„SPD und Grüne, runter von der Bühne!“
[Druckversion] Thema: Deutschland: Politik allgemein, Gemeinsam gegen Sparpaket, Gesundheitsreform und Kürzungen, veröffentlicht: 14.06.2010
Zur Stuttgarter Demonstration „Wir zahlen nicht für Eure Krise“
Am 12. Juni demonstrierten laut Veranstaltern rund 20.000 Menschen in
Stuttgart gegen die Wirtschafts- und Finanzkrise, die Kürzungspolitik
der Regierung und Stuttgart 21. Dabei brachten Tausende ihren Unmut über
ParteirednerInnen von SPD und Grünen zum Ausdruck.
von Wolfram Klein, Stuttgart
Bei der Auftaktkundgebung in der Lautenschlagerstraße (beim Stuttgarter
Hauptbahnhof) kamen mehrere RednerInnen aus der Region zu Wort. Ali
Murat Gül sprach für DiDF, eine Vertreterin von attac erklärte, wer die
wirklichen Gewinner (FIFA und Konzerne) und VerliererInnen (die Masse
der Bevölkerung) bei der Fußball-WM sind.
Ruwen Stricker als Redner des Bildungsstreiks prangerte die
Umverteilungspolitik des Neoliberalismus der letzten Jahre an, die auch
für die Unterfinanzierung des Bildungswesens verantwortlich sei. Der
Warnung von DGB-Chef Sommer vor sozialen Unruhen stellte er die
Forderung entgegen, soziale Konflikte zu führen. Er kritisierte das
obrigkeitsstaatliche deutsche Streikrecht und forderte ein Streikrecht
für BeamtInnen.
Ariane Raad als Vertreterin des Stuttgarter Krisenbündnisses forderte
unter anderem innergewerkschaftliche Demokratie ein und kritisierte die
Ausschlussverfahren gegen Alternative-KollegInnen an verschiedenen
Daimler-Standorten. Sie warnte auch vor Vereinnahmungsversuchen durch
SPD und Grüne im Vorfeld der Landtagswahlen.
Bildungsblock auf der Demonstration
Die Demonstration folgte der Stuttgarter Standard-Demoroute. Die
Teilnehmerzahlen wurden von der Polizei mit 10.000, von den
OrganisatorInnen mit über 20.000 angegeben. Ein großer Teil der
DemonstrantInnen war von ver.di organisiert worden, das in über 30
Städten Busse organisiert hatte.
Das Stuttgarter Bündnis, das den Bildungsstreik am 9. Juni vorbereitet
hatte, organisierte auch einen Bildungsblock mit eigenem
Lautsprecherwagen (der IGM-Jugend) am 12. Juni. Es beteiligten sich
vielleicht 300 Menschen an dem Block: BildungsstreikaktivistInnen,
Gewerkschaftsjugend, Linksjugend u.a. Es herrschte eine sehr
kämpferische Stimmung, es wurden fast ständig Parolen gerufen (z.B.
„Bildung für alle und zwar umsonst“, „Unsere Antwort Widerstand, Kämpfen
wie in Griechenland“, „Bildung weg, Tasche leer, CDU, danke sehr“
„Nichts für Bildung, alles für die Banken, wir sind hier, um uns zu
bedanken“).
Der Bildungsblock war ein guter Beitrag, die Demonstration lebendiger zu
machen und Krisen- und Bildungsproteste zusammenzuführen. So nahm zum
Beispiel der harte Kern der BildungsstreikaktivistInnen der Uni
Stuttgart ziemlich geschlossen am Bildungsblock teil, obwohl es dort
traditionell große Berührungsängste gegenüber Gewerkschaften und dem
Aufgreifen von Themen gibt, die nicht direkt zur Bildungspolitik
gehören. Verbesserungsbedürftig war sicherlich die Information von
AktivistInnen außerhalb der Region Stuttgart über den Bildungsblock im
Vorfeld der Demonstration. Dann hätte sicher sowohl die Demonstration
insgesamt als auch der Bildungsblock größer sein können.
SAV-Mitglieder als München, dem Ruhrgebiet, Konstanz, Berlin, Karlsruhe
und Stuttgart beteiligten sich mit Fahnen, Transparenten und dem Rufen
von Slogans am Bildungsblock bzw. der Demonstration.
Abschlusskundgebung
Nach einem kulturellen Auftakt von Holger Burner (LeserInnen von
sozialismus.info bestens bekannt) gab es Reden von Nico Landgraf
(DGB-Landesvorsitzender), Frank Bsirske (ver.di-Bundesvorsitzender) und
Roland Süß (attac). Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz unterhielt
sich mit BildungsstreikaktivistInnen. In den Redebeiträgen wurde die
Regulierung der Finanzmärkte gefordert, die Abwälzung der Krise auf die
Masse der Bevölkerung abgelehnt und für den Herbst weitere Proteste
angekündigt.
Stimmung kam dann mit dem Redebeitrag von SPD-Landtagsfraktionschef
Schmiedel auf. Er begann seine Rede damit, dass die Veranstaltung nichts
mit Stuttgart 21 und den Interessen der Bewohner der Halbhöhe zu tun
habe (Stuttgart liegt in einem Talkessel, in Halbhöhenlage sind
traditionell die „besseren“ Wohngebiete). Er erklärte also nicht nur,
dass eine Demonstration, die nach dem Willen seiner Initiatoren
ausdrücklich Krisenproteste, Bildungsproteste und Stuttgart-21-Proteste
zusammen bringen sollte (siehe unten), nichts mit Stuttgart 21 zu tun
hatte, er diffamierte einen Protest, der die Mehrheit der Stuttgarter
Bevölkerung und immer mehr Gewerkschaftsgliederungen hinter sich hat,
als Luxusprotest von Privilegierten. Kein Wunder, dass die halbe
Kundgebung ihn auspfiff und seine Rede kaum zu verstehen war. Bei seinem
Beitrag (und in abgeschwächter Form bei dem folgenden Beitrag von Silke
Krebs von den Grünen) entlud sich zugleich die Wut auf viele Jahre
neoliberale rot-grüne Politik mit Agenda 2010 (und Kriegen gegen
Afghanistan etc.). Neben Sprechchören gegen Stuttgart 21 gab es auch die
altgedienten Rufe „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten! Wer war mit
dabei? Die grüne Partei!“ Weiter hieß es „Hartz 4, das wart ihr!“ und
einfach: „SPD und Grüne, runter von der Bühne!“
Die Moderatorin Leni Breymaier (verdi-Landesvorsitzende und
SPD-Mitglied) goss weiter Öl ins Feuer, indem sie gegen die
Protestierenden höhnte, dass die Lautsprecheranlage sie übertöne. Hat
sie wirklich gemeint, dass da nur eine kleine Gruppe pfeife, und nicht
begriffen, dass der halbe Platz protestierte und dagegen auch die
Lautsprecheranlage nicht half? Schmiedel zeigte eine ähnliche
Weltfremdheit, indem er Geschichten über Massenmails erzählte, die
angeblich zu Protesten gegen seinen Auftritt aufgerufen haben. Er will
wohl nicht wahrhaben, dass seine Partei so verhasst ist, dass die Leute
auch ohne Massenmails wissen, was sie tun. Breymaiers Appell an die
Demokratie machte wenig Eindruck bei einer Partei, die Stuttgart 21
gegen die große Mehrheit der Bevölkerung durchdrücken will und 67.000
Unterschriften für einen Bürgerentscheid darüber ignoriert hat. Ebenso
steht es mit ihrem Verweis auf die Meinungsfreiheit in einer Stadt, in
der mal wieder Stuttgart-21-Propaganda auf Großflächen-Plakaten
verbreitet wird und eine „Bauzeitung“ „Dialog 21“ an alle Haushalte
geht. Alles finanziert aus öffentlichen Geldern und in der Verantwortung
von Sozialdemokrat Drexler.
Dass der Protest gegen Schmiedel nicht durch „Massenmails“ koordiniert
war, sieht man schon daran, dass die Protestformen einander be- und
verhinderten. Aktivisten der „Parkschützer“, einer der aktivsten und
wichtigsten Gruppen im Kampf gegen Stuttgart 21, hatten ein 6 Meter
langes Transparent vorbereitet: „Schmerzfrei sparen: Kein Protzbahnhof
Stuttgart 21 – K21 bauen!“ (K21 oder Kopfbahnhof 21 steht für die
Modernisierung des bestehenden oberirdischen Bahnhofs.) Eine andere
Gruppe von DemonstrantInnen meinte aber, während Schmiedels Rede Eier,
Tomaten, Bananen u.a. Gegenstände auf die Bühne werfen zu müssen.
Schmiedel wurde durch DGB-Regenschirme „beschützt“. Die Parkschützer
schilderten in einer Presseerklärung, dass sie dagegen zwischen
„prügelnden Randalierern“ und „Ordnungskräften“ eingekeilt gewesen seien
und bei dem Versuch, ihr Transparent aufzurichten von ersteren
geschlagen und von einer geworfenen Latte verletzt worden seien. Nach
anderen Berichten sollen auch DGB-OrdnerInnen mit Stangen, Tritten und
Schlägen angegriffen worden sein. Es sollte klar sein, dass
Aktionsformen, durch die andere DemonstrationsteilnehmerInnen gefährdet
oder gar verletzt werden und die obendrein völlig unnötig sind (weil
Schmiedel ohnehin nicht zu verstehen war), abgelehnt werden müssen. Auf
der anderen Seite lehnen wir es ab, wenn Demonstrationsleitungen mit der
Polizei gegen DemonstrantInnen zusammenarbeiten, die Polizei zum Filmen
auf die Bühne lassen etc. Die Polizei setzte auch massiv Pfefferspray
ein. Eines der Opfer war Holger Burner, der eine massive Ladung
Pfefferspray abbekam, als er friedlich Sprechchöre rief. Die Lehre aus
solchen Vorfällen ist, dass wir gute Ordnerdienste für Demonstrationen
brauchen, die Demos gegen Angriffe von außen schützen können und
zugleich interne Konflikte ohne die Einmischung des kapitalistischen
Staatsapparats und seiner Organe schlichten können.
In zahlreichen Kommentaren zu den Zeitungsberichten auf den Websites der
Lokalpresse distanzierten sich Stuttgart-21-GegnerInnen von den
Wurfaktionen und lobten zugleich das Pfeifkonzert.
Der letzte Redebeitrag war von Bernd Riexinger als Vertreter der Partei
DIE LINKE. Bei ihm gab es keine Pfiffe und Zwischenrufe mehr, sondern
Beifall. Dass die DemonstrantInnen so deutlich zwischen den
VertreterInnen von SPD und Grünen und dem Vertreter der LINKEN
unterschieden, sollte für die Teile der LINKEN ein Grund zum Nachdenken
sein, die für Baden-Württemberg nach der Landtagswahl mit einer
„rot-rot-grünen“ Regierung liebäugeln.
Am Schluss sollte die Hip Hop Combo „Conscious & Ezzcape“ einen
kulturellen Abschlussbeitrag machen. Aber da sie die Gewalt der Polizei
kritisierten und auf das Pfefferspray-Opfer Holger Burner verwiesen,
brach Leni Breymeier die Kundgebung ab. Ihre Sympathien für Demokratie
und Meinungsfreiheit waren plötzlich vorbei. Statt dessen erklärte sie,
es sei doch klar, wer die Gewalt angefangen habe. Das ist in der Tat
klar: Hartz IV bedeutet Gewalt gegen Millionen!
Zur Vorgeschichte
Um die Auseinandersetzungen auf der Demonstration zu verstehen, ist ein
Verständnis der Vorgeschichte wichtig, die in den meisten Berichten
ausgeblendet wurde: Am 13. bis 15. November 2009 fand in Stuttgart eine
Aktionskonferenz des bundesweiten Bündnisses „Wir zahlen nicht für Eure
Krise“ statt, auf der beschlossen wurde, am 20. März in Stuttgart und
NRW und am 12. Juni in mehreren Städten Demonstrationen durchzuführen,
letztere in Verbindung mit den für den Juni geplanten Bildungsprotesten.
In den folgenden Monaten wurde dann die Demo in Stuttgart am 20. März in
eine Kundgebung ungewandelt und eine Aktionskonferenz des Bündnisses in
Wiesbaden am 17. April beschloss als Orte für die Demos am 12. Juni
Berlin und Stuttgart.
Schon bei der Vorbereitung der Kundgebung am 20. März in Stuttgart
einigten wir uns im Stuttgarter Krisenbündnis darauf, die Ablehnung von
Stuttgart 21 in den Forderungskatalog aufzunehmen. An dieser
Vorbereitung hat sich auch der DGB beteiligt. In den folgenden Monaten
bildete sich dann die problematische Konstruktion heraus, dass sowohl
das Krisenbündnis als auch der DGB die Demo vorbereiteten und die
Zuständigkeiten sehr unklar waren. Dass verschiedene Gruppen mit eigenen
Flugblättern, Plakaten etc. mobilisieren, war von Anfang an vorgesehen.
Aber dass eine Gruppe auf ihren Plakaten und Flugblättern RednerInnen
für die Abschlusskundgebung bekannt gibt und das Krisenbündnis, also der
ursprüngliche Initiator der Demo, das auf seinem nächsten Treffen nur
noch zur Kenntnis nehmen kann, ist etwas anderes. Und dass unter diesen
RednerInnen ParteivertreterInnen sind (nicht Mitglieder von SPD, Grünen
und Linken, die als VertreterInnen von Gewerkschaften und sozialen
Bewegungen reden, sondern offizielle VertreterInnen dieser Parteien –
und das einige Monate vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg)
vergrößerte den Ärger. Auch KollegInnen von DiDF waren verwundert, dass
auf Plakaten außer ihrem Logo und den Logos linker Organisationen auch
die Logos von SPD und Grünen waren.
Das Stuttgarter Krisenbündnis wird bei seinem nächsten Treffen am
Dienstag sicher über eigene Fehler und Schlussfolgerungen diskutieren.
Mit Treffen alle zwei Wochen oder seltener und wechselnden
TeilnehmerInnen lässt sich keine Demo von Zehntausenden organisieren. Da
es zwischen den Treffen keine demokratisch legitimierten Strukturen des
Bündnisses gab, wurde es begünstigt, dass notwendige Entscheidungen
zwischen den Treffen am Bündnis vorbei gingen. Wir sollten diskutieren,
wie wir uns so organisieren können, damit wir unser Versprechen
verwirklichen können, dass die Demo nur der Auftakt für größere Proteste
im Herbst ist und eine Parole des Bildungsblocks Wirklichkeit wird:
„Streik in der Schule, Streik in der Fabrik, das ist unsre Antwort auf
eure Politik“. Trotz Schönheitsfehlern war die Demo ein guter Auftakt
dafür.
Hintergrund: Der Protest gegen Stuttgart 21
Mit Stuttgart 21 soll der Stuttgarter Hauptbahnhof in einen
unterirdischen Durchgangsbahnhof verwandelt und über 30 Kilometer Tunnel
gegraben werden. Das Projekt wird sicher mehr als die offiziellen 4,1
Milliarden Euro Kosten, Geld das Bahn, Bund, Land und Stadt Stuttgart
für sinnvollere Maßnahmen fehlen wird. Zugleich wird das
denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude verstümmelt, der Schlossgarten
verschandelt, die zweitgrößten Mineralquellen Europas gefährdet etc. Der
jahrzehntelange Bau in der Innenstadt und der Abtransport des Abraums
weitgehend mit LKWs würde eine ungeheure Lärm- und Abgasbelastung
bedeuten. Profitieren würden Immobilienspekulanten an den freiwerdenden
Gleisflächen und andere Kapitalisten. Laut Umfragen lehnt inzwischen
eine deutliche Mehrheit in Stuttgart und eine Mehrheit in
Baden-Württemberg das Projekt ab. Seit November gibt es wöchentliche
Montagsdemonstrationen dagegen, mit inzwischen 4-5.000 TeilnehmerInnen.
Die SPD hat Stuttgart 21 von Anfang an unterstützt, ihr
Landtags-Vizepräsident Wolfgang Drexler wurde 2009 zum Projektsprecher
für Stuttgart 21 („Mister Stuttgart 21“) und damit zum neben dem anderen
Wolfgang, Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, verhasstesten
Vertreter von Stuttgart 21, was natürlich auf seine Partei auch abfärbt
(ausgenommen die Gliederungen und Mitglieder, die S21 ausdrücklich
ablehnen). In den letzten Monaten haben trotz des großen SPD-Einflusses
mehrere Gewerkschaftsgliederungen (einschließlich DGB und, in einer
Kampfabstimmung, IG Metall) die Unterstützung der Bewegung gegen
Stuttgart 21 beschlossen. Am 1. Mai wurde in Stuttgart die Rede des
Transnet-Chefs und stellvertretenden Bahn-Aufsichtsratsvorsitzenden
Alexander Kirchner immer wieder von Pfiffen und „oben
bleiben“-Sprechchören (der Hauptparole gegen die Vergrabung des Bahnhofs
unter die Erde) unterbrochen.
Fotos von der Demo finden sich hier.
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