British Airways bestreikt
[Druckversion] Thema: Arbeitskämpfe, Europa, veröffentlicht: 25.05.2010
Kraftprobe in London
Seit Montag um Mitternacht stehen am Flughafen London-Heathrow alle
Flieger still. Die 11000 British-Airways- (BA)-Flugbegleiter starteten
eine 20 Tage dauernde Streikkampagne. Sie legen für jeweils fünf Tage
die Arbeit nieder, mit einem Tag Pause zwischen den Streikblöcken.
Zahlreiche Streikende forderten gestern in Sprechchören die Absetzung
von BA-Chef Willie Walsh. Den Streikenden geht es insbesondere um eine
Gehaltserhöhung. Die BA-Führung verweigert bislang jeden Kompromiß. Der
Ausstand gilt als Test für zu erwartende zukünftige Auseinandersetzungen
angesichts der Kürzungsorgien, die von der neuen britischen Regierung
aus Konservativen und Liberalen vorbereitet werden.
von Christian Bunke, Manchester
BA rechtfertigt die Verweigerung von Zugeständnissen seit einem Jahr mit
der katastrophalen Lage der 1987 von der Thatcher-Regierung
privatisierten Firma. Im zweiten Jahr in Folge wurden 2009
Rekordverluste eingefahren: 425 Millionen Pfund nach Steuern. Die
Gewerkschaft UNITE wirft BA vor, ihre Probleme auf den Rücken der
Beschäftigten abzuwälzen. Dabei schrecke die Fluggesellschaft auch nicht
vor einer geplanten Zerschlagung der Gewerkschaft im Konzern zurück. Der
BA-Chef versuche, »eine Regimeveränderung durchzusetzen«, so
UNITE-Generalsekretär Tony Woodley. In den vergangenen Wochen
verschärften sich die Auseinandersetzungen, nicht zuletzt wegen einer
Reihe von Provokationen Walshs. Um die Flugbegleiter für ihren Streik im
März zu bestrafen, setzte die Unternehmensleitung auf repressive
Maßnahmen. So wurden Reisevergünstigungen gestrichen, so daß sich die
Anreise zum Arbeitsplatz für viele Beschäftigte verteuert. Außerdem
wurden 50 Flugbegleiter seit Ende März gefeuert, darunter auch Duncan
Holley, ein gewerkschaftlicher Vertrauensmann bei BA.
BA spannte auch die Gerichte ein und versuchte, die britischen
Antigewerkschaftsgesetze auszunutzen, mit denen Kampfmaßnahmen erheblich
behindert werden können. Der Konzern erreichte am Montag vergangener
Woche eine gerichtliche Verfügung gegen den Streik, weil die
Gewerkschaft sich nicht genug Mühe gegeben habe, ihre Mitglieder über
den Ausgang der brieflichen Streikabstimmung zu unterrichten. Daraufhin
schrillten in der britischen Gewerkschaftsbewegung die Alarmglocken, und
in den bürgerlichen Medien breitete sich die Furcht vor spontanen
Streiks aus. Angesichts der latent explosiven sozialen Lage im Land
herrscht dort ohnehin besondere Nervosität. Am vergangenen Mittwoch
entschied eine Richterin am High Court, daß die Kabinencrews nun doch
streiken dürfen.
Unmittelbar nach Beginn des Streiks verkündete Finanzminister George
Osborne am Montag das erste Kürzungspaket. Mit Streichungen in Höhe von
mehr als 6,24 Milliarden Pfund (umgerechnet 7,17 Milliarden Euro) will
die Regierung das ausufernde Haushaltsdefizit eindämmen. Das soll mit
einem weitgehenden Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Kürzungen
bei den Ausgaben für IT-Programme und Reisen von Regierungsmitgliedern
erreicht werden. an. Zugleich stimmte Osborne die Bevölkerung auf
weitere Einschnitte ein. »Dies ist das erste Mal, daß diese Regierung
schwierige Entscheidungen über Ausgaben bekanntgibt«, erklärte der seit
eineinhalb Wochen amtierende Minister auf einer Pressekonferenz. »Es
wird nicht das letzte Mal sein.« Die Neuverschuldung Großbritanniens
belief sich im zurückliegenden Haushaltsjahr auf 145 Milliarden Pfund,
nach Angaben der EU-Kommission entsprach dies 11,5 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Tageszeitung junge Welt.
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