Für Arbeitszeitverkürzung bei Teillohnausgleich?
[Druckversion] Thema: Solidarität 88, Debatte, Betrieb und Gewerkschaft, veröffentlicht: 20.03.2010
Debatte zwischen Stephan Krull und Mustafa Efe
Zu Jahresbeginn wurde ein an die Opel-Betriebsräte gerichteter Offener
Brief veröffentlicht. Darin wird vor Stellenabbau und Lohnverzicht – im
Gegenzug für eine Beteiligung der Restbelegschaft am Unternehmenskapital
– gewarnt. Konfrontiert mit der von oben geplanten Streichung von über
8.000 Arbeitsplätzen, mehr als die Hälfte davon in den deutschen
Opel-Werken, plädieren die Initiatoren des Offenen Briefes dafür, „die
Arbeitszeit zu verkürzen und die Vier-Tage-Woche (ähnlich dem VW-Modell)
bei Opel einzuführen“. Unter den UnterzeichnerInnen befindet sich –
neben dem emeritierten Politikwissenschaftler Peter Grottian, dem
Publizisten Eckart Spoo, dem Verkehrsexperten Winfried Wolf und anderen
– auch der Ex-Betriebsrat bei VW Wolfsburg, Stephan Krull. Der Offene
Brief kann unter www.attac.de nachgelesen werden.
Pro
Stephan Krull, Betriebsrat bei VW in Wolfsburg bis 2006, aktiv in der
bundesweiten attac-AG ArbeitFairTeilen, sowie in der gewerkschaftlichen
und politischen Bildungsarbeit
Arbeitszeitverkürzung: Ein strategisches Projekt! Für maximalen
Lohnausgleich und differenzierten Personalausgleich!
Unter Gewerkschaftern und Linken gibt es einen Streit um die beste
Forderung, um die richtige Losung; manchmal schießen die Streitenden
übers Ziel, so mit der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung „bei vollem
Lohn- und Personalausgleich“. Mit dem nächsten Schritt müssen wir die
Perspektive gesellschaftlicher Transformation ermöglichen und forcieren:
Es geht um Macht und Klassenkampf!
Geld ist genug da – aber nicht immer dort, wo wir es uns holen können.
Das ist bei Opel und anderen Betrieben so, die pleite sind. Also ist zu
überlegen, wie die notwendige Umverteilung anders geht. Es ist dann
vielleicht kein voller Lohnausgleich durch das einzelne Unternehmen,
sondern ein teilweiser Ausgleich durch Steuern oder
Versicherungsleistungen wie bei Kurzarbeit und Altersteilzeit. Das ist
besser als Arbeitszeitverlängerung mit Lohnminderung, wie es gerade Mode
ist!
„Voller Lohn- und Personalausgleich“ konnte selten erreicht werden.
Kosten von Arbeitszeitverkürzung wirken in Tarifrunden Lohn mindernd –
das Volumen dessen, was Arbeiterinnen und Arbeiter mit den
Gewerkschaften durchsetzen können, ist ökonomisch begrenzt. Die Erhöhung
der Produktivität, die Verschärfung des Leistungsdrucks und die
Flexibilisierung der Arbeit nach Arbeitszeitverkürzungen führen bei
Beschäftigten zur Ablehnung weiterer Arbeitszeitverkürzung – obwohl dies
nicht Ursache für Produktivität, Leistungsdruck und Flexibilität ist!
Es gibt andere Gründe, nicht pauschal „vollen Lohn- und
Personalausgleich“ zu fordern.
1. Der Kampf gegen die Lohnschere: Mit jeder prozentualen Lohnerhöhung
bekommen die oberen Lohngruppen mehr mehr und die unteren Lohngruppen
weniger mehr an Geld. Das ist ungerecht und hat zur Spaltung der
Belegschaften geführt – die Gewerkschaften sind nun selbst Opfer dieser
Spaltung.
Es ist vertretbar, dass Beschäftigte mit hohen Einkommen (zum Beispiel
ab 4.000 Euro monatlich) bei Arbeitszeitverkürzung keinen oder nur einen
teilweisen Entgeltausgleich bekommen. In mittleren und unteren
Einkommensgruppen ist ein voller Lohnausgleich erforderlich. Deshalb
plädiere ich für einen „maximalen Lohnausgleich“. Viele gut Verdienenden
leisten bei so genannter Vertrauensarbeitszeit unentgeltliche
Mehrarbeit. Für sie ist freie, disponible Zeit wichtiger als ein paar
Euro und die Lohnschere klafft weniger auseinander.
2. Zum „vollen Personalausgleich“: Wer will dies fordern bei riesigen
Überkapazitäten zum Beispiel in der Automobilindustrie? Wir brauchen
eine radikale Arbeitszeitverkürzung, um Überkapazitäten abzubauen. Das
ist nicht durch „vollen Personalausgleich“ zu konterkarieren – ganz
anders als in der Kita oder im Krankenhaus! Es werden zu viele Autos
gebaut und die Überkapazitäten werden vernichtet – durch Entlassungen
und Werksschließungen oder durch radikale Arbeitszeitverkürzung. Die
Absurdität der Forderung nach „vollem Personalausgleich“ wird in der
Rüstungsindustrie deutlich (andere Beispiele spare ich mir). Es gibt
Bereiche, zum Beispiel Auto- und Zulieferindustrie, da geht es um
Schrumpfung oder Liquidierung. Es geht um Umstrukturierung, Konversion
und andere Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern und global. Das ist
mit „vollem Personalausgleich“ nicht zu machen. Neben
Arbeitszeitverkürzung müssen weitere Mechanismen treten – Bildung und
Qualifizierung, Grundeinkommen für soziale oder für kulturelle
Tätigkeiten und auskömmliche Absicherung für die, die in neuen
Produktionsbereichen nicht arbeiten können.
3. Dauernde Erwerbslosigkeit führt zur existenziellen Schwäche von
Gewerkschaften (es gibt mehr Gründe dafür). Um die Macht zugunsten der
Gewerkschaften zu verschieben, ist Überwindung von Erwerbslosigkeit
durch Arbeitszeitverkürzung unverzichtbar. Wenn wir wegen unserer
Schwäche keinen vollen Lohnausgleich erreichen, müssen wir durch
Arbeitszeitverkürzung stärker werden und dann gestärkt das holen, was
uns zusteht.
Das ist im Übrigen auch die Erfahrung der Vier-Tage-Woche bei
Volkswagen: Der erzwungene Lohnabschlag von 1994 wurde überwiegend
zurückgeholt, als der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen
langfristig vereinbart war. Dauerhaft und vollständig wurde das auch bei
VW nicht gesichert wegen Leiharbeit, wegen der Konkurrenzsituation, der
Erwerbslosigkeit und des gesellschaftlichen Umfeldes, das mächtig wirkt.
Arbeitszeitverkürzung ist neben der Lohnfrage das zentrale strategische
Projekt der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Viel zu lange hat dies
in der (tarif)politischen Praxis keine Rolle gespielt. In der Krise wird
offensichtlich, dass Arbeitszeitverkürzung das einzige Mittel ist,
Massenerwerbslosigkeit zu verhindern, extreme Arbeitsbelastungen zu
reduzieren und mehr Zeit für Partizipation und das Leben an sich zu
gewinnen. Erforderlich ist eine breit angelegte Kampagne und geduldige
Überzeugungsarbeit, an deren Beginn der Kampf gegen Überstunden und
Arbeitszeitverlängerung stehen sollte – nicht der Streit über die
„radikalste“ Forderung, die wir dann doch nicht umsetzen wollen und
können!
Contra
Mustafa Efe, IG-Metall-Vertrauensmann und Betriebsrat* bei Daimler in
Berlin-Marienfelde, Sprecher der Betriebsgruppe „Alternative“, die zur
Betriebsratswahl Mitte März antritt
Die Forderung nach drastischer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn-
und Personalausgleich bleibt richtig
Eine drastische Arbeitszeitverkürzung ist nötiger denn je. Denn das ist
die Antwort auf Massenerwerbslosigkeit und Entlassungen. Die
„Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik“ hat ausgerechnet: Würde
das jetzige Arbeitsvolumen auf alle 44 Millionen Erwerbspersonen
aufgeteilt, dann würden etwa 28 Wochenstunden reichen, um das heutige
Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften. Während heute Millionen zum
Nichtstun verdammt sind, ist für viele KollegInnen die Arbeitshetze
unerträglich geworden. Die körperliche Belastung zum Beispiel bei uns in
der Montage ist so groß, dass einige KollegInnen nicht ohne Medikamente
auskommen.
Warum Personalausgleich? Seit 1960 wurde der Ausstoß von Kraftfahrzeugen
im Jahresdurchschnitt um das Viereinhalbfache gesteigert. Die Anzahl der
Beschäftigten blieb weltweit aber fast gleich. Das zeigt, wie die
Produktivität gesteigert wurde – allein zugunsten der Profite. Deshalb
muss die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mit einem vollen
Personalausgleich verbunden werden. Nur so können die Arbeitsplätze auch
für die Jugendlichen gesichert werden.
Warum Lohnausgleich? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung
(DIW) schreibt in seiner Studie über die Jahre 2004 bis 2008, dies ist
„eine in der Geschichte der Bundesrepublik einmalige Entwicklung, denn
nie zuvor ging ein durchaus kräftiges Wirtschaftswachstum mit einer
Senkung der realen Nettolöhne über mehrere Jahre einher“. Die
Lebenshaltungskosten hingegen stiegen in dieser Zeit weiter und werden
auch in Zukunft steigen. Schon allein deshalb darf kein Lohnverlust
akzeptiert werden.
Das Problem der Überkapazitäten, unter anderem in der Autoindustrie, hat
seine Ursache in der auf Profit und Konkurrenz ausgerichteten
Wirtschaft. Innerhalb des Kapitalismus gibt es keinen Ausweg aus diesem
Problem: Überfluss auf der einen Seite, Mangel und Armut auf der anderen
führen zu Krisen. Das ist der Wahnsinn dieses Systems! Wenn wir diese
„Logik“ akzeptieren, müssen wir auch die Verzichtslogik teilen. Denn wie
sonst soll „unser Unternehmen“ konkurrenzfähig bleiben, wenn wir nicht
verzichten? Wenn wir nur noch einen maximalen, mit anderen Worten einen
Teillohnausgleich fordern, wird aber der katastrophalen Politik der
heutigen Gewerkschaftsspitze kein grundlegend anderes Programm
entgegengesetzt.
Nehmen wir den jüngsten Metall-Abschluss, der die „tarifliche
Kurzarbeit“ vorsieht: Den KollegInnen drohen damit Verluste von bis zu
25 Prozent. Da der Staat einbezogen werden soll, zahlen die
Belegschaften gleich nochmal: durch eine steuerpolitische Bezuschussung
ihrer eigenen Löhne! Gleichzeitig haben wir schon jetzt die Situation,
dass KollegInnen, die für eine Vier-Tage-Woche bezahlt werden,
tatsächlich fünf Tage arbeiten! Die aufgestauten Stunden sollen sie dann
irgendwann abfeiern. Das heißt: Dieser Abschluss dient der
Flexibilisierung, was weiteren Stellenabbau ermöglicht, und gleichzeitig
der Absenkung der Löhne.
Wenn die heutigen Gewerkschaftsspitzen solche Abschlüsse machen, die von
der Unternehmerseite als großer Erfolg gefeiert werden, wundert das
wenig. Das ist die Fortsetzung der jahrelangen Politik des
Co-Managements. Für den Aufbau einer kämpferischen Linie in den
Gewerkschaften müssen wir aber als Linke ein anderes Programm anbieten.
Die Forderung nach der 30-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und
Personalausgleich muss für uns zentral sein.
Die Forderung nach „vollem Lohn- und Personalausgleich“ mobilisiert
auch. Ein Beispiel dafür ist der Kampf für die 35-Stunden-Woche 1984.
Damals hatte es auch gerade eine Wirtschaftskrise gegeben. Die
Erwerbslosigkeit verdoppelte sich auf zwei Millionen. Trotzdem streikten
die MetallerInnen sechs Wochen.
Und wenn Unternehmen wie Opel heute behaupten, vor der Pleite zu stehen?
Dann wollen wir zuerst mal wissen, wo die Gewinne der Aufschwungsjahre
geblieben sind. Dafür müssen die Geschäftsbücher offengelegt werden.
Dieter Zetsche hat jetzt zwar Verluste von 2,6 Milliarden Euro
verkündet. Aber bei Daimler beliefen sich die Gewinne allein 2007 noch
auf 8,7 Milliarden Euro vor Steuern. Seit wann sollen wir uns überhaupt
den Kopf für die Kapitalisten zerbrechen? Wenn uns die Bosse mit
Lohnverzicht und Hartz IV drohen, dann müssen wir dafür eintreten, den
„Laden“ zu übernehmen. Produktionsanlagen und Belegschaften mit ihrem
Know-How könnten so genutzt werden, den gesellschaftlichen Reichtum zu
vermehren. In der Autoindustrie und in anderen Sektoren muss das mit der
Umstellung der Produktion – zum Beispiel hin zur Förderung von Bussen
und Bahnen – verbunden werden.
Ich sage: Nein zum Verzicht! Was Arbeitsplätze rettet, neue schaffen
kann und Lohnraub verhindert, ist allein der gemeinsame Widerstand der
Beschäftigten. Wir sollten nicht unsere Forderungen herunter schrauben,
sondern sie offensiv verteidigen und KollegInnen so für einen
gemeinsamen Kampf mobilisieren.
*Angabe der Funktion dient nur zur Kenntlichmachung der Person
|