Schicksalsfrage Regierungsbeteiligung
[Druckversion] Thema: Deutschland: Politik allgemein, "DIE LINKE.", veröffentlicht: 20.05.2010
Wie DIE LINKE in NRW agieren und argumentieren sollte
Die Frage der Regierungsbeteiligung ist entscheidend für die Zukunft der
LINKEN.
In der Partei gibt es bekanntlich Befürworter und Gegner einer
Regierungs-Koalition mit SPD und Grünen in NRW. Aber auch innerhalb
dieser Lager gibt es Unterschiede. Das wurde auch bei der
Regionalkonferenz-Rheinland in NRW am 17. Mai deutlich.
von Georg Kümmel, Köln
Die Mehrheit der Befürworter einer solchen Koalition haben tatsächlich
die Illusion, dass man mit SPD und Grünen den Sozialabbau stoppen
könnte, auch wenn man nicht alle eigenen Forderungen durchsetzen könne.
Eine kleine Minderheit deutete allerdings auch an, dass eine Koalition
selbst dann zu rechtfertigen sei, wenn man zwar Kürzungen zustimmen
müsste, aber an anderer Stelle einzelne Punkte des LINKEN-Programms
durchsetzen könnte.
Problematisch ist allerdings auch die Position derer, die eine
Regierungsbeteiligung nach eigenen Angaben ablehnen, aus taktischen
Gründen aber an Sondierungsgesprächen teilnehmen und eine Koalition mit
SPD-Grünen nicht öffentlich ausschließen wollen. Sie argumentieren in
etwa so: Wir wissen, dass eine Koalition mit SPD und Grünen zu
Sozialabbau führen würde. Aber die WählerInnen wissen das noch nicht.
Deshalb gehen wir auf das Angebot der Sondierungsgespräche ein und
lehnen auch eine Koalition nicht im vor hinein ab. Wir bleiben natürlich
bei unseren Forderungen und werden keinen Kürzungen zustimmen. Deshalb
werden die Verhandlungen scheitern. Aber wir haben gezeigt, wofür wir
stehen. Für das Scheitern werden die WählerInnen die SPD und Grünen
verantwortlich machen.
Das hört sich zunächst gut an, doch diese Rechnung wird nicht aufgehen.
Die LINKE-NRW trifft sich jetzt zu Sondierungsgesprächen mit SPD und
Grünen. Dort geht es offiziell darum, die Möglichkeit einer gemeinsamen
Regierung auszuloten. Nun hat die LINKE immer wieder erklärt, dass es
mit ihr keine Zustimmung zu Sozialabbau geben würde und eine
Regierungsbeteiligung nur in Frage komme, wenn es dadurch zu einem
grundlegenden Politikwechsel im Sinne der Beschäftigten, Erwerbslosen
etc. komme.
Wenn die LINKE die Möglichkeit einer Koalition nicht ausschließt und
sich zu Sondierungsgesprächen trifft, heißt das im Umkehrschluss, man
hält einen Politikwechsel mit SPD und Grünen für möglich. Das ist
jedenfalls die Botschaft die ankommt. Wenn man sich aber einem Bündnis
mit zwei Parteien verweigert, mit denen man vorgeblich eine Politik im
Interesse der Bevölkerungsmehrheit, dann fällt die Schuld für das
Scheitern auch auf die LINKE zurück.
SPD, GRÜNE und Teile der Medien würden argumentieren: "Im Bündnis mit
Rot-Grün hätte es zumindest ein paar kleine Fortschritte gegeben, aber
die mangelnde Kompromissbereitschaft der LINKEN hat das leider
verhindert". Wem wird man dann die Schuld am Scheitern einer
Rot-Rot-Grünen Koalition geben?
Was ist denn, wenn SPD und Grüne in die Gespräche gehen, mit dem Ziel
die LINKE vorzuführen?
Sie sollen zum Beispiel verlangt haben, dass die LINKE sich zuerst von
der DDR distanziert. Nach Meinung der SAV sollten Sozialisten immer klar
sagen, dass die DDR kein Sozialismus, sondern eine stalinistische
Diktatur war. Aber man sollte sich von den Kriegs-Parteien SPD und Grüne
natürlich nicht zu plumpem Anti-Kommunismus zwingen lassen..
Wem werden die WählerInnen die Schuld geben, wenn man am Ende dasteht
und sagen muss: "Wir waren der Meinung, dass man mit SPD-Grüne
möglicherweise einen Politikwechsel schaffen kann, aber zu einer
Verurteilung der Verhältnisse in der DDR sind wir so nicht bereit.
Deshalb wird es keine Koalition geben." Wem werden dann wohl selbst
potenzielle LINKE-WählerInnen die Schuld am Scheitern geben?
Wenn man sich zu Sondierungsgesprächen bezüglich einer
Regierungskoalition trifft, wenn man eine Koalition mit Rot-Grün nicht
klar ausschließt, schürt man die Illusion, mit Rot-Grün sei ein
Politikwechsel möglich. in Zeiten der Krise führt der
pro-kapitalistische Charakter von SPD und Grünen zwangsläufig zu einer
Politik, die sich gegen die Lohnabhängigen, Erwerbslosen und
Jugendlichen wendet. Eine soziale Politik muss notwendigerweise
antikapitalistisch sein. Das ist mit SPD und Grünen nicht möglich.
Was sollte die LINKE in NRW stattdessen tun? Was sollten ihre
VertreterInnen sagen, wenn sie zu ihrer Haltung gegenüber Sondierungs-,
Koalitionsgesprächen und möglicher Regierungskoalition gefragt werden.
Hier ein fiktives Interview und Antworten, die die LINKE so bisher nicht
gibt aber geben sollte:
Sind sie zu Sondierungsgespräche mit SPD und Grünen bereit?
„Wir, die LINKE-NRW, haben schon eine Reihe von Gesetzesvorschlägen
vorbereitet, mit denen die unsozialen Maßnahmen der Rüttgers-Regierung
wieder rückgängig gemacht werden können. Diese Gesetzentwürfe werden wir
jetzt in einem offenen Brief an SPD und GRÜNE schicken. Wir sind
gespannt in einem Gespräch zu hören, welchen unserer Gesetzentwürfe SPD
und Grüne bei der Abstimmung im Landtag zustimmen wollen.“
Sie sind nicht zu einer Koalition mit SPD und Grünen bereit. Eher
würden sie also Rüttgers als Ministerpräsidenten im Amt lassen?
„Tatsache ist, dass SPD und Grüne eine Koalition mit der CDU nicht
ausgeschlossen haben. Beide sind also offensichtlich unter Umständen
bereit, Rüttgers oder einen seiner Parteigänger im Amt zu lassen. An uns
würde die Abwahl von Rüttgers dagegen nicht scheitern. Laut
Landesverfassung reicht zur Wahl des Ministerpräsidenten die einfache
Mehrheit. Da wir natürlich nicht für Rüttgers stimmen werden, liegt es
in der Hand von SPD und Grünen Rüttgers abzuwählen, wenn sie wollen.“
SPD und Grünen haben angekündigt, die Studiengebühren abzuschaffen.
Wie wollen sie den Wählern vermitteln, wenn das ausgerechnet an der
LINKEN scheitert?
„Die Abschaffung der Studiengebühren würde nicht an uns scheitern. Wir
werden in der ersten Sitzung des Landtages ein entsprechenden Gesetz
einbringen dass die sofortige Abschaffung fordert. Wenn SPD und Grüne es
ernst meinen, dann können sie dem zustimmen und die Studiengebühren sind
weg. Das gleiche gilt für andere sozialpolitische Maßnahmen.“
Mit diesen Antworten würde die LINKE zeigen, dass die Absage an eine
Regierungsbeteiligung kein Widerspruch zur Durchsetzung linker
Forderungen ist.
Trotzdem bleibt das Problem, dass viele WählerInnen auch der LINKEN
nicht trauen. Immerhin sind 40 Prozent der Wahlberechtigten bei der Wahl
zu Hause geblieben. In Meinungsumfragen rangierte DIE LINKE bei der
Glaubwürdigkeit auf dem letzten Platz. Außerdem gibt es kaum eine
Vorstellung, wie man von außen Druck auf eine Regierung machen kann.
Vertrauen kann man letztendlich nicht durch reden gewinnen sondern durch
Taten. Die LINKE muss durch Handeln beweisen, dass sie anders ist als
die etablierten Parteien.
Der Kampf gegen die Studiengebühren geht mit einem Bildungsstreik am 9.
Juni weiter. Am 12. Juni gibt es Demonstrationen unter dem Motto „Wir
zahlen Eure Krise nicht.“ Die Linke hat im Wahlkampf viele Geld für
Plakate ausgegeben und im ganzen Land Flugblättern mit Wahlaufrufen
verteilt. Sie könnte und müsste jetzt mit ebenso großem Einsatz für die
Teilnahme am Bildungsstreik und an den Demonstrationen am 12. Juni
werben. Also im ganz NRW und bundesweit Plakatflächen mieten,
Flugblätter an Haushalte, vor Schulen und Betrieben verteilen, um für
den Bildungsstreik und die Demos am 12. Juni zu mobilisieren.
Wolfgang Zimmermann und Bärbel Beuermann sollten die große
Medienaufmerksamkeit dazu nutzen, nicht nur über
Regierungskonstellationen und parlamentarische Tätigkeit zu sprechen,
sondern in die Mikrofone sagen: „DIE LINKE wird im Parlament nur etwas
bewirken können, wenn sie sich auf Proteste, Bewegungen, Streiks stützen
kann. Deshalb rufen wir alle Arbeiter, Arbeitslosen und Jugendlichen
auf, selber aktiv zu werden, sich in Gewerkschaften, sozialen Bewegungen
und der LINKEN zu organisieren und mit uns gemeinsam zu kämpfen.“
Überall sollten die Abgeordneten in den nächsten Wochen die Diskussion
mit Gewerkschaftern, Erwerbslosenvertretern und
Bildungsstreik-Aktivisten intensivieren. Zur ersten Landtagssitzung
sollte DIE LINKE schon jetzt gemeinsam mit anderen zu einer großen
Demonstration zur sofortigen Abschaffung der Studiengebühren und für die
Rücknahme der Verschlechterungen beim Personalvertretungsgesetz aufrufen
und mobilisieren.
Das müsste einher gehen mit einem Engagement für kämpferische und
demokratische Gewerkschaften. Die SPD- und Grünen-Männer an der Spitze
der Gewerkschaften sind eine Bremse bei der Organisierung von Gegenwehr.
Sie müssen politisch durch linke Gewerkschafter herausgefordert werden.
DIE LINKE darf keine Angst haben, den Gewerkschaftsbossen auf die Füße
zu treten.
Auch die elf Landtagsabgeordneten könnten zeigen, dass sie grundlegend
anders sind als die Politiker der etablierten Parteien. Sie sollten von
ihren Diäten, (9.979 Euro monatlich brutto), nur den Betrag behalten,
der einem durchschnittlichen Facharbeiterlohn entspricht, plus
nachweislichen Ausgaben, die durch die Ausübung ihrer
Abgeordnetentätigkeit entstehen. Alles darüber hinaus sollten sie an die
LINKE und soziale Bewegungen abführen. Dann würde jeder Wähler und jede
Wählerin sofort erkennen, dass DIE LINKE sich grundlegend von allen
anderen Parteien unterscheidet und es LINKE-Politikern um die Inhalte
und nicht Karriere oder persönliche Motive geht.
Der Mangel an Vertrauen in die LINKE hängt auch mit deren unklaren
Haltung gegenüber der DDR zusammen. Auf die Fragen der Journalisten
sollte man einfach die Wahrheit sagen: "Die DDR war kein Sozialismus,
sondern eine stalinistische Diktatur. Sozialismus ohne Demokratie kann
es nicht geben."
Auf dieser Grundlage kann sie dann glaubwürdig erklären, was die
Alternative zum kapitalistischen Krisensystem und damit auch zu
Arbeitslosigkeit, Armut und Krieg ist: Eine sozialistische Demokratie,
in der Wirtschaft und Gesellschaft demokratisch organisiert sind. Das
ist eine Gesellschaft, in der die Frage nicht mehr lautet: Was nützt den
Profiten der Banken und Konzerne? Sondern: was ist gut für die Menschen
und die Umwelt?
Mit der Verbindung von kämpferischer Politik und sozialistischer
Perspektive könnte die LINKE zu einem Anziehungspunkt werden, den
Sozialabbau-Parteien von CDU bis SPD das Fürchten lehren und einen
entscheidenden Beitrag zu erfolgreichem Widerstand gegen die
Sozialabbaupolitik der etablierten Parteien leisten.
Georg Kümmel ist Mitglied der LINKEN in Köln und gehört dem
SAV-Bundesvorstand an.
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