Wie kann die Atompolitik gestoppt werden?
[Druckversion] Thema: Solidarität 91, Geschichte, Umwelt, veröffentlicht: 01.06.2010
Anti-AKW-Bewegung in den Achtzigern: Blick zurück nach vorn
Nach den Protesten vor der Bundestagswahl, an denen sich 50.000
Menschen beteiligten, fand im April in Norddeutschland eine
Menschenkette mit über 120.000 TeilnehmerInnen statt. Diese Renaissance
des Widerstands gegen die Atommafia ist auch dringend notwendig. Zumal
die Kernkraftwerke – wenn es nach Schwarz-Gelb geht – nun bis zu 60
Jahren am Netz bleiben dürfen.
von Tom Gottan, Köln
SPD und Grüne behaupten dreist, mit dem Atomausstieg begonnen zu haben.
Damit meinen sie den so genannten Atomkonsens. Real hat der aber wenig
mit einem echten Ausstieg zu tun.Von der rot-grünen Bundesregierung 2002
auf den Weg gebracht, hat dieser „Atomkonsens“ lediglich dazu geführt,
dass zwei ohnehin schon altersschwache Kernkraftwerke abgeschaltet
wurden und vorerst keine neuen Anlagen gebaut wurden – wobei der Bau
neuer Atomanlagen aufgrund großer Überkapazitäten zu der Zeit auch gar
nicht im Interesse der Energiekonzerne lag.
Ein Blick in die Vergangenheit lässt das Ganze noch grotesker
erscheinen: 1986 forderte die SPD auf ihrem Nürnberger Parteitag einen
Ausstieg innerhalb von zehn Jahren, und die Grünen sogar den sofortigen
Ausstieg. Das heißt, spätestens ab 1998, mit Rot-Grün im Bund, hätte es
in riesigen Schritten voran gehen müssen. Aber auch nach sieben Jahren
Regierungszeit waren immer noch 17 Kernkraftwerke in Betrieb – und sind
es auch heute noch.
Was war los in den Achtzigern?
Nicht mit angepasster grüner Politik auf Regierungsbänken, sondern mit
Massenprotesten konnten bedeutende Erfolge erzielt werden. Und zwar in
der Bundesrepublik der achtziger Jahre. So sollte im bayerischen
Wackersdorf eine Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für Atommüll errichtet
werden. Großproteste von Atomgegnern – und zwar nicht nur von
auswärtigen DemonstrantInnen, sondern auch von großen Teilen der
Bevölkerung vor Ort –, an denen sich sowohl am Ostermontag als auch beim
Anti-WAAhnsinnsfestival im Juni 1986 jeweils über 100.000 Menschen
beteiligten, sorgten dafür, dass die Anlage nach langen Kämpfen nicht
fertig gestellt werden konnte! Und das trotz massiver, teils
gewalttätiger Polizeieinsätze (bei denen auch das als Kriegswaffe
geächtete CS-Gas eingesetzt wurde).
Damals peilte die deutsche Atomlobby an, 80 Meiler zu bauen. Natürlich
kann niemand sagen, wieviele AKWs ohne Proteste wirklich hochgezogen
worden wären. Aber der Bau einer ganzen Reihe der ursprünglich geplanten
Anlagen wurde dank des Aufruhrs definitiv nicht in Angriff genommen.
Warum gibt es überhaupt noch AKWs?
Eigentlich könnte man die Atomkraftwerke sofort vom Netz nehmen, ohne,
dass die VerbraucherInnen es merken würden. Schließlich gibt es in der
Energieproduktion gewaltige Überkapazitäten. Die Konzerne selbst wollen
deshalb Kraftwerke stilllegen – bloß keine AKWs. Denn Atomstrom bringt
den Energiekonzernen riesige Gewinne. Die Baukosten sind, nicht zuletzt
dank hoher Subventionen, relativ gering. Je länger die Anlagen dann am
Netz bleiben, desto profitabler ist es. Und die Entsorgungskosten werden
vom Staat getragen. Zudem eröffnet das den Herrschenden die Möglichkeit,
recht schnell Atomwaffen produzieren zu können.
Die Erfolge, die die Anti-Atom-Bewegung erzielen konnte, sind ein guter
Beweis dafür, dass Widerstand sich lohnt. Dass die Kapitalisten aber
vehement an der Atompolitik festhalten wollen, zeigt, dass nicht nur in
einzelnen Gebieten, wie zum Beispiel in Wackersdorf, sondern
überregional, auf der Straße, in den Betrieben massenhafte Gegenwehr
entwickelt – und mit dem Kampf gegen dieses Profitsystem verbunden –
werden muss.
Kampf gegen die WAA in Wackersdorf
Die Oberpfalz in den achtziger Jahren: Erst wurden im Stahlwerk Maxhütte
in großem Stil Stellen gestrichen, womit sich die dortige
Arbeitslosigkeit auf 20 Prozent katapultierte. Dann versprach der
reaktionäre bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) viele
neue Jobs – durch den Bau einer atomaren Wiederaufbereitungsanlage (WAA)
in Wackersdorf.
Doch diese Rechnung ging nicht auf. Die Bevölkerung sah nicht ein, dass
sie Tausende von sinnvollen Arbeitsplätzen in der Stahlindustrie
verlieren sollte, um sich auf ein paar gefährliche Jobs einzulassen. Die
Wut der Stahlwerker über den Verlust ihrer Arbeitsplätze nährte den
Widerstand gegen die WAA. Von 1985 bis 1989 kam es zu
bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Im März 1987 wurde mit dem Bau
begonnen. Für 15 Millionen DM errichtete man eine Bauzone um das
Gelände. Trotzdem ging der Widerstand weiter. DemonstrantInnen aus der
ganzen Republik, aktiv unterstützt von der Landbevölkerung, legten sich
mit der Polizei an. Polizisten verweigerten den Einsatz. Weil die
Knüppeleinsätze in Wackersdorf (die Bayern 50 Millionen DM kosteten)
finanziell und politisch zu hoch wurden, mussten die Herrschenden den
Bau zwei Jahre nach seinem Beginn wieder einstellen.
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