„Den Vorhang zu und alle Fragen offen...“*
[Druckversion] Thema: "DIE LINKE.", veröffentlicht: 18.05.2010
Eindrücke vom Bundesparteitag der LINKEN in Rostock
Die 550 Delegierten des Bundesparteitages der LINKEN haben in Rostock
die von der Fraktionsführung eingebrachten Personalkompromisse
bestätigt, aber keine Klarheit über den Kurs der Linkspartei geschaffen.
von Heino Berg, Mitglied DIE LINKE Göttingen und C. Flöter, Mitglied
Landesvorstand DIE LINKE Hessen und Parteitagsdelegierte
So wichtig die Ergebnisse von Vorstandswahlen für die Kandidaten und
Strömungen sein mögen: Die Mitglieder und Wähler der LINKEN erwarten von
einem Bundesparteitag vor allem Entscheidungen zu den politischen
Schlüsselfragen, über die aus der Parteiführung in den letzten Monaten
vollkommen gegensätzliche Antworten zu hören waren: Wie steht die Partei
zur Verstaatlichung der Banken und Großkonzerne und der Eurokrise? Wie
reagiert sie auf die krachende Niederlage der schwarzgelben
Regierungskoalition? Steht sie auch in NRW für Koalitionen mit der SPD
wie in Brandenburg oder Berlin zur Verfügung? Oder bleibt es bei der
Opposition zu den anderen Parteien? Anstatt darüber solidarisch zu
streiten und dann demokratisch zu entscheiden, anstatt die KandidatInnen
für die neue Parteiführung daran zu überprüfen und ihnen
Handlungsaufträge zu erteilen, wurden diese Fragen – auch durch die
Parteilinke – unter den Teppich gekehrt.
Stimmung
Nicht das neue Führungsduo Gesine Lötzsch und Klaus Ernst prägte unter
diesen Umständen den Parteitag, sondern Gregor Gysi, der stundenlang am
Rednerpult stand, während sich die Delegiertenbeiträge an den
Saalmikrofonen oft auf die Unterstützung der jeweils zur Wahl stehenden
KandidatInnen beschränkten. Diese aus der PDS bekannten Rituale wirkten
nicht nur ermüdend und kosteten Zeit, die für die politische Debatte
nötig gewesen wäre. Wenn die Führung nach Strömungs- bzw.
Ost-Westproporz und nicht auf der Basis von politischen
Richtungsentscheidungen der Delegierten bestimmt wird, sind weitere
(Führungs)querelen hinter den Kulissen geradezu vorprogrammiert.
Fest steht: Gysi, Vorsitzender der Bundestagsfraktion, ist nach dem
Rückzug von Lafontaine der eigentliche Parteichef. Er präsentierte sich
als Vertreter der Mitglieder und WählerInnen der LINKEN, der über den
Strömungen stehe und für das sogenannte „Zentrum“ der Partei spreche. Er
stellte in seinem „Fraktionsbericht“ klar, dass ein Nein zum Sozialabbau
nicht nur – wie vorher von Lafontaine gefordert – für den Bundesrat,
sondern auch im Lande selbst gelten müsse. Allerdings bleiben die von
ihm und der Parteilinken wie ein Mantra beschworenen „Roten Linien“ für
eine Regierungsbeteiligung wenig aussagekräftig und glaubwürdig, wenn
die Frage nicht beantwortet wird, warum sie von den bisherigen rotroten
Landesregierungen in Berlin und Brandenburg offensichtlich übertreten
wurden. Was nützen Haltlinien für eine Regierungsbeteiligung, wenn sie
sich nicht einmal ein Bundesparteitag zu ihrer praktischen Einhaltung
äußert?
Lafontaine und die Systemfrage
Oskar Lafontaine bekannte sich in seiner Abschiedsrede im Gegensatz zu
den SprecherInnen des fds (Forum demokratischer Sozialismus) Stefan
Liebich und Inga Nitz zum demokratischen Sozialismus und zur Überwindung
der bestehenden Eigentumsordnung. Unter dem Beifall der Delegierten
charakterisierte er die Parlamente und Regierungen als „Marionetten der
Spekulanten“ und befürwortete den Generalstreik als wichtiges Mittel
kollektiver Gegenwehr. Die Gewerkschaften dürften sich nicht auf
folgenlose Protestaktionen beschränken, weil das auch zur „Frustration“
der KollegInnen führen könne.
Deutlich verhaltener blieb die Reaktion der Delegierten, als er dann
„drei Säulen linker Wirtschaftspolitik“ beschrieb und unter dem Kürzel
„KFW“ zusammenfasste: „Damit ist gemeint: Keynesianismus,
Finanzmarktregulierung und Wirtschaftsregierung auf europäischer Ebene.“
Nicht die Enteignung der Verantwortlichen für die Krise steht damit auf
der politischen Agenda der Linkspartei, sondern der fromme Wunsch, sie
„an die Kette zu legen“ und an den Krisenkosten zu beteiligen. Das
„Primat der Politik“ gegenüber dem Diktat der Finanzmärkte und
Spekulanten kann jedoch nicht mit Regulierungsforderungen durchgesetzt
werden. Solange das Finanzkapital in Privatbesitz bleibt, wird es die
Welt beherrschen und ganze Staaten in den Bankrott treiben können. Die
keynesianischen Krisenprogramme mit ihren Milliardenkrediten haben die
Krise nicht überwunden, sondern nur aufgeschoben. Diese programmatische
Bescheidenheit von Lafontaine schafft zwar – ebenso wie die Forderung
nach Mitarbeiteraktien (Belegschaftsbeteiligung) und nach mehr
Mitbestimmung - Berührungspunkte zu entsprechenden Lippenbekenntnissen
von SPD und Grünen, steht aber im Widerspruch zu der Forderung nach der
Verstaatlichung der Banken im Programmentwurf. Sie stellt die
Bereitschaft der LINKEN in Frage, mit dem System selbst zu brechen. Und
endlich das Übel an der Wurzel zu packen.
Umso wichtiger ist die Tatsache, daß der Parteitagsbeschluss zu
Griechenland aus dem entsprechenden Dringlichkeitsantrag von
SAV-Delegierten die Forderung nach Vergesellschaftung der Banken und
nach Verbindung des Widerstands in Griechenland mit den
Anti-Krisen-Protesten am 12.6. in Deutschland übernommen hat. Außerdem
griff die Europaageordnete Sabine Wils in ihrem Bericht die europäischen
Protestwoche auf, die der für die irische Socialist Party
(Schwesterorganisation der SAV) im Europaparlament sitzende Joe Higgins
mit VertreterInnen der griechischen, spanischen und portugiesischen
Linken vorschlägt.
Fraktion führt Partei
Die neu gewählte Führung und das Prinzip der Doppelspitzen folgen dem
Anspruch, das Kräfteverhältnis zwischen dem Regierungsflügel und den
antikapitalistischen Kräften in der Partei abzubilden und ein
Gleichgewicht zwischen ihnen institutionell festzuschreiben. Diese
Konstruktion wurde hinter den Kulissen ausgehandelt und den Delegierten
zum Abnicken vorgesetzt, anstatt den Delegierten eine wirklich
demokratische Diskussion und Auswahl zu ermöglichen. Herausgekommen ist
dabei ein geschäftsführender Parteivorstand, der sich außer einem
Mitglied (der Mitglied im saarländischen Landtag ist) nur aus
Mitgliedern der Bundestagsfraktion zusammensetzt. Damit wird die bereits
bestehende Tendenz, dass die Fraktion die Partei regiert, weiter
gefestigt.
Die Unterstützung des Kompromisspakets durch die Parteilinke stellte
Harmonie zur Schau, schwächt aber die politische Handlungsfähigkeit der
Partei vor dem Hintergrund zentraler gesellschaftlicher
Herausforderungen. Denn damit bleibt unklar, welchen Kurs die Mehrheit
der Parteibasis für richtig hält: Den Weg der Anpassung an die
Sozialdemokratie, die den Kahlschlag gegen die Errungenschaften der
Arbeiterbewegung organisiert hat und dafür in der LINKEN Partner sucht,
oder den des Widerstandes gegen die Abwälzung der Krisenlasten durch
konsequente Oppositionspolitik.
Trotzdem wurde an vielen Abstimmungsergebnissen (z.B. durch das
unterdurchschnittliche Wahlergebnis für Halina Wawzcyniak vom fds oder
die Nicht-Wahl der fds-Sprecherin Inga Nitz) deutlich, dass die
Antikapitalistische Linke (AKL) und die Sozialistische Linke (SL) unter
den Delegierten durchaus über eine relative Mehrheit verfügen. Die
VertreterInnen des linken Parteiflügels riefen jedoch bereits in den
(sehr gut besuchten) Vorbesprechungen dazu auf, jede inhaltliche
Konfrontation zu vermeiden, um das ausgehandelte Gleichgewicht in der
Führung nicht in Frage zu stellen.
Regierungsfrage
Das galt noch stärker für die inhaltliche Kursbestimmung des Parteitags.
AKL und SL hatten auf eigene Anträge zur Regierungsfrage verzichtet,
obwohl sie nicht nur in NRW auf der Tagesordnung steht. Während die
Parteispitze ohne Rücksicht auf die Parteitagsbeschlüsse des betroffenen
Landesverbands ein Koalitionsangebot nach dem anderen veröffentlicht,
soll die Delegiertenbasis dazu nicht einmal Stellung nehmen?
Nur in der Debatte über Änderungen des Leitantrags, in dem der
Parteivorstand umgekehrt ein ausdrückliches Bekenntnis zur angeblich
„sozialen“ Politik der rot-roten Landesregierungen in Berlin und
Brandenburg gefordert hatte, kam es zu einer Kampfabstimmung, in der
dieses positive Bekenntnis mehrheitlich abgelehnt wurde. Vor allem hier
zeigte sich, dass die Kritik an der unsozialen Regierungspraxis von
Berlin und Brandenburg keineswegs auf die westdeutschen Landesverbände
beschränkt bleibt. Ein gleich darauf angenommener Antrag von
VertreterInnen des fds, der sich vorsichtig für eine „strategische
Debatte über andere Koalitionsmehrheiten“ ausspricht, also die Tür für
Regierungsbündnisse mit prokapitalistischen Parteien auch auf
Bundesebene öffnen soll, ändert nichts daran, daß die bestehenden
Regierungskoalitionen mit den Hartz- und Kriegsparteien keine Mehrheit
unter den Parteitagsdelegierten finden.
Umso bedauerlicher ist der Versuch des linken Parteiflügels, in Rostock
der Regierungsfrage in der Hoffnung auszuweichen, daß die SPD-Führung
sie durch ein neues Bündnis mit der CDU selbst beantwortet. Das zeigte
sich bereits in Delegiertenvorbesprechungen am Freitag Abend. Das
AKL-Treffen unterstützte zwar den Vorschlag der SAV-Mitglieder, mit dem
Antrag des hessischen Landesvorstands eine Rechtfertigung der
bestehenden Koalitionsregierungen zurückzuweisen, nicht aber einen
Antrag der Göttinger und Wilhelmshavener Kreisverbände, der in Anlehnung
an frühere Beschlüsse der WASG „die Beteiligung an Regierungen mit
Parteien, die Sozial- und Stellenabbau betreiben, ablehnt“ und
stattdessen die Einzelfallunterstützung von Maßnahmen einer rot-grünen
Minderheitsregierung vorschlägt, die tatsächlich im Interesse der
Mehrheit der Bevölkerung liegen. Ohne eine aktive Unterstützung durch
die Parteilinke konnte die Beratung von Einzelanträgen abgebrochen
werden, als der Göttinger Antrag G.06 an der Reihe war.
Die taz kommentiert den Rostocker Parteitag und die NRW-Wahlen
folgendermaßen: „Rot-Grün-Rot in Düsseldorf würde die Flügellogik
aufsprengen, die die Partei prägt und oft auch lähmt. Wenn sogar die
NRW-Genossen koalieren, dann geht in der Linkspartei alles. Auch für den
Bund 2013. (...) Schon die Aussicht aufs Regieren hat die NRW-Linke
still verändert. Vor einem halben Jahr traute sich dort kaum jemand,
offensiv für eine Tolerierung von Rot-Grün zu plädieren. Jetzt ist es
selbstverständlich, dass man mit Rot-Grün regiert, wenn die Inhalte
stimmen. Die Grünen brauchten für diesen Prozess in den 80er-Jahren ein
paar Jahre, die NRW-Linken ein paar Monate.“
Fazit:
Auf dem Rostocker Bundesparteitag wurde die Chance verpasst, die
Schwäche der Regierung Merkel, die Niederlage von Schwarz-Gelb im
größten Bundesland und die Krise der EU für Signale zu einer
antikapitalistischen Gegenoffensive zu nutzen. Trotz des Einzugs der
LINKEN in den NRW-Landtag agierten ihre VertreterInnen wie Wolfgang
Zimmermann und Katharina Schwabedissen, überaus vorsichtig und
überließen die politische Initiative denjenigen, die in Mecklenburg oder
Sachsen-Anhalt mit der SPD regieren wollen, ohne damit die Lage der
Bevölkerung substantiell verändern zu können.
In einer vom neu gewählten NRW-Landtagsabgeordneten Michael Aggelidis
sowie von Winfried Wolf unterzeichneten Erklärung der
Bildungsgemeinschaft SALZ heißt es dazu: „Der nicht überwältigende, aber
wegen der Überwindung der undemokratischen 5%-Hürde bedeutende Erfolg
der Partei Die Linke ist eine Chance, in der Formierung einer
politischen Kraft weiterzukommen, die den Interessen der Beschäftigten
und Ausgegrenzten verpflichtet ist. Diese Chance kann genutzt oder auch
verspielt werden. Ein erster entscheidender Test ist das Verhalten zur
Regierungsfrage. Eine Regierungsmitverantwortung wie in Berlin und
Brandenburg wäre ein Rückschlag und würde alle Tendenzen zur Resignation
fördern.“
Nach der ersten Regionalkonferenz der LINKEN in NRW kommentierte der WDR
auch kritische Positionen von Claus Ludwig, Stadtrat für DIE LINKE in
Köln und SAV-Mitglied:
„Bis Mittwoch (19.05.10) sollen die Mitglieder auf drei
Regionalkonferenzen in Köln, Bielefeld und Dortmund über die
rot-rot-grünen Sondierungsgespräche diskutieren können, darüber
entscheiden können sie aber nicht. "Ich gehe von einer Unterstützung
durch die Basis aus", sagte Sagel nach der Landesvorstands-Sitzung.
Claus Ludwig, der in Köln für die Linken im Stadtrat sitzt, will die
Gespräche nicht unterstützen, lehnt Verhandlungen mit SPD und Grünen
sogar ab. "Die Linke soll in die Opposition gehen", sagte er. "Wir
sollten nicht die Übel mittragen, die Rot und Grün zu verantworten haben
und in einer Regierung verantworten müssten", so Ludwig. Zu diesen
"Übeln" zählt er unter anderem Sozialkürzungen und Einsparungen im
Haushalt.
Um diesen Stimmen in der Partei mehr Gewicht zu verleihen, muss sich
nach den Erfahrungen von Rostock die Linke in der LINKEN reorganisieren.
Es reicht nicht, sich über Kandidaturen in der Partei abzusprechen.
Gemeinsame Initiativen – zur Programmdebatte, der Organisierung des
Widerstands und zur Regierungsfrage - sind dringend notwendig.
* aus: Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan
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