Diese Löhne stinken zum Himmel!
[Druckversion] Thema: Betrieb und Gewerkschaft, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 26.10.2009
Erster bundesweiter Streik der GebäudereinigerInnen
Seit dem 1. Oktober organisierte die IG BAU Warnstreiks in der
Reinigungsbranche. Gefordert werden 8,7 Prozent mehr Lohn, die
Angleichung der Löhne von Ost auf Westniveau und der Einstieg der
Unternehmer in die betriebliche Altersvorsorge Am 14.Oktober endete die
Urabstimmung mit einem Ergebnis von 96,7 Prozent für Streik. Damit
begann der erste bundesweite Streik der GebäudereinigerInnen - beim
bundesweiten Streikauftakt in Berlin waren 200 Kolleginnen und
Unterstützer dabei.
von Krischan Friesecke, Berlin
Seit dem 20. Oktober laufen die Streiks im gesamten Bundesgebiet, den
Auftakt legte Berlin mit einer Streikkundgebung an der Technischen
Universität hin. In den Reden von Gewerkschaftern und Unterstützern
wurde auf den immer weiter steigenden Arbeitsdruck in der Branche und
die, trotz Krise, steigenden Gewinne hingewiesen. Denn allein im
Krisenjahr 2008 stiegen die Gewinne um 3,1 Prozent. Allein das
Unternehmen Dussmann Service Deutschland kann für 2008 einen
Gewinnzuwachs von 15,3 Prozent auf 19,3 Millionen Euro verbuchen.
Möglich wird das durch maximales Auspressen der KollegInnen. Seit Jahren
geht der Trend zu immer mehr Reinigungsfläche bei immer weniger Zeit. So
meinte eine Gebäudereinigerin in Berlin: „Dass man mehr Zeit
investieren muss, wie die einen bezahlen ist von Vornherein eingeplant.
Die kalkulieren das dann so knapp, die wissen, dass wir mit der Zeit
nicht hinkommen.“ Auf diese Art wird der bisher gesetzliche
Mindestlohn von 8,15€ unterboten, auf dem Rücken der Beschäftigten.
Oftmals sind die KollegInnen gezwungen, ihren Lohn durch Hartz IV
aufstocken zu lassen, weil das Geld zum Leben nicht reicht. Was dann bei
der Rente rumkommen soll, erklärte Angelika Walle, Gebäudereinigerin wie
folgt: „Dann müssen wir wirklich betteln gehen, oder man stirbt
vorher.“ Deshalb ist die Forderung der IG BAU nach einer
betrieblichen Altersvorsorge, finanziert durch die Unternehmer, ein
extrem wichtiger Punkt für die Zukunft der KollegInnen. Denn kaum einE
KollegIn kann sich eine private Altersvorsorge leisten, Angelika Walle
musste Anfang des Jahres Ihre Vorsorge kündigen, da sie die 30 Euro pro
Monat nicht mehr abzweigen konnte.
Und selbst die geforderten 8,7 Prozent Lohnerhöhung sind noch zahm, das
sind gerade mal 71 Cent mehr pro Stunde. Die Unternehmerseite bieten 3,4
Prozent bei zwei Jahren Laufzeit, das sind aufs Jahr gerechnet
lächerliche 1,8 Prozent West und 2,1 Prozent Ost. Mirko Hawigshorst
meint zu den angebotenen 24 Cent: „Das ist gerade mal ein
angebissenes Brötchen, was den KollegInnen da angeboten wird.“
Reaktion und Solidarität
Natürlich blieben die Streikaktionen nicht ohne Reaktion der
Unternehmer. Sofort nach Beginn der Aktionen griff die Berliner Firma
AGG das Streikrecht an. So wurde die Kollegin Angelika Walle gekündigt,
nachdem Sie sich an einem Warnstreik beteiligt hatte. Zwar wurde die
Kündigung vom Gericht per einstweiliger Verfügung wieder kassiert, aber
die Angriffe gehen weiter. So wurde ein Kollege, der am Warnstreik
teilnahm, strafversetzt. Trotzdem gibt er nicht auf: „Wenn ich ein
Zimmer tapeziere, hör ich ja auch nicht bei der Hälfte auf.“
Zudem setzen die Unternehmer massiv auf Streikbrecher. So engagierte
Gegenbauer 15 Leiharbeit-er, die allerdings unverrichteter Dinge wieder
abzogen. Studierende der TU, die sich solidarisierten, hatten kurzerhand
den Putzmittelraum blockiert. Ein anderes Mal machten Streikende und
Studenten die Arbeit von Streikbrechern der Firma AGG zunichte.
Zweidutzend volle Müllsäcke wurden in ein Objekt zurückgebracht und im
Gebäude entleert. Nachdem Streikaktivisten den Beschäftigten der TU den
Zusammenhang erklärten zeigten sich diese, trotz Müll auf den Gängen,
weiterhin solidarisch. Gerade die Solidarität und Unterstützung von
Beschäftigten, Studenten und Schülern ist für diesen Kampf unermesslich
wichtig. An den Streikaktivitäten nehmen immer wieder Mitglieder von
Linksjugend["solid] und dem SDS teil und unterstützen die Streikenden
bei Protesten wie der Flashmobaktion „Aufstand der Unsichtbaren“.
Beschäftigte der Berliner Stadtreinigung sammelten über 800
Unterstützerunterschriften für „ihre“ GebäudereinigerInnen.
Die nächste Unverschämtheit, die sich die Untenehmerseite erlaubt, zielt
direkt auf die IG BAU. So behauptet der Arbeitgeberverband, die IG BAU
hätte mit der Kündigung des Tarifvertrages dem Lohndumping Tür und Tor
geöffnet, da jetzt Unternehmen Löhne unter dem bisherigen Mindestlohn
vereinbaren würden. Dabei hatte die IG BAU sechs ergebnislose
Verhandlungsrunden gewartet, bevor es zur Kündigung des Tarifvertrages
kam. Zweitens haben Unternehmer nur darauf gewartet, dass der
Mindestlohn weg fällt. So hat das Unternehmen Peter Schneider aus
Hannover den Wegfall des Mindestlohns schon vor der
Tarifvertragskündigung einkalkuliert. In den Arbeitsverträgen dieses
Unternehmens gibt es eine Klausel, die besagt, wenn der Mindestlohn
fällt sinkt der Stundenlohn auf 6,50 Euro West und 5 Euro Ost - und das
Brutto. Richtig zynisch wird es, wenn der Geschäftsführer Maik Peter
Schneider selbst zu gibt, das man von den von Ihm angebotenen Löhnen
nicht leben kann (Frontal 21 Bericht).
Mittlerweile ziehen einige Firmen nach und bieten neu eingestellten
KollegInnen Löhne deutlich unter 8,15 Euro, teils bis zur Grenze der
Sittenwidrigkeit.
Trotz der Angriffe sind die KollegInnen weiter zuversichtlich und halten
durch. Bestärkt wurden sie abermals am Freitag auf dem Flughafen
Berlin-Schönefeld. Dort streikten 15 KollegInnen der Terminalreinigung
und bekamen Unterstützung von 60 Streikenden aus Berlin. Von
Angestellten des Flughafens, dem Sicherheitspersonal und natürlich den
Fluggästen kamen nur positive Äußerungen, jede/r hatte Verständnis für
die KollegInnen. Zudem verteilten die KollegInnen noch eine
„Flughafeninformation“ darin heißt es: „Dies ist ein
Warnhinweis! Flughafen-Information , Bitte bringen Sie zu Ihrem Flug
unbedingt Folgendes mit:
Handfeger und Kehrschaufel
Eimer mit Wischlappen
geeignetes Reinigungs- und Desinfektionsmittel.
Wenn Sie einen sauberen Flughafen haben wollen, müssen Sie selbst
dafür sorgen. Sollten Sie dazu nicht in der Lage sein, könnten natürlich
auch Familienangehörige oder Freunde die Reinigung übernehmen... oder
Sie schrauben Ihre hygienischen Ansprüche herunter. Wir bitten um Ihr
Verständnis!“
Der Kampf geht weiter
Um den Arbeitskampf zu gewinnen muss die IG BAU den Druck auf die
Unternehmerseite weiter verstärken. Die Streiks müssen ausgeweitet, und
die öffentlichkeitswirksamen Aktionen bunt und kreativ weitergeführt
werden, da gibt es noch sehr viel Potenzial. Vor allem aber muss der
Kreis der Unterstützer weiter ausgebaut werden und verschiedene Kämpfe
miteinander verbunden werden. In Berlin läuft zeitgleich die Tarifrunde
im Öffentlichen Dienst und die KollegInnen des Rundfunk
Berlin-Brandenburg haben mit Warnstreiks begonnen – es darf nicht jedeR
für sich kämpfen, sondern gemeinsame Aktionen sind nötig um den Druck
auf das ganze Arbeitgeberlager zu steigern.
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