Essen: Nein zur Schließung des Jugendzentrums!
[Druckversion] Thema: Kommunalpolitik, veröffentlicht: 01.07.2010
Widerstand gegen kommunale Kürzungen
Am Mittwoch, 30. Juni, kam es in Essen zu Protesten gegen die
angekündigte Schließung des Jugendzentrums Essen (JZE). Etwa 20
Jugendliche drangen nach einer Kundgebung vor dem Rathaus in den
Sitzungssaal des Stadtrats ein und störten dessen Versammlung mit
Sprechchören: „Bei den Banken sind sie fix, für die Jugend tun sie nix!“
von Jan Röder, Essen
Die Stadt Essen mit ihrem SPD-Bürgermeister Reinhard Paß will vor dem
Hintergrund der Kommunenpleiten ein Sparprogramm in der unvorstellbaren
Höhe von 110 Millionen Euro durchziehen. Kostet Musikunterricht an der
Folkwang-Musikschule bisher fünf Euro pro Stunde, können künftig wohl
nur noch relativ reiche Eltern die 26,50 Euro aufbringen, die das
Sparpaket vorsieht. Zwei Grundschulen stehen vor der unmittelbaren
Schließung. Parkgebühren, Volkshochschulbeiträge, Hundesteuern sollen
massiv steigen. Das Kulturzentrum Zeche Carl steht ebenso wie das JZE
vor dem Aus.
Grund der JZE-Schließung ist eine städtische Mietgarantie für die
Weststadthalle in der Innenstadt. Bauunternehmer verkalkulierten sich
beim Bau dieses Prestigegebäudes, die Stadt jedoch verpflichtete sich,
noch jahrelang die Miete für die leerstehende Halle zu bezahlen. Vor
diesem Hintergrund soll auf die Sanierung des JZE verzichtet werden und
die Jugendarbeit der Stadt in die Weststadthalle verlagert werden. Die
grüne Stadträtin Marion Buschkönig zum Umzug: „Diese Halle steht leer
und die Stadt zahlt kräftig Miete, daher ist es eine gute Lösung.“
Kultureller Kahlschlag
Das JZE dient mit zahlreichen Seminarräumen, einem Saal für bis zu 900
Personen, Medien- und Musik-Probenräumen als multikultureller Treffpunkt
für verschiedenste Gruppen, führt Projekte gegen Rassismus durch und ist
damit ein wichtiger sozialer und kultureller Faktor in Essen.
„In der Weststadthalle wird zentrale Jugendarbeit nicht mehr so
vielfältig umgesetzt werden können wie im Jugendzentrum Papestraße.
Insbesondere nicht-städtische Nutzer werden dort künftig kaum mehr
Veranstaltungen durchführen können.“ (WAZ, 6.5.2010) Die Möglichkeiten
für die Menschen in der Stadt, sich unabhängig zu organisieren,
politische und kulturelle Arbeit zu machen, werden weiter zerstört.
Protest
Eine Initiative von NutzerInnen des JZE führte am vorigen Wochenende ein
Kulturfest mit 600 BesucherInnen durch und wies auf den kulturellen und
sozialen Schaden, den eine Schließung des JZE bedeuten würde, hin. Heute
führte sie mit ca. 20 Leuten eine Kundgebung mit Transparenten vor dem
Rathaus durch, während drinnen der Stadtrat mit der Debatte über das
Sparprogramm begann.
Die Jugendlichen gingen anschließend unauffällig in kleinen Gruppen am
Sicherheitspersonal vorbei in den Besucherraum des Ratssaals, der
großteils von Eltern und Kindern gefüllt war, die die Debatte über den
anstehenden Sozial- und Bildungsabbau verfolgten. Auf ein verabredetes
Signal riefen sie mehrmals: „Bei den Banken sind sie fix, für die Jugend
tun sie nix!“ und „Jugendzentrum Essen erhalten!“ Während überraschte
Sicherheitsleute die AktivistInnen aus dem Raum drängten, gab es Beifall
einiger ZuschauerInnen und selbst die EinlasskontrolleurInnen am Eingang
nickten ihnen wohlgesonnen zu. Nach einer weiteren Kurzrede vor dem
Rathaus verabredeten sich die TeilnehmerInnen der Aktion, sich nach
einigen Tagen zu einer Veranstaltung zusammenzufinden, um die (bei
Redaktionsschluss noch unbekannten) Ergebnisse der Ratssitzung zu
bilanzieren und weitere Protestschritte zu beschließen. Die Tage vor dem
Treffen sollen genutzt werden, um Beschäftigte und weitere NutzerInnen
des JZE für den gemeinsamen Kampf zu gewinnen. Einige AktivistInnen
äußerten das Vorhaben, anders als zur heutigen Aktion in Zukunft mit
Flugblättern und Plakaten breiter für Proteste zu mobilisieren.
Beteiligung von SAV und Linksjugend ["solid]
SAV-Mitglieder, die sich wöchentlich im JZE treffen und auch in
Linksjugend ["solid] aktiv sind, beteiligten sich an der Aktion. Sie
stellten ihr Megafon zur Verfügung und brachte ihre Vorschläge – Störung
der Ratssitzung und weitere Vernetzung sowie zur Ausweitung des Protests
– ein. Von der SAV-Zeitung, der Solidarität, konnten fünf Exemplare an
die ca. 20 Beteiligten verkauft werden.
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