„Der Generalstreik am 5. Mai war nur der Anfang“
[Druckversion] Thema: Griechenland, Europa, veröffentlicht: 20.05.2010
Interview mit Nikos Anastasiadis, Syriza Koordinierungskomittee in
Thessaloniki und Mitglied von Xekinima
(Schwesterorganisation der SAV in Griechenland)
Nikos, du hast am Generalstreik am 5. Mai teilgenommen. Was war dein
Eindruck?
Es war der größte Generalstreik und die größte Demonstration seit dem
Fall der Diktatur. Er hat die Stimmung der griechischen Arbeiterklasse
und der gesamten griechischen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht, das
größte Kürzungspaket in der jüngsten griechischen Geschichte
zurückzuschlagen. Er zeigte auch die Entschlossenheit gegen die geplante
Rentenreform zu kämpfen. Außerdem zeigt er die Möglichkeit, dass alle
diese Maßnahmen zu Fall gebracht werden können. Es war auffallend, dass
alle großen Gewerkschaftsverbände sowohl vom öffentlichen Dienst als
auch aus dem privaten Sektor da waren, genauso wie viele junge Leute,
die gegen die Regierung gekämpft haben.
Es gab einige Berichte über die Gewalt in Athen und die drei toten
Bankangestellten. Wie siehst Du dieses Ereignis?
Der Tod der drei Bankangestellten in Athen hat eine Diskussion in der
griechischen Gesellschaft eröffnet. Wir würden zuerst sagen, dass alle
Gruppen, die diese Form von blinder Gewalt verwenden und Gebäude
anzünden, eine Verantwortung für diesen Vorfall tragen. Es sind
anarchistische Gruppen, die diese Methoden anwenden oder auch
Provokateure, die vom griechischen Staat angeheuert werden. Man wird es
wohl nie wissen, wer es war, aber es macht auch keinen Unterschied.
Diese Methoden nehmen Todesopfer unter Arbeiterinnen und Arbeitern in
Kauf und sind kontraproduktiv für den Aufbau unserer Widerstandsbewegung.
Aber es gibt auch Verantwortung bei der Regierung und der
Geschäftsleitung der Bank. Wenn die Regierung mit ihren Angriffen
fortfährt, wird es zwangsläufig weitere Zwischenfälle von sozialen
Explosionen und auch von blinder Gewalt geben.
Eine direkte Verantwortung trägt der Boss der Bank. Er zwang die
Angestellten dazu, an dem Streiktag zu arbeiten. Ihnen wurde gedroht,
dass sie am nächsten Tag entlassen werden, wenn sie nicht erscheinen.
Außerdem waren die Türen verschlossen und es gab keine vernünftigen
Notausgänge. Und das obwohl bekannt war, dass Demonstrationszüge an der
Bank vorbei ziehen würden und die Wahrscheinlichkeit von Angriffen auf
das Bankgebäude hoch war.
Die Schlussfolgerungen, die die Bewegung jetzt daraus ziehen sollte, ist
dass sie konkrete Schritte unternehmen muss, die Provokateuere und
solche Anarchisten zu isolieren, die für Gewalt sind. Wir müssen die
Demonstrationen gegen Provokationen und gegen Polizeigewalt schützen und
es wird ab jetzt einen OrdnerInnendienst geben.
Im Verlauf der Ereignisse hat die Regierung sogar noch mehr Kürzungen
angekündigt. Was hat sie vor?
Schau mal in die Zeitung: Es werden täglich neue Kürzungen verkündet.
Der Plan ist alle drei Monate ein großes Kürzungspaket durchzusetzen.
Sie wollen nicht alle Kürzungen auf einmal bekannt geben, weil sie
wissen, dass das sehr große Explosionen und Unruhen hervorrufen würde.
Sie benutzen diese Taktik, um dem Widerstand der Leute entgegen zu
wirken. Insgesamt wollen sie eine Gesellschaft wie in der Dritten Welt
schaffen. Sie haben schon 30-prozentige Lohnkürzungen und die
Heraufsetzung der Kündigungsrate von zwei Prozent im Monat auf vier
Prozent im Monat angekündigt. Sie wollen außerdem die Abfindungen kürzen
und in mehrere Raten teilen. Sie heben die Mehrwertsteuer an und wollen
die Renten senken.
Das große Thema jetzt ist auch die Rentenreform, wo die Regierung
versucht, über verschiedene Wege das Renteneintrittsalter von 65 Jahren
auf 67 Jahre oder sogar 70 Jahre hochzusetzen und gleichzeitig die Höhe
der Renten in ganz Griechenland zu senken.
Als Reaktion darauf, waren die Teilnehmerzahlen bei den Demonstrationen
sehr beachtlich. Wie ist der Zustand der Bewegung? Würdest du sagen, es
ist eine Art vorrevolutionäre Situation?
Was wir beim Generalstreik gesehen haben, ist wirklich eine kämpferische
Stimmung, die an die Oberfläche kam. Aber wir haben auch große
Verwirrung und Zukunftsängste gesehen. Das hat mit der Rolle der
Gewerkschaftsführung zu tun, die keinen klaren Weg aufzeigt, wie die
Bewegung sich weiter entwickeln kann. Aber auch wegen der Propaganda der
Regierung und der Medien gibt es ein Element der Verwirrung und Angst in
der jetzigen Stimmung.
Wir können sagen, dass Griechenland in eine Phase getreten ist, die
Elemente einer vorrevolutionären Situation hat. Die Wut ist so groß –
wirklich groß innerhalb arbeitenden Bevölkerung und Jugend. Wir sehen
soziale Explosionen, wie schon in der Bildungsbewegung vor ein paar
Jahren oder auch in den Dezembertagen 2008 und wir sehen sie jetzt. Der
Generalstreik am 5. Mai war nur der Anfang einer ganzen Periode von
Kämpfen der Arbeiterklasse gegen die Kürzungspakete.
Welche Vorschläge macht Xekinima für die Bewegung?
Die Gewerkschaftsführer rufen nur einen Streik aus, wenn sie total dazu
gezwungen werden. Es gibt aber ein schreiendes Bedürfnis nach einem
organisierten, geplanten und ausdauerndem Kampf, um wirklich die
Maßnahmen der Regierung zu Fall zu bringen. Es sind die größten
Kürzungen in der griechischen Geschichte und sie können nicht mit einem
oder zwei eintägigen Generalstreiks gestoppt werden. Was man wirklich
braucht ist ein allgemeiner Plan des Widerstands um das Kürzungspaket
aufzuhalten.
Als nächsten Schritt hat der griechische Gewerkschaftsdachverband einen
Generalstreik am 20. Mai ausgerufen. Die Arbeiterbewegung sollte sich
bewusst werden, dass dieser Streik der Anfang einer ganzen Periode des
Widerstands werden sollte. Das sollte regelmäßige, auch zweitägige,
Generalstreiks beinhalten, die mit Streiks in verschiedenen Betrieben
kombiniert werden, aber auch mit Besetzungen, wo das möglich ist. Das
sollte auch verbunden werden mit Schul- und Unibesetzungen sowie
Straßenblockaden durch Bäuerinnen und Bauern.
Wir rufen außerdem zur Besetzung einiger öffentlicher Gebäude auf. Das
ist sogar schon in ein paar Fällen geschehen. Das jüngste Beispiel war
die Besetzung eines Fernsehsenders durch arbeitslose LehrerInnen. Die
grundlegende Aufgabe ist, einen umfassenden Plan zu haben, wie man die
Regierung besiegt. Unglücklicherweise hat die Gewerkschaftsführung das
nicht. Er muss deshalb durch die Basis der Gewerkschaften und
Jugendorganisationen geschaffen werden.
Was sind die Kernforderungen für den Aktionsplan? Wer soll für die Krise
bezahlen?
Die Arbeiterklasse braucht klare Forderungen und ein klares Verständnis
was nötig ist. Besonders weil die Regierung linke Rhetorik verwendet und
sagt: „Wir sind Linke, aber wir haben keine Alternative zu diesen
Maßnahmen, weil das Land sonst bankrott geht.“
Nötig ist ein Forderungskatalog, angefangen bei der Forderung, die
Schuldenzahlung zu stoppen bis zur Verstaatlichung des Bankensystems und
der Verstaatlichung der größeren privatisierten Unternehmen ohne
Entschädigung der großen Aktiönäre. Das soll mit einem Plan der massiven
Investitionen im öffentlichen Sektor, Bildung und Gesundheit sowie einem
Produktionsplan, um die Wirtschaft wiederzubeleben und Wachstum nach den
Bedürfnissen der Beschäftigten zu schaffen. Das ist eine wirkliche
Alternative zur Krise. Wenn wir den Vorschlägen der Regierung folgen,
haben wir hier ein Dritte Welt Situation und trotzdem ist dann nicht
sicher, ob man die Zahlungen an den IWF in drei Jahren begleichen kann
und Griechenland würde dann pleite gehen, so wie es auch in Argentinien
passiert ist.
Die anderen Länder haben ein 750 Mrd Euro Rettungspaket geschnürt. Was
denkst du? Wird das das Problem lösen?
Das wird definitiv nicht das Problem lösen. Das grundlegende Problem der
Europakrise ist doch eine Krise der Produktion. Das wird nicht gelöst in
dem man einfach noch mehr Geld hineinpumpt. Das wird nur zu einer
Verzögerung der Krise führen, aber gleichzeitig die Krise vertiefen und
verschärfen. Sie haben Angst davor, dass die Krise der südeuropäischen
Länder den Norden ansteckt. Das wollen sie verhindern. Aber wegen der
Verbindung der Staaten ist es nun mal eine Weltkrise und keine Krise der
südeuropäischen Länder.
Was denkst du, wie sollten die Beschäftigten und Jugendlichen aus den
anderen Ländern reagieren?
Ich würde da gerne mit der Initiative von Joe Higgins und anderen linken
Europaabgeordneten für eine gemeinsame Aktionswoche Ende Juni anfangen.
Es wäre eine wichtige Lehre für die Arbeiterklasse, dass es gemeinsame
Gegenwehr in ganz Europa gibt, weil die Herrschenden in Europa die Karte
der Spaltung spielen und Zwiespalt zwischen ArbeiterInnen der
verschiedenen Länder sähen. Zum Beispiel wie wir es in letzter Zeit mit
den deutschen Herrschenden gesehen haben, die versucht haben deutsche
ArbeiterInnen gegen griechische aufzubringen und die griechischen
Herrschenden haben das gleiche getan. Deshalb sollten wir einen
gemeinsamen Kampf haben. Wir sollten für einen Kurs der Staaten in
Europa kämpfen. Für einen Kurs um sozialistische Maßnahmen
durchzuführen, um aus dieser Krise herauszukommen.
Das Interview führte Micha Koschitzki.
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