Ein Hedge-Fonds namens Europa
[Druckversion] Thema: Europa, veröffentlicht: 11.06.2010
Zur kapitalistischen Logik der „Rettung“ des Euro
Die Besitzer griechischer Staatsanleihen haben in den letzten Jahren
hohe Renditen eingefahren. Die Zinsen, die das Land in den vergangenen
Jahren bezahlen musste, waren hoch, weil das Ausfallrisiko der
griechischen Staatsanleihen an den Finanzmärkten als hoch galt.
von Philipp Lührs, Düsseldorf
Wer Griechenland Geld lieh, der musste befürchten, dass er es nie wieder
sehen würde. In diesem Frühjahr stand Griechenland dann tatsächlich vor
der Pleite. Das Risiko des Kreditausfalls – also der Grund für die hohen
Zinsen, die die Anleger bislang kassierten – wurde konkret. Eigentlich
ein ganz normaler Vorgang an den Märkten. Doch die Regierungen der
Euro-Länder beschlossen, „Griechenland zu retten“ - also das Geld zu
retten, das (vor allem deutsche und französische) Banken und
Versicherungen eingesetzt und verspielt hatten.
Kapitalinteressen = „europäische Interessen“
Nun sollen die „europäischen Steuerzahler“ mit Garantien über 110
Milliarden Euro für die Kredite der griechischen Regierung bürgen. Mit
anderen Worten: Die Investoren, die sich jahrelang das hohe Risiko ihrer
Investition in griechische Staatspapiere entsprechend hoch bezahlen
ließen, werden jetzt durch die „europäischen Steuerzahler“ von genau
diesem Risiko befreit. Dies liege im europäischen Interesse, heißt es.
Damit werden die Interessen einiger Investoren zum „europäischen
Interesse“ umdeklariert. Dieser Taschenspielertrick ist auch Professor
Hans-Werner Sinn aufgefallen, der in der „Zeit“ erklärte: „Man kann
schon helfen, wenn ein Land in Not ist, aber man braucht einen Pakt, bei
dem die Inhaber der Staatspapiere an den Lasten einer Staatsinsolvenz
mitbeteiligt werden. Wie bei einem privaten Konkurs auch." Bevor Geld
fließen könne, müssten Altgläubiger auf einen Teil ihrer Ansprüche
verzichten.
Es wird nicht gespart, sondern umverteilt
Doch das angebliche „europäische Interesse“ ist nur die eine Hälfte des
Schwindels. Die andere ist das Wort von den „europäischen
Steuerzahlern“, denn wie von Zauberhand gelenkt dreht sich die
öffentliche Debatte um die Finanzierung des Rettungspakets stets nur um
die Mehrwertsteuer – in Deutschland wie in Griechenland. Die
Vermögenssteuer, die diejenigen treffen könnte, die in Griechenland wie
im übrigen Europa von der bisherigen Misswirtschaft im realexistierenden
Kapitalismus profitiert haben, steht bislang nirgendwo zur Diskussion.
Ebensowenig die Aussetzung der gigantischen griechischen Waffenkäufe in
Deutschland und Frankreich. Dabei stellen die Militärausgaben mit 4,3
Prozent des Bruttoinlandsprodukts eine gewaltige Last für den
griechischen Staatshaushalt dar.
Die Spekulationen der Euro-Zone
Jetzt zocken die europäischen Regierungen gegen die Zocker. Sie
spekulieren darauf, dass Griechenland seine Schulden bezahlen kann und
dass der Euro überlebt. Die Einsätze werden dabei wöchentlich erhöht.
Aus dem ursprünglichen Einsatz von 30 Milliarden Euro für griechische
Staatsanleihen sind mittlerweile 750 Milliarden für die Anleihen
sämtlicher Euro-Staaten geworden. Die europäischen Regierungen gehen
„all in“ und hoffen, dass die Märkte nur bluffen.
Friedrich Engels erklärte Ende des 19. Jahrhunderts, dass der
bürgerliche Staat durch die Widersprüche des Kapitalismus gezwungen sein
kann, größere Teile der Wirtschaft selbst zu übernehmen. Und damit vom
„ideellen Gesamtkapitalisten“ zum „reellen Gesamtkapitalisten“ wird.
Doch in Engels Vorstellung agierte der Staat als Unternehmer in der
realen Wirtschaft. Dass sich die Staaten Europas eines Tages als
weltgrößter Hedge-Fonds betätigen, hätte vermutlich sogar ihn überrascht.
|