatya, Diyabakır, Adana, Tokat, Trabzon, Batman,
Adıyaman... sind hier, Kurden und Türken gemeinsam.“
Eine Gruppe kurdischer Arbeiter aus Diyarbakir hat es so formuliert:
„Als wir herkamen waren wir Arbeiter verschiedener Herkunft. Hier sind
wir nun alle zusammen. Lazen, Türken, Kurden, Çerkessen... Wir haben uns
gegenseitig unsere Tänze beigebracht und diese zusammen getanzt. Dies
hier ist für uns eine Schule der Brüderlichkeit geworden. Die AKP hat
uns die “demokratische Öffnung” (Anmerkung: Die Regierung kündigte im
Spätsommer letzten Jahres Reformen in Bezug auf die kurdische Frage an.)
versprochen. Nichts ist passiert. Die ‚demokratische Öffnung‘ findet nun
hier statt.“
Es kann nicht genug betont werden, wie bedeutsam diese Erfahrung ist.
Dass die Versuche der AKP Regierung mit der Behauptung, die PKK
unterwandere die Arbeiter, den Kampf zu diskreditieren sofort mit
Slogans, die die Einheit der Arbeiter betonten (siehe oben) bewantwortet
wurden, ist ein ein großer Erfolg.
Die nationale Frage und Kurdistan
Dennoch bleibt die Problematik der nationalen Frage bestehen. Gegenüber
den kurdischen Arbeitern bei Tekel, die zu den entschlossendsten
Kämpfern dort gehörten war diese ein Druckmittel, das ihre eigene
örtliche Gewerkschaftsführung einsetzte (indem sie behauptete, die
Arbeiter würden die kurdische Einheit in diesem Kampf gefährden), um zum
Beispiel den Ansatz der selbstgewählten Komitees zu sprengen. Dass die
Arbeiter diesem Druck nachgaben zeigt, dass die Frage des
Selbstbestimmungsrechts und eines freien und unabhängigen Kurdistans für
sie enorm wichtig ist und Augenmerk verdient, um Arbeitereinheit im
Klassenkampf überhaupt zu ermöglichen.
Eine marxistische Position zur kurdischen Frage bedeutet, das Recht auf
Selbstbestimmung bis hin zur Loslösung und Bildung eines eigenen Staat
zu fordern. Zugleich müssen wir darauf hinweisen, dass ein freies
Kurdistan auf kapitalistischer Grundlage nicht möglich ist. Die
Abhängigkeit vom Weltmarkt und den imperialistischen Mächten bliebe
völlig unangetastet. Die wirtschaftliche Entwicklung wäre von der
kapitalistischen Krise diktiert.
Der Kampf für ein unabhängiges Kurdistan muss also ein Kampf für ein
sozialistisches Kurdistan als Teil einer sozialistischen Föderation mit
der Türkei und den Ländern des Nahen Ostens sein.
Der Verlust der kurdischen Gebiete wäre für die herrschende Klasse der
Türkei eine Katastrophe. Um dagegen erfolgreich zu sein, brauchen die
Arbeiter Kurdistans Verbündete im Kampf gegen den türkischen Staat und
die mit ihm verbundenen imperialistischen Mächte. Die Waffe mit dem
dieser Kampf erfolgreich geführt werden kann ist die Einheit der
kurdischen und türkischen Arbeiterklasse.
Den kurdischen Teil der Tekel-Arbeiter für diese Klasseneinheit in einem
konkreten Kampf zu gewinnen muss in letzter Konsequenz bedeuten, ihnen
die Sicherheit zu geben, dass ihr Kampf für ein freies Kurdistan Teil
des Klassenkampfes ist. Nur auf dieser Ebene kann die Arbeiterbewegung
das volle Vertrauen kurdischer Arbeiter gewinnen und der Spaltung durch
Nationalismus ein für alle Mal einen Riegel vorschieben.
Nelli Tügel ist Mitglied im Bundesvorstand der SAV und hat Ankara
während und nach dem Tekel-Streik besucht.
Anhang
Chronik des Streiks bei Tekel
15. Dezember: Mehrere tausend Tekel-Arbeiter aus der gesamten Türkei
kommen nach Ankara, um vor der AKP-Zentrale zu demonstrieren.
16. Dezember: Polizei treibt die Demonstranten in einen Park. Massive
Polizeigewalt, viele Arbeiter werden verletzt, Mustafa Türkel –
Vorsitzender von Tek Gida Is – wird kurzzeitig verhaftet. Die Arbeiter
beschließen vor die Zentrale von Türk Is in der Innenstadt Ankaras zu
ziehen. Dort bleiben sie bis zum 2. März. Im Laufe der Zeit bauen sie
Zelte und eine Infrastruktur auf. Täglich finden Aktionen,
Demonstrationen, Kundgebungen, Solidaritätsbesuche etc. statt. Ab Ende
Dezember gibt es Solidaritätswarnstreiks in verschiedenen Betrieben.
17. Januar: Bis zu 100.000 Menschen demonstrieren in Ankara aus
Solidarität mit den Tekel-Beschäftigten. Am Ende der Kundgebung besetzen
die Tekel-Arbeiter die Bühne um gegen Mustafa Kumlu – den Vorsitzenden
von TürkIs – zu protestieren und eine weitere Steigerung der Proteste
durchzusetzen
31. Januar: Die Tekel-Lager und -Niederlassungen werden geschlossen.
4. Februar: Generalstreik: Zehntausende beteiligten sich im ganzen Land
an Demonstrationen nach einem Aufruf zum Solidaritätsstreik durch sechs
Gewerkschaftsdachverbände, die diese aber nur halbherzig organisieren
28. Februar: Die von der Regierung festgelegte Frist läuft aus, bis zu
der Arbeiter von Tekel C4 beantragen können.
1. März: Der Verwaltungsgerichtshof entscheidet, dass die Frist zur
Annahme von C4 unzulässig ist und erklärt, dass die Arbeiter weitere
acht Monate Zeit haben, C4 zu beantragen und in dieser Zeit 75 Prozent
ihres Tekel Lohns erhalten.
1. April: Tausende von Tekel-Arbeitern und Hunderte Arbeiter von Taris,
die in Izmir um ihre Arbeitsplätze kämpfen, kehren nach Ankara zurück um
einen eintägigen Sitzstreik vor der Türk Is-Zentrale durchzuführen.
Polizisten riegeln Ankara ab. Es kommt zu harten Auseinandersetzungen
mit der Polizei, diese geht brutal gegen die Demonstranten vor. Es kommt
zu vielen Verletzen und Verhafteten unter den Arbeitern.
Was bedeutet C4?
Bei der C4-Gesetzgebung handelt es sich um den Zusatzparagraphen C4 des
Beamtengesetzes Nr.657 der Türkei. Mit diesem Zusatzparagraphen sollen
Mitarbeiter von Staatsunternehmen bei Privatisierungen einem neuen
Arbeitsplatz zugeteilt werden. Dieser Paragraph soll auch bei den
Tekel-ArbeiterInnen angewandt werden, obwohl es sich in diesem Fall
direkt um die Schließung der Fabrik handelt und nicht um eine
Privatisierung. Dieser Paragraph macht die MitarbeiterInnen von TEKEL zu
SaisonarbeiterInnen auf Vertragsbasis. Sie würden damit ihrer
grundlegenden Rechte beraubt, sie hätten keinen Arbeitsschutz, erhielten
keine Sozialleistungen, sämtliche medizinische Versorgungsleistungen
wären gestrichen, am neuen Arbeitsplatz würde ihnen nur 50 Prozent ihres
Lohnes ausbezahlt, die jährliche Beschäftigungsdauer soll außerdem nicht
zwölf Monate sondern kann zwischen drei und zehn Monaten betragen. Wenn
nicht gearbeitet wird, gibt es auch keinen Lohn.
Gewerkschaften in der Türkei
Tek Gida Is – Die Gewerkschaft der Nahrungs- und Genussmittelindustrie,
in der der größte Teil der gewerkschaftlich organisierten Tekel-Arbeiter
Mitglied ist.
Türk Is – Dachverband, traditionell konservativ und staatsnah, dem Tek
Gida Is angeschlossen ist. 2,13 Millionen Mitglieder.
KESK – unabhängige Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes.
DISK – „revolutionärer“ Gewerkschaftsdachverband, war nach Militärputsch
1980 verboten. 350.000 Mitglieder.
Hak Is – islamisch-religiöser Gewerkschaftsdachverband.
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