Wohin geht Venezuela?
[Druckversion] Thema: Solidarität - Sozialistische Zeitung Nr. 84, Mittel- und Süd-Amerika, veröffentlicht: 28.11.2009
Ein vollständiger Bruch mit dem kapitalistischen Staatsapparat und
Privateigentum an Fabriken ist nötig
Jüngst machte der venezolanische Präsident Hugo Chávez Schlagzeilen mit
der Verstaatlichung eines Luxushotels und zweier Zuckerfabriken. Mitte
Mai hatte das venezolanische Parlament bereits ein Gesetz zur
Verstaatlichung der Öl- und Gasbranche beschlossen und über hundert
Unternehmen in staatliches Eigentum überführt. In seiner Rede vor der
Vollversammlung der UNO Ende September bezog sich Chávez positiv auf
Lenin und formulierte für Lateinamerika: „Im Kapitalismus ist
Veränderung nicht möglich. Glauben wir den Lügen nicht. Nur im
Sozialismus werden wir wirkliche Veränderungen erreichen, und die
Revolution in Lateinamerika trägt einen zutiefst sozialistischen Inhalt
in sich“. Im Mai sagte Chávez der FAZ: „Wir werden den
Kapitalismus begraben.“
Die soziale Lage der verarmten Massen, die ökonomische Krise, der
Aufwind der rechten Opposition und die Tendenzen der Bürokratisierung im
Staatsapparat sprechen jedoch leider eine andere Sprache. Die
Errungenschaften in Venezuela, die vor dem Hintergrund von
Massenmobilisierungen erkämpft wurden, sind in Gefahr. Wohin geht
Venezuela?
von Lucy Redler, Berlin
Der Kampf gegen Neoliberalismus und Kapitalismus, umfangreiche
Sozialprogramme und Alphabetisierungskampagnen und Reden vom
„Sozialismus des 21. Jahrhundert“ begeisterten lange nicht nur
VenezolanerInnen, sondern auch viele Linke und SozialistInnen weltweit.
Im Zuge der ökonomischen und sozialen Entwicklung Venezuelas und
aufgrund der Innenpolitik der Regierung scheint sich die Begeisterung
und Aktivität der Massen Venezuelas jedoch einzutrüben. Auch die
Außenpolitik von Chávez wie die gemeinsame Front mit dem iranischen
Präsidenten Ahmadinedschad führt zu Verwirrung und Abwendung bei Linken
und Sozialisten.
Wirtschaft in der Krise
Nach fünf Jahren Wachstum ist die venezolanische Wirtschaft in der
Krise. Aufgrund des Fall des Ölpreises und der weltweiten
Wirtschaftskrise schrumpfte die Wirtschaft im zweiten Quartal diesen
Jahres um 2,4 Prozent. Einige Analysten warnen bereits für 2010 vor
einem Minus von ein bis zwei Prozent.
Venezuela exportiert hauptsächlich Öl: Der Export davon macht 90 Prozent
aller Ausfuhren aus. Die Hälfte des bisherigen Haushalts basiert auf
Öleinnahmen. Mit dem drastischen gefallen Preis von 86 Dollar pro
Barrell im August 2008 auf jetzt um die 40 US-Dollar bricht ein großer
Teil der Einnahmen weg, aus dem die Regierung ihre Sozialprogramme
finanziert.
Bereits jetzt lebt - aller sozialen Verbesserungen zum Trotz - immer
noch ein Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze (zu Beginn von
Chávez Amtszeit waren es 50 Prozent). Wenn die Einnahmen im Zuge der
Krise weiter wegbrechen, droht auf kapitalistischer Grundlage eine
dramatische Zunahme von Armut, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Schon
jetzt hat die Regierung die Mehrwertsteuer um drei Prozent angehoben und
Ausgaben um 30 Prozent gekürzt. Diese Maßnahmen werden vor allem die
arme Bevölkerung treffen.
Zu weiterem Unmut in der einfachen Bevölkerung führt, dass die
Inflationsrate weiterhin sehr hoch ist und auch im kommenden Jahr
zwischen 20 und 26 Prozent betragen soll.
Unterstützung bröckelt
In der Vergangenheit sind zu mehreren Anlässen Hunderttausende Menschen
zur Verteidigung der Chávez-Regierung auf die Straße gegangen. Angriffe
oder gar ein Putschversuch der rechten Opposition konnten durch aktive
Massenmobilisierungen und Initiativen von unten verhindert werden.
Diese aktive Unterstützung scheint jedoch zu bröckeln. Bei den letzten
Regionalwahlen im November 2008 und beim Referendum zur Änderung der
Verfassung im Februar 2009 verlor Chávez an Unterstützung. Nur 54
Prozent stimmten für die Änderungen der Verfassung. Chávez konnte zwar
die Regionalwahlen in den meisten Provinzen gewinnen, die rechte
Opposition ging jedoch gestärkt aus den Wahlen hervor.
Der Grund für die sinkende Identifikation der Massen mit der Regierung
und die entstehende Müdigkeit und Resignation ist neben dem Unmut über
die soziale Lage, das langsame Tempo von Verbesserungen, die wachsende
Korruption und hohe Kriminalitätsrate auch die Unzufriedenheit über die
Bürokratisierung im Staatsapparat und der neuen Partei PSUV von Chávez
(Vereinigte Sozialistische Partei Venezuela). Bei jüngsten Umfragen
liegt die PSUV gerade mal bei 32,3 Prozent Zustimmung
(venezuelanalysis.com), wobei die Zustimmungsraten für Hugo Chávez
weitaus höher liegen.
Der nächste Parteikongress der PSUV beginnt am 21. November. Seit Ende
Oktober laufen die Delegiertenwahlen zum Kongress. Für Unmut sorgt, dass
die PSUV-Führung vor der Delegiertenwahl in jeder Region eine Auswahl
der KandidatInnen trifft, die gewählt werden können. Dieses
undemokratische Wahlverfahren hat zur Folge, dass sich kritische
KandidatInnen kaum durchsetzen können.
Ende diesen Jahres finden Parlamentswahlen statt. Die rechte Opposition
scheint ihre Taktik geändert zu haben: Weg von konspirativen
Putschversuchen und hin zu dem Versuch „demokratisch“ Mehrheiten zu
erobern durch Mobilisierungen auf der Straße und Wahlen. War es früher
aufgrund der klaren Ablehnung durch die Massen noch undenkbar, dass die
Führer der Opposition in öffentlichen Institutionen Wahlkampf betreiben
und politisch auftreten, werden sie von der Masse der Bevölkerung heute
nicht mehr daran gehindert.
Stagnation = Rückschritt
„Stagnation bedeutet Rückschritt“ formulierte
bereits Rosa Luxemburg treffend. Die Prozesse in Venezuela sind ein
Beleg dafür: Wenn der revolutionäre Prozess nicht weiter voran
schreitet, sondern stagniert, kann die rechte Opposition an
Unterstützung gewinnen.
Momentan sieht es nicht danach aus, als würde die Opposition auf einen
Putsch gegen Chávez setzen. Der Putsch gegen den honduranischen
Präsident Zelaya zeigt jedoch, wie weit die rechte Opposition bereit ist
zu gehen, wenn sie erstmal Morgenluft wittert und wie schnell soziale
Errungenschaften in Gefahr geraten können.
Wenn die Regierung Chávez, gestützt auf die Mobilisierung der Massen,
nicht den Bruch mit dem Kapitalismus und dem kapitalistischen
Staatsapparat vollzieht, können die Errungenschaften nicht von Dauer
sein und Armut und Arbeitslosigkeit nicht beseitigt werden. Eine
grundlegende Verbesserung der Lebensverhältnisse der Mehrheit der
Bevölkerung ist nur möglich durch eine sozialistische Umgestaltung der
Gesellschaft.
Vollständiger Bruch mit System nötig
Die Politik der Regierung Chávez scheint jedoch keinem klaren Plan zu
folgen. Die bisherigen Verstaatlichungen sind weder vom Ausmaß besonders
umfassend noch stellen sie einen radikalen Bruch mit den Eigentümern
dar. In vielen Bereichen sind private Konzerne weiterhin beteiligt. So
investiert beispielsweise der französische Konzern Total derzeit 17
Milliarden Euro in die weitgehend staatliche Ölförderung.
Auch der Umfang der Verstaatlichungen ist nicht so umfassend: Aufgrund
des Wachstums vor der Rezession ist der private Sektor der Wirtschaft
heute sogar noch größer als zu Chávez Amtsantritt. In Nicaragua war die
Konterrevolution möglich, weil die Sandinisten 1979 nicht gewillt waren,
vollständig mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln und dem
Kapitalismus zu brechen. Das könnte auch Venezuela drohen, wenn es nicht
zu einem Bruch mit dem System kommt.
Revolution oder Konterrevolution
Ganz Lateinamerika steht vor einer Epoche von Revolution und
Konterrevolution. In Venezuela stellt sich diese Frage in aller Schärfe.
Im ersten Halbjahr 2009 gab es eine Zunahme von Streiks. Die Zunahme der
Krise kann dazu führen, dass Chávez durch den Druck der Massen zu
weitergehenden Maßnahmen gedrängt wird. Das ist aber aufgrund der
sinkenden Begeisterung der Massen alles andere als sicher.
Die Einführung von Verschlechterungen wie Ausgabenkürzungen einhergehend
mit einer Propaganda für den „Sozialismus des 21. Jahrhundert“ führt bei
den Massen eher zur Verwirrung als zu Klarheit über die anstehenden
Herausforderungen.
Momentan stützt sich Chávez einerseits auf die Massen und fordert den
US-Imperialismus weiter heraus. Andererseits sucht er immer wieder einen
Ausgleich und die Vermittlung zwischen den Interessen der Arbeiter,
Bauern und der verarmten Masse der Bevölkerung einerseits und den
Interessen des Kapitals und Großgrundbesitz andererseits. Mit einer
Zuspitzung der ökonomischen und politischen Situation wird der Druck auf
die Regierung weiter steigen.
Rolle der arbeitenden und verarmten Bevölkerung
Die bisherigen Errungenschaften können nur gegen den Druck der rechten
Opposition und des US-Imperialismus verteidigt werden, wenn die Massen
sie aktiv verteidigen und nicht nur einzelne Betriebe, sondern die
gesamten Schlüsselbereiche der Wirtschaft verstaatlicht werden, die
bisher in den Händen von fünf reichen Familien Venezuelas sind.
Entschädigungen sollten bei Enteignungen nur bei erwiesener
Bedürftigkeit gezahlt werden.
Es geht bei den Enteignungen jedoch nicht nur um eine Verteilungsfrage,
sondern darum, wer die Macht innehat: die alte venezolanische Elite oder
die arbeitende Bevölkerung Venezuelas?
Nötig wäre ein Aufruf an Beschäftigte ihre Betriebe zu besetzen und die
Kontrolle über die Betriebe selbst zu übernehmen als erster Schritt zu
Arbeiterverwaltung. Die verstaatlichten Betriebe müssten Teil eines
nationalen demokratischen Produktionsplans werden.
Ähnliche Komitees müssen in der Armee, in Gemeinden, Unis und Schulen
aufgebaut werden und sich lokal, regional und national vernetzen. Dies
wäre die Basis für eine Regierung der ArbeiterInnen und verarmten
Landbevölkerung, die den alten kapitalistischen Staatsapparat ersetzen
kann.
Für eine Verteidigung der Errungenschaften und eine erfolgreiche
Revolution ist eine demokratische sozialistisch-revolutionäre Partei
nötig. CWI-Mitglieder setzen sich innerhalb der PSUV für demokratische
Strukturen und ein revolutionäres Programm ein. Eine solche Partei kann
ein Forum bilden, um über die weiteren Schritte im revolutionären
Prozess zu diskutieren und dafür zu kämpfen, dass der Sozialismus im 21.
Jahrhundert in Venezuela und international Wirklichkeit wird.
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