Die schwarz-gelbe Regierung legt los … oder doch nicht?
[Druckversion] Thema: Deutschland: Politik allgemein, veröffentlicht: 19.11.2009
Eine Analyse des Koalitionsvertrags von CDU, CSU und FDP
Nachdem sich 2002 und 2005 die Erwartungen des Kapitals auf eine
schwarz-gelbe Mehrheit nicht erfüllten, haben sie jetzt ihre
Wunschregierung. Trotzdem läuft es für sie nicht nach Wunsch.
von Wolfram Klein
Das liegt natürlich nicht nur an der Qualität des Personals, über das
die „Financial Times Deutschland“ zu Halloween spottete: „Nicht
nur die Kinder haben sich bunt verkleidet, in Berlin haben sich auch
Politiker von Union und FDP gedacht: Hey, da machen wir doch glatt mit!
Selten gab es gruseligere Kostüme: Ex-Verteidigungsminister Franz Josef
Jung zum Beispiel geht als Arbeitsminister. (…) FDP-Chef Guido
Westerwelle erfüllt sich einen lang gehegten Traum und hat sein
Außenministerkostüm aus dem Keller hervorgeholt. (…) Das beste Kostüm
aber hat Günther Oettinger: Er geht als EU-Kommissar und verbreitet so
in ganz Europa Angst und Schrecken. Im wahren Leben ist das Gute an den
Vampiren und Monstern, dass sie sich bald wieder in Kinder
zurückverwandeln. Bei den Politikern steht dagegen zu befürchten, dass
der Spuk die nächsten vier Jahre andauert.“
Wirtschaftskrise und Regierung
Offensichtlich waren alle Behauptungen vor den Wahlen, dass die
schwerste Wirtschaftskrise nach dem Krieg überwunden sei,
Zweckoptimismus. In Wirklichkeit haben die Vertreter des Kapitals
heillose Angst, dass sie durch einen scharfen Sparkurs einen Rückfall in
die Krise verschulden könnten. Im Koalitionsvertrag selbst liest sich
das so: „In der außergewöhnlichen Situation, in der sich die deutsche
wie die internationale Wirtschaft befindet, dürfen das Vertrauen der
Bürger und die Investitionsbereitschaft der Unternehmen jetzt nicht
durch Entzug von Kaufkraft, höhere Belastung der Arbeitskosten und
Kürzungen bei öffentlichen und privaten Investitionen gefährdet werden.
Dies wäre auch im historischen Maßstab ein schwerer Fehler.“
(Zeile 23-28)
Als Kanzlerin Merkel auf dem „kleinen Parteitag“ der CDU für den
Koalitionsvertrag warb, klang es noch vorsichtiger. Der „Wachstumspfad“
der Koalition biete „keine Garantie, dass es klappt. Aber der bietet die
Chance, dass es klappt. Bei Sparen, Sparen, Sparen sehe ich keine
Chance, dass wir es schaffen.“ Der neue Finanzminister Schäuble blies
ins gleiche Horn: "Wir müssen zunächst einmal die Krise durchstehen -
und dann können wir wieder konsolidieren". Er geht noch
einen Schritt weiter: "Wenn sich die Wirtschaftskrise noch
verschärfen sollte, macht das die Steuersenkung eher wahrscheinlicher.
Denn Steuersenkungen sind weltweit eines der wirksameren Mittel gegen
die Krise."
Auch die bürgerlichen Ökonomen lehnen einen schnellen Abbau des
Haushaltsdefizits ab. Die „Financial Times Deutschland“ befragte ihren
„Konjunkturschattenrat“ von Experten: „Einigkeit herrscht
unter den Ökonomen darüber, dass es falsch wäre, mit der Konsolidierung
in der Krise zu beginnen. Kein einziges Schattenratsmitglied
befürwortete in der Umfrage vom Montag, dass mit der Rückführung der
Strukturdefizite noch 2010 begonnen werden sollte. " (FTD 27. 10.
2009)
Ein Symptom für die Kontinuität der Regierung in der nächsten Phase (und
zugleich den neoliberalen, kapitalistischen Charakter der heutigen SPD)
ist, dass Steinbrücks sozialdemokratischer Staatssekretär Asmussen im
Amt bleiben soll, dessen Entlassung die FDP wegen seiner Rolle bei der
HRE-Verstaatlichung gefordert hatte.
Die Regierung kann dabei zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Auf der
einen Seite hofft die Regierung auf eine positive Wirkung auf die
Konjunktur. Auf der anderen Seite hofft sie, dass es sich positiv auf
ihr Ergebnis bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai
auswirkt, wenn sie mit ihren Grausamkeiten noch ein paar Monate wartet.
Diese Zweiteilung der Regierungs-Agenda bringt es mit sich, dass die
Aussagen des Koalitionsvertrages oft nebulös sind. Dahinter verbergen
sich teilweise auch echte Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Koalitionsparteien, die im Koalitionsvertrag hinter diesen unklaren
Formulierungen versteckt wurden, die aber in den nächsten Jahren offen
ausbrechen werden. Für Gewerkschaften und LINKE sollten diese kommenden
Konflikte Motivation sein, die Uneinigkeit der Regierung für den Kampf
für Arbeiterinteressen zu nutzen.
Steuerentlastungen?
Im Wahlkampf hatte es zwischen den Koalitionspartnern Differenzen
gegeben haben, ob und wie stark die Steuern nach der Wahl gesenkt
werden. Für die Steuersenkungen, die jetzt im Koalitionsvertrag stehen,
gilt Zeile 559 des Vertrages: „Alle Maßnahmen des Koalitionsvertrages
stehen unter Finanzierungsvorbehalt.“ Für das kommende Jahr
2010 bestehen die Entlastungen zu zwei Dritteln (14 Milliarden) darin,
die bereits von der Großen Koalition beschlossenen Entlastungen nicht
wieder rückgängig zu machen. Darüber hinaus soll der Kinderfreibetrag
von 6.024 auf 7.008 Euro erhöht werden (und in einem zweiten Schritt,
für den kein Datum angegeben ist, auf 8.004 Euro). Laut Bund der
Steuerzahler haben davon Familien erst ab einem Jahreseinkommen von
60.000 Euro etwas. Deshalb soll zusätzlich das Kindergeld um zwanzig
Euro pro Kind erhöht werden. Das wird insgesamt etwa fünf Milliarden
Euro kosten. Insgesamt verspricht die Regierung eine Entlastung von 24
Milliarden Euro. Es bleiben also noch 19 Milliarden, mit denen die
Regierung „möglichst“ 2011 die bisherige Einkommenssteuer durch einen
„Stufentarif“ ersetzen will. Dabei will sie „insbesondere die unteren
und mittleren Einkommensbezieher vorrangig entlasten und gleichzeitig
den Mittelstandsbauch abflachen“ (Zeile 102f.). Klingt schön. Aber
freuen wir uns nicht zu früh! Dass das Phrasen sind, zeigen schon die
Wörtchen „und gleichzeitig“. Die „mittleren
Einkommensbezieher“ entlasten heißt eben „den Mittelstandsbauch
abflachen“. Es handelt sich also gar nicht um zwei
verschiedene Maßnahmen! Wenn es nicht um wohlklingendes Wortgebimmel,
sondern um ernst gemeinte Maßnahmen ginge, würde ihnen so etwas doch
auffallen!
Vergessen wir auch nicht den „Finanzierungsvorbehalt“ bei „allen
Maßnahmen“ und den Charakter der Regierung, der in ihrer ganzen Politik
zum Ausdruck kommt!
Dieser Charakter zeigt sich schon in ihren anderen steuerpolitischen
Maßnahmen: Bei der Erbschaftssteuer wird nicht nur ein Extratarif für
Geschwister, Neffen und Nichten eingeführt. Bisher war die Vererbung von
Firmen steuerfrei, wenn die Lohnsumme 10 Jahre gleich blieb. Das wird
jetzt gelockert – angesichts der Krise und des zu erwartenden
Stellenkahlschlags hält die Regierung das offenbar für eine zu harte
Bedingung für Firmenerben.
Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz kommt für verschiedene Produkte auf den
„Prüfstand“. Das bedeutet, dass für eine unbestimmte Zahl von Produkten
der Mehrwertsteuersatz von sieben auf 19 Prozent erhöht werden soll.
Dafür soll der ermäßigte Satz für Hotels („Beherbergungsleistungen“)
eingeführt werden. Das wurde auf Druck der CSU beschlossen, die wieder
der Lobby der bayerischen Hoteliers gehorcht (die behaupten, sie hätten
Konkurrenznachteile, weil eine entsprechende Regelung in Österreich
eingeführt wurde). Auch bürgerliche Zeitungen bezweifeln, dass Hotels
die Kostensenkungen an ihre Kunden weitergeben würden und weisen darauf
hin, dass ermäßigte Mehrwertsteuersätze sozialpolitisch motiviert sein
sollten und Hartz-IV-Empfänger und andere sozial Schwache andere
Probleme als zu hohe Hotelpreise haben. Dieses Steuergeschenk für die
Hotels soll 1,9 Milliarden Euro kosten.
Während der Verhandlungen gab es Berichte, die Koalition plane, die
Mehrwertsteuerbefreiung der kommunalen Abwasser- und Abfallwirtschaft
aufzuheben, was Gebührenerhöhungen von 12 bis 20 Prozent bedeutet hätte.
Im Koalitionsvertrag steht jetzt „Aufgaben der Daseinsvorsorge“ nicht
stärker zu besteuern. Aber was gehört zur Daseinsvorsorge? Die Koalition
hat offenbar einen eigenwilligen Gebrauch dieses Wortes. Sie rechnet
z.B. die „flächendeckende Breitbandversorgung“ (Zeile 4797) dazu. Was
für sie sonst dazu oder nicht dazu gehört, verrät sie noch nicht.
Krankenversicherung
Die heftigsten Angriffe der Regierung sind bisher im Bereich der
Gesundheit und Pflege angekündigt. Jahrelang sollten Gesundheitsreformen
die Kosten des Gesundheitswesens begrenzen. Jetzt regiert die Lobby
derjenigen, die am Gesundheitswesen und seinen Kostensteigerungen
verdienen. Der Koalitionsvertrag erklärt das Gesundheitswesen zur
„Zukunftsbranche“ (Zeile 3840f.) und auch der „Financial Times
Deutschland“ fiel auf: „ausgerechnet die Partei, die der Ärzte-
und Pharmalobby am nächsten steht, bekommt das Gesundheitsministerium“.
Statt die Kosten zu begrenzen, sollen sie jetzt einseitig den
Beschäftigten und Kranken aufgeladen werden. Natürlich erklären sie die
kommenden Kostensteigerungen nicht mit den Profitinteressen ihrer
Klientel, sondern mit der älter werdenden Gesellschaft.
Erstens soll der Arbeitgeberanteil der Versicherungsbeiträge bei sieben
Prozent eingefroren werden. Also sollen die Lohnabhängigen und Kranken
kommende Kostensteigerungen aus ihrer eigenen Tasche zahlen.
Zweitens will die Regierung „langfristig“ „einkommensunabhängige
Arbeitnehmerbeiträge“ einführen. Das wurde in der Vergangenheit als
Kopfpauschale bekannt. Es bedeutet, dass die Höhe der Beiträge nicht
mehr vom Einkommen abhängt, sondern alle ArbeitnehmerInnen gleich hohe
Beiträge zahlen: also müssen Versicherte mit niedrigen Einkommen viel
mehr, Versicherte mit hohen Einkommen viel weniger zahlen als heute. Der
Koalitionsvertrag verspricht zwar, das solle „sozial ausgeglichen“
werden. Sie versprechen aber nicht, dass es vollständig sozial
ausgeglichen wird. Außerdem stehen ja alle Versprechen im
Koalitionsvertrag unter „Finanzierungsvorbehalt“ und die Finanzlöcher im
Haushalt sind riesig (siehe unten).
Warum wollen sie überhaupt Geringverdiener durch höhere Beiträge
belasten, wenn sie angeblich vorhaben, es ihnen aus Steuermitteln
wiederzugeben?
Die offizielle Begründung ist, dass die Finanzierung aus Steuern sozial
gerechter sei. Dabei wird darauf verwiesen, dass es Bevölkerungsgruppen
außerhalb der Krankenversicherung gibt. Aber bei einer Bevölkerung von
82 Millionen sind 70 Millionen Versicherte nicht gerade wenig. Und wer
zahlt denn die Steuern? In den letzten Jahren wurden die Steuern für
Unternehmen immer wieder gesenkt. Im Koalitionsvertrag sind weitere
Steuersenkungen geplant. Auch die Spitzensteuersätze beim Einkommen
wurden gesenkt. Zugleich wurden z.B. die Verbrauchssteuern immer wieder
erhöht (z.B. die Mehrwertsteuer 2005 von 16 auf 19 Prozent). Solche
Verbrauchssteuern sind aber die unsozialsten Steuern. Je niedriger das
Einkommen ist, desto größer der Anteil des Einkommens, das konsumiert
wird und für den daher Mehrwertsteuer anfällt. Anders gesagt:
Mehrwertsteuer müssen auch Hartz-IV-EmpfängerInnen zahlen. Oder: heute
sind Kinder von ArbeitnehmerInnen bei der Krankenversicherung
mitversichert, ohne dass die Eltern zusätzliche Beiträge zahlen müssen.
Aber wenn Kinder Nahrung und Kleidung brauchen, dann müssen die Eltern
dafür Mehrwertsteuer etc. zahlen. Eine Bezuschussung von
Krankenversicherungsbeiträgen über Steuern ist also gar nicht sozial,
solange die Steuern nicht grundlegend umgekrempelt werden.
Aber damit sind die Zumutungen von Union und FDP noch nicht zu Ende.
Bisher gibt es Festzuschüsse, Festbeträge und Mehrkostenregelungen bei
Zahnersatz, Arzneimitteln und Reha-Maßnahmen. Die Regierung will
„prüfen“, ob „Mehrkostenregelungen“ darüber hinaus möglich sind. Sie
beteuern zwar, sie wollten PatientInnen nicht vom medizinischen
Fortschritt ausschließen oder überfordern – aber wer diesen Politikern
glaubt, ist selber schuld. „Mehrkostenregelungen“ bedeuten genau das:
eine bestimmte Grundversorgung wird noch von der Krankenkasse
übernommen, alles was darüber hinaus geht, müssen die Versicherten
selber zahlen – oder eben bleiben lassen, wenn sie es nicht mehr zahlen
können. Und bei sinkenden Löhnen (die Regierung rechnet für 2009 mit
einem Sinken der Bruttolohnsumme um 0,4 Prozent und 2010 um 0,5 Prozent
wegen Kurzarbeit etc.) und steigenden Beiträgen wird die Zahl der
Menschen, die sich so etwas nicht mehr leisten können, zunehmen.
Zugleich wird der Gesundheitsfonds aufgeweicht: statt dem bisherigen
Einheitsbeitrag von 14,9 Prozent, sollen die über 180 Krankenkassen
einen Teil direkt einziehen. Anscheinend soll Merkels glorreicher
Gesundheitsfonds beibehalten werden, damit nicht seine Abschaffung nach
wenigen Monaten an ihrem Image kratzt. Aber sein Zweck, den Kampf der
Kassen um die „besten Risiken“ zu beenden, soll wieder abgeschafft
werden. Die Gesundheitsfonds-Bürokratie bleibt, ihr Zweck geht verloren.
Es soll auch „regionale Differenzierungsmöglichkeiten“ geben. Offenbar
ist das ein Zugeständnis an die CSU, die hofft, in Bayern würden die
Beiträge niedriger sein.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung wurde 1995 eingeführt, Ihr Arbeitgeberanteil
wurde von den ArbeitnehmerInnen durch einen zusätzlichen Arbeitstag
(Wegfall des Buß- und Bettags) finanziert. Jetzt reichen die Einnahmen
nicht mehr. Es soll eine Ergänzung des bestehenden Umlageverfahrens
durch „Kapitaldeckung“ geben. Das ist eine Art Zwangs-Riester-Rente für
die Pflege. Die heutigen BeitragszahlerInnen sollen die heutigen
Pflegebedürftigen und ihre eigene Pflege bezahlen. Dadurch wird ein
weiteres Feld für die private Versicherungswirtschaft geöffnet. Die
damalige bayrische Sozialministerin Stewens schlug das 2005 schon vor.
Der Beitrag sollte mit vier Euro im Monat beginnen und jährlich um
fünfzig Cent steigen. Der Rentenexperte Raffelhüschen erklärte das
damals für viel zu niedrig und plädierte für einen Betrag, der mit 8,50
im Monat beginnen und bis 2050 auf fünfzig Euro monatlich steigen solle.
Seitdem sind die Kosten gestiegen. Wenn die Regierung mit Zahlen
herausrückt, dürften die höher liegen.
Der Unterschied zwischen diesem „Pflege-Riester“ und der „Riester-Rente“
ist nicht nur, dass es diesmal eine Zwangsversicherung ist. Bei der
Rentenversicherung hing die Höhe der Rente traditionell von der Höhe der
Beiträge ab. Der „Versicherungscharakter“ der Rentenversicherung besteht
darin, dass die Menschen verschieden lange leben und damit die Menschen,
die bald nach der Verrentung sterben, wenig davon haben, und die
Menschen, die danach noch lange leben, viel davon haben. Im Unterschied
dazu hängt traditionell bei der Kranken- und Pflegeversicherung der
Umfang der Leistungen nicht von der Höhe der Beiträge ab, sondern vom
Bedarf. Die Einführung einer kapitalgedeckten Versicherung in die
Pflegeversicherung, bei der die Höhe der Beiträge nicht von der Höhe des
Einkommens abhängt (so wenig wie bei einer KFZ- oder Lebensversicherung)
bedeutet damit neben dem Zwangscharakter auch die Einführung der
Kopfpauschale auch in die Pflegeversicherung.
Bei der Riester-Rente führte das Vertrauen auf den Kapitalmarkt dazu,
dass viele fondsbasierte Verträge an Wert verloren. Jetzt soll mit der
Kapitaldeckung auch die Pflegeversicherung den Wechselfällen der Börse
ausgesetzt werden.
Weitere Verarmung
Bei neuen Branchen-Mindestlöhnen bekommt die FDP faktisch ein Vetorecht:
sie werden „einvernehmlich im Kabinett“ (Zeile 640) beschlossen, während
sie bisher der Arbeitsminister unter bestimmten Umständen allein
entscheiden konnte. (Wenn diese Kompetenz bei Arbeitsminister Jung läge,
der nur weiter im Kabinett sitzen darf, weil er aus der Zeit der
CDU-Spendenaffäre mit Roland Koch gemeinsam Leichen im Keller hat, wäre
das allerdings auch nicht beruhigend.) Die bestehenden Mindestlöhne
kommen bis Oktober 2011 auf den Prüfstand. Damit drohen die kleinen
Schritte Richtung Mindestlohn gestoppt und dann wieder rückgängig
gemacht zu werden.
Die beabsichtigte Pauschalisierung von Unterkunfts-, Energie- und
Nebenkosten beim ALG II kann faktisch eine Senkung von ALG II bedeuten.
Und die Anhebung der Schonvermögen für Hartz-IV-Empfänger? Sie nützt
laut Deutschem paritätischen Wohlfahrtsverband nur zwei bis drei Prozent
der Hartz-Familien. Und sie gilt nur für Ersparnisse für die private
Altersvorsorge. Mit anderen Worten: die Regierung rechnet damit, dass
als Folge der Krise massenhaft besser bezahlte Beschäftigte in Hartz IV
abrutschen werden (denn schlecht bezahlte ArbeitnehmerInnen können sich
die Riester-Rente kaum leisten) und hat Angst, dass die Riester-Rente
völlig unattraktiv wird. Deshalb sollen diese Ersparnisse (und
Eigenheime) besser geschützt werden.
Dafür werden die Rechte der MieterInnen verschlechtert. Die
Kündigungsfrist für Vermieter wird von bis zu neun auf drei Monate
herabgesetzt. Gekündigte MieterInnen haben so noch weniger Zeit, eine
neue Wohnung zu finden. Damit nicht genug: „Mietrechtliche Ansprüche
müssen auch wirksam vollstreckt werden können.“
(Zeile 5075f.) Auf deutsch: wenn die Mieter gekündigt sind, soll die
Zwangsräumung erleichtert werden.
Innenpolitik
Im Wahlkampf hat die FDP sich noch als Verteidigerin von Bürgerrechten
ausgegeben. Tatsächlich bleiben Schäubles Überwachsungsgesetze mit
minimalen Änderungen bestehen. Zum Beispiel wird der „Zugriff
der Bundesbehörden auf die gespeicherten Vorratsdaten der
Telekommunikationsunternehmen bis zur Entscheidung des
Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungsmäßigkeit der
Vorratsdatenspeicherung“ ausgesetzt und „bis dahin auf
Zugriffe zur Abwehr einer konkreten Gefahr für Leib, Leben und Freiheit“
beschränkt (Zeile 4898.4900). Aber die Polizei ist weitgehend
Ländersache – und Landesbehörden werden nicht erwähnt.
Die Rechte der Polizei werden ausgeweitet: „Wir werden eine
gesetzliche Verpflichtung schaffen, wonach Zeugen im
Ermittlungsverfahren nicht nur vor dem Richter und dem Staatsanwalt,
sondern auch vor der Polizei erscheinen und – unbeschadet gesetzlicher
Zeugenrechte – zur Sache aussagen müssen.“ (Zeile
5008-5011)
Die Verharmlosung des Rechtsextremismus durch die Regierung ist
widerwärtig. Obwohl seit 1993 140 Menschen durch Gewalt von rechts und
kein einziger durch Gewalt von links ums Leben kam (wie die linke
Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke vorrechnete), werden im
Koalitionsvertrag ständig Rechtsextremismus, Islamismus und
Linksextremismus in einem Atemzug genannt oder wird einfach nur von
„Extremismus“ geschrieben. Die bisherigen Programme gegen
Rechtsextremismus werden auf Linksextremismus und Islamismus
ausgeweitet. Geschmackvollerweise zählt das der Koalitionsvertrag auf
als eine der Maßnahmen, „um der Verklärung der SED-Diktatur
entgegenzuwirken“ (Zeile 4334 und Zeile 4345-47).
Offensichtlich findet diese Regierung die Möglichkeit, dass Menschen aus
der tiefsten Krise des Kapitalismus in der Nachkriegszeit sozialistische
Schlussfolgerungen ziehen könnten bedrohlicher als die zunehmende
Nazigewalt. Aus ihrer Sicht haben sie nicht Unrecht, denn die Nazis sind
die nützlichen Idioten des Kapitals.
Energie und Umwelt
Die Laufzeit der Atomkraftwerke (die bei schwarz-gelb natürlich
„Kernkraftwerke“ heißen, um den Zusammenhang zwischen Atomkraft und
Atomwaffen zu vertuschen) wird verlängert. Natürlich sollen dabei die
„deutschen und internationalen Sicherheitsstandards“ eingehalten werden.
Aber erstens geht es um viel Geld, das Regierung und
Energieversorgungsunternehmen untereinander aufteilen wollen. Wer kann
da solchen Versprechen vertrauen? Zweitens werden Atomkraftwerke immer
unsicherer, je länger sie im Betrieb sind. Drittens bedeutet der
Weiterbetrieb der AKWs zusätzlich 450 Tonnen hochradioaktiven Müll
jährlich (weshalb auch der rotgrüne „Atomkompromiss“ unverantwortlich
war), obwohl die Endlagerung nach wie vor nicht geklärt ist: In Gorleben
soll die Erkundung „ergebnisoffen“ wieder aufgenommen werden. „Die
Endlager Asse II und Morsleben sind in einem zügigen und transparenten
Verfahren zu schließen“ (Zeile 1041f.) Die Ironie, Lager als „Endlager“
zu bezeichnen, die wieder geschlossen werden, fällt ihnen gar nicht auf.
Es sollen keine weiteren AKWs mehr gebaut werden. Die Atomkraft wird als
„Brückentechnologie“ bezeichnet. Aber Brücke wohin? Die Koalition hat
kein Konzept für einen Umbau der Energieförderung auf erneuerbare
Energien.
Neben der Atomkraft kommt auch die Gentechnologie auf ihre Kosten: Der
Anbau der Industrie-Genkartoffel Amflora wird unterstützt.
Außerdem wird die Zerschlagung des umweltfreundlichsten Verkehrsmittels
– der Bahn – weiter betrieben. Nachdem die Große Koalition gegen den
Willen der großen Mehrheit der Bevölkerung die Bahnprivatisierung durch
Verfassungsänderung möglich gemacht hat, soll jetzt nicht nur eine
Minderheitsbeteiligung der Bahn verkauft werden, sondern die Bahn
zerschlagen und Teilbereiche ganz verkauft werden: Personen- und
Güterverkehr und Logistik. Die Regierung meint, man könne beim
Schienenverkehr ebenso wie beim Straßenverkehr die (staatliche)
Infrastruktur von den privaten Verkehrsteilnehmern trennen. Das verkennt
völlig die technischen Unterschiede. Wenn auf der Autobahn ein LKW einen
anderen überholt, mag das für andere Verkehrsteilnehmer nervig sein,
aber es geht. Ein Zug kann den anderen nicht einfach so überholen, denn
die fahren auf Schienen, bei denen es nur eine begrenzte Anzahl von
Weichen gibt. Aus diesem Grund gibt es bei der Bahn Fahrpläne, die man
für den Straßenverkehr nicht braucht. Beim Schienenverkehr gibt es also
rein technisch einen viel engeren Zusammenhang zwischen Infrastruktur
und Fahrzeugen als beim Straßenverkehr. Diesen Zusammenhang durch die
Privatisierung zu zerreißen bedeutet, den möglichen Beitrag der Bahn zum
Umweltschutz (und zu Verkehrssicherheit, Fahrkomfort etc.) drastisch
einzuschränken und möglicherweise langfristig zu zerstören. Neben einem
gerüttelten Maß an ideologischer Borniertheit stecken die
kapitalistischen Profitinteressen dahinter: beim Personen- und
Güterverkehr und bei der Logistik winken neue profitable
Anlagemöglichkeiten für das Kapital, während die Infrastruktur für
Investoren nicht attraktiv ist (erstens ist sie zu großen Teilen
ziemlich heruntergewirtschaftet und zweitens betrügen die
Umschlagszeiten für dort investiertes Kapital Jahrzehnte – nicht gerade
profitversprechend).
Bildung
Der Koalitionsvertrag trägt die Überschrift „Wachstum.
Bildung. Zusammenhalt.“ Wenn man diese Überschrift liest,
könnte man meinen, dass die Bildung ein zentrales Thema sei. Die
Wirklichkeit sieht anders aus. Das ist nicht überraschend, weil die
Föderalismusreform von 2006 die Kompetenzen des Bundes in der
Bildungspolitik fast vollständig beseitigt hat. Wenn man sich den
Koalitionsvertrag betrachtet, sieht man, dass das Kapitel zu Bildung und
Forschung das kürzeste Kapitel des Vertrages ist: es macht nur 6,4
Prozent des Textes aus, wovon noch einmal fast die Hälfte die Forschung
behandelt. So bleiben für die ein Drittel des Titels einnehmende
„Bildung“ nur noch 3,5 Prozent des Textes. Nach wohlklingenden Worten
über die Bedeutung von Bildung heißt es dann: „Deswegen sagen wir der
Bildungsarmut den Kampf an.“ (Zeile 2543f.) Die Koalition verspricht,
bis zum Jahr 2013 zusätzliche zwölf Milliarden Euro für Bildung und
Forschung auszugeben – macht pro Jahr drei Milliarden. Wie viel davon
wirklich für Bildung ist und wie viel für Forschung, wird nicht gesagt.
Außerdem gibt es ja noch die Zeile 559 des Koalitionsvertrags: „Alle
Maßnahmen des Koalitionsvertrages stehen unter Finanzierungsvorbehalt.“
Wenn man annimmt, dass die Hälfte der drei Milliarden im Jahr in die
Forschung fließt, sind das noch anderthalb Milliarden für Bildung,
weniger als die 1,9 Milliarden, mit denen die Hotels durch den
ermäßigten Mehrwertsteuersatz subventioniert werden. Aber wenn der
Koalitionsvertrag statt „Wachstum. Bildung. Zusammenhalt.“ z.B. „Pharmakonzerne.
Hotels. Energieversorgungsunternehmen.“ hieße, klänge das
natürlich nicht so gut.
Die Regierung verspricht für jedes Kind ein Startguthaben von 150,-
Euro. Einzahlungen von Großeltern, Paten etc. sollen durch Prämien
gefördert werden. Allerdings dürfte ein Startguthaben von 150,- Euro
gerade mal die Kita-Gebühren für ein paar Wochen abdecken und dann
aufgebraucht sein.
Die Regierung will die Begabtenförderung ausweiten. Die Zahl der
Stipendiaten soll von zwei auf zehn Prozent steigen. Wie diese Förderung
derjenigen, die schon im Bildungssystem Erfolg haben, die Bildungsarmut
bekämpfen soll, ist das Geheimnis der Regierung. Damit werden
überwiegend die gefördert, deren Eltern schon hohe Bildung und hohe
Einkommen haben. Und wenn es mal ein Kind aus „bildungsfernen Schichten“
unter die besten 10 Prozent schafft, werden 300,- im Monat nicht
reichen, um sich voll dem Studium zu widmen. Wenn der Kampf gegen die
Bildungsarmut Ernst gemeint wäre, wäre eine Ausweitung des Bafög der
nahe liegende Weg. Das Geld für die Stipendien soll zunächst von
„Wirtschaft und Privaten“ eingeworben werden. Bis zur Hälfte soll aus
öffentlichen Zuschüssen kommen, davon soll wiederum die Hälfte vom Bund
und von den Ländern kommen. Der Anteil des Bundes liegt also maximal bei
25 Prozent.
Das sind die einzigen konkreten Aussagen in dem Koalitionsvertrag, in
dessen Überschrift groß „Bildung“ steht. Ansonsten gibt es
Absichtserklärungen („wir wollen“ und „wir streben an“) und Worthülsen.
Und nicht vergessen: Alle Aussagen stehen unter Finanzierungsvorbehalt.
Riesige Haushaltslöcher…
Und die Finanzlage ist tatsächlich so schlimm, wie noch nie. Am 26.
Oktober zitierte das Handelsblatt Berechnungen des Instituts für
Weltwirtschaft, wonach die Steuerschätzung vom November keine besseren
Aussichten bieten wird als die vom Mai. Seitdem wurden zwar die
Konjunkturerwartungen nach oben korrigiert: von minus sechs auf minus
fünf Prozent für dieses Jahr und plus 1,2 für nächstes Jahr (und plus
2,1 Prozent 2011). Trotzdem sollen die Steuereinnahmen dieses Jahr noch
einmal zwei Milliarden niedriger sein, als im Mai geschätzt, nächstes
Jahr nur zwei Milliarden mehr. Demnach gehen die Steuereinnahmen dieses
Jahr um mehr als sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück, im
kommenden Jahr um weitere 13 Milliarden Euro. Die tatsächlichen
Steuereinnahmen von Bund und Ländern waren im September 2009 7,4 Prozent
niedriger als im September 2008. Für die neun Monate vom Januar bis
September 2009 lagen sie um sechs Prozent unter dem Vorjahresniveau
(352,84 Milliarden). Dazu kommen Milliardenausfälle der Kommunen vor
allem durch den Einbruch der Gewerbesteuer.
Von dem erwarteten Defizit der Krankenkassen von 7,5 Milliarden 2010
sollen vier Milliarden aus dem Haushalt gezahlt werden. Außerdem sollen
16 Milliarden Euro, die bisher als Darlehen an die
Arbeitslosenversicherung vorgesehen waren, in einen Zuschuss verwandelt
werden.
Nach konservativen Schätzungen betragen die Haushaltslöcher 2010 90
Milliarden, laut SPD-Angaben 100 Milliarden Euro. Michael Schlecht von
der Linken gibt auf der Grundlage von Zahlen des Finanzministeriums vom
August das Defizit von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen
mit 113 Milliarden 2009 und 132 Milliarden 2010 an. Selbst wenn die
Hoffnungen der Regierung bezüglich wirtschaftlicher Erholung und damit
steigenden Steuereinnahmen und konstanten Ausgaben sich erfüllen,
beträgt das Defizit für 2009 bis 2013 zusammen 500 Milliarden Euro, eine
halbe Billion. Dazu kommen noch die möglichen Kosten für die
Bankenrettung.
… und billige Tricks
Die Gründe für diese freigebige Politik wurden oben schon genannt:
Angst, die Konjunktur kaputt zu sparen und Angst, durch unsoziale
Maßnahmen die Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai 2010 zu
verlieren. Es gibt aber noch einen weiteren Grund. Im Sommer wurde die
Verfassung geändert und eine „Schuldenbremse“ in sie aufgenommen. Damit
sollte die Neuverschuldung begrenzt werden. Kurzfristig ist sie aber ein
Anreiz, sie zu steigern. Die Schuldenbremse verlangt von 2011 bis 2016
einen schrittweisen Abbau des strukturellen Haushaltsdefizits auf 0,35
Prozent des BIP. Die eigentümliche Folge ist, dass das strukturelle
Defizit 2011 umso höher sein kann, je höher es 2010 ist. Wenn das
strukturelle Defizit 2010 2,5 Prozent des BIP statt 1,6 Prozent des BIP
beträgt, darf es 2011 2,14 Prozent statt 1,4 Prozent des BIP betragen.
Die Regierung darf dann 2011 etwa 18 Milliarden Euro mehr ausgeben. Das
ist ungefähr so sinnvoll, wie wenn ein Raucher beschließt, das Rauchen
aufzuhören, indem er jede Woche weniger raucht – und als Auftakt so viel
raucht, wie noch nie in seinem Leben, damit die nächsten Schritte des
Abgewöhnens leichter fallen.
Der Vorteil ist sogar doppelt: es geht nicht um das wirkliche Defizit,
sondern um das „strukturelle“ Defizit. Wie wir gerade sehr plastisch
sehen, führt eine Wirtschaftskrise zu Einnahmeausfällen und
Ausgabensteigerungen in den öffentlichen Kassen. Man kann also das
Haushaltsdefizit in ein konjunkturelles und ein strukturelles Defizit
einteilen – und die Schuldenbremse verlangt nur, den strukturellen Teil
bis 2016 auf 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Bund) bzw. bis 2020
auf Null (Länder) zu verringern.
Aber wo die Grenze zwischen strukturellem und konjunkturellem Defizit
verläuft, hängt davon ab, welches Wirtschaftswachstum man als normal
ansieht. Je höher das „normale“ Wachstum, desto eher kann man die
wirkliche Konjunkturentwicklung als Krise deklarieren und
Haushaltsdefizite als durch diese Krise verursachte konjunkturelle
Defizite. Wenn man jetzt durch Pumpen von Geld in die Wirtschaft ein
konjunkturelles Strohfeuer erzeugt, kann man ein höheres Wachstum für
„normal“ erklären. Damit erscheint die Differenz zwischen dem wirklichen
Wachstum (oder Schrumpfen) und dem normalen Wachstum größer, folglich
erscheint der konjunkturelle Anteil am Haushaltsdefizit größer und der
strukturelle Anteil kleiner und damit auch der von der Schuldenbremse
geforderte Kürzungsbedarf kleiner.
Natürlich ändern all diese Tricks nichts daran, dass Schulden Schulden
sind, für die Zinsen gezahlt werden müssen. Wenn die Zinsen wieder
steigen, die momentan als Folge der Krise sehr niedrig sind, wird die
Zinsbelastung entsprechend steigen.
Voodoo-Ökonomie
Mittelfristig ist das natürlich keine Lösung. Ein Teil der Regierung
versucht es mit „Voodoo-Ökonomie. Den Begriff prägte George Bush senior
1980. Der bewarb sich damals um die Präsidentschaftskandidatur der
Republikaner und verspottete damit das Programm seines innerparteilichen
Rivalen Ronald Reagan, die Steuern zu senken, die Ausgaben zu erhöhen
und zugleich das Haushaltsdefizit zu verringern. Reagan machte damals
Bush zu seinem Vizepräsidentschaftskandidaten. Der hat dann 12 Jahre
lang als Vizepräsident und Präsident diese Voodoo-Ökonomie praktiziert.
Die Tatsachen haben seine ursprüngliche Kritik voll bestätigt. Statt die
Staatsverschuldung abzubauen, stiegen die Staatsschulden von 1980 auf
1992 von 909 Milliarden auf 4002 Milliarden US-Dollar.
Teile der Regierung verkünden jetzt unbelehrbar, dass Steuersenkungen
(für die Unternehmen) zu Investitionen, Wachstum. Arbeitsplätzen und
höheren Steuereinnahmen führen würden. FDP-Haushaltsexperte Fricke sagte
z.B., „dass ohne Steuersenkungen der Pfad in die Verschuldung
weitergehen wird. Denn wir bekommen keine Investitionen und keine
zusätzlichen Arbeitsplätze.“ Immerhin denkt er den
Gedanken nicht zu Ende und behauptet nicht, dass bei einer Abschaffung
der Steuern die Steuereinnahmen ins Unendliche steigen würden.
Andere Vertreter der herrschenden Klasse sind realistischer.
Bundesbankpräsident Weber möchte „ausdrücklich davor
warnen, die Selbstfinanzierungseffekte von steuerlichen Entlastungen und
Ausgabenerhöhungen zu hoch zu veranschlagen". Mit Bert
Rürup, der jahrelang als „Wissenschaftler“ für die private
Altersvorsorge Propaganda machte und heute einen Job bei einem der
Profiteure der auf seinen Rat eingeführten Politik hat, haben wir wenig
gemein, aber wenn er sagt: "Man kann nicht drei Dinge gleichzeitig
tun: Steuern senken, Abgaben stabil halten und den Haushalt sanieren",
hat er Recht.
Manche Ökonomen gehen so weit, nicht nur zu bezweifeln, dass
Steuergeschenke (für Reiche) die Wirtschaft so ankurbeln, dass die
Steuereinnahmen unter dem Strich steigen, sondern, dass sie überhaupt
etwas nützen. Die „Financial Times Deutschland“ schrieb: „Breite
Steuersenkungen sind wenig zielgenau. Viele Leute sparen das zusätzliche
Geld lieber, als es für den Konsum auszugeben.“ Von den zehn
Chefökonomen und Konjunkturchefs, die an einer Blitzumfrage dieser
Zeitung teilnahmen („Konjunkturschattenrat“), meinten vier, „dass es
trotz Steuersenkung zu keiner Stimulierung der Konjunktur kommt.“
Belastung der Länder und Kommunen
Die im Koalitionsvertrag angekündigten Steuergeschenke zeichnen sich
auch dadurch aus, dass sie nur zum Teil zu Lasten des Bundes gehen. 2010
soll es Steuerentlastungen von 21 Milliarden Euro geben (von denen 14
Millionen noch von der Großen Koalition beschlossen wurden). 42,5
Prozent davon gehen je zu Lasten von Bund und Ländern, 15 Prozent zu
Lasten der Kommunen.
Die Kürzungen der Erbschaftssteuer in Höhe von 1,1 Milliarden gehen voll
zu Lasten der Länder. Nach Angaben von Michael Schlecht
(LINKE-Bundesvorstand und ver.di) bringen die Steuergeschenke der
Koalition für die Unternehmen Steuerausfälle von 2,3 Milliarden Euro,
von denen aber nur 600 Millionen den Bund, aber 800 Millionen die Länder
und 900 Millionen die Gemeinden betreffen.
Laut Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds,
bescheren die schwarz-gelben Steuergeschenke den Kommunen 2010 insgesamt
Steuerausfälle von 3,6 Milliarden.
Die Länder hatten 2007 einen Überschuss, 2008 einen ausgeglichenen
Haushalt, aber 2009 haben sie laut Finanzplanungsrat ein Defizit von
27,5 Milliarden, 2010 auch ohne die schwarz-gelben Steuergeschenke ein
Defizit von 30,5 Milliarden Euro. Der Berliner Finanzsenator Ullmann
schätzt, dass von den angekündigten 24 Milliarden Euro Steuerentlastung
14 Milliarden auf Kosten der Länderfinanzen gehen. Die Bremer
Finanzsenatorin Linnert schätzt den Anteil der Länder sogar auf 16
Milliarden Euro.
Die knappe schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat (37 Stimmen – und sie
brauchen 35) bedeutet, dass alle schwarz-gelb regierten Länder zustimmen
müssen. Baden-Württemberg und Sachsen haben schon Ablehnung
signalisiert. Die Medien spekulieren bereits, ob Merkel diese Länder mit
irgendwelchen Zugeständnissen kaufen wird, oder ob es ihr Recht ist,
wenn Maßnahmen im Bundesrat scheitern, die sie nur auf Druck von FDP
oder CSU in den Koalitionsvertrag geschrieben hat. Dass die
Steuergeschenke unpopulär sind (nach Umfragen lehnen sie zwei Drittel
der Bevölkerung ab) kommt hinzu.
Widerstand
Der Koalitionsvertrag ist also keineswegs ein Programm, das wie ein
unabwendbares Geschick umgesetzt werden wird. Wenn der saarländische
Ministerpräsident Müller den Koalitionsvertrag versehentlich
„Diskussionsvertrag“ nannte, war das wohl ein freudscher Versprecher.
In den USA haben die Kapitalisten jahrelang ihre Profite gesteigert und
versucht, soziale Spannungen und einen Einbruch der Massenkaufkraft zu
vermeiden, indem sie die private Verschuldung (Hypotheken, Kreditkarten
etc.) immer höher trieben. Diese Politik war nicht beliebig fortsetzbar
und mündete in der aktuellen Krise. Die schwarz-gelbe Regierung versucht
jetzt mittels Staatsverschuldung etwas Ähnliches zu erreichen. Auch das
kann nicht beliebig lange funktionieren.
Ob die riesigen Geldbeträge, die in verschiedenen Ländern in die
Wirtschaft gepumpt wurden, zur Überwindung der Krise ausreichen, ist
ungewiss. Die Ursachen der Krise, wie faule Kredite bei den Banken und
große Überkapazitäten in verschiedenen Branchen, sind keineswegs
beseitigt. Damit ist im günstigsten Fall eine neue schwere Krise in ein
paar Jahren vorprogrammiert. Im ungünstigen Fall wird sich die Erholung
der letzten Monate als Strohfeuer erweisen, nach dessen Ende die
Wirtschaft in die Krise zurück rutschen wird. So oder so wird sich die
Frage, wer für die Krise zahlt, nicht durch Schuldenaufnahme umgehen
lassen, sondern durch Klassenkampf ausgekämpft werden müssen. Und wegen
der Tiefe der Krise und dem Ausmaß der Staatsverschuldung werden die
Kapitalisten und ihre schwarz-gelbe Regierung Umverteilung von unten
nach oben in beispiellosen Dimensionen von zig Milliarden Euro versuchen.
Ein erfolgreicher Kampf gegen den Versuch, die Lasten der Krise der
Masse der Bevölkerung aufzuladen, muss angesichts der Tiefe der Krise an
die Grenzen des kapitalistischen Systems stoßen und uns die Aufgabe
stellen, sie zu überschreiten.
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