Stuttgart in Aufruhr
[Druckversion] Thema: Protest gegen Stuttgart 21, Kommunalpolitik, Umwelt, veröffentlicht: 08.07.2010
Großdemonstration gegen Bahnhofsumbau in Baden-Württembergs
Landeshauptstadt am Samstag. Studie belegt Sinnlosigkeit des Unterfangens
Zu einem Sternmarsch mobilisieren für Samstag »S21«-Gegner gegen eins
der teuersten Verkehrsprojekte Deutschlands in die
baden-württembergische Landeshauptstadt. »S21« steht für »Stuttgart 21«.
von Ursel Beck
Die Bahn AG will den Hauptbahnhof der Metropole in einen unterirdischen
Durchgangsbahnhof umbauen. Dafür sollen 30 Kilometer Tunnel durch die
Stadt gegraben werden. Zusätzlich ist eine Hochgeschwindigkeitsstrecke
von Wendlingen nach Ulm geplant. Im Schloßgarten stehen dem Projekt
knapp 300 Bäume im Weg, die gefällt werden sollen. Stuttgarts Innenstadt
verwandelt sich für die kommenden 15 bis 20 Jahre in Europas größte
Baustelle. Das Ganze soll rund 14 Milliarden Euro kosten. Die Bahn
behauptet, daß »Stuttgart 21« die bestgeplante Großbaustelle sei. Doch
bereits die derzeit stattfindende Umstellung der Signalanlagen bedeutet
tägliches Chaos bei der S-Bahn und im Regionalverkehr.
Aber das ist erst der Anfang. Eine neue Studie der Züricher Firma SMA
kommt laut Stern vom Donnerstag zu dem Befund, daß durch das
Verkehrsprojekt »Infrastrukturengpässe« entstehen. Die Gutachter haben
laut dem Hamburger Magazin »Konflikte zwischen Hauptbahnhof und
Flughafen mit dem Regionalverkehr« festgestellt. Das alles sei »nicht
kompatibel mit den angenommenen Fernverkehrszügen in Stuttgart«, so das
vernichtende Urteil. Zu befürchten seien Fahrzeitverlängerungen. Eine
»Gestaltung des Fahrplans« sei »nur in geringem Maße möglich.« Die knapp
60seitige Studie wurde laut Stern vor zwei Jahren vom
baden-württembergischen Innenministerium in Auftrag gegeben – und sei
seitdem unter Verschluß.
Die Proteste gegen den »Milliardenwahnsinn« laufen seit Monaten auf
Hochtouren. »In Stuttgart hat sich das politische Klima völlig
verändert. Das ist so etwas wie ein beginnender Volksaufstand«,
berichtet Hannes Rockenbauch im Gespräch mit junge Welt. Rockenbauch ist
Stadtrat und Vorsitzender der Fraktion Stuttgart Ökologisch Sozial und
Die Linke. Die kommende Woche beginnt mit der 34. Montagsdemo gegen
»S21«, die seit Oktober 2009 am Nordausgang des Hauptbahnhofs
stattfinden. In den vergangenen Wochen zählten die Veranstalter immer um
die 4000 Teilnehmer, so Rockenbauch. Im April kamen zu einer regionalen
Demonstration 10000 Menschen. Mehr als 15000 Stuttgartet haben sich als
Parkschützer eingetragen (www.parkschuetzer.de), um die gefährdeten
Bäume im Schloßpark zu retten. Seit Ende April gibt es die Initiative
»GewerkschafterInnen gegen ›S21‹«.
Für Samstag rechnet der Stadtrat und Mitorganisator mit »mindestens
20000 Protestierern«. Das sei eine klare Ansage im Hinblick auf die
Landtagswahlen im März 2011. Der Widerstand soll sich allerdings nicht
in Demonstrationen erschöpfen. »Wenn im Herbst versucht werden sollte,
den Nordflügel des Hauptbahnhofes abzureißen, wird es auch
Massenblockaden geben«, so Rockenbauch. 1400 Parkschützer wollen sich
zudem den Baggern in den Weg stellen, wenn die 282 Bäume im Schloßgarten
abgeholzt werden sollen. »Die Leute haben kein Verständnis dafür, daß
die Landesregierung über eine Rekordverschuldung jammert, überall kürzen
will und gleichzeitig 1,3 Milliarden an ›S 21‹ und weitere 950 Millionen
für die Hochgeschwindigkeitstrecke verschleudert.«
Samstag, 10. Juli, landesweite Demonstration gegen »S21«, Beginn der
Sternmärsche ab 11.30 Uhr, ab 14 Uhr Kundgebung im Schloßgarten südlich
des Hauptbahnhofs, www.kopfbahnhof21.de
Dieser Artikel erschien zuerst in der Tageszeitung junge Welt.
|