„Wir können Autos ohne den Vorstand bauen“
[Druckversion] Thema: Autoindustrie, Arbeitskämpfe, veröffentlicht: 16.03.2010
Über die spontanen Streiks bei Daimler in Sindelfingen und Bremen
2009/2010
Die bürgerlichen Medien und selbst viele, die sich als links
betrachten, haben die Arbeiterklasse hierzulande als Machtfaktor
abgeschrieben. Die Kampfvermeidungsstrategie der Gewerkschaftsführung
hat dazu geführt, dass selbst in der Arbeiterklasse das Vertrauen in die
eigene Stärke verloren ging. Der spontane Streik der Beschäftigten bei
Daimler-Sindelfingen Anfang Dezember 2009 hat wie ein Blitz aus heiterem
Himmel die enorme Kampfkraft der abhängig Beschäftigten demonstriert und
nicht nur die Daimler-Bosse aufgeschreckt. Sindelfingen blieb keine
Ausnahme. Im Daimler-Werk in Bremen kam es in den letzten Monaten zu
wiederholten spontanen Arbeitsniederlegungen. Die Zukunft Betrieben
wirft ihre Schatten voraus.
von Ursel Beck, Stuttgart
In der Januar-Ausgabe der Mitgliederzeitung der IGM wird die
Betriebsvereinbarung „Sindelfingen 2020“ als Sicherheit für die
Arbeitsplätze für den „kommenden Strukturwandel“ verkauft. Für den
Standort Untertürkheim erschien Ende Januar eine Extra-Ausgabe der
Betriebszeitung „ScheibenWischer“. Darin wird die kühne Behauptung
aufgestellt, dass der Betriebsrat durchgesetzt hätte, „dass der Entfall
der C-Klasse in Sindelfingen auch auf längere Sicht keine negativen
Auswirkungen auf die Arbeitsplätze an unserem Standort“ habe. In der
Vereinbarung würde der Standort Untertürkheim sogar „in die Zukunft
gestärkt“. Probleme sehen die IGM-Betriebsräte lediglich durch die
„CO2-Debatte“. Sie fordern, dass Daimler in die Entwicklung des
Elektroantriebs bzw. in die Batterietechnologie investiert und diese
„wettbewerbsrelevantenTechnologien“ selber produziert, statt sich von
Zulieferern abhängig zu machen. „Dabei braucht man sicher nicht in Panik
zu verfallen. Denn den klassischen Verbrennungsmotor wird es immer noch
geben, wenn ein Großteil der heutigen Belegschaft in Rente geht.“, so
der „ScheibenWischer“. Statt Aufklärung und Klarsicht über die
kapitalistische Überproduktionskrise betreibt die IGM Augenwischerei und
betätigt sich als Bremse gegen die Kampfbereitschaft in der Belegschaft.
Aber wer immer auf der Bremse steht, nutzt sie ab. Und dann funktioniert
sie nicht mehr richtig. So kommt es immer öfters zu spontanen wilden
Streiks.
Vorgeschichte
Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum der Marke Mercedes bedachte das
Management die Belegschaft im Mai 2004 mit einem 500 Millionen schweren
Erpressungskatalog. Die für 2007 geplante neue Modellreihe der C-Klasse
sollte nur dann in vollem Umfang in Sindelfingen und Bremen gebaut
werden, wenn es zu einer Personalkostenkürzung von 500 Euro pro Auto
käme. Mit diesem Erpressungsversuch provozierte das Daimler-Management
den bis dahin größten Protest in seiner Geschichte. Ab Anfang Juli 2004
kam es in den Werken Sindelfingen und Untertürkheim zu
Produktionsausfällen, weil an Samstagen Überstunden verweigert wurden
und es immer wieder zu Abteilungsversammlungen kam.
Betriebsversammlungen Anfang Juli wurden von den Beschäftigten genutzt,
um ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Manager wurden mit Pfeifkonzerten
bis zu 10 Minuten daran gehindert zu reden. Transparente und Plakate
machten die Versammlungen zusätzlich zu Protestkundgebungen. Vorläufiger
Höhepunkt des Aufstands der Daimler-Beschäftigten war der von der IGM
organisierte bundesweite Daimler-Aktionstag am 15.7. Die Nachtschicht im
Düsseldorfer Daimler-Werk machte mit Arbeitsniederlegung und einem
Fackelzug durch die Innenstadt den Anfang. In den anderen Werken von
Hamburg bis Sindelfingen ( Bremen, Berlin, Kassel, Gaggenau, Rastatt,
Wörth) schmiss die Frühschicht am 15.7. die Brocken hin. 60.000
Kolleginnen und Kollegen insgesamt. Davon 30.000 im Mittleren
Neckarraum. Vor dem Untertürkheimer Tor gab es eine Protestaktion mit
10.000 Beschäftigten. Die „Mettinger Rebellen“ marschierten mit 2.000
Kolleginnen und Kollegen auf der B 10 und brachten damit den Autoverkehr
für eine Stunde zum Erliegen. Im Sindelfinger Werk nahmen 20.000 an
einer Kundgebung teil und marschierten anschließend durch die
Innenstadt. Und selbst im brasilianischen Werk bei Sao Paolo kam es zu
einer Solidaritätsaktion und einer Grußadresse an die KollegInnen in
Deutschland. Während die Daimler-Beschäftigten an diesem Tag bundesweit
ihre Kampfbereitschaft demonstrierten, nutzten die Betriebsräte die
Versammlungen in und außerhalb der Betriebe um die Belegschaft auf
Zugeständnisse einzuschwören. „Wir haben aber auch immer betont, dass
wir bereit sind eine faire Lösung zu suchen, die sicher auch auf unserer
Seite Kompromissbereitschaft fordert“. Für diese Aussage erntete der
Betriebsratsvorsitzende Helmut Lense beim Daimler-Aktionstag im Sommer
2004 Buhrufe und Pfiffe. Bei der Kundgebung in Sindelfingen stimmte
GBR-Vorsitzender Erich Klemm damals die Belegschaft mit folgenden Worten
auf Verzicht ein: “Wir wollen das profitabelste Werk des Konzern
bleiben“. Anstatt die Proteste weiterzuführen, kam es mit der
„Zukunftssicherung 2012“ zum Zugeständnis von 500 Millionen u.a. durch
Absenkung der Lohnlinie um 2,79% ab 2006, durch Ausdehnung von
39/40-Stunden-Verträgen und Lohnabsenkung für Neueingestellte um 20%.
Die Produktion der C-Klasse blieb hier – vorerst. Betriebsbedingte
Kündigungen blieben bis 2011 ausgeschlossen, nicht jedoch weiterer
Personalabbau. Bereits ein Jahr nach Abschluss der sogenannten
„Beschäftigungssicherung“ kündigt Daimler an, dass der Absatz der
E-Klasse im ersten Halbjahr 2005 rund ein Drittel unter dem
Vorjahreshalbjahr liege und deshalb weitere Personalkostenkürzungen
anstünden. Konkret wurde der Abbau von 8.500 Stellen in den Werken
Sindelfingen, Untertürkheim, Bremen, Berlin und Hamburg über Abfindungen
und Frühpensionierung beschlossen. Das Werk in Sindelfingen war davon
mit 3.600 Stellen betroffen. Insgesamt wurden in den Jahren 2004 bis
2009 bei Daimler ohne betriebsbedingte Kündigungen sogar 30.000 Stellen
abgebaut. In Sindelfingen war der geplante Personalabbau noch nicht
abgeschlossen, als die Verlagerung der C-Klasse vom Vorstand erneut auf
die Tagesordnung gesetzt wurde.
Verlagerung C-Klasse
Im September 2009 wurden die Pläne bekannt, die C-Klasse aus dem Werk
Sindelfingen zu verlagern. Was machen Betriebsrat und IGM in so einer
Situation? Sie bieten Verhandlungen an. Aber das Management lehnte ab.
Als der Daimler-Vorstand ankündigt, am 1.12. endgültig über die
Produktionsverlagerung zu entscheiden, organisiert die IGM am selben Tag
in der Frühschicht ab 9.00 Uhr eine Protestkundgebung zwischen Tor 7 und
Tor 16 des größten Automobilwerks in Deutschland mit 38.000
Beschäftigten. 12.000 nehmen daran teil, darunter kleine Delegationen
aus Zulieferwerken, wie Behr, Bosch, Mahle. Die Kundgebungsredner fahren
Argumente auf, die den Vorstand überzeugen sollen, die C-Klasse in
Sindelfingen zu lassen. Das Werk sei das produktivste und beste, wie
sich der Dollar-Kurs entwickle sei unklar, das Werk sei der Herzmuskel
der Region und wenn die Produktion des meistverkauften Daimler- Modells
abgezogen würde, müssten Zulieferer mitziehen. Es wird an den Vorstand
appelliert sich mit dem C-Klasse-Nachfolgemodell für Sindelfingen zu
entscheiden. Der Sprecher der DGB-Region, Bernd Löffler, kündigt unter
starkem Beifall der 12.000 Kolleginnen und Kollegen an, dass man die
Politik der Abwanderung verhindern werde. Am Ende erklärte der
Betriebsratsvorsitzende, Erich Klemm, dass die für Samstag geplanten
Flexi-Schichten nicht stattfinden würden. Auch werde man weiteren
Widerstand organisieren, wenn sich der Vorstand heute für die
Verlagerung entscheide. Uwe Meinhardt, der Erste Bevollmächtigte der IGM
Stuttgart kündigt eine „Widerstandskette“ an: „Wir werden mit allen
Belegschaften der Region den Widerstand organisieren“. Das war aber eine
leere Drohung, denn es wurden keine Kampfschritte in diese Richtung
organisiert. Am Ende der Kundgebung wurden die Kolleginnen und Kollegen
sogar aufgefordert, nach der Mittagspause wieder an ihre Arbeit zu
gehen. Gegen die Aufforderung zur Wiederaufnahme der Arbeit gab es an
diesem Tag vereinzelte Proteste. Am Ende gingen aber alle wieder an die
Arbeit.
Spontane Arbeitsniederlegung
Einen Tag später, am 2.12. verkündete der Vorstand um 8.20 Uhr seine
Entscheidung die C-Klasse zu verlagern. Jetzt gibt es kein Halten mehr.
Die Belegschaft legt spontan die Arbeit nieder, Schicht für Schicht.
Nicht nur einen Tag, sondern zwei Tage hintereinander. Vorgesetzte, die
versuchen, die Kollegen an die Bänder zu bekommen werden nicht nur
verbal attackiert. Die angestaute Wut entlädt sich in diesen Tagen, wie
noch nie zuvor in diesem Werk. Die Stuttgarter Zeitung zitiert
Betriebsrat Rolf Wanner am 4.12.09 mit den Worten: „Wir befinden uns
kurz vor der Explosion. So etwas hab ich noch nicht erlebt.“ Der Versuch
von Betriebsräten, Kollegen am Donnerstag nach einer Protestaktion in
der Frühschicht zur Aufnahme der Arbeit zu bringen, scheiterte.
Betriebsräte wurden scharf für ihre Untätigkeit und ihre
Verzichtspolitik in der Vergangenheit kritisiert. Die Stimmung griff auf
das Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim über und zwang die IGM
Kundgebungen während der Arbeitszeit zu organisieren. Im Werk
Untertürkheim und in Mettingen nahmen 3.500 bzw. 2.000 Kolleginnen und
Kollegen daran teil. In der Nacht vom 4. auf den 5. 12. kam es in der
Nachtschicht zu einer spontanen Arbeitsniederlegung im Werksteil
Mettingen. Jörg Hofmann, Bezirksleiter der IGM erklärt gegenüber der
Presse, der IGM drohe, die Kontrolle über die Belegschaft zu verlieren.
Um dies zu verhindern, tat die IGM alles, um den Protest zu kanalisieren
und ihn gleichzeitig herunterzukochen. Für Freitag, den 4. Dezember
wurde in Sindelfingen zu einer Demonstration vom Werk in die Innenstadt
aufgerufen. 15.000 Beschäftigte, d.h. die ganze Frühschicht beteiligt
sich an dieser Demonstration. Die Stimmung hatte sich seit der
Kundgebung am Montag enorm radikalisiert. Während es am Montag nur
Sprechchöre mit der Parole „C-Klasse bleibt“ gab, kam es am Freitag zu
Sprechchöre mit: „Jetzt geht’s los“, „Zetsche raus“, „Vorstand raus“.
Bei dieser Kundgebung wurde allzu deutlich, dass die Belegschaft sich
ihrer Stärke bewusst geworden war. Inzwischen war auch bekannt geworden,
dass es Zetsche plötzlich nicht mehr schnell genug gehen konnte mit
Verhandlungen. Der Produktionsausfall von 1.000 Autos am Tag in
Sindelfingen, die Streikfolgewirkung des Stillstands der Bänder im Werk
Rastatt gingen an den Profit. Kollegen berichteten von Attacken auf
Vorgesetzte und Sabotageaktionen. Die Macht von Zetsche und Co. wurde
offen in Frage gestellt. Das jagte dem Vorstand Angst und Schrecken ein.
Am 7.12. trat Zetsche auf Betriebsversammlungen auf. Der wütende Protest
gegen ihn bei dieser Versammlung zwang ihn offensichtlich noch mehr zu
versprechen, als er ursprünglich vor hatte. Zetsche
versprach Ersatzarbeitsplätze - was
von den Beschäftigten zunächst als
leeres Versprechen aufgefasst wurde. Die
Frühschicht nahm nach der Betriebsversammlung nicht mehr die Arbeit auf.
Die Betriebsräte und die IGM nutzten das Zurückweichen des
Daimler-Vorstands für einen schnellen Abschluss am Verhandlungstisch.
Bereits zwei Tage später gab es einen Abschluss.
Fauler Kompromiss
Das Zurückweichen des Vorstands, das Versprechen von
Ersatzarbeitsplätzen und der Ausschluss von betriebsbedingten
Kündigungen ist zweifellos ein Erfolg. Es ist der Erfolg des zweitägigen
wilden Streiks. Der Abschluss ist aber ein fauler Kompromiss, weil die
enorme Kampfkraft, die sich entwickelt hatte, nicht genutzt wurde, um
den Erhalt der C-Klasse und alle Angriffe von oben zurückzuschlagen. Die
Vereinbarung selbst ist keine feste Arbeitsplatzgarantie. Für den Fall
von Absatzrückgängen gibt es für Daimler eine Ausstiegsklausel. Die
Rückverlagerung von ausgelagerter Produktion ist nichts anderes als die
Verlagerung von Arbeitsplatzvernichtung auf Belegschaften der
Zulieferindustrie. Mit dem „Freiwilligen Ausscheidungsprogramm“ der
Vereinbarung soll die Zahl derjenigen, die in Altersteilzeit gehen
erhöht werden und Kollegen über Abfindungen zur Aufgabe ihres
Arbeitsplatzes gedrängt werden. „Der Betriebsrat unterstützt in diesem
Zusammenhang die Instrumente zur freiwilligen Personalanpassung“, so
steht es in der Vereinbarung. Das zeigt, auch ohne betriebsbedingte
Kündigungen geht die Arbeitsplatzvernichtung –mit Unterstützung des
Betriebsrats - weiter. In einer Protokollnotiz zur Sindelfinger
Vereinbarung heißt es, dass „über die Laufzeit der Vereinbarung in
diesem Rahmen weiterhin Maßnahmen zur Effizienzsteigerung erforderlich
sind, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Sindelfingen zu
erhalten“. Aufgabe von Betriebsräten und Gewerkschaften darf es aber
nicht sein, den Konkurrenzkampf zu organisieren sondern den gemeinsamen
Kampf aller Automobil-Belegschaften.
Die geplante Effizienzsteigerung in Sindelfingen könnte in Zukunft noch
öfters wie in der Vergangenheit den Widerstand der betroffenen Arbeiter
provozieren. Während der Auseinandersetzung in Sindelfingen Anfang
Dezember kam an die Öffentlichkeit, dass es in den Monaten zuvor vier
mal spontane Arbeitsniederlegungen in verschiedenen Bereichen gegeben
hatte. Zum Beispiel kam es in der E-Klassen-Produktion im Juli 2009
zweimal zu kurzen Streiks gegen die Reduzierung der Taktzeit von 100 auf
85 Sekunden. Obwohl mit der Verlagerung der C-Klasse auch die
entsprechende Achsenmontage aus dem Werk Untertürkheim mitverlagert
wird, gilt der Vertrag nur für Sindelfingen. Für andere Standorte, die
von der C-Klassen-Verlagerung betroffen sind, lehnt das
Daimler-Management weiter eine Arbeitsplatzgarantie für die
Beschäftigten ab. Laut Personalchef Porth soll die Sindelfinger
Vereinbarung eine „Ausnahme“ bleiben.
Zahlenspielereien mit Arbeitsplätzen
4.500 Kolleginnen und Kollegen arbeiten direkt in der C-Klasse in
Sindelfingen. Hinzu kommen noch mal 1.500 Arbeitsplätze in Sindelfingen,
die an der C-Klasse hängen. Im Werk Untertürkheim werden die Achsen für
die C-Klasse montiert. Sie wird im Falle der Verlagerung mitverlagert.
Bei den Zulieferern hängen 2.000 Arbeitsplätze an der Sindelfinger
C-Klasse. Auch im Transport und in den Häfen werden Arbeitsplätze
überflüssig. Niemand verliert ein Wort darüber. Die Presse berichtete
Anfang Dezember, dass durch Rationalisierung in Sindelfingen 2.000
Stellen in den nächsten Jahren entfallen. Vor dem Hintergrund dieser
Fakten ist es verwunderlich, dass der Betriebsratsvorsitzende Erich
Klemm bei der Auseinandersetzung um die C-Klasse nur von 3.000
Arbeitsplätzen sprach, die bedroht seien. Selbst wenn der Roadster SL
mit 1.000 Arbeitsplätzen künftig in Sindelfingen produziert wird, sind
im Sindelfinger Werk und in der Zulieferindustrie weiter 9.000
Arbeitsplätze gefährdet. Absatzeinbrüche sind dabei unberücksichtigt.
Und was ist mit den Arbeitsplätzen bei den Kommunen? Sindelfingen zum
Beispiel ist bereits pleite. Im neuen Haushalt sollen 148 Stellen, davon
83 in den Kitas gestrichen werden. Die Mehrheit des Gemeinderats
beschloss am 25.11.09 die Schließung der größten Hauptschule in
Sindelfingen. Die Verlagerung der C-Klasse wird zu weiteren
Steuermindereinnahmen in Sindelfingen, Böblingen und anderen Städten in
der Region führen. Und in der Folge davon, werden weitere Arbeitsplätze
vernichtet werden.
Chance verspielt
Mit Fortsetzung und Ausweitung des Streiks auf alle Standorte und die
insgesamt 160.000 Daimler-Beschäftigten in Deutschland, hätte der Kampf
gegen die Verlagerung der C-Klasse mit der Abwehr aller anderen derzeit
stattfindenden Angriffe auf die Daimler-Belegschaften verbunden und
abgewehrt werden können. Das Selbstbewusstsein der Beschäftigten hätte
dadurch enorm aufgebaut, und die Belegschaft für weitere Kampfschritte
bis hin zu Betriebsbesetzungen gewonnen werden können. Diese großartige
Chance wurde von der IGM und ihren Betriebsräten verspielt. Geradezu
sträflich ist es, dass die IGM den überfälligen gemeinsamen Widerstand
aller Belegschaften gegen Arbeitsplatzvernichtung, Betriebsschließungen
und Lohnverzicht in der Region Stuttgart im Dezember 2009 nicht
aufgenommen hat. Wäre die Sindelfinger Belegschaft am Freitag, den 7.12.
nicht in Sindelfingen, sondern gemeinsam mit den Daimler-Kollegen in
Untertürkheim auf die Straße gegangen, wie aus der Belegschaft
gefordert, hätte das das Fanal sein können für einen gemeinsamen
Aufstand aller derzeit in Auseinandersetzung stehenden Belegschaften in
der gesamten Region und der Studierenden, die an der Uni Stuttgart
zeitgleich einen Hörsaal besetzt hatten. Wäre der Kampf gegen
Arbeitsplatzabbau mit dem ohnehin stattfindenden Protesten gegen
kommunale Kürzungen und dem anwachsenden und wütender werdenden
Widerstand gegen das Wahnsinnsprojekt Stuttgart 21 verbunden worden,
hätte die breite Bevölkerung in die Auseinandersetzung einbezogen werden
können. Einen Tag nach der Kundgebung am 7.12. mit 15.000 Beschäftigten
hat die Stadt Sindelfingen ihren Kürzungshaushalt verabschiedet. Gegen
die Schließung der Klostergartenschule hatte es in den Wochen zuvor
Proteste von LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen gegeben. IGM, Ver.di
und GEW hätten allen Grund gehabt die machtvolle Demonstration in
Sindelfingen am 7.12. zu einer gemeinsamen Demonstration gegen
Arbeitsplatzvernichtung, gegen die Schließung der Klostergartenschule
und gegen kommunale Kürzungen zu machen.
Eintägiger regionaler Generalstreik
Die SAV Stuttgart war der Meinung, dass die Gewerkschaften Mitte
Dezember mit einem eintägigen regionalen Generalstreik die verschiedenen
Kämpfe hätten zusammenbringen sollen. Die gesamte Bevölkerung,
Belegschaften, Schüler, Studierende, Rentner, Hausfrauen hätten an
diesem Tag zu einer Großdemonstration gegen Arbeitsplatzvernichtung,
kommunale Kürzungen und Stuttgart 21 aufgerufen werden sollen. Das hätte
das Kräfteverhältnis in der Gesellschaft verschoben und bundesweite
Ausstrahlung gehabt.
Auch wenn es dazu wegen der bremserischen Rolle von
Co-Management-Betriebsräten und des IGM-Apparates nicht gekommen ist,
der wilde Streik bei Daimler-Sindelfingen wird nicht als einmaliges
Ereignis in die Geschichte eingehen. Die Belegschaft in Sindelfingen hat
durch ihren Kampf enorm an Selbstbewusstsein gewonnen und wird sich
aufgrund dieser Kampferfahrung auch in Zukunft mit spontanen
Arbeitsniederlegungen zur Wehr setzen. Kolleginnen und Kollegen in
anderen Betrieben wurden durch den entschlossenen Kampf der Sindelfinger
ermutigt. Der Druck in der IGM gegen weitere Verzichtspolitik und für
effektiven und gemeinsamen Widerstand aller Belegschaften wächst.
Gleichzeitig setzt die kapitalistische Krise im Mittleren Neckarraum die
kampferfahrenen Belegschaften der Metallindustrie immer mehr unter
Druck. Parallel dazu nimmt der Widerstand gegen Stuttgart 21 radikalere
Formen an. All das sind die Zutaten für einen Flächenbrand in der
Region, für den das Wasser im Neckar nicht ausreichen wird, um ihn zu
löschen.
Spontane Streiks bei Daimler Bremen
Die wiederholten Streiks bei Daimler in Bremen zeigen auch, dass ein
konzernweiter gemeinsamer Kampf das Gebot der Stunde ist.
Im Bremer Daimler Werk hat es bereits im November 2005 wütende Proteste
gegen den Abbau von insgesamt 8.500 Arbeitsplätzen gegeben, bei dem das
Werk an der Weser mit 2.700 betroffen war. Zeitgleich mit den Protesten
in Sindelfingen, spitzte sich die Situation im Bremer Daimler-Werk
erneut zu. Am 14. November 2009 legten 3.000 Kolleginnen und Kollegen
der B-Schicht die Arbeit nieder, zogen durch die Hallen und versammelten
sich vor dem Verwaltungsgebäude. „Der Vorstand kann ohne uns kein
einziges Auto bauen, meinte ein Redner, „aber wir können Autos bauen
ohne den Vorstand“. Die Propaganda, das Werk in Bremen sei Gewinner der
Produktionsverlagerung der C-Klasse glauben die Beschäftigten nicht.
In einem Interview mit der Jungen Welt vom 8.12.2009 erklärte Gerhard
Kupfer, IG-Metall-Vertrauenskörperleiter und Betriebsrat bei Daimler
Bremen, dass „ein nicht unerheblicher Teil“ der Belegschaft sage „wir
müssen uns den Protesten der Sindelfinger anschließen. Aus Wut darüber,
was zur Zeit insgesamt bei Daimler abläuft – Arbeitsverdichtung,
Rationalisierung hoch drei....in der C-Klasse gab es teilweise
Kurzarbeit. Zugleich werden die Leute aber, wenn sie im Betrieb sind,
ausgelutscht bis zum Letzten. Die Bänder sind unterbesetzt...Es herrscht
geballte Wut, die sehr schnell zur Explosion kommen kann.“. Am Am 14.12.
legten 1.000 KollegInnen für eine halbe Stunde die Arbeit nieder. Sie
zogen geschlossen vor das Verwaltungsgebäude und forderten in
Sprechchören ein Treffen mit dem Betriebsrat und Werksleiter. Am 22.
Januar 2010 organisierten Kollegen und Vertrauensleute ab 11.30 Uhr eine
weitere Arbeitsniederlegung mit 1.500 Kollegen. Es kam zu einem
Demonstrationszug durch das Werk und auf der Hauptstraße um das Werk
herum. Nach einer Abschlusskundgebung um 13.15 Uhr gingen die
Streikenden ins Wochenende nach Hause. Am 1.2. folgte eine weitere
Arbeitsniederlegung. Diesmal auf Druck von unten von der
Vertrauenskörperleitung organisiert. In der Früh- und Spätschicht
beteiligten sich rund 7.0000 Beschäftigte an Protestdemonstrationen ums
Werk. Auch die Nachtschicht nahm die Arbeit nicht auf. Die Streikenden
forderten: Keine Lohnkürzung um 8,75%, keine betriebsbedingten
Kündigungen. Die Mehrheit des Betriebsrats fiel den Beschäftigten in der
Nacht vom 1. auf 2. Februar mit einem Abschluss in den Rücken, der laut
Betriebsrat Gerhard Kupfer ein unverbindliches „Wischi-Waschi-Papier“
sei, das nicht mal den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen enthält.
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